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Kryptozoologische Presseschau 35/2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wie immer montags gibt es auch diese Woche die kryptozoologische Presseschau.

Aus dem Meer…

Auch diese Woche ist wieder eine Menge Marines dabei, hauptsächlich geht es um die immer noch rätselhaften Schnabelwale und ihre Strandungen. Letzte Woche meldeten wir, dass zwei Sowerby-Schnabelwale in der Nordsee auf der Höhe von Mittelengland gesichtet wurden. Noch bevor wir diese Meldung publizieren konnten, ist das erste Tier bereits gestrandet, ein zweites Tier folgte kurz danach. Bei dem ersten Tier handelt es sich relativ sicher um eines der gemeldeten Tiere, da die Strandung nur wenige Kilometer von der Sichtung entfernt statt fand. Das zweite Tier muss sich auf direktem Weg in den Ärmelkanal begeben haben, wo es dann im Solent zwischen der britischen Hauptinsel und der Isle of Wright strandete.

… und aus der Vergangenheit

Erfreulicher ist sicher, dass es mal neue, akademische Forschungsergebnisse vom Beutelwolf gibt. Thylacinus cynocephalus war vermutlich deutlich leichter als die üblicherweise angegebenen „15 bis 30 kg“. Mit den jetzt ermittelten knapp 14 bzw. knapp 20 kg liegt das Gewicht im Bereich eines mittleren Kojoten. Natürlich hat das auch Auswirkungen auf die ökologische Betrachtung und die Frage, ob der Beutelwolf der Schafsjäger war, als der er verteufelt wurde.

Leider gibt es nahezu keine Freilandbeobachtungen, keine Untersuchung von Nahrungsorganismen oder Kot, so dass die theoretischen Daten mit Beobachtungen untermauert werden können.

 

Eine seltene Beobachtungsmöglichkeit kryptozoologischer Art hatte sich in den letzten Wochen in Berlin ergeben. Am Anleger der Touristenboote in Treptow trieb sich ein Italiensperling und ein Hybrid herum. Für viele Berliner Leser ergab sich die Möglichkeit, sich bei Eiskaffee oder Hopfenkaltschale in einem der vielen Strandbars kryptozoologisch zu betätigen und eine echte out-of-Place-Sichtung zu dokumentieren. Und das im BVG-Bereich A/B.
Ich hoffe, Ihr habt reichlich Gebrauch davon gemacht.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

Eurer / Ihr

 

Tobias Möser

 

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Ellis, R: Beaked Whales: A Complete Guide to Their Biology and Conservation

Schnabelwale gehören zu den geheimnisvollsten Meeresbewohnern. An der Oberfläche heimlich, werden die Tieftaucher sehr selten beobachtet. In den letzten Jahrzehnten haben Wissenschaftler die Tiere immer besser verstanden. Der bekannte Wissenschaftler und Künstler Richard Ellis hat zusammen mit dem führenden Schnabelwalforscher James G. Mead die heimlichen Stars der Meere ins Rampenlicht gesetzt.

Beaked Whales ist 2017 bei Johns Hopkins University Press erschienen und repräsentiert auf 208 Seiten das aktuelle Wissen über diese Tiere.

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Neues vom Beutelwolf

Seit Langem wurde mal wieder Neues vom Beutelwolf veröffentlicht, das über spekulative Sichtungen hinausgeht:

Der letzte Beutelwolf?
„Benjamin“, der letzte bekannte Beutelwolf 1932.

In Neuseeland hat ein Museums-Konservator ein Beutelwolf-Fell entdeckt, das wohl im besten bekannten Zustand ist. David Thurrowgood sah Bilder des Fells, die online zirkulierten und stellte Nachforschungen an und konnte es für die Wissenschaft sichern. Es stammte von Archibald Robertson, einem Sammler aus Neuseeland, der es 1923 erstanden hat. Das Fell lag spätestens seit den 1970ern in einem Schubfach gegen Licht und Staub geschützt. So konnten heute Haaruntersuchungen mit dem Mikroskop und Raster-Elektronenmikroskop gemacht werden. Näheres weiß abc.net.au. Diese Untersuchungen ermöglichen detaillierte Aussagen über die gedeckten, aber doch hoch attraktiven Farben des Raubbeutlers.

 

Die zweite Nachricht vom Beutelwolf betrifft lebende Tiere: Sci-News hat einen Artikel über neue Abschätzungen des Gewichtes des größten, rezenten Raubbeutlers veröffentlicht. Hierbei nutzten Wissenschaftler aus … Daten von 40 bekannten Exemplaren, unter anderem zwei Dermoplastiken und vier montierten Skeletten. Anstatt bei knapp 30 kg scheint das Durchschnittsgewicht der Tiere deutlich niedriger. Ein durchschnittliches Männchen wog wohl etwa 19,7 kg, ein Weibchen 13,7 kg. Dies ist deutlich unter der 21 kg-Marke, die üblicherweise die Grenze zum Großtierfresser markiert.

 

Die Arbeit ist im Volltext verfügbar und liefert interessante Details.


Irische Armee soll Soldaten dazu ausbilden, Wale zu erschießen

Es klingt martialisch, fast nach einem Sakrileg: Die Irische Armee soll Soldaten dazu ausbilden, Wale zu töten. So wollen es zumindest die Tierschutzorganisation Irish Whale and Dolphin Group und der National Park and Wildlife Service. Der Wunsch wurde in Folge der Strandung von sieben Nördlichen Entenwalen vor gut einer Woche in der irischen Region Donegal geäußert. Einige der Tiere erstickten langsam an ihrem eigenen Körpergewicht, ohne dass Aussicht auf Rettung oder wenigstens einen schmerzlosen Tod bestand.

Entenwale
Zwei der in Donegal gestrandeten Entenwale. Foto: Thomas & Louise Coleman

Die üblichen Wege verbaut das Gesetz

Aufgrund der strengen irischen Gesetze ist das Analgetikum Etorphin (M99) im Land nicht verfügbar. Es ist das einzige Medikament, mit dem man einen gestrandeten Wal sachgerecht einschläfern kann. Der Kadaver muss danach aber entsorgt werden, denn es ist auch in kleinsten Mengen für Aasfresser tödlich.

 

Die irische Polizei trägt normalerweise keine Waffen. Nur spezielle Einheiten verfügen über Faustfeuerwaffen, die bei kleinen Tieren wie Delfinen und Grindwalen für einen Gnadenschuss eingesetzt werden könnten. Bei größeren Tieren wie einigen Schnabel- und Bartenwalen sind sie hierfür nicht geeignet. Alleine die Irische Armee verfügt im (derzeit) friedlichen Inselstaat über ausreichend starke (legale) Waffen, um damit großen, hoffnungslos gestrandeten Walen ein Leiden zu ersparen.

 

Die Irische Armee arbeitet bereits gut mit dem National Park and Wildlife Service zusammen. Für das kommende Jahr soll der Kooperationsvertrag erneuert werden, die Frage der Wale wird dabei auch besprochen. Generell hat die Armee Bereitschaft signalisiert.
National Park and Wildlife hält sie für den optimalen Partner. Bis es zu so einer Zusammenarbeit kommt, müssen jedoch Soldaten ausgebildet werden. Unklar ist, mit welchen Waffen wohin geschossen werden muss, wie weit um den Wal abgesperrt wird und vieles mehr. Und es muss ein Wal stranden. Dies passiert in Irland eher selten, 2019 sind nur 21 Lebendstrandungen berichtet worden, die meisten davon Delfine und Schweinswale.

 

Details weiß der Independent


Nach der Kobra-Suche in Herne: Einsatzkosten noch nicht bezahlt

Fünf Tage im vergangenen August schaute Deutschland auf die kleine Stadt im Ruhrgebiet. Ein Bewohner eines Wohnhauskomplexes hatte eine hochgiftige Monokelkobra im Keller entdeckt. Mehrere Häuser wurden evakuiert, die umliegenden Gärten gesperrt, sogar die New York Times berichtete. Einzig die Schlange schien das Spektakel nicht zu berühren, sie blieb verschwunden.

Eine Kobra erhebt sich aus dem Korb eines Schlangenbeschwöreres und spreizt den Nacken
Die Monokelkobra ist gut im Terrarium haltbar, aber sehr giftig.

Nach fünf Tagen schlug jemand vor, in einem verwilderten, angrenzenden Grundstück zu suchen. Kaum wurde ein lauter Rasenmäher gestartet, entdeckte ein Arbeiter das Reptil, das in Richtung Wohnhaus flüchtete und sich in einem Kellerschacht verkriechen wollte. Ein Schlangenexperte fing das Tier ein.

 

Die Stadt Herne hat gegen einen im Haus lebenden Schlangenhalter ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Dieser bestreitet nicht, Schlangen, auch Monokelkobras gehalten zu haben. Er verneint aber, genau diese Schlange besessen zu haben. Bis es zum Abschluss des Verfahrens kommt, wird die Stadt auf die Erstattung der Kosten für die aufwändige Suchaktion warten müssen. Sie belaufen sich auf mehrere 10.000 €.

 

Quelle: WDR


Zwei Sowerby-Schnabelwale in England gestrandet

Wir berichteten in der Presseschau letzte Woche, dass Mark Chapman in Norfolk, England zwei Sowerby-Schnabelwale auf dem Weg nach Süden beobachtet hatte. Beide Wale scheinen den Weg aus der Nordsee nicht geschafft zu haben. Das CSIP meldete schon von Samstag einen Totfund am Strand von Lowestoft in der Grafschaft Norfolk. Bei dem Tier handelte es sich um ein subadultes Weibchen von 3,8 m Länge.

 

Am Sonntagabend (23.08.) gegen 18:30 Uhr Ortszeit strandete ein weiteres Tier bei Portsmouth, an der Kanalküste. Es war ebenfalls eine subadulte Sowerby-Schnabelwal-Kuh. Bei dieser Strandung konnten die Mitarbeiter des CSIP nur Proben nehmen, aber keine komplette Untersuchung durchführen.


US-Giftspinne in Deutschland?

Loxosceles reclusa
Loxosceles reclusa, der Körper ist zwischen 12 und 20 mm lang. Man beachte die Zeichnung!

RTL.de meldete am Montag, dass die Braune Einsiedlerspinne Loxosceles reclusa jetzt auch in Deutschland nachgewiesen worden sei. Auf seiner Website zeigte das Nachrichtenportal, wie ein  Mann ein Einzeltier aus der Heckklappe eines Autos mittels eines Schlüssels entfernt und offenbar als giftig identifiziert, Urheber ist Enrico Kramer, über dessen Qualifikation nichts zu erfahren ist.

 

Loxosceles reclusa kommt normalerweise im mittleren Westen der USA vor, wo sie auch in der direkten Nähe von Menschen lebt. Problematisch ist, dass sie über ein nekrotisches Gift verfügt, das nach dem unauffälligen Biss nicht wahrgenommen wird. Die eigentlichen Schäden werden erst Stunden bis Tage später spürbar, mit starken Schmerzen und Kreislaufsymptomen. Sekundär kann eine Sepsis auch zum Tode führen.

 

RTL.de verbreitet einen Einzelnachweis. Das bedeutet noch nicht, dass die Art in Deutschland auch etablieren kann. Auch nach längerer Websuche hat die Redaktion keinen Hinweis darauf gefunden.


Frankfurt Senckenbergmuseum: Ausstellungseröffnung

Auch das Senckenbergmuseum in Frankfurt hat die Corona-Ruhe nicht ungenutzt verstreichen lassen. In einigen bisher gesperrten Räumen haben die Museumspräparatoren und -Modellbauer eine neue Ausstellung zum Thema „Tiefsee und Meeresforschung“ vorbereitet. Sie wird am 4. September für den Publikumsverkehr geöffnet.

 

Die feierliche Eröffnung findet am 3. September um 18 Uhr per Livestream statt. 

 

Erste Bilder lassen Großartiges erwarten. Unter anderem wird die „Nahrungs-Oase“, die ein toter Wal in der Tiefsee darstellt, in vier Phasen dargestellt. Natürlich findet man auch die „üblichen Verdächtigen“ vom Riesenkalmar bis zum Pelikanaal, vom Tiefsee-Beilbauchfisch bis zur Alarmqualle.

Biotop eines toten Wales
Ein toter Wal als Nahrungsoase in der Tiefsee, im fast frischen Zustand.

Wir sind gespannt und freuen uns auch auf einen Besuchsbericht!


Riesige Schnappschildkröten in Florida gefangen

Macrochelys suwanniensis
Macrochelys suwanniensis, das größte Tier aus der Aufsammlung, dennoch durch die Perspektive vergrößert. Foto: FWC.

abc3340.com, ein lokales US-Nachrichtenportal berichtet von einer riesigen Schnappschildkröte, die angeblich eine eigene Art darstellt. Das Tier wurde in einer Falle der Florida Fish and Wildlife Conservation Commission (FWC) entdeckt. Ihr Gewicht wird mit über 100 pound, also mehr als 42 kg angegeben.

 

Die Facebookseite des FWC identifiziert sie als Macrochelys suwanniensis und wird präziser: In sechs Reusen mit 4 ft. Durchmesser fanden sie im New River, nördlich von Gainesville, Florida drei sehr große Schildkröten dieser Art. Ein Männchen von 42 kg, ein Männchen von 27 kg und ein Weibchen von 19 kg.

 

Macrochelys suwanniensis wurde 2014 unter anderem von Mitarbeitern des FWC erstbeschrieben, daher vermutlich die Interpretation des Portales, es handele sich um eine „neue Art“. Beeindruckend sind die Tiere auf jeden Fall und ich möchte nicht in Reichweite des Maules gelangen.


Neu beschrieben:

  • Star diese Woche ist die Somali-Elefantenspitzmaus Galegeeska revoilii, die bisher als „verlorene Art“ galt, weil außer 39 Museumsexemplaren nichts von ihr bekannt war. Seit den 1970-ern wurde sie nicht mehr nachgewiesen. Jetzt haben Wissenschaftler das Tier, das in einer Fels- und Geröllwüste lebt, wieder entdeckt: DOI: 10.7717/peerj.9652
  • Pilzzungensalamander gehören zu den lungenlosen Salamandern und bilden derzeit die größte Gattung innerhalb der Schwanzlurche. Nach Angaben zum taxonomischen Status zweier bekannter Arten haben Juan C. Cusi, Giussepe Gagliardi-Urrutia, Isabela Carvalho-Brcko, David B. Wake and Rudolf von May eine weitere Art beschrieben. Sie heißt Bolitoglossa awajun und  stammt vom Ostabhang der Anden in Nordperu. DOI: 10.11646/zootaxa.4834.3.3
  • Platymantis navjoti heißt ein bisher unbekannter „Echter Frosch“ von Leyte und Samar von den Philippinen. Das Paper erschien in der Zootaxa.
  • Die Süßwasser-Zwerggarnelen der Gattung Caridina von den Salomonen ist überarbeitet worden. Dabei haben die Wissenschaftler 13 bekannte Arten wieder und 11 unbekannte Arten neu beschrieben. Hierbei sind einige attraktive Tiere, die sich sicher auch für die Aquaristik eignen würden.  DOI: 10.5852/ejt.2020.696 

 

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Die Strnat´sche Enzyklopädie der – leider Gottes bzw. Gott sei Dank – ausgestorbenen Tierarten: Sowie minuziöse Darstellung deren Genese, Entdeckung … aller begleitender Umstände und Protagonisten

Wem der Titel noch nicht alles sagt, der möge einmal nach dem Autor googlen. Es ist nicht das erste Buch, in dem Jost Strnat seinen skurrilen Humor bei der heiteren Betrachtung tierischer und menschlicher Auswüchse.

 

Alle, die sich gerne zum Schmunzeln und Lachen bringen lassen, die Herzmanovsky-Orlandos Skurrilität schätzen und für alle, die Comics auf hohem Niveau lieben. Einfach: alle lieben und gescheiten Leute.

 

Die Strnat´sche Enzyklopädie ist 2004 bei Kremayr & Scheriau erschienen und hat 208 Seiten voller schrägen Humors. Leider nur noch antiquarisch erhältlich. Gute Exemplare bekommt man nur noch mit Glück für unter 20 €.

 

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Kurz gemeldet:

Rezent

  • In China hat eine Hauskatze einen Mann k.o. geschlagen. Sie fiel aus dem Fenster eines Hochhauses direkt auf den Fußgänger und verletzte ihn dabei so schwer, dass er 23 Tage im Krankenhaus behandelt werden musste, meldet n-tv. Die Katze blieb unverletzt, musste sich jedoch direkt nach dem Sturz mit dem Hund des Passanten auseinander setzen.
    Überwachungskameras filmten das ungewöhnliche Geschehen.
  • In Alaska hat die Forscherin Stephanie Hayes eine weiße Orca-Kuh beobachtet. Das Tier war mit seinem Pod in Küstennähe unterwegs. Das Tier selbst ist seit 2018 bekannt.
  • Auf Spitsbergen wurde in der Nacht zum vorletzten Freitag ein Mann von einem Eisbären getötet. Er schlief auf einem Campingplatz bei der Hauptstadt Longyearbyen. Bei dem Vorfall wurde der Eisbär angeschossen und später in einiger Entfernung auf dem Parkplatz des Flughafens gefunden.
  • Im Zoo von Heidelberg sind zwei seltene Mitchell-Loris geschlüpft. Diese Papageien gelten als mit die seltensten Vögel der Welt, sie sind in der Natur ausgestorben. Neben Heidelberg gibt es diese Tiere in Deutschland nur noch in Berlin. Selbst bei der Wikipedia gibt es nur schlechte Fotos

Trichoglossus forsteni mitchellii
Der Mitchell Lori Trichoglossus forsteni mitchellii von Bali und Lombok ist in der Natur ausgestorben (Foto: domdomegg in Birdworld, CC 4.0)

Ausgestorben

  • Auf Costa Rica haben Wissenschaftler eine neue Gattung der Riesenfaultiere beschrieben. Sibotherium ka lebte vor etwa 5,8 Millionen Jahren im Coto Brus Valley. Die Art erreichte aufgerichtet etwa 3 m Höhe und wog etwa 7 t.

Dr. Erich Ritter verstorben

Der Schweizer Biologe und Haischützer Dr. Erich Ritter ist in der Nacht auf den vergangenen Freitag (29.08.2020) in seinem Haus in Florida eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.
Ritter war Fachmann auf dem Gebiet der Verhaltensökologie der Fische, hat jedoch vor allem als Erforscher des Aggressions- und Fressverhaltens von Haien von sich Reden gemacht. Er war von 2002 bis 2005 wissenschaftlicher Leiter des Sharkproject und arbeitete an Unfall-Analysen und Rekonstruktionen für das Global Shark Attack File. Er entwickelte mit ADORE-SANE ein Konzept, das Verhaltensregeln beinhaltet, mit denen Schwimmer und Taucher gefährliche Situationen nicht weiter eskalieren lassen.

2002 hatte Erich Ritter während der Dreharbeiten für die Serie „Shark Week“ auf den Bahamas einen Unfall. Ein angefütterter Bullenhai, der eigentlich mit Ritter vertraut sein sollte, schnappte nach dessen Wade. Als sich Ritter losriss, verlor er seine Wade.

Vielen Menschen ist Erich Ritter vor allem durch seine zahlreichen Vorträge in Erinnerung, bei denen er die Häufigkeit von Haiunfällen (etwa 10 Todesopfer weltweit pro Jahr) mit denen anderer Todesursachen ins Verhältnis setzte. Besonders aktiv setzte er sich für den Erhalt und Schutz von Haien, insbesondere gegen das Finning ein.

 

Ich habe Ritter bei einem seiner Vorträge an meiner damaligen Arbeitsstätte kennenlernen dürfen. Er stellte sich mir als sehr offener, freundlicher Mensch mit einem faszinierenden Charisma dar. Sein Sendungsbewusstsein war jederzeit spürbar, aber nie unangenehm, was auch damit zu tun haben mochte, dass wir am selben Strang zogen.

 

Ritter verstarb am 28. August 2020 mit 61 Jahren an einem Herzleiden.


In den Medien

In der Unstrut im Burgenlandkreis in Sachsen Anhalt soll sich ein Krokodil herumtreiben. Drei Zeugen hatten bei dem Ordnungsamt Unstruttal gemeldet. Kräfte von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt sind im Einsatz, sogar ein Polizeihubschrauber wurde hinzu gezogen.

Eine erste Suche am vergangenen Freitag blieb erfolglos, bis zum Redaktionsschluß (Samstag, 20 Uhr) gab es keine Fundmeldung. Die Schleusen in Tröbsdorf und Wendelstein bleiben geschlossen. Der Kanu-Verleih ist im Bereich zwischen den Schleusen eingestellt.

 


Feld-Ornithologisches

Neu in der vergangenen Woche

  • Auf der Deponielache Gaschwitz bei Merkkleeberg schwimmt eine Zwergscharbe.
  • Am vergangenen Sonntag (23.8.) zeigte sich am Himmelhorn bei Oberstdorf ein Bartgeier.

Die „immer noch da“-Meldungen:

  • Der Graubrust-Strandläufer ist am vergangenen Sonntag, 23.8. bei Krummhörn aufgetaucht.
  • Der dunkle Sturmtaucher von Helgoland lässt sich immernoch gelegentlich sehen.
  • Immer mal wieder wird ein Pazifischer Goldregenpfeifer gemeldet. Diesmal ist das Tier auf dem Borkumer Flugplatz unterwegs.

Nicht mehr gemeldet

  • Der Italiensperling aus Teltow wurde in den letzten beiden Wochen nicht mehr beobachtet. Ein Hybride ist möglicherweise noch vor Ort, der Beobachter kann ihn aber nicht genau zuordnen.

Zu guter Letzt:

Der oben beschriebene Vorfall: In China hat eine Hauskatze einen Mann k.o. geschlagen. Sie fiel aus dem Fenster eines Hochhauses direkt auf den Fußgänger und verletzte ihn dabei so schwer, dass er 23 Tage im Krankenhaus behandelt werden musste, meldet n-tv. Die Katze blieb unverletzt, musste sich jedoch direkt nach dem Sturz mit dem Hund des Passanten auseinander setzen.

 

 




Mein Wort zum Sonntag – 30. August 2020

Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

Endlich Wochenende! Nach einer anstrengenden Woche komme ich nun endlich einmal zur Ruhe. Da ich bald ein neues Projekt an einem Museum beginnen werde und dafür noch einige Formalia zu klären hatte, kam ich diese Woche kaum zur Ruhe. Der ganze Stress ist mir sogar etwas auf den Magen geschlagen.


Heute geht es mir aber schon etwas besser, aber beim Blick in den Fernseher wird mir gleich schon wieder schlecht. Wieder eine Egoisten-Versammlung von Kurzdenkern, die nicht geschnallt haben, dass die Corona-Regeln uns allen auf den Senkel gehen, aber dass sie verdammt nochmal notwendig sind. Über 6.000 Menschen sterben täglich weltweit an dieser schlimmen Seuche. Das sind pro Tag fast doppelt so viele, wie beim Anschlag auf das World Trade Center gestorben sind. Insgesamt sind bislang fast 900.000 Menschen dem Virus erlegen, also mehr als dreimal so viele wie der Tsunami-Katastrophe in Südostasien 2004. Die bislang größte Katastrophe unseres Jahrtausends zieht weiter ihre Kreise, und noch ist leider kein Ende, aber dafür vielleicht sogar jede Menge neue Anfänge in Sicht.


Keine öffentlichen Lesungen und Dino-Treffen mehr im Jahr 2020

Aus diesem Grund wird es dieses Jahr keine Lesungen und Dinotreffen mehr geben, wie ich traurigerweise heute schon ankündigen muss. Ich möchte es nicht verantworten, da sich bei meinen Veranstaltungen regelmäßig Menschen aus allen möglichen Teilen Deutschland, auch aus Österreich und der Schweiz zusammenkommen. Um die Ausbreitung des Virus einzuschränken, muss auch ich mich einschränken. Und ich bin tatsächlich lieber ein Teil der Lösung als des Problems. Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Virus irgendwann abschwächt, oder dass neue Heilmittel oder endlich der lang ersehnte Impfstoff ihre Wirkung zeigen.

 


Bild der Woche

Noch ein fantastisches Bild von den Blue Rhino Studios: Diesmal mit einem nebelverhangenen Flussufer, wie immer aus Hell Creek. Welche Tiere könnt ihr darauf entdecken?

 


Paläo-News

Sofort geht es los mit den Nachrichten aus der Urzeit! Diese Woche waren wieder einige interessante Entdeckungen dabei, die in der Fachpresse veröffentlicht wurden:


Frühe Biber bauten keine Dämme!

Abgesehen von dem Menschen gibt es noch ein Tier, das wie kaum ein anderes seine Umwelt umformt und dabei tiefgreifende Veränderungen seines Ökosystems herbeiführt, um die Bedingungen dort seinen Bedürfnissen anzupassen: der Biber. Die großen Nager sind dafür bekannt, Bäume zu fällen, Damme zu bauen, Flüsse aufzustauen und dabei ganze Landschaften zu überfluten.

Wissenschaftler eines internationalen Forschungsteams fanden nun allerdings heraus, dass sie das noch gar nicht so lange machen: Biber der vier Millionen Jahre alten Gattung Dipoides haben offenbar Bäume allein zu Nahrungszwecken gefällt. Das verrieten den Forschern Isotopenanalysen von Holzfossilien mit eindeutigen Nagespuren, die von den Ur-Bibern angeknabbert wurden. Die chemische Signatur ist dabei eindeutig: zum Dammbau wurden die Zweige definitiv nicht eingesetzt.

 


Noch ältere Fossilien zeigen, dass die Vorfahren der Biber bereits seit rund 20 Millionen Jahre Bäume fällen und Holz zernagen. Aber es als Bau- und Werkstoff einzusetzen, trauen sie sich offenbar erst seit dem Pleistozän. Was zu dieser radikalen Verhaltensänderung führte, muss aber noch weiter erforscht werden.

 

Vielen Dank an GeoHorizon für den interessanten Artikel!

 

Link zur Studie


Spektakulärer Fund: Faultier-Knochen mit Angriffsspuren eines gigantischen Krokodils entdeckt!

Es war wohl kein guter Tag für das Riesenfaultier, das vor etwa 13 Millionen Jahren an einen Fluss in Peru kam, um dort zu trinken. Dort lautete ein Krokodil, dass sich das Faultier schnappte und in die Tiefe zerrte.

 


Der Knochen des Faultiers wurde von Wissenschaftlern nun gefunden, zusammen mit 46 Bissmarken, die der Angreifer auf ihnen hinterließ. Bei dem Angreifer handelte es sich nach Analyse der Bissmuster um einen Purussaurus, offenbar noch ein verhältnismäßig junges Exemplar. Ausgewachsen hätte dieser Gigant, der zu den größten Krokodilen der Erdgeschichte zählte und eng mit den heutigen Kaimanen verwandt war, mehr als 10m Länge und eine doppelt so hohe Beißkraft wie jedes heute noch lebende Krokodil gehabt. Schon das Jungtier biss mit einer derartigen Gewalt zu, dass seine Zähne den massiven Knochen des Faultiers komplett perforierten. Seine Zähne waren größer als eine menschliche Hand.

 

 


Die Las Pebas Formation gab schon häufiger Fossilien einer interessanten Paläo-Fauna frei, doch diese Momentaufnahme eines Angriffs gehört definitiv zu den spektakulärsten Funden jener Zeit.

 

Bildquellen: CNN

 

Link zur Studie


Neue Studie: sind „Silesauriden“ der Ursprung der Vogelbecken-Dinosaurier?

Triceratops, Stegosaurus, Parasaurolophus… Viele der bekanntesten Dinosaurier stammen aus der so erfolgreichen wie auch vielseitigen Gruppe der Ornithischier, auch „Vogelbecken-Dinosaurier“ genannt. Schon vor über 150 Jahren ordnete der englische Paläontologe Harry G. Seeley die Dinosaurier zwei großen Gruppen zu, die er hinsichtlichs des Baus ihrer Beckenknochen unterschied. Die andere große Gruppe sind die Saurischier (Echsenbecken-Dinosaurier), zu denen sowohl die fleischfressenden Theropoden als auch die langhalsigen Sauropoden gehören.

Doch ob diese Systematik so ganz richtig ist, ist seit einigen Jahren schon umstritten. Besonders an der Basis der Dinosaurier wird seitdem heftig herumgeschoben. Dabei steht vor allem die Frage voran: was ist eigentlich (schon) ein Dinosaurier, was aber (noch) nicht?

 

(Click auf das Bild öffnet es in 4K)

Eine dieser umstrittenen Gruppen, die Silesauriden, ist nun Gegenstand einer aktuellen Studie, bei der die Forscher die Morphologie der frühen Dino-Verwandten untersuchten. Sie fanden dabei heraus, dass diese zuvor als „Schwestergruppe“ zu den Dinosauriern bekannte Tiergruppe erstens nicht monophyletisch sind, also gar keine verwandtschaftliche Einheit bildeten, und zweitens doch den Vogelbecken-Dinosauriern näherstehen als diese wiederum allen anderen Dinosauriern. Folglich werden viele Arten nun als basale Dinosaurier geführt, einige sogar als die urtümlichsten Vorfahren der Vogelbecken-Dinosaurier.

 

Bildquelle und Link zur Studie


Paläontologin findet Dinosaurier – beim Joggen!

Sport ist auch für Paläontologen wichtig. Umso besser, wenn man bei der täglichen Fitness auch den Fund seines Lebens machen kann: so erging es Elsa Panciroli, als sie auf der schottischen Isle of Eigg eine abendliche Jogging-Runde drehte und auf dem Rückweg zu ihrem Forschungscamp war.

Elsa Panciroli an der Fundstelle.

 

Beim Laufen fielen der geschulten Fossilienexpertin einige Strukturen im Fels auf, die sich als die Knochen eines Stegosauriers entpuppten, der dort – genau wie Panciroli – einst joggen war, nur etwa 166 Millionen Jahre früher. Erst Anfang des Jahres waren auf der nahegelegenen Isle of Skye Fußspuren von Stegosauriden gefunden worden. Nun scheint auch ihr Urheber identifiziert worden zu sein.

Der Oberschenkelknochen des gefundenen Stegosauriers.

Die fossilen Knochen wurden inzwischen geborgen und ins National Museum of Edinburgh gebracht, wo sie ausgestellt und natürlich weiter untersucht werden. Da beim vorhandenen Material noch keine diagnostischen Merkmale festgestellt werden konnten, konnte der schottische Stegosaurier noch keiner bekannten Art zugeordnet werden. Weitere Forschungen werden zeigen, ob er eventuell noch einen eigenen Namen bekommt, worauf Panciroli und ihr Kollege und Co-Autor Steve Brusatte in ihrem Paper aber erstmal verzichtet haben.

Lebendrekonstruktion des bislang unbenannten Stegosauriers. Bildquellen: Elsa Panciroli, Steve Brusatte

 

Link zur Studie


Baby-Sauropoden schlüpften mit Hilfe eines „Nasenhöckers“

Sauropoden waren mit Abstand die gewaltigen Tiere, die jemals auf der Erde liefen. Doch wie jedes Tier fingen diese Giganten, von denen einige Arten eine Lange von über 35 m, ein Gewicht von mehr als 70 Tonnen und die Höhe eines sechsstöckigen Hochhauses erreichen konnten, auch mal ganz klein an: selbst die größten Arten legten Eier, die kaum größer waren als ein Fußball. Das kleine Wesen im Innern kam mit einem Gewicht von unter 2 kg zur Welt.

 

Doch wie genau befreite sich ein Baby-Sauropode aus seinem Ei? Die exzellent erhaltenen Eier aus Auca Mahuevo in Argentinien, die bereits vor 25 dort freigelegt wurden, haben Forscher nun auf ein neues „Feature“ aufmerksam gemacht. Wissenschaftler der Universität von Uppsala in Schweden vermaßen und rekonstruierten zum ersten Mal den Schädel eines bislang unbestimmten Titanosaurier- Schlüpflings und erstellten mit 3D-Technologie ein perfektes Abbild seines kleinen Köpfchens.

 


Dabei stellten die Forscher eine erstaunliche Kopfform mit einer interessanten Struktur fest: ganz ähnlich des Eizahns bei heutigen Hühnern besaßen der klein Titanosaurier einen spitz zulaufenden Höcker knapp über der winzigen Schnauze. So war es für ihn möglich, die Eierschale beim Schlüpfen von Innen heraus zu durchstoßen und sich aus ihr zu befreien.

 

Bildquelle und Link zur Studie:


6,1°C kälter als heute: Forscher bestimmen Durchschnittstemperatur während der letzten Kaltzeit

Wissenschaftler der Universität von Arizona haben nun mithilfe neuer Forschungsmethoden die Jahresdurchschnittstemperatur während des letzten Kälte-Tiefpunkts des Weichsel-Würm-Glazials vor etwa 20.000 Jahren bestimmt. Dabei verglichen sie die Proben aus verschiedenen Teilen der Welt und werteten sie mit Blick auf vier verschiedene geochemische Anzeiger aus. Aus dem Verhältnis von Magnesium zu Calcium in fossilem Plankton, dem Gehalt verschiedener Kohlenwasserstoff oder bestimmter Sauerstoff-Isotope konnten sie relativ genau die durchschnittlichen Temperaturen an diesen Orten bestimmen.

Mammut
Das Wollhaarmammut. Ein Tier, das vor 20.000 Jahren noch sehr häufig und bestens an die Kälte angepasst war.

 

Interessant dabei: entlang der Beringstraße war es damals verhältnismäßig mild. Die Gletscher ließen einige Korridore offen, durch die der Weg nach Amerika frei war – ein wichtiger Anhaltspunkt zur Erforschung der Besiedlungsgeschichte des Doppelkontinents.

 

Auch für den Blick auf aktuelle Problematiken wie den Klimawandel und die Rolle von CO2 und anderer Klimagase zieht die Studie neue Horizonte. Im Mittel steige die Weltdurchschnittstemperatur bei jeder Verdoppelung des CO2-Spiegels um ganze 3,4° C an. Heute liegt der CO2-Pegel mit mehr als 410 ppm schon mehr als doppelt so hoch wie vor 20.000 Jahren und steigt weiter. Die Auswirkungen auf das Klima der Zukunft könnten demnach fatal sein.

 

Link zur Studie


Natürliche Selektion: Neandertaler-Gene schadeten Hybriden!

Die moderne Genforschung kam in den letzten Jahren zu einigen erstaunlichen Ergebnissen: dass sich unsere Vorfahren mit anderen Frühmenschen vermischten, gilt inzwischen als sicher, denn alle Menschen nördlich der Sahara tragen noch heute Gensequenzen in ihrem Erbgut, die sie von Neandertalern, Denisova-Menschen und noch einigen anderen Menschenpopulationen geerbt haben.
Bei Europäern liegt der Anteil der Neandertaler-Gene zum Beispiel zwischen 2 und 6%.

 

Portrait eines Modells eines älteren Neanderthaler-Mannes
Neanderthaler-Modell aus dem Neanderthal-Museum in Mettmann

Eine interessante Frage ist: wieso ist dieser Anteil aber so niedrig? Statistisch gesehen müsste sich der Erbanteil der anderen Frühmenschen erheblich deutlicher in unserem Genom niederschlagen, als es tatsächlich der Fall ist, so Forscher der Stanford University.

Sie wiesen in ihrer Studie nach, dass eine bestimmte Klasse von Erbgutsequenzen, die Enhancer, deutlich weniger Neandertaler-DNS enthalten als erwartet. Enhancer sind Erbgutabschnitte, die beeinflussen, wie oft die codierten Gene abgelesen werden.

 

DNA-Phantome

 

Zu erklären ist das dadurch, dass es bei der Vermischung oft zu Merkmal-Ausprägungen kam, die sich nicht immer nur als nützlich für ihre Träger erwiesen. Besonders gründlich ausselektiert worden sind offenbar die alten Gensequenzen beim Aufbau des Hirngewebes, aber auch bestimmte Variationen beim Bau der Muskulatur.

 

Obwohl in früheren Studien zwar erwiesen wurde, dass bestimmte Neandertaler-Gene die Fruchtbarkeit von Frauen erhöhten und das Risiko für Fehlgeburten minimieren, gab es trotzdem wohl einige Nachteile, die sich bei den Hybriden als negativ oder sogar lebensbedrohlich erwiesen. So wurden die archaischen Genvariationen nach und nach von der natürlichen Selektion ausgesiebt.

 

Link zur Studie


Alter Dino, neu beschrieben: Scelidosaurus harrisonii

Zu den ersten gefundenen und beschriebenen Dinosauriern überhaupt gehört Scelidosaurus harrisonii, der bereits im Jahre 1858 vom berühmten Anatom (und Namensgeber der „Dinosaurier“) Richard Owen beschrieben wurde. Owen verfasste seinerzeit allerdings ein eher kurzes und wenig sorgfältiges Paper, und das, obwohl das Holotyp-Exemplar sehr gut erhalten und nahezu vollständig war.

Lebendrekonstruktion von Scelidosaurus. Bildquelle: Mohamad Haghani

Mehr als 160 Jahre später machte sich nun Cambridge-Professor David Norman erneut daran, das Fossil genauer zu untersuchen. Drei ganze Jahre schenkte er dem Dinosaurier, der in der Zeit des frühen Jura vor etwa 193 Millionen Jahren in England lebte, seine Aufmerksamkeit, und beschrieb ihn in einer umfangreichen Arbeit neu. Norman stellte dabei auch viele bislang unbekannte Merkmale fest: so besaß Scelidosaurus Hörner am Hinterkopf. Der Bau des Skeletts weist außerdem darauf hin, dass er wohl doch kein basaler Thyreophore war, also noch der gemeinsamen Vorfahrenlinie der späteren Stegosaurier und Ankylosaurier entstammte, sondern bereits abgeleitet war und nunmehr als frühester bekannter Ankylosaurier gelten kann.

 

Link zur Studie


Lystrosaurier aus der Antarktis hielten Winterschlaf!

Während der frühen Trias, in der Zeit von vor etwa 245 Millionen Jahren, bildeten alle Kontinente noch eine einzige, zusammenhängende Landmasse namens Pangaea. Die Welt hatte gerade erst das schlimmste Massenaussterben aller Zeiten hinter sich, und die Tiere begannen sich gerade erst von dieser Katastrophe zu erholen. Noch vor dem Erscheinen der ersten Dinosaurier gehörten die säugetierähnlichen Therapsiden wie Lystrosaurier zu den erfolgreichsten Tieren ihrer Zeit, die über große Teile der Welt verbreitet waren.

Rekonstruktion eines schlafenden Lystrosaurus von Crystal Shin.

Um sich an verschiedene Lebensräume anzupassen, setzten Lystrosaurier in verschiedenen Teilen der Welt aber wohl auf unterschiedliche Überlebensstrategien, wie Forscher der Harvard University und der University of Washington nun gemeinsam herausfanden. Sie schnitten die Stoßzähne von Tieren, die in Südafrika gefunden wurden, und verglichen sie mit ihren Vettern von Antarktika, das auch schon damals südlich des Polarkreises lag.

Gut erkennbar: die dunklen Ringe, in denen die Dentin-Produktion während der Winterschlaf-Phase heruntergefahren wurde. Bildquellen: Meghan Whitne, Christian Sidor.

Während die Stoßzähne der Tiere aus den gemäßigten Breiten ein kontinuierliches Muster aus Wachstum und Abnutzung zeigten, wiesen die Tiere aus Antarktika dicke, engmaschige Ringe auf, die auf eine verringerte Dentin-Produktion hinweisen, die jedes Jahr wieder auftrat. Das gleiche Muster findet sich heute bei Säugetieren, die den Winter im Kälteschlaf verbringen und dabei ihren Stoffwechsel auf ein Minimum herunterfahren.

 

In den dunklen Monaten der Polarnacht, in welcher die Pflanzenfresser kaum Nahrung fanden und bitterkalten Temperaturen ausgesetzt waren, zogen sich also wahrscheinlich bereits die Lystrosaurier zurück, um den Winter zu verschlafen.

 

Link zur Studie


Artikel der Woche

Der Artikel der Woche setzte meine Reihe „Film vs. Wissenschaft“ fort und damit auch mein Special über die berühmte BBC-Doku „Im Reich der Giganten“, die 1999 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Wieviel an der Doku mit dem Wissensstand von heute tatsächlich geändert werden müsste, und wie sehr sich besonders die Folge „Eine grausame See“ dann von ihrem Original unterscheiden würde, lest ihr hier.

 


Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit, viele Grüße aus Kiel und einen schönen Sonntag!

Markus Kretschmer




Freitagnacht-Kryptos: Überlebende Stellersche Seekühe?

Wenn es nach der Zoologie geht, wurde das letzte Exemplar von Stellers Seekuh 1768 erlegt, so Igor Akimuschkin in seinem Buch: „Vom Aussterben bedroht?“ (S. 52)

 

Stellersche Seekuh
Eine zeitgenössische Darstellung der Steller’schen Seekuh

 

Ein bislang übersehener Hinweis, eigentlich Beweis, dass die Riesenseekuh noch ein Jahrzehnt später am Leben war, findet man in den Aufzeichnungen des Kurpfälzer Matrosen Heinrich Zimmermann aus Wiesloch. Er nahm an der letzten Seefahrt des berühmten Captain Cooks teil. 1778 erreichte man die asiatische Küste nahe der Aleuten.

 

Zimmermann schreibt (S. 68):

 

 

„Den 9. August landeten wir in den Grad 65 nördlicher Breite auf der jetztgemeldten asiatischen Küste. Die Einwohner auf dieser kommen den vorbeschriebenen Amerikanern ganz ähnlich; nur sind sie von etwas brauner und dunklerer Gesichtsfarbe, sie versammelten sich in einer starken Anzahl mit Bogen und Pfeilen an dem Ufer. Herr Cook gieng dem ohngeachtet ganz allein an das Land und machte durch Geschenke Freundschaft mit ihnen. Ihre Nahrung bestehet in Fischen und besonders in Seekühen und die Haut von diesen wissen sie so gut als ein Gerber zuzubereiten. Der Kommodore gab dem Vorgebürge dieses Landes den Namen Cookstown.“

 

 

Auf S. 103 fügt er anlässlich eines zweiten Aufenthaltes 1779 hinzu:

 

 

„In der Mitte des Monats Julii kamen wir in dem Grad 71 nördlicher Breite an, und trafen Eis in Menge und mehr als vorhin. Wir erlegten hier, wie voriges Jahr auch auf dieser und auf der amerikanischen Küste geschehen war, wieder viele Seerosse, Seekühe, auch etliche Seebären, und siedeten Thran davon. Wir kreuzten hin und wieder; und wo wir eine Oeffnung fanden, stachen wir muthig hinein.“

 

Captain Cook berichtet

Zimmermanns Bericht wird von dem seines Kapitäns bestätigt, wenn sich dieser auch knapper hält. Cook (S. 371) schreibt:

 

 

„Das Meer und die Seen dort sind voller unterschiedlichster amphibischer Tiere, am zahlreichsten darunter sind Seehunde, See-Pferde und See-Kühe. […] Mit den Zähnen und Knochen der See-Pferde und See-Kühe spitzen sie ihre Pfeile und Kriegsgeräte, aus ihrem Fett und Blubber kochen sie ihr Öl.

 

 

Georg Wilhelm Steller mit seiner Seekuh und seinem Seeadler (Webfund)

Zuletzt 1934

Als Stellers Seekuh wurde auch ein Kadaver gemeldet, der sonst zu den Leichen des Cadborosaurus, der Seeschlange von Britisch-Kolumbien gezählt wird. Jedenfalls meldete die neuseeländische Zeitung „New Zealand Herald“ am 27. November 1934:

 

 

„SEEUNGEHEUERÜBERRESTE WAREN SEEKUH AUS ALASKA.

VICTORIA, 25. November. Die Behörden des Victorian Museum erklären, dass es sich bei den Überresten des auf einer Insel in Britisch-Kolumbien gefundenen Seeungeheuers um eine Seekuh handelt, die in den Gewässern Alaskas beheimatet war und von der angenommen wurde, sie sei seit 170 Jahren ausgestorben ist.

Eine Seekuh wurde von Behring [sic!] beschrieben, als er auf Kamtschatka Schiffbruch erlitt. Sie war 9 m lang und wog 8000 Pfund.“

 

Nachtrag

Markus Hemmler hat mich darauf hingewiesen, dass Leser glauben könnten, bei der „Seekuh“ von 1934 handle es sich um eine echte Steller’sche Seekuh, die es nach Britisch-Kolumbien verschlagen hatte. Das ist nicht der Fall – das Tier, das als „Seekuh“ gedeutet wurde, ist der berühmte „Caddy-Kadaver“ von Port Henry, der sich weder als Seeschlange noch als Seekuh entpuppte, sondern – wie so oft – als verrotteter Riesenhai (Cetorhinus maximus).

 

Markus Hemmler schreibt: „Dieser wurde bei Henry Island gefunden und nach Prince Rupert, der nächstgrößeren Siedlung, gebracht. Irgendjemand brachte im Verlauf dieser Angelegenheit – vermutlich aufgrund des für viele ungewöhnlichen Aussehens des Kadavers bzw. des Schädels – die Spekulation (als eine von vielen, u. a. auch Caddy) in die Presse, es könnte sich um ‚Rythina stelleri‘ handeln.“ Die Fotos Nummer 15, 16, 17 in Heuvelmans Seeschlangenbuch „In the Wake oft he Sea-Serpents“ zeigen das jeweilige Skelett einer Steller’schen Seekuh, des Henry Island Monsters und eines Riesenhais und stammen aus einem Zeitungsbericht der „Illustrated London News“ über den Fall.


Literatur:

Akimuschkin, Igor: Vom Aussterben bedroht? Leipzig: VEB Brockhaus 1972

Cook, James: Journal of Captain Cook’s Last Voyage to the Pacific Ocean in the Years 1776, 1777, 1778 and 1779. Londdon: E. Newbery 1781

Magin, Ulrich: Pfälzer Entdecker und Pioniere. Mannheim: Wellhöfer 2019

Zimmermann, Heinrich: Reise um die Welt, mit Capitain Cook. Mannheim: C. F. Schwan, kuhrfürstl. Hofbuchhändler 1781

 

Zeitungen:

Auckland Star, 26 November 1934, Northern Advocate, 26 November 1934 und ein Dutzend weitere Zeitungen aus Neuseeland.




Shunka-wa-rak’in – von Zottelwölfen und einem seltsamen Präparat

Teil 1 des Artikels zum Shunka-wa-rak’in ist hier zu finden

 

Was ist das für ein Tier?

Da eine DNA-Untersuchung momentan nicht in Frage zu kommen scheint, bleibt nur die morphologische Betrachtung des Kryptids. Auch wenn so keine sichere Aussage darüber getroffen werden kann, welcher Art die nun angehört, ist möglicherweise zumindest eine Annäherung an die Lösung dieses Rätsels möglich.

Das Präparat mit den Beschreibungen des Shunka-Wa-rak’in abzugleichen, ist dabei allerdings nicht zielführend. Die Angaben in den Erzählungen sind dafür zu vage.

Shunka-wa-rak'in
So wird das Präparat des Shunka-wa-rak’in heute oder in jüngster Vergangenheit präsentiert (Webfund). Leider ist nicht zu lesen, was auf den Zetteln steht.

Lediglich eine Ungereimtheit sticht von Anfang an ins Auge: Der Shunka-Wa-rak’in wird – allerdings nicht von Lance Foster, als er mit Coleman sprach – als größer als ein durchschnittlicher Wolf beschrieben. Vom Präparat kann man dagegen nicht gerade behaupten, dass es sehr beeindruckend wirkt. Auf der Website der Madison Valley History Association findet sich ein Foto, das Jack Kirby und das Präparat zusammen zeigt. Der ältere Herr kniet neben der Kreatur, deren Schultern ihm in dieser Pose gerade einmal bis zur Brust reichen.

 

Ist der Shunka-wa-rak’in eine (Out-of-Place) Hyäne?

Das auffälligste Merkmal des Kryptids ist neben seinem dunklen Fell die Wölbung seines Rückens. Auch wenn es sonst hundeartig wirkt, erinnert seine fast schon „buckelig“ wirkende Gestalt ein wenig an eine Hyäne.

Spekulationen, dass es sich bei der Kreatur tatsächlich um eine Hyäne handeln könnte, sind daher nicht verwunderlich. Schließlich bewarb sie schon Sherwood im 19. Jh. unter dem Namen „Rocky Mountain Hyena“.

Nun wirft diese Erklärung allerdings neue Fragen auf: Wie soll dieses Tier in die USA gekommen sein? Und: Welche Hyäne sieht so seltsam aus?

 

Zwei Tüpfelhyänen in der Sonne
Die Tüpfelhyäne ist ein ungewöhnliches Raubtier, aber so ungewöhnlich wie das Shunka-wa-rak’in-Präparat?

 

Die erste dieser beiden Fragen kann man noch damit erklären, dass das Tier ja aus einem Zirkus oder einer Tierschau entwichen sein könnte. Dieser Ansatz lässt sich natürlich immer vorbringen, wenn irgendwo ein Tier gefunden wird, das nicht so recht zur lokalen Fauna zu passen scheint. In diesem Fall ist das Argument allerdings nicht übermäßig realistisch:

 

Wer das Wort „Hyäne“ hört, denkt normalerweise zunächst an Tüpfel- oder Streifenhyänen. Deren Fell ist allerdings so auffällig gemustert, dass sie nicht in Frage kommen. Das Fell der Tüpfelhyäne ist zudem noch zu kurz, als dass sie mit der Kreatur identisch sein könnte. Die beiden am häufigsten gehaltenen (und damit bekanntesten) Arten fallen also aus.

Theoretisch (und mit Fantasie) in Frage käme die Schabrackenhyäne. Ihr Fell ist – von den Beinen abgesehen – nicht übermäßig stark gemustert. Ebenso ist ihr Fell etwas länger und der Schwanz buschig. Diese Merkmale stimmen mit dem Kryptid überein. Allerdings ist ihr Fell nicht einheitlich dunkelgrau bis schwarz. Auch die stark kontrastierenden Beinstreifen weist das Präparat nicht auf. Ebenso wirkt sein Kopf länger und massiver, als der einer Schabrackenhyäne.

 

Ein Strandwolf im Zoo
Meist wird Parahyaena brunnea heute als Schabrackenhyäne oder Strandwolf bezeichnet.

 

Dazu kommt, dass letztere ein relativ kleines Verbreitungsgebiet haben. Die Tierschau, aus der ein solches Tier entweichen könnte, müsste also schon außergewöhnlich gut bestückt gewesen sein. Das ist in diesem Fall allerdings unwahrscheinlich. Der ländliche Raum von Montana wirkt schließlich wie ein eher unattraktives Tourneegebiet.

 

Eine „eingeborene“ Hyäne?

Eine noch spektakulärere Variante der Hyänenhypothese wird auch gelegentlich vorgebracht. Demnach handelt es sich beim Shunka-wa-rak’in um nichts anderes, als eine eiszeitliche Hyänenart, die bis in die historische Zeit überlebt hat.

In der Tat lebten auf dem Gebiet der heutigen USA früher Hyänen. Diese waren paläontologischen Untersuchungen zufolge anatomisch noch besser auf die Jagd nach lebender Beute ausgelegt, als die heutigen Hyänen. Diese Anpassung an ein Leben als Raubtier hatte zugleich auch zufolge, dass ihr Körper stärker dem eines Wolfs ähnelte, als man es von den heutigen Arten gewohnt ist. Man muss zugeben, dass auch das Präparat wie ein Wolf mit hyänenhaften Zügen wirkt.

 

Ringdocus Shunka Warakin
Das als Ringdocus ausgezeichnete Shunka Warakin-Präparat, die Körperhaltung erinnert an eine Hyäne

 

Ein kleines Detail spricht allerdings gegen diese Hypothese: Chasmaporthetes ossifragus, so der wissenschaftliche Name der amerikanischen Urzeithyäne, starb bereits vor etwa einer Million Jahren aus. Bereits hunderttausende Jahre zuvor begannen die Bestände zurückzugehen. Natürlich kann man wieder die Frage stellen: „Ja, aber was, wenn nur noch keine jüngeren Überreste gefunden wurden und die Art vielleicht sogar noch am Leben ist?“ Dies ist aber ein Totschlagargument, das sich nicht widerlegen lässt. Wie soll auch die Nichtexistenz einer Sache bewiesen werden?

Wolf
Am Ende des Winters und zum Fellwechsel sind Wölfe oft etwas zottig

Ist der Shunka-Wa-rak’in doch nur ein Wolf?

Ein anderer Erklärungsansatz ist da schon realistischer. Wenn man sich das Präparat ansieht, gibt es eigentlich nur zwei Merkmale, die es von einem Wolf unterscheiden: Die Form des Rückens und das leicht überdurchschnittlich lange, schwarze Fell.

Eine Kreatur mit ungewöhnlicher Fellfarbe wurde auch 2018 in Montana geschossen. In den Lokalmedien häuften sich die Spekulationen, was das denn für ein Tier sein könne: Ein Wolf-Hund-Hybrid? Ein entlaufener Exot? Der legendäre Ringdocus? Das Gegenstück zum Shunka-wa-rak’in?

 

 

Montana Wolf 2018
Der 2018 in Montana erlegte, braune Wolf. Foto: Montana Fish, Wildlife and Parks

 

Das Tier hatte ein strubbelig-braunes Fell, recht kurze Beine und lange Ohren. Alles in allem könnte man sogar sagen, dass es der zuvor beschriebenen Schabrackenhyäne ähnlicher sah, als das fragliche Kryptiden-Präparat. Eine DNA-Analyse brachte allerdings große Ernüchterung: Bei diesem mysteriösen Tier handelte es sich lediglich um einen ungewöhnlich aussehenden Wolf.

 

Eine gewisse Varianz, was das Aussehen der Wölfe Montanas betrifft, wäre damit schon einmal bewiesen. Nun bleibt noch die Frage nach er seltsamen Rückenform des Kryptids. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste davon ist, dass das Kryptid schlicht ein Wolf mit einer leichten Fehlbildung war. Das würde auch erklären, warum er sich in der Nähe einer menschlichen Siedlung aufhielt: Dort gibt es leichte Beute in Form von Nutztieren zu machen. Zugleich findet sich so auch der Grund für seine angebliche Feindschaft mit Hunden. Schließlich sollen Wach- und auch Hütehunde Grundstück und Herden ihrer Besitzer schützen. So käme es zwangsläufig zu Kämpfen.

 

Eine andere Möglichkeit besteht natürlich darin, dass der Wolf schlicht (absichtlich oder unabsichtlich) schlecht präpariert wurde. Ein Vergleich ist nicht möglich, da keine Fotografien vom lebenden Tier existieren.

 

 

Herkunftsfragen

Auch, dass er alleine unterwegs war, ist nicht sehr ungewöhnlich: Laut Ty Smucker, einem Experten des FWP („Fish, Wildlife & Parks“, der u.a. für die Jagd zuständigen Behörde Montanas) kommt es häufiger vor, dass sich gerade einzelne junge Wölfe von ihrem „Stammgebiet“ im Yellowstone National Park entfernen und kilometerweit wandern. Das 2018 geschossene Tier wurde etwa nahe der Stadt Great Falls, Montana erlegt. Diese Stadt ist wiederum mehr als 200 Meilen vom Yellowstone National Park entfernt.

 

Die Stadt Ennis, in deren Nähe das präparierte Kryptid erlegt wurde, ist dagegen deutlich näher am Nationalpark gelegen. Zum fraglichen Zeitpunkt – also 1881 – war die Ausrottung des Wolfs in dieser Region noch in vollem Gange.

 

Zahnkontrolle – ein Weg zur Identifikation?

Rein theoretisch könnte das Kryptid sowohl ein Wolf, als auch eine Hyäne sein. Zwar ist die erstere Identität wohl die wahrscheinlichere, als die letztere. Ganz ausschließen sollte man aber auch diese Möglichkeit nicht. Eine DNA-Analyse kommt allerdings momentan nicht in Frage.

Shunka-Wa-rak'in
Auf den historischen Fotos ist das Gebiss des Präparates fehlbelichtet, so dass nichts erkennbar ist.

Ein Vergleich der Zähne, genauer: der Prämolare und Molare kann hier Klarheit bringen. Diese unterscheiden sich bei Wölfen und Hyänen erheblich:

schematisches Säugergebiss
Schematische Darstellung eines (hypothetischen) Ursprungsgebisses der Säugetiere

Ein wölfisches Grinsen

Bei Hyänen finden sich im hinteren Bereich des Kiefers große, eher stumpf aussehende Zähne. Da Hyänen allerdings Fleischfresser sind, dienen sie nicht dazu, Pflanzenfasern zu zermahlen. Vielmehr fällt es ihnen so leichter, die Knochen zu zerbrechen.

 

Hyänenschädel mit deutlich erkennbarem Gebiss
Schädel einer Tüpfelhyäne Crocuta crocuta, der Kiefer ist kurz, die zwei ersten Prämolaren im Oberkiefer und der erste Prämolare im Unterkiefer sind klein, die zwei weiteren Prämolaren sehr groß, sie bilden eine Brechschere, nur ein Molar wird ausgebildet.

 

Bei Wölfen fällt dagegen auf den ersten Blick auf, dass die Prämolaren deutlich kleiner und spitzer wirken, als bei der Hyäne. Dies wäre wiederum von Vorteil, um Fleischbrocken aus der Beute zu reißen bzw. zu schneiden.

 

Wolfsschädel mit deutlich erkennbarem Gebiss
Schädel eines Grauwolfes Canis lupus, der Kiefer ist länger, die drei Prämolaren im Oberkiefer und Unterkiefer sind klein. Der vierte Prämolare des Oberkiefers und der erste Molare des Unterkiefers sind sehr groß augebildet und bilden eine Brechschere, die dahinter liegenden je zwei Molaren haben Fleischschneidefunktion.

 

Nun gilt es noch, diese Informationen mit dem Kryptid abzugleichen: Wenn man eine Detailaufnahme des geöffneten Mauls betrachtet, zeigt sich eine klare Tendenz. Die Prämolaren (also die Zähne hinter den Eckzähnen) sind eher klein uns spitz. Dadurch weist es eine größere Ähnlichkeit zum Wolf auf, als zur Hyäne.

 

Shunka-wa-rak'in Portrait
Modernes Portrait des Rincdoctus-Präparates von der arabischsprachigen Website rafha.com.
Anders als bei den historischen Aufnahmen sind die Zähne gut zu erkennen.

Lazarus bleibt wohl im Grab

Auch wenn diese Art eigentlich schon seit mehreren hunderttausend Jahren ausgestorben ist, treibt eine Frage den geneigten Kryptozoologen doch um: Könnte das Präparat nicht trotzdem rein theoretisch von einem Chasmaporthetes ossifragus stammen? Schließlich sollen diese Urhyänen ja wolfsähnliche Züge an sich gehabt haben.

Um diese Frage zu beantworten, müssen die Zähne des Fossils noch nicht einmal betrachtet werden. Laut dem Smithsonian Magazine hat dies nämlich schon ein anderer zu Genüge getan: Oliver Perry. Dieser Paläontologe identifizierte die Art anhand eines Kieferfragments. Zu seiner eindeutigen Einschätzung kam er aufgrund der Zähne: Sie entsprachen in jeder Hinsicht denen einer Hyäne.

Zuvor wurde bereits etabliert, dass die Zähne des mysteriösen Präparates stark denen eines Wolfes ähneln. Folglich können sie nicht gleichzeitig mit denen der eiszeitlichen Hyäne übereinstimmen, die die für Hyänen typischen Zähne aufweist.

Nach der Einschätzung des Verfassers – der allerdings zoologischer Laie ist – stammt das Präparat also höchstwahrscheinlich von einem Wolf. Dass es der Beweis für ein weiteres Lazarus-Taxon ist, scheint ausgeschlossen.

 

Fazit

Vieles spricht dafür, dass es sich beim Präparat vom „Ringdocus“ oder „Shunka-Wa-rak’in“ letztlich nur um einen Wolf in seltsamer Körperhaltung handelt: Namentlich wären da die Tatsache, dass in historischer Zeit Wölfe in den USA lebten (und noch heute leben), Hyänen dagegen nach aktuellem Stand der Forschung nicht. Stark gestützt wird diese These durch die wolfsartigen Prämolaren des Präparates.

 

Den sichersten Beweis für die Identität des Kryptids würde natürlich trotzdem eine DNA-Analyse bringen. Dass der aktuelle Eigentümer diese standhaft verweigert, ist natürlich frustrierend. Doch selbst wenn er seine Meinung ändern würde, wäre trotzdem nicht sicher, ob sich die Proben überhaupt auswerten lassen würden. In früheren Zeiten wurden vielfach Chemikalien wie Arsen zur Präparation eingesetzt. Dies könnte wiederum negative Auswirkungen auf die Qualität der gewonnenen DNA haben.

 

Eine weitere Frage steht ebenfalls noch im Raum: Unabhängig davon, welches Tier Hutchins damals geschossen hat – muss es tatsächlich ein Shunka-Wa-rak’in sein? Schließlich war es Loren Coleman, der etwa 100 Jahre nach dem Ableben des Kryptids diese Hypothese aufstellte. Zuvor war nie die Rede davon, dass der „Ringdocus“ mit einer Sagengestalt der Iowa identisch sein könnte.

 

Wenn wir an dieser Stelle die eindeutige Lösung des Rätsels präsentieren könnten, würde dies die absolute Ausnahme in der Kryptozoologie darstellen. So bleibt nur, abzuwarten, ob nicht doch irgendwann ein erfolgreicher DNA-Test durchgeführt werden kann. Die einzige Alternative wäre das Auftauchen eines zweiten Tieres, das dem Kryptid ähnlich sieht – und das dieses Mal kein Wolf ist…


Die Literatur für den zweiteiligen Beitrag steht hier als pdf mit ca. 125 kb zum Download bereit




Medienmittwoch: Cryptozoology Anthology

Heldentum, Abenteuer und gerettete Damen, die sich umgehend erkenntlich zeigen – das ist der Stoff, aus dem (reichlich konventionell gestrickte) Männerträume sind. Zumindest bis in die 1970er Jahre waren im englischsprachigen Raum und speziell in den USA die sogenannten „Men’s Adventure Magazines“ populär. Darin berichteten die Autoren über spektakuläre Erlebnisse, die ihre Leser gewiss noch nie am eigenen Leib erfahren hatten (Die Autoren selbst meistens auch nicht).

Fantasien vom Kampf gegen Monster – und der Belohnung dafür

So berichtete man über heldenhafte Faustkämpfe gegen Grizzlybären und auch über Männer, die beinahe von Wieseln zerrissen wurden (nein, wirklich!). Waren solche Geschichten gerade nicht vorhanden, wichen die Autoren in Gefilde aus, die nur wenig fantastischer waren, als die zuvor genannten Themen: in die Kryptozoologie nämlich.

Freilich wurden auch hier hauptsächlich die spektakuläreren Kryptiden besprochen.

Drache im Wald
Der moderne Mann ist heute selten als Drachentöter unterwegs. Tierschutz, Platzmangel in der Tiefkühltruhe und die fehlende Abdeckung von Drachenverletzungen durch die Krankenkassen mag ein Grund dafür sein. Um so schöner, wenn man(n) sich an „bessere Zeiten“ erinnern kann.

Dreizehn solcher Geschichten haben die Autoren Robert Deis, David Coleman (der nicht mit Loren Coleman verwandt ist) und Wyatt Doyle in ihrem englischsprachigen Sammelband „Cryptozoology Anthology“ zusammengestellt. Von E wie elektronisch gesteuerten Mollusken bis Y wie Yeti-Angriff ist beinahe alles dabei. Das verspricht auch der Klappentext:

 

 

For three decades, when American men had questions about the Yeti, the Loch Ness Monster, Bigfoot and other weird beasts from the strange world of cryptozoology , they found answers in the hard-hitting pages of men’s adventure magazines. Now, collected here and for the first time ever, are samples of sensational period reporting and wild, “true” accounts of savage fist-to-claw duels between man and Sasquatch, man and fishman, man and monster! Plus, full-color vintage pulp artwork that accompanied the stories’ original publication, rare archival discoveries men’s pulp history, expert analysis, cryptid by cryptid commentary and much, much more.

 

 


Meine Meinung

Dieser Klappentext klingt fast so, als könnte er selbst aus einem der zuvor erwähnten Herrenmagazinen stammen. Lediglich die ironische Distanz fehlte damals. Die wenigsten Pulp-Autoren hätten wohl ihre Geschichten als „wild“ bezeichnet –  das kann nämlich sowohl „wild“ im eigentlichen Sinne, als auch „weit hergeholt“ bedeuten.

Weit hergeholt sind auch die meisten der Geschichten. Dauernd muss sich der Protagonist wilder Bestien erwehren, muss sie oftmals sogar töten. Und doch hindern ihn dann die „Umstände“ daran, den Körper zurück nach Europa bzw. die USA oder zumindest in die nächste Stadt zu schaffen. Wobei – wenn man bedenkt, wie oft kryptozoologisch relevante Kadaver in der Realität verschwinden, ist dieser letzte Teil der Geschichten sogar noch der realistischste.

Natürlich entführen Hominiden Menschen, vor allem Frauen!

Auch wenn die Autoren Geschichten zu den verschiedensten Kryptiden versprechen und dieses Versprechen auch einhalten, liegt der Fokus klar auf Hominiden. Gerne entführen diese Menschen (vorzugsweise Frauen). Dieser Aufbau liest sich streckenweise etwas formelhaft: Der Protagonist kommt in ein exotisches Land, eine Frau wird entführt bzw. sein Begleiter/ Hund wird getötet und schließlich muss er gegen das monströse Kryptid kämpfen. Allerdings macht das auch wieder einen gewissen Reiz aus: So war die Unterhaltungsliteratur in den damaligen Magazinen einfach aufgebaut – und die Leser fühlten sich trotzdem gut unterhalten.

 

Unterhaltsam sind die Geschichten auch heute noch – besonders, wenn der Autor erst gar keinen Versuch unternimmt, eine realitätsnahe Handlung aufzubauen. Es ist halt einfach lustig, über einen Abenteurer zu lesen, der auf einen lebenden Tyrannosaurus trifft und sich dabei noch mit einer Femme Fatale herumschlagen muss (deren Frisur auch während der Urwaldexpedition perfekt sitzt).

 

Die „realistischen“ (sprich: nicht völlig abstrusen) Geschichten haben deutlich weniger Unterhaltungswert. Zumindest eine davon wirkt ein wenig wie ein 0815-Abriss einer Bigfoot-Sichtung. Diese kann man mit ein wenig Übertreibung folgendermaßen zusammenfassen: „Wir waren im Wald und haben uns beobachtet gefühlt. Irgendwer oder irgendetwas hat einen Steinbrocken nach uns geworfen. Wir sahen eine haarige Kreatur. Unsere Hütte wurde verwüstet. Das war ganz sicher kein Bär…“.

Das ein oder andere Kleinod ist hier versteckt

Spannend war dagegen die Erkenntnis, dass sich nicht alle Pulp-Autoren ihre Geschichten in kürzester Zeit aus den Fingern saugten, um möglichst schnell Geld zu verdienen: Einer der gesammelten Texte beschreibt sehr schön indianische Erzählungen zum Sasquatch. Dabei verzichtet der Autor sogar auf die üblichen Klischees vom Sasquatch als Affenmenschen.

Fazit: eine Einstiegsdroge in die Kryptozoologie, die Spaß macht!

Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Autoren des Sammelbandes ähnlichen Aufwand betrieben hätten, was ihre „expert analysis“ betraf: Diese fiel für meinen Geschmack mit höchstens zwei Seiten zu kurz aus. Dadurch fehlen relevante Details: Recherchen etwa, ob die Geschichte vielleicht eine stark sensationalistische Variante eines reellen Sichtungsberichts ist.

 

Der Sachteil des Buches ist also reichlich dünn. Man hat allerdings das Gefühl, dass es eigentlich auch gar kein Sachbuch sein will. Vielmehr vermittelt es ein Stück amerikanische Unterhaltungsgeschichte. Dass es sich damit dem Mainstream annähert, ist letztlich ein Vorteil: So kann es einem Leser, der eigentlich nur ein paar sensationelle Geschichten lesen wollte, als „Einstiegsdroge“ in die Kryptozoologie dienen.

 

Wer also Lust hat, gelegentlich eine amüsante Geschichte mit kryptozoologischem Thema zu lesen, ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Übrigens – wussten Sie schon, wie locker die Sitten im Himalaya sind?

 

 

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Eine Einstiegsdroge?

Cryptozoology Anthology: Strange and Mysterious Creatures in Men’s Adventure Magazines ist 2015 in englischer Sprache erschienen. Die gebundene Ausgabe ,it 328 Seiten und das Paperback mit 316 Seiten sind in Deutschland nur mit etwas Glück und dann für deutlich über € 20 (für’s Paperback) zu bekommen. Die Kindle-Ausgabe ist kostengünstiger.

Sicher ein Einstieg – aber keine Droge!

 

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Kryptozoologie auf Reisen: von Riesenschlangen bis zur Kryptobotanik

Laut der Definition auf dieser Website betreibt jede*r Kryptozoologie, der oder die irgendwo – sei es in Museumsbeständen, in Oregons Wäldern oder in alten Sagen – nach einem unbekannten Tier sucht bzw. zu einem forscht. Ganz in diesem Sinne möchte ich hier einen Abriss meines stichprobenartigen kryptozoologischen Nachhakens auf meiner Reise durch Peru in 2016 wiedergeben.

3 m Anakonda ohne Reena
Leicht kann eine 3 m Anakonda noch größer geschätzt werden.

3 m Anaconda mit Reena
Dieselbe Schlange mit der Autorin als Größenvergleich. Ein solches Tier wirkt oft noch größer, als es schon ist.


Meine Funde

  • eine drei Meter lange Anakonda im Amazonasdschungel (bei Iquitos), ich konnte aber trotz Nachfragen und Nachbohren bei den dort lebenden Menschen keine Aussage zu einer größeren Riesenschlange finden;
  • hybridartige und nicht identifizierte Tierabbildungen auf der Mauer der Mythen im Mondtempel der Moche (bei Trujillo);
  • ein nicht identifiziertes Tier, das in die eine Mauer des Zeremonialplatzes der Chimú in Chan Chan eingearbeitet war (bei Trujillo); mein Guide erklärte, die Interpretation schwanke zwischen einer Fischart und einem Eichhörnchen;

    Unbekanntes Tier
    Fisch oder Eichhörnchen oder etwas ganz anderes?
  • doppelköpfige Schlangen als Regenbogen und drachenähnliche Figuren in bzw. auf den Mauern des Regenbogentempels der Chimú (Trujillo); Schlangen und Drachen seien laut Guide ein Symbol von Regen und Fruchtbarkeit, weswegen der drachenköpfige Regenbogen und der Name des Tempels zustande kamen;
  • einen hybridartigen Eulenmenschen bzw. eine anthropomorphe Gestalt mit überproportioniertem Kopf als Geoglyphe der Nazcas im Wüstensand (bei Ica), auch „Astronaut“ und deswegen gerne als Figur der Prä-Astronautik genannt; wahrscheinlicher als jede Astronauten-Theorie ist, dass diese Figur weitaus älter ist und zunächst ungeschickter in den Sand geschabt wurde als die späteren, proportional naturgetreueren (Tier-)Abbildungen;

    Der Nazca-Astronaut
    Dieses Scharrbild wird als Astronaut bezeichnet. Foto by Anonymus, CC 2.5
  • und ein Beispiel aus der Kryptobotanik: Die in der Inka-Stätte Saqsayhuamán (über Cusco) verarbeiteten, mitunter riesigen Steine sollen vereinzelt mehrere hundert Tonnen wiegen. Wie wurden sie transportiert und verarbeitet? Abgesehen von dem Wissen um die große Fertigkeit der Steinmetze der Inkas gibt es zudem in der Kryptobotanik noch das Gerücht um eine Pflanze der Inkas: Sie besäße die Eigenschaft, Steine derart zu erweichen, dass sie in jeder Größe problemlos bearbeitet werden könnten.

Wie konnten solche Steinmassen transportiert und so exakt in Polygonform zusammengesetzt werden?

 

Nachfragen vor Ort

Wie bereits direkt bei den Beispielen mit angegeben, lässt sich durch Nachfrage bei Einheimischen und Fremdenführer*innen so manches kryptozoologische Phänomen durchaus befriedigend an Ort und Stelle klären. Andere Fragen bedürfen einer ausführlicheren Beschäftigung.

 

Wer nun auf den Geschmack von Kryptobotanik oder von Kryptiden Mittel- und Südamerikas gekommen ist, dem/der seien zwei weitere, weitaus ausführlichere Auflistungen empfohlen: einmal der Artikel „Menschenfressende Bäume. Expeditionen ins Unbekannte im 19. und 20. Jahrhundert“ von Javier Resines, einmal „Lake Monsters of Central and northern South America“ von Ulrich Magin.

 

Beide Artikel stehen im Jahrbuch für Kryptozoologie 2020.