1

Kryptozoologische Presseschau 34/2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wie immer montags gibt es auch diese Woche die kryptozoologische Presseschau.

So langsam kommen die ersten Aktivitäten für die Nach-Corona-Zeit in Gange, obwohl die Pandemie noch lange nicht überwunden ist. In der vergangenen Woche sind direkt zwei relevante Termine für kryptozoologisch Interessierte bekannt gemacht worden:

Apropos Tor zur Urzeit: Das Museum hatte in unserer Facebookgruppe zu Spenden für den Knochentisch aufgerufen. Gesucht wurden (sub)fossile Knochen und anderes Material, das auf dem „Knochentisch“ verkauft werden kann. Die Resonanz war toll, das Museum hat mehrere Pakete voller Knochen und Knochenfragmete, dazu über 100 kleine Dinosauriermodelle und ein paar Fossilien aus Süddeutschland zum Handverkauf.

Herzlichen Dank an alle Spender!

Bei der Gelegenheit möchten wir euch auch auf unsere Facebook-Aktivitäten aufmerksam machen: es gibt eine Facebook-Gruppe und eine Facebook-Seite zum Netzwerk für Kryptozoologie. Wenn ihr sowieso im „Buch der Gesicher“ aktiv seid, schaut doch mal vorbei.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

Eurer / Ihr

 

Tobias Möser


Blauwal-Finnwal-Hybriden sind fruchtbar!

Walhybrid
Hybrid zwischen Blau- und Finnwal. Foto: Adam Ernster

Kreuzungen zwischen Finnwal und Blauwal sind seit den 1880ern bekannt. Mittlerweile weiß man,  dass sie sogar regelmäßig vorkommen. Bisher waren Wissenschaftler der Meinung, dass diese Tiere nicht fruchtbar sind. Christophe Pampoulie (Meeres- und Süßwasserforschungsinstitut in Island) und seine Kollegen analysierten DNA-Proben von verschiedenen Walen und machten eine bemerkenswerte Entdeckung: Ein Individuum war der Nachkomme eines männlichen Blauwals und einer weiblichen Kreuzung.

 

Möglicherweise sind diese Hybriden auch der Hintergrund des 52 Hz-Wales.

 

Quelle: Evolutionary Applications

 

Anzeige

Der 52 Hertz-Wal, einsamster Wal der Welt

Es gibt einen Wal, dessen zu hohe Stimme die anderen Wale nicht hören können. 1989 wurde an der Westküste der USA von einem U-Boot-Abwehr-Hydrophon der US-Marine erstmals der Gesang eines Wales aufgenommen, der aufgrund eines angeborenen Sprachfehlers viel, viel höher sang als alle anderen Wale. Man geht davon aus, dass andere Wale ihn nicht hören und er andere nicht hören kann. Der Wal lebt unter dem Namen „52 Hertz“ als „der einsamste Wal der Welt“ allein im Pazifik und wird seit Jahren wissenschaftlich begleitet

 

„Ein zutiefst philosophisches Buch, das interessante Gesprächsanlässe bietet.“ — Maren Bonacker, Welt des Kindes

 

Der einsamste Wal der Welt“ hat 48 Seiten und am Ende ein 1 m langes Unterwasser-Panorama. Der Verlag gibt an, es sei für Kinder von 4 bis 8 Jahren geeignet, wir halten diese Zielgruppe ob des traurigen Themas für zu jung.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website

Ist das ein Schwertfisch?

Das britische Nachrichtenportal Daily Record berichtet am 19. August, dass in der Nähe eines Spielplatzes in Ayr (50 km südwestlich von Glasgow) ein Kadaver angeschwemmt worden ist. Anhand des Bildes wurde er sehr schnell als „Schwertfisch“ identifiziert.

vermeintlicher Schwertfisch
Ein Schwertfisch? Foto: Ewan Robertson

Mitglieder des Netzwerkes für Kryptozoologie sehen das anders. Schwertfische haben ein deutlich reduziertes Körperskelett, während der Kadaver massive Wirbel mit kräftigen Fortsätzen aufweist, die im vermeintlichen Brustbereich jedoch keine Rippen bilden. Das Schwert ist bei Schwertfischen aus Teilen des Oberkiefers und Schädels und ist nicht segmentiert. Hier zeigen sich deutliche Segmente. Das Kopfskelett ist nicht sichtbar. Eine Maulöffnung ist nicht erkennbar, Flossen wie Rücken-, Brust- und Bauchflossen fehlen völlig.

Insbesondere die schweren Wirbel und das seltsame „Rostrum“ lassen eine völlig andere Interpretation zu. Bei dem vermeintlichen Auge handelt es sich um den Anus eines Tieres, das dann sehr schnell als Schweinswal identifiziert werden kann.

 

Zum Vergleich: ein montiertes Schwertfischskelett:

Schwertfischskelett
Schwertfisch-Skelett. Foto by Postdlf. CC 3.0

und das eines Schweinswals:

Schweinswal-Skelett
Skelett eines Hafenschweinswals Phocoena phocoena by André-Philippe Picard, adaptiert


Was Spirit-Bears ausmacht

Spirit Bear
Ein Jungtier mit der Spirit-Bear Fellfarbe und seine Mama. Foto: Doug Neasloss

Spirit-Bears waren lange Zeit bei den weißen Amerikanern nur Legende, die First Nations der nördlichen Wälder kannten die hellen Bären und schützten sie. Mittlerweile ist bekannt, dass sie gelegentlich auftreten: Schwarzbären mit hellem, beinahe weißem Fell.

Ein Forschungsprojekt, in das vor allem Mitglieder der First Nations eingebunden sind, untersucht nun diese Bären. Eine der ersten Maßnahmen war es, Scheuerstellen aufzustellen, an denen Bären ihr Fell abschubbern können. Hierzu rammten die Mitarbeiter Pfähle fest in den Boden und umwickelten sie mit Stacheldraht, um sie danach mit einem Lockstoff zu beduften. Die Bären, denen die Haare des abgestoßenen Winterfells nach dem Winterschlaf juckten, ließen sich nicht lange bitten.

Die Haare erzählen so manche Geschichte. Art und Geschlecht der Bären, Stresslevel, Nahrungspräferenzen und natürlich das Ziel der Studie: Ob sie die Gene für das helle Fell der Spirit-Bears tragen. Diese Gene ähneln der Genvariante, die bei Menschen helle Haut und rote Haare verursacht.
Sie zeigten aber auch, dass die Genvariante nur halb so häufig war, wie in früheren Studien abgeschätzt. Dafür ist sie weiter verbreitet, als erwartet. Leider zeigen sie aber auch, dass viele „Spirit-Bear Hotspots“ nicht ausreichend geschützt sind.

 

Die New York Times hat den Artikel gebracht.


Galapagos: Forscher entdecken 30 neue Arten

Ein internationales Team von Meeresforschern hat in der Tiefsee vor den Galápagos-Inseln 30 neue Tierarten entdeckt. Unter den Neuentdeckungen seien 14 Korallen, ein Seestern, elf Schwämme sowie vier bisher unbekannte Krustentiere, erklärte der Galápagos-Nationalpark.

Galapagos
Die Galapagos-Inseln sind die Inseln mit der höchsten Endemitenquote – und gelten als Inspiration für Darwins Evolutionstheorie

Diesen Erfolg erzielten die Forscher der Charles-Darwin-Stiftung in der Tiefsee um die Vulkaninseln. Hierzu untersuchten sie die Gewässer am Abhang der Vulkane bis in 3400 m Tiefe.


Felsgleithörnchen wieder aufgetaucht

Das Felsgleithörnchen Eupetaurus cinereus ist das größte und zugleich seltenste Gleithörnchen der Welt. Es stammt aus der westlichen Himalaya-Region, Kaschmir und Sikkim. Bisher sind nur 11 Museumsexemplare bekannt. Es galt seit 1924 als ausgestorben. 1994 entdeckte eine gelang einer gezielt nach dem Tier suchenden US-amerikanischen Expedition das Tier wieder. Sie fanden ein Tier in einer Höhle in den Bergen oberhalb des Sai-Tales im Norden Indiens.

Felsgleithörnchen Eupetaurus-cinereus
Das Felsgleithörnchen Eupetaurus cinereus aus Richard Lydekker – Mostly Mammals, 1903

Weitere Versuche, das Felsgleithörnchen zu finden, blieben erfolglos, so dass es als ausgestorben galt. Mitarbeiter des Wildlife Institute of India konnten das Tier in 13 von 18 Waldgebieten im Gangotri National Park im Bundesstaat Uttarakhand. Möglicherweise ist das Tier noch weiter verbreitet.

 

Quelle: Hindustan times


Neu beschrieben:

  • Vor Java haben Biologen eine neue Tiefsee-Garnele gefangen. Das Tier hat jetzt den Namen Glyphocrangon serratirostris. Die Erstbeschreibung erschien im Raffles Bulletin 68
  • Aus Ostbrasilien stammt Hypomastictus santanai, eine bisher unbekannte Art der Schlanksalmler. Er wurde standesgemäß in der Copeia beschrieben.

 

 

Anzeige

Mein Blockhaus in Kanada: Wie ich mir den Traum von Wildnis und Einsamkeit erfüllte

2017/2018 erfüllte sich Carmen Rohrbach einen lang gehegten Traum und lebte mehrere Monate in einem Holzhaus fernab der Zivilisation, an einem See mit glasklarem Wasser, umkränzt von felsigen Bergen. Fesselnd berichtet sie von den Vorbereitungen und Schwierigkeiten ihres Abenteuers. Wie sie auf ausgedehnten Wanderungen die Wildnis erkundete und schließlich mehrere Wintermonate in völliger Isolation bei bis zu minus 48 Grad verbrachte, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Auf mitreißende Art lässt sie uns an ihren intensiven Erfahrungen und Wahrnehmungen, ihren Beobachtungen und Gedanken teilhaben.

 

Mein Blockhaus in Kanada ist im September 2019 bei Malik erschienen und hat 288 gebundene Seiten.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website

 

Kurz gemeldet:

Rezent im Wasser

  • Wir hatten ihn schon mehrmals in der Presseschau: Der Fischlift am Baldeney-See in Essen geht nun offiziell in Betrieb.
    Mithilfe einer künstlichen Strömung werden die Fische in die zwei Fahrkörbe des Lifts hineingelockt . Nach einiger Zeit schließt sich eine Tür und die Kammer steigt nach oben bzw. unten. Dort öffnet sich die Tür automatisch und die Fische können in den Baldeneysee oder die untere Ruhr schwimmen.
    Laut Ruhrverband waren die Tests, die seit Anfang Juli liefen, sehr erfolgreich. Deshalb sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Fische ihren neuen Fahrstuhl annehmen, heißt es.
  • Den Orcas an der kanadischen Westküste geht es etwas besser. Drohnenaufnahmen des kanadischen Center for Whale Research zeigen, dass zahlreiche Tiere trächtig sind, wesentlich mehr als in den letzten Jahren. Ob dies mit der Ruhe während des Corona-Shutdowns oder der fortschreitenden Renaturierung der Laichgewässer der Wildlachse (Hauptbeute der Residents) zu tun hat, wird sich zeigen.
  • Nach Meldung von Mark Chapman sind zwei Sowerby-Schnabelwale Mesoplodon bidens von Norfolk aus auf den Weg nach Süden in die Nordsee. Die Art gilt als eine der am besten bekannten Mesoplodon-Arten. Nahezu alles, was man von den Tieren weiß, stammt von gestrandeten Tieren. Die meisten dieser Tiere sind an den britischen Inseln gestrandet.

Sowerby-Schnabelwal
Sowerby-Schnabelwal, Foto: P.J. Vanderlinde

Rezent an Land

  • Die Lüftungsanlage der Uni Freiburg wurde zahlreichen Fledermäusen zum Verhängnis. Ende Juli haben Mitarbeiter in verschiedenen Etagen des Chemie-Gebäudekomplexes bis zu 2400 Zwergfledermäuse entdeckt. Die Tiere kamen aber gegen den starken Luftstrom nicht mehr aus dem Gebäude und waren so gefangen.
    Mitarbeiter der Uni, ehrenamtliche Helfer und Experten konnten immerhin mehr als 1700 der Fledertiere retten.
    Die Lüftung ist eigentlich mit Fledermaus-Schutzgittern abgedeckt, diese waren aber beschädigt. Daher ermittelt nun die Polizei.
  • In Stuttgart-Möhringen wurden nach Angaben der Stadtverwaltung Tigermücken und deren Eier entdeckt. Die Tiere sind in der Lage, das Dengue-Fieber und andere Krankheitserreger zu übertragen. Die Tiermücke ist in Deutschland 2007 das erste Mal nachgewiesen worden. 2011 und 2012 wurden ebenfalls versprengte Einzeltiere gefunden, die vermutlich mit Zügen oder Flugzeugen nach Süddeutschland kamen. 2014 wurde in Freiburg eine stabile Gründerpopulation entdeckt. Seit dem breiten sich die Tiere langsam aber stetig aus.
    In anderen Stadtteilen Stuttgarts wurde das Tier noch nicht gefunden.
  • Am Samstag ist auf der A 1 bei Lohne in Niedersachsen ist ein Auto mit einem Pfau kollidiert. Die Insassen des Autos blieben unverletzt, der Pfau überlebte den Unfall nicht.
  • Die Behörden haben den Zoo aus dem Netflix-Hit „Tiger King“ wegen fortgesetzter Verstöße gegen den Tierschutz geschlossen.

Ausgestorben

  • Der Name Oculudentavis khangraae behält wohl Gültigkeit. In einem Paper belegt Alois Dubois, dass Retraktionen von Papers im Sinne der zoologischen Nomenklatur nicht gibt. Der Name ist also gültig, bis formal etwas anderes belegt ist. Das Paper ist als pdf verfügbar.

Strandfunde

  • Am Mittwoch, den 19. August strandeten gleich sieben Nördliche Entenwale bei Rossnowlagh im County Donegal an der nordwestirischen Küste. Sechs von ihnen verstarben trotz des unermütlichen Einsatzes von Helfern der Irish Whale and Dolphin Group (IWDG). Sie konnten das siebte Tier wieder ins Wasser bringen. Es schwamm weg, war jedoch geschwächt.
    Ob weitere Tiere der Schule in der Nähe sind oder ob die komplette Schule gestrandet ist, konnte nicht geklärt werden. Entenwale gehören zu den tieftauchenden Hochseearten und nähern sich nur selten Küsten.

    Entenwale
    Zwei der in Donegal gestrandeten Entenwale. Foto: Thomas & Louise Coleman
  • Rockford in Illinois hat 152.000 Einwohner, liegt am Rock River, ziemlich genau 100 km vom Michigansee und 125 km von Chicago entfernt. Es hat einen Radiosender, der sich „Home of Classic Rock“ nennt und seit Kurzem ein Monster.
    Stephanie, Reporterin des Radiosenders bekam von einer Freundin ein Bild eines Kadavers, der bei den Docks am Wasser lag. Die Reporterin, Fan von 80er-Jahre B-Movies, nannte das Tier The Rock River Rodent. 
    Das NfK ist anderer Meinung. Nicht nur die Ähnlichkeit zum Montauk-Monster und zum Staten-Island-Kadaver sind sehr groß. Auch Zähne und Pfoten entsprechen einem Waschbär:

 


Feld-Ornithologisches

Diese Woche gibt es einiges an ungewöhnlichen Arten zu vermelden.

Am Dienstag sichelte ein Scharlachsichler bei Wersabe-West (bei Cuxhaven), am Freitag zeigte sich quasi das weiße Pendant, ein Schneesichler bei Vechta. Ein Jungfernkranich wurde am Donnerstag in Haar an der Ems beobachtet und am Freitag bei Steinau im Kreis Cuxhaven.

 

Zu den weniger exotischen Tieren:

 

Neumeldungen

  • Auf Helgoland ist ein Rosenstar unterwegs, vermutlich ein Jungtier aus diesem Jahr. Mehrfach wurde auch bei Neuwerk im Watt ein diesjähriger Rosenstar beobachtet. Haben die Tiere irgendwo verborgen gebrütet?
  • Bei Seedorf in Schleswig-Holstein zieht ein Adlerbussard seine Kreise.
  • Auf Spiekeroog hat sich eine Schwalbenmöwe niedergelassen, ungewöhnlich früh dieses Jahr.
  • Bei Lübben im Spreewald schnepft eine männliche Doppelschnepfe über den Polder Kockrowsberg.
  • Helgoland ist bei den ungewöhnlichen Sturmtauchern sehr beliebt, ein Dunkler Sturmtaucher und ein Balearensturmtaucher sind zu beobachten.
  • Sicher die Stars dieser Woche sind zwei Zwergadler der dunklen Morphe, die bei Großenkneten im Oldenburger Land ihre Kreise in den Aufwind zeichnen.

 

Noch immer vor Ort:

  • Der Nonnensteinschmätzer von Belgern. Am Dienstag haben Vogelschützer in Absprache mit der Vogelwarte Hiddensee und der UNB das Tier gefangen, beringt, vermessen und die Identität abschließend geklärt. Es handelt sich um ein Männchen aus dem Vorjahr, das die Mauser so gut wie abgeschlossen hat. Die Bestimmung als Nonnensteinschmätzer ist sicher, Zypernsteinschmätzer kann ausgeschlossen werden.

Zu guter Letzt:

Jeden Abend bei Sonnenuntergang verlassen hunderttausende Faltlippen-Bulldoggfledermäuse (Chaerephon plicata) die Tham Khangkhao genannte Fledermaushöhle bei Pak Chong in Thailand:

 

 




Mein Wort zum Sonntag – 23. August 2020

Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

Zwei Wochen sind inzwischen schon wieder vergangen. Letzten Sonntag musste mein Artikel leider ausfallen. Es gab eine Menge zu tun, sodass ich meine Online-Aktivität etwas heruntergefahren habe. Außerdem habe ich letztes Wochenende endlich mal wieder meine Familie besucht.

 

Bei uns in Schleswig-Holstein hat nun auch die Schule wieder angefangen. Zwei Schulwochen sind sogar schon rum, und ich finde wieder langsam in den Alltag hinein. Doch „normal“ ist alles natürlich nicht. Zwar verhalten sich viele Schülerinnen und Schüler wirklich vorbildlich, wahren Abstände, tragen Maske (ab Montag kommt außerdem bei uns die strikte Maskenpflicht!) und halten sich an Kontaktbeschränkungen. Doch ich sehe jeden Tag auch unschöne Szenen, die mich sprachlos machen. Begrüßungen mit Umarmung und Bussi links, Bussi rechts. Dass ohne Maske gerangelt und getobt wird. Man sitzt zusammen, teilt das Pausenbrot und die Süßigkeiten. Fast könnte man vergessen, dass da draußen immer noch ein todbringendes Virus grassiert, und dass die Fallzahlen jeden Tag wieder steigen!

 

Den Kindern möchte ich dabei noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Aber allen Erwachsenen, allen Eltern und vor allem den Lehrern und Schulleitern möchte ich DRINGEND ins Gewissen rufen, dass solche Dinge absolut nicht klargehen! Wir haben uns fünfeinhalb Monate jetzt alle so sehr angestrengt und eingeschränkt, auf Kontakte zu unseren Lieben verzichtet, uns aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Bitte lasst das jetzt nicht alles umsonst gewesen sein! Mahnt eure Kinder, eure Schülerinnen und Schüler weiterhin zur Vorsicht und zur Rücksichtnahme. Macht ihnen keine Angst, aber zeigt ihnen in aller Deutlichkeit, dass die Lage nach wie vor sehr ernst ist. Und geht mit gutem Beispiel voran!


Bild der Woche

Na wer versteckt sich denn da? Ein Pachycephalosaurus stapft durch den Bruchwald von Hell Creek. Wer sich außer ihm wohl noch in diesem Sumpf aufhält?

Das Artikelbild stammt von den Blue Rhino Studios.

 


Paläo-News

Weil das Wort zum Sonntag letzte Woche ausfiel, kommt heute die Zusammenfassung aus den letzten beiden Wochen. Und es waren einige echte Sensationen dabei!


Von wegen ausgestorben: Nachtfalter nach mehr als 100 Jahren wiederentdeckt!

Bereits im vergangenen Jahr ist einer Doktorandin der Universität Würzburg bei der groß angelegten Insektenzählung ein bemerkenswerter Fang geglückt. Was damals aber noch nicht bestätigt werden konnte, ist nun nach mehreren weiteren untersuchten Exemplaren sichere Tatsache: die „Helle Pfeifengras-Graseule“ ist wieder da!

 


Bereits zu Zeiten Bismarcks ist das keine Nachtinsekt aus unseren Wäldern verschwunden und wurde seither von Insektenkundlern für ausgestorben gehalten. Demnach ist die Wiederentdeckung eine kleine Sensation.

Link zur Mitteilung der Uni Würzburg


Neue Erkenntnisse zum Aussterben der Wollnashörner: Menschen waren doch nicht schuld!

Coelodonta antiquatis, auch bekannt als Wollnashorn, gehört zu den bekanntesten Großtieren der Eiszeitfauna Eurasiens. Auch bei uns in Deutschland stapften diese pelzigen Giganten einst durch die damalige Tundralandschaft. Doch wieso sind sie vor etwa 12.000 Jahren ausgestorben?

 

Da viele eiszeitliche Großtiere damals etwa zeitgleich verschwanden, vermuteten Forscher lange Zeit den Menschen als Hauptauslöser für dieses Massenaussterben: durch intensive Bejagung habe er die Tiere nach und nach ausgerottet. Neuere Forschungen, insbesondere Genanalysen zeigen, das dies aber wohl nicht der Fall war. Die Wollnashorn-Population blieb, so Ergebnis einer neuen Studie, auch Jahrzehntausende nach der Ankunft des Menschen weitestgehend stabil. Auch Inzucht und genetische Verarmung können als Aussterbegrund ausgeschlossen werden.

Coelodonta antiquatis, das Wollnashorn. Bildquelle: Mauricio Antón

Das Verschwinden der Eiszeittiere fällt allerdings zeitlich genau mit dem Bölling-Allerod-Interstadial, einer kurzen Warmzeit zusammen. Als sich die Tundralandschaften in dieser Zeit stark zurückzogen, und es für einige Zeit zu extremen Klimaschwankungen kam, hatte dies massive Auswirkungen auf das Ökosystem Mammutsteppe. Die Bejagung durch den Menschen dürfte also nur einen Teilaspekt beim Verschwinden der Wollnashörner dargestellt haben, und sehr wahrscheinlich nur einen ausgesprochen kleinen.

 

Link zur Studie


Neuer Tyrannosauroid: Vectaerovenator inopinatus!

Noch ist das Paper zu dem Tier zwar noch nicht offiziell draußen und deshalb gibt es hier bei mir auch noch keinen offiziellen Artikel dazu, aber ihr findet die Nachricht bestimmt trotzdem spannend: auf der Isle of Wight wurde ein neuer Dinosaurier entdeckt, offenbar ein früher Verwandter des Tyrannosaurus rex! Einen Namen (bislang ein sogenanntes „Nomen nudum“) hat der Fleischfresser aus der unteren Kreidezeit offenbar auch schon: Vectaerovenator inopinatus!

 

 

Bereits letztes Jahr fanden Fossilienjäger die ersten Überreste des Tieres. Neben zwei Einzelfunden wurden auch die Knochen mehrerer Individuen geborgen, was darauf schließen lässt, dass der Theropoden in Gruppen gelebt und gejagt haben könnte.

 

Mehr dazu – und auch ein interessantes Video – gibt es hier.


Neues Paper über den heiß debattieren Oculudentavis veröffentlicht!

Eine neue Beschreibung des weiteren, bislang nicht veröffentlichten Fossilmaterial von Oculudentavis khaungraae ist endlich da! Das erste, Anfang des Jahres vorgestellte Exemplar versetzte die Fachwelt in helle Aufregung: die Autoren behaupteten, den Kopf eines winzigen, nur kolibrigroßen Vogels oder Mini-Dinosauriers in einem 99 Millionen Jahre alten Bernstein gefunden zu haben.

Das neue Material von Oculudentavis, beschrieben in der neuen Studie.

 

Schon kurz nach der Erstveröffentlichung wurden erste Zweifel laut, da das Material auch Merkmale eines Lepidosauriers zeigte – also einer „gewöhnlichen“ Echse. Als die Autoren der Erstbeschreibung daraufhin auch noch ihr Paper formal zurückzogen, war die Verwirrung perfekt: schließlich wurde in dieser Studie auch ein Name vergeben. So wurde heftigst gestritten, und obwohl letztlich entschieden wurde, dass der „Augenzahnvogel“ seinen Namen behalten müsse, auch wenn er gar kein Vogel ist, brachte dieser Rückzug den Autoren letztendlich sogar noch mehr Kritik ein, als die vorschnelle und fehlerhafte Studie.

 

Noch böser wurde der Ton, als bekannt wurde, dass die Erstbeschreiber offenbar von einem zweiten Exemplar wussten, aus dem die Lepidosaurier-Merkmale noch deutlicher ersichtlich wurden. Und sie wussten das schon vor der Veröffentlichung ihrer Studie. Die Vorwürfe gingen sogar soweit, dass man den Autoren nicht nur fachliche Inkompetenz, sondern sogar Ruhmsucht und Sensationslust unterstellte – da ein Dinosaurier im Bernstein ja viel höheres Prestige und Ansehen mit sich bringt als eine „gewöhnliche“ Echse.

 

 

Der kleine Oculudentavis kann freilich nun aber nichts dafür, und deshalb hat er jetzt auch eine formelle Neubeschreibung bekommen – von anderen Autoren, die ihn jetzt auch als Lepidosaurier beschrieben.

 

Oculudentavis khaumgraae, wie er wohl wirklich aussah. Rekonstruktion von Tomasz Kwiatkowski.

 

 

Link zu der neuen Studie.


Neuer Ankylosaurier aus China entdeckt: Sinankylosaurus zhuchengensis!

Chinesische Wissenschaftler beschrieben in einer neuen Studie die Fossilien eines bislang unbekannten und relativ großen gepanzerten Dinosauriers, der in der oberen Kreidezeit, also vor 77 bis 74 Millionen Jahren auf dem Gebiet der heutigen chinesischen Provinz Shadong, unweit von Zhucheng lebte.

Das in der Studie beschriebene Fossilmaterial.

 

Die Fossilien ähneln stark den nordamerikanischen Ankylosaurier-Fossilien, weshalb der neue Fund ein weiterer Beleg für die Theorie ist, dass in der oberen Kreidezeit ein reger Artenaustausch zwischen den Kontinenten stattgefunden haben muss. Über die Landverbindung Beringia wanderten Dinosaurier damals von Kamtschatka nach Alaska. Der Ankylosaurier wurde nun als Sinankylosaurus zhuchengensis neu beschrieben.

So ähnlich könnte der neue Ankylosaurier ausgesehen haben. Hier ein Bild vom (wahrscheinlich eng verwandten) Saichania, aus der Feder von Andrey Atuchin.

 

Literatur: Wang Kebo, Zhang Yanxia, ​​Chen Shuqing, Wang Peiye, Chen Jun (2020)”A new Ankylosaurus from the Late Cretaceous in Zhucheng, Shandong Dinosaurs”. Geological Bulletin of China 39 (7):958–962.


Über 2 m langer Schädel eines Triceratops geborgen!

David Schmidt und sein Ausgrabungsteam haben in Montana die fossilen Überreste eines großen Triceratops entdeckt. Das bemerkenswert vollständige Schädelfossil misst etwa 2,20 und gehört damit zu den größten Schädeln im Tierreich, auch wenn dieser hier noch längst nicht der größte jemals gefundene seiner Art ist.

Schmidt und seine Kollegen erfüllten sich damit einen Kindheitstraum. Die Geschichte ihrer Entdeckung könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

 

Bildquellen: David Schmidt


Neue Studie über Carnotaurus- Schädel: CT-Scan enthüllt neue Alleinstellungsmerkmale

Der wohl bekannteste Vertreter der Abelisauridae ist Carnotaurus sastrei, der während der späten Oberkreide in Südamerika lebte und bislang der größte dortige Theropode seiner Zeit ist. Mit seinen markanten beiden Stirnhörnern und den absurd kurzen Ärmchen ist er leicht zu erkennen und eigentlich jedem Dino-Fan ein Begriff.

 


Im Rahmen einer neuen Studie wurde das fossile Material neu betrachtet und erstmalig auch mithilfe von CT-Scans und 3D-Modellen untersucht. Diese neuartigen Forschungsmethoden geben neue Einblicke in die verwandtschaftlichen Beziehungen der weit verbreiteten Abelisaurier, und sie lieferten den Forschern neue Alleinstellungsmerkmale, die es ihnen ermöglichen, Carnotaurus-Fossilien von anderen Theropoden abzugrenzen.

Carnotaurus sastrei in der Lebendrekonstruktion von Fred Wierum.

Link zur Studie


Sensationsfund! Ichthyosaurier verschlang riesiges Meeresreptil!

Ichthyosaurier waren die wohl am besten an ein aquatisches Leben angepassten Meeresreptilien des Mesozoikums. Schon in der frühen Trias, und damit noch vor dem Erscheinen der ersten Dinosaurier, beachten sie einige stattliche Exemplare hervor. Mit ihren stromlinienförmigen, etwas an Delfine erinnernden Körpern konnten sich einige von ihnen damals sogar mit heutigen Bartenwalen vergleichen.

 

 

Bislang gingen Forscher davon aus, dass sich die meisten Ichthyosaurier vor allem von Tintenfischen, Ammoniten und anderen Kopffüßern ernährten. Ein neuer Fund aus Südwestchina zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild: im Innern eines etwa zehn Meter langen Guizhouichthyosaurus fanden Forscher die Überreste eines Xinpusaurus, eines Thalattosauriers. Und dieses Meeresreptil gehörte zu den größten Vertretern seiner Familie: ganze vier Meter lang war dieses Exemplar, also deutlich größer sogar als ein Mensch, das der Ichthyosaurier vor etwa 230 Millionen Jahren verschlang!

 


Es lässt sich freilich nicht sagen, ob der Guizhouichthyosaurus den Thalattosaurier auch gejagt und selbst zur Strecke gebracht hat, oder ob er das Glück hatte und auf einen dahertreibenden Kadaver stieß. Trotzdem ist damit das Bild des „sanften Riesen“ dahin: die Ichthyosaurier der Trias waren offensichtlich Beutegreifer, die auch größere Beute nicht verschmähten, und sehr wahrscheinlich waren sie sogar die gefürchtetsten Spitzenprädatoren ihrer Zeit!

 

Bilderquelle und Link zur Studie


Erdnahe Supernova? Devonisches Massenaussterben möglicherweise durch kosmische Strahlung verursacht

Das Hangenberg-Ereignis im späten Devon gehört zu den Big Five der größten Massenaussterben der Erdgeschichte. Mehr als 75% aller Arten starben zu dieser Zeit, also vor etwa 360 Millionen Jahren aus. Über die Ursachen dieses langsamen, wahrscheinlich in mehreren Wellen stattfindenden Artenschwunds wird in Fachkreisen seit Jahrzehnten debattiert und heiß geforscht.

 

Während in vorangehenden Massenaussterben etwa 10 Millionen Jahre früher wohl vor allem Vulkane die Ursache gewesen sein könnten, bestätigten jüngste Studien, dass zu Beginn der Hangenberg-Krise auch der Ozongehalt in der oberen Atmosphäre stark abnahm (wir berichteten). Nun suchen Wissenschaftler fieberhaft nach der Ursache für diese Entwicklung.

 

Die Tierwelt im Oberdevon. Bildquelle: pbs.twing.com

 

Forscher der University of Illinois könnten vielleicht fündig werden. Nach ihrer Theorie könnte eine erdnahe Supernova und die auf die Erde treffende Strahlung als Ozonkiller infrage kommen. Die bisherigen Belege in den Fossilien sprechen zumindest dafür, dass das Ozon damals langfristiger und nachhaltiger geschädigt wurde, als es durch natürliche irdische Ursachen der Fall gewesen sein könnte, wie etwa durch besagte Vulkanausbrüche, die ja auch rund 10 Millionen Jahre zu alt sind.

 

Eine Supernova. Schematische Darstellung von Jesse Miller.

 

Sie sind zuversichtlich, die Beweise für ihre Theorie bald vorlegen zu können: schließlich gibt es besondere Eisen- und Strontium-Isotope, die sich nur infolge einer solchen Supernova bilden könnten. Sollte man diese in den Schichten aus dem Oberdevon nachweisen können, hätte man damit eines der größten Geheimnisse der Erdgeschichte gelöst. Man darf also gespannt sein.

 

Link zur Studie


Schädel der Vögel entwickelten sich nach KP-Massenaussterben deutlich langsamer und weniger weiter als bislang angenommen

Vögel stellen heute gut ein Drittel aller Landwirbeltierarten und sind damit ihre bei weitem erfolgreichste Gruppe. Man kann also mit Recht sagen, dass Dinosaurier – denn nichts anderes sind Vögel schließlich – immer noch die Welt beherrschen.

Schematische Darstellung der Vogelevolution aus der neuen Studie.

 

Nach dem Verschwinden ihrer größeren Cousins haben sie in kurzer Zeit eine sehr große Artenvielfalt hervorgebracht. Nicht so vielfältig, sondern untereinander erstaunlich ähnlich, ist jedoch der Bau ihrer Schädel. Einer neuen Studie des University College of London zufolge hat sich lediglich die Schnabelregion infolge der Anpassung an verschiedene Nahrungsquellen verändert. Schädeldach und sonstige Schädelregionen sind aber weit weniger divers, als man nach so langer Zeit der Entwicklungsgeschichte erwarten müsste. Auch bei den Vorfahren der Vögel, bei den Dinosauriern, haben sich die Schädelregionen auf sehr vielfältige Art und Weise weiterentwickelt.

 


Herausgefunden haben die Forscher das durch detaillierte Vergleiche, die sie mithilfe von 3D-Modellen angefertigt haben. Dabei verglichen sie 354 rezente und 34 ausgestorbene Vogelschädel miteinander.

 

Link zur neuen Studie.


Anfänger findet größten Bronze-Schatz in London

Für Harry Platts, 23 Jahre jung und gerade mit seinem ersten Abschluss in Archäologie in der Tasche, sollte es der Tag seines Lebens werden: gerade einmal vier Wochen im neuen Job, einer sechswöchigen Ausgrabung am Nordufer der Themse in Rainham bei London.

 

„Ich war gerade dabei, meine Sachen einzupacken, da sah ich so einen grünen Fleck am Rand meines Grabungsbereichs“, berichtet Platts in der EXPRESS. „Zuerst dachte ich, es wäre nur ein Stein oder so, aber dann fing es plötzlich an, wie eine Axt auszusehen.“

 

Beginner's luck: The graduate archaeologist who unearthed Havering ...

 

Der Zufallsfund auf einem Grabungsfeld, dass schon seit den 60gern immer wieder von Archäologen aufgesucht wurde, führte zu der Entdeckung von insgesamt 453 Artefakten aus der Bronzezeit, die etwa 2.900 Jahre alt sind. Es ist der bislang größte Schatz dieser Art und dürfte sich für den jungen Mann, der im Wintersemester sein Studium der mittelalterlichen Archäologie in York fortsetzen wird, als wichtiger Schritt auf der Karriereleiter erweisen.

 

Wir wünschen alles Gute, Mr. Platts!

Bild- und Artikelquelle


Das war es für heute mit den Nachrichten aus der Welt der Urzeit!


Artikel der Woche

In den letzten zwei Wochen gab es dann jeweils auch zwei neue Spezialartikel. Im ersten stellte ich den zweiten Teil der BBC-Dokumentation „Im Reich der Giganten“ mit der Folge „Zeit der Titanen“ auf den Prüfstand:

 

 

Anzeige

Dinosaurier – Im Reich der Giganten

Das Zeitalter der Dinosaurier begann in der mittleren Trias und endete mit der Kreidezeit. Diese fantastische DVD erweckt die Kreaturen wieder zum Leben, die 160 Millionen Jahre die Erde beherrschten. Spannende Geschichten zeigen die größten jagenden Fleischfresser, die pflanzenfressenden Riesensaurier, die in die Tiefen der Ozeane lauernden Meeressaurier, die mit riesiger Spannweite durch die Lüfte gleitenden Flugsaurier und viele andere seltsame Lebewesen jener Zeit. Im Stil bester Natur-Filme wurde die beeindruckende Dokumentation in aufwendiger und modernster Computertechnik hergestellt.

 

Die aufwändig hergestellte, sechsteilige Produktion zeigt Dinosaurier in einer Animationsqualität, die nie wieder erreicht wurde. In sechs Folgen a 45 Minuten betrachtet Dinosaurier – Im Reich der Giganten unterschiedliche Zeiten und verschiedendste Lebensräume. Natürlich hat sich seit der Produktion in der Forschung einiges getan, einige Darstellungen würde man heute nicht mehr so bringen, aber in Vielem liegt die BBC immer noch richtig.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website

 

Im letzten Artikel war wiederum ein neues Hell-Creek-Tier an der Reihe, und weil ich die artenreichste Gruppe der mesozoischen Tiere bislang sträflich vernachlässigt habe (gut… „Die weißen Steine“ spielt aber auch größtenteils auf dem Festland!), gab es diesmal wieder einen Ammoniten, nämlich Pachydiscus neubergensis.

 


Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit, viele Grüße aus Kiel und einen schönen Sonntag!

 

Markus Kretschmer




Freitagnacht-Kryptos: „Ein Tier, das die guten Leute von Ohio erschreckt.“

 

Zanesville, Ohio

 

Als William Winters Gebüsch auf der Farm seines Vaters in der Nähe dieses Ortes rodete, wurde seine Aufmerksamkeit auf ein monströs aussehendes Tier oder Reptil gelenkt, das mit weit geöffnetem Maul auf ihn zukam, bis es so nah war, dass die Kiefer etwa 30 cm voneinander entfernt zu sein schienen und eine rote, gegabelte Zunge und bedrohlich aussehende, etwa 4 cm lange Zähne zeigten.

 

Das Tier oder die Schlange, oder was auch immer es war, pfiff und brüllte auf ängstliche Weise und stürzte mit grün glänzenden Augen auf ihn zu , die aus seinem massiven, mindestens 30 cm breiten Kopf hervorstanden. Und mit einem Maul, das groß genug schien, um ihn vollständig verschlingen zu können.

Marschland in Ohio
Marschland in der Nähe von Zanesville/ Ohio (Foto by Dustin M. Ramsey)

Winters erschrak und eilte nach seiner Waffe. Als er diese erreichte, drehte er sich um und feuerte sein Magazin auf das Monster ab, das für einige Momente seine halb schlängelnden, halb springenden Bewegungen unterbrach, bevor es sich umdrehte und eine große Pappel hinauf lief, wo es sich in einer Höhlung verschanzte. Winters eilte nach Hause und informierte nicht nur seine eigene Familie, sondern auch eine Reihe von Nachbarn über den seltsamen, alarmierenden Anblick. Mit einer Gruppe von mit Äxten und Gewehren bewaffneten Männern kehrte er zum Ort des Geschehens zurück.

 

Doch das Tier war bereits geflohen. Mr. Winters beschrieb das Tier oder Reptil als 2,4 bis 3,4 m lang und einen Körper so dick wie ein Telegrafenmast. Es hatte etwa zehn Zentimeter lange Beine, einen braunen, haarlosen Körper und einen Kopf in Form eines Hais.

Die Nachbarschaft ist über dieses seltsame Produkt der Natur sehr beunruhigt.


Quelle: Zeitschrift Mineral Point Tribune vom 21. Juni 1883




Shunka-Wa-rak‘in – vom Hundejäger und Ringdocus

Die Sagen und Erzählungen der amerikanischen Ureinwohner werden von den unwirklichsten Wesen bevölkert. Oft ist es nicht mehr möglich festzustellen, was genau diese Kreaturen sein sollen: Bloße Metaphern? Bekannte Tiere, deren Eigenschaften mystisch umschrieben werden? Oder vielleicht sogar Kryptiden?

Eine solche Frage stellt sich auch beim Shunka-Wa-rak’in, einer Sagengestalt des indigenen Volkes der Iowa. Was ist diese Wolfs-Hyäne, die keine Scheu vor dem Menschen und seinem besten Freund zu haben scheint? Nichts weiter, als ein seltsamer Wolf? Eine bloße Geschichte ohne reellen Hintergrund? Oder eben doch ein Kryptid?

 

Farm in Iowa
Eine Farm im ländlichen Iowa. So wirklich anders hat es 1881 hier auch nicht ausgesehen.

 

Was ist ein Shunka-Wa-rak’in?

Da das Kryptid selbst in der Kryptozoologie eher wenig beachtet wird, sollen im ersten Abschnitt zunächst grundsätzliche Fragen geklärt werden: Was wissen die Iowa über den Shunka-Wa-rak’in zu berichten und was bedeutet der Name eigentlich?

 

Spärliche Informationslage

Der Versuch des Verfassers, traditionelle Erzählungen der Iowa über das Kryptid zu finden, war nicht von Erfolg gekrönt. Zwar gibt es verschiedene Sammlungen mit Geschichten dieses indigenen Volkes – in keiner davon ist aber von diesem Kryptid die Rede. Ansonsten findet sich im Internet lediglich ein einziger Artikel, der angeblich eine Sage über den Shunka-Wa-rak’in wiedergibt. Da sein Autor allerdings keinerlei Quellenangaben macht, soll er auch nicht als Quelle für diesen Artikel dienen.

Zumindest ein Teilerfolg wurde dennoch erzielt: 1995 verfasste der amerikanische Kryptozoologe Loren Coleman einen Artikel über das Kryptid für die „Fortean Times“, ein britisches Magazin über anomale Phänomene. Darin zitiert er auch kurz die Schilderungen eines Iowa namens Lance Foster über das Wesen wieder. Herr Ulrich Magin, einer der Autoren des Netzwerks für Kryptozoologie, hat freundlicherweise seine private Sammlung nach diesem Magazin durchforstet. Daher kann an dieser Stelle auch die Übersetzung des – zugegeben sehr knappen – Berichts wiedergegeben werden:

 

 

„Wir hatten (früher) ein seltsames Tier namens Shunka Warak’in [sic], was „das Hunde davonträgt“ bedeutet. Nachts schlich es sich in die Lager und stahl Hunde. Man sagt, dass es irgendwie so aussah, wie eine Hyäne und wie ein Mensch schrie, als man es tötete. Angeblich hat noch immer irgendjemand sein Fell. In einem kleinen Museum in Idaho soll ein präpariertes Tier ausgestellt werden, das wie eine Mischung aus Wolf und Hyäne aussieht.“

 

 

Viel lässt sich aus dieser Quelle nicht entnehmen. Lediglich ein Gerücht kann aufgeklärt werden: Entgegen anderslautender Berichte sah der Shunka Wa-rak’in wohl eher nicht aus wie ein großer Wolf, sondern hatte hyänenartige Züge.

 

 

Anzeige

Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer

Aus dem Wigwam: Uralte und neue Märchen und sagen der nordamerikanischen Indianer ist eine Fundgrube für jeden völkerkundlich Interessierten. Der Autor Karl Knortz wanderte 1863 in die USA aus und widmete sich hier dem Lehrerfach. Er war 1866–68 in Detroit (Michigan), darauf bis 1871 in Oshkosh (Wisconsin), später in Cincinnati (Ohio) für die deutsche Sprache und Literatur tätig.

Er arbeitete als Redakteur des „Deutschen Pioniers“ in Cincinnati und der „Indiana Deutschen Zeitung“ in Indianapolis. Knortz starb 1918 in North Tarrytown/ USA.

 

Dieser Nachdruck ist 2012 bei Let Me Print erschienen und hat 242 Seiten. Zusätzlich zum vorgestellten Paperback gibt es eine inhaltsgleiche gebundene Ausgabe.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt Ihr den Betrieb der Website.

Zur Namensherkunft

Aufgrund dieser spärlichen Quellenlage ist es sinnvoll, zu überprüfen, ob „Shunka-Wa-rak’in“ denn wörtlich übersetzt tatsächlich „der Hunde wegträgt“ bedeutet. Zu diesem Zwecke hat der Verfasser ein Online-Wörterbuch befragt, das Begriffe aus Baxoje – diese Sprache wird mit minimalen Abwandlungen von den Iowa sowie zwei weiteren Völkern gesprochen – ins Englische übersetzt und umgekehrt. Dabei stellte sich heraus, dass der Name ein aus drei Begriffen zusammengesetztes Wort ist:

 

Iowa Volk
Mitglieder des Volkes der Iowa, auf einer „Völkerschau“ 1844 in London.

 

Der erste dieser Begriffe lautet „shunkéne“ und bedeutet übersetzt Hund. Nun wirken die Wörter „Shunka“ und „shunkéne“ nicht identisch. Wenn die Hypothese, dass das Wesen der ist, „der Hunde wegträgt“, korrekt ist, dürfte „shunkéne“ aber nicht im Nominativ Singular stehen. Diese Vermutung wird umso plausibler, wenn man das zweite Element des zusammengesetzten Wortes betrachtet:

Der Begriff Warak‘in existiert nicht als eigenständiges Wort. Allerdings existiert im Baxoje sehr wohl das Präfix Wa-. Dieses wird an sich nicht übersetzt. Viel mehr zeigt es an, dass das darauffolgende Verb nominalisiert wird.

Kommen wir nun zum dritten und letzten Element des Namens: rak’in. Dieses Wort bedeutet übersetzt „zusammenpacken, tragen“. Wenn man nun das Präfix Wa- vor das Verb setzt, bedeutet es folglich „Träger“.

Man hat es hier also mit einem Namen zu tun, in dem die Begriffe „Träger“ sowie „Hund“ (in einem unbekannten Kasus, allerdings nicht im Nominativ Singular) vorkommen. Dass „Shunka-Wa-rak’in“ also in der Tat „Träger des Hundes“ oder „der Hunde wegträgt“ bedeutet, liegt nahe.

Shunka-Wa-rak’in = Ringdocus?

Wer nun unter diesem Namen im Internet Berichte über dieses Wesen sucht, findet nicht allzu viele. In einigen davon wird allerdings erwähnt, dass der Begriff „Ringdocus“ ein Synonym für den Namen dieses Kryptids sei. Dieser Alternativname werde vor allem in Montana verwendet.

Wer genau den Begriff geprägt hat, lässt sich nicht ohne Weiteres feststellen. Sicher ist, dass der amerikanische Zoologe Ross E. Hutchins diesen Namen 1977 in seinem Buch „Trails to Nature‘s Mysteries“ verwendete. Darin beschrieb er ein Kryptid aus Montana, dass dem Shunka-Wa-rak’in in seinen Eigenschaften verblüffend ähnlich war. Ob der Begriff auch früher schon gebräuchlich war, konnte durch den Verfasser nicht ermittelt werden.

Ebenso ist die Bedeutung des Namens „Ringdocus“ unbekannt. Er hat allerdings – durch die Endung bedingt – einen lateinischen Klang. Um ein bekanntes lateinisches Wort handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht. Jedenfalls ist es aber nicht geläufig genug, um Aufnahme in ein Wörterbuch gefunden zu haben. So liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine Verballhornung aus zwei Wörtern handeln könnte. In Frage kämen etwa „ringi“ und „doctus“.

Ringdocus Shunka Warakin
Das als Ringdocus ausgezeichnete Präparat, historische Aufnahme

„Ringi“ (Wortstamm ring-) ist die Infinitivform eines Deponens, d.h. eines Verbs, das ausschließlich im Passiv konjugiert wird, allerdings zugleich stets eine aktive Bedeutung hat. Dieses Verb bedeutet „grinsen“ oder „die Zähne zeigen“ bzw. auch „wütend sein“.

„Doctus“ wiederum ist das PPP (Partizip Perfekt Passiv) des Verbs docere (Wortstamm doc-]. Das PPP drückt eine passive Vorzeitigkeit aus. Docere bedeutet „lehren“ bzw. „unterrichten“. „Doctus (est)“ bedeutet demnach „(er ist) gelehrt (worden)“.

Der Ringidoctus oder Ringdocus wäre folglich sinngemäß der, „der gelehrt worden ist, die Zähne zu zeigen“. Auf den ersten Blick klingt diese Herleitung schon… nun sehr weit hergeholt. Vor dem Hintergrund eines Präparates, das angeblich vom Shunka-Wa-rak’in bzw. Ringdocus stammt, wird die Theorie allerdings wieder plausibler:

 

Anzeige

Die Indianer Nordamerikas. Die kompletten Portfolios: Die vollständigen Werke von Edward S. Curtis

Über 30 Jahre lang reiste der Fotograf Edward Sheriff Curtis (1868–1952) durch Nordamerika, um festzuhalten, was der Vernichtungskrieg der europäischen Einwanderer, Verelendung und Assimilation von der Kultur der indigenen Völker Nordamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch übrig gelassen hatten. Seine Reisen waren ein Wettlauf gegen die Zeit und führten ihn von der Grenze zu Mexiko bis hoch in den Norden an die Küsten der Beringsee. Er dokumentierte die Sitten und Gebräuche von rund 80 autochthonen Völkern…

 

Die Indianer Nordamerikas. Die kompletten Portfolios: Die vollständigen Werke von Edward S. Curtis hat als gebundenes Werk 768 üppig illustrierte Seiten und ist 2018 im Taschen-Verlag erschienen.

 

Mit dem Kauf über diese Links unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

Das Biest von Madison Valley – Die undurchsichtige Geschichte eines Präparates

Das zuvor genannte Präparat stellt die absolute Ausnahme unter den kryptozoologischen Funden dar. Das angebliche Kryptid wurde nach seinem Ableben nicht nur konserviert – nein, das Präparat ist sogar heute noch in einem Museum zu sehen.

Im Folgenden soll nun die Geschichte dieses faszinierenden Präparates chronologisch nacherzählt werden.

 

Kuriosität einer Kleinstadt

Berichten zufolge erschoss der Landwirt Israel Hutchins die Kreatur in den 1880er Jahren auf seiner Ranch im Madison River Valley. Diese war nördlich der Stadt Ennis im US-Bundesstaat Montana gelegen. Diese Beschreibung deckt sich mit einer Aufschrift an der Vitrine des Präparates. Diese besagt „Killed by [vermutlich Initialen des Vornamens] Hutchins, 1881“.

 

Madison River Valley, Heimat des Ringdocus
Landschaft im Madison River Valley, kommt hier der Shunka-wa-rak’in vor?

 

Der Landwirt behielt seine Jagdbeute allerdings nicht, sondern verkaufte die Kreatur an einen Herrn Sherwood. Der betrieb in der Nähe des „Henry Lake“ im benachbarten Bundesstaat Idaho einen Einzelhandel, an den auch ein Museum angeschlossen war. Dort wurde das Präparat ausgestellt.

 

Historisches Bild des Ringdocus
Historisches Foto des Präparates, das zunächst als „Rocky Mountain Hyena“ bezeichnet wurde, dann als „Guyasticutus“ und schließlich als „Ringdocus“.

 

Offenbar bewarb Sherwood seine neue Attraktion aber zumindest anfangs noch nicht unter dem Namen „Ringdocus“, geschweige denn „Shunka-Wa-rak’in“. Vielmehr bezeichnete er sie als „Rocky Mountain Hyena“ und gab ihr noch einen weiteren, seltsameren Namen: „Guyasticutus“.

Ist „Guyasticutus“ denn nun ein zweites Synonym für „Shunka-Wa-rak’in“ oder „Ringdocus“– und was soll das für eine Sprache sein? Durch eine eher ungewöhnliche Quelle lassen sich beide Fragen leicht beantworten: „Guyasticutus“ kann alles und nichts bedeuten, denn es handelt sich um ein reines Fantasiewort. Dieses wurde ursprünglich von Schaustellern erdacht, um so ihre angeblichen Wunder pseudowissenschaftlich bewerben zu können.

So wurde 1886 in einer Werbeannonce des „Saint Paul Daily Globe“ ebenfalls ein solches Wesen angepriesen. Dem Werbebild nach handelte es sich hierbei um einen dunkelhäutigen Mann mit unproportional kurzen Gliedmaßen, der eine Art Badeanzug im Leopardenlook trug. Angepriesen wurde er allerdings als Relikt aus grauer Vorzeit. Man sollte also nicht davon ausgehen, dass der Name „Guyasticutus“ nur Exponate eines ähnlichen Typs bezeichnete.

 

Vererbt und (fast) vergessen

Als Sherwood starb, vererbte er seine Präparatensammlung an das „Idaho Museum of Natural History“. Auch das Präparat des möglichen Shunka-Wa-rak’in war dabei. Die im Museum tätigen Wissenschaftler maßen ihm allerdings keine besondere Bedeutung bei. Daher wurde es lediglich in die Sammlung eingegliedert, jedoch nicht weiter untersucht und auch nicht ausgestellt.

Auf diese Art geriet der Standort des Präparates schnell in Vergessenheit. Selbst Ross E. Hutchins, ein Enkel des Mannes, der das Kryptid erlegte, wusste anscheinend nichts davon. Jedenfalls erwähnt der Zoologe in seinem Buch „Trails of Natures Mysteries“ nichts Gegenteiliges. Immerhin fügte er seinem Bericht über das Kryptid eine Postkarte bei. Diese bildete das Kryptid ab und war zu Lebzeiten Sherwoods wohl als Souvenir an Besucher verkauft worden.

Es ist natürlich verwunderlich, dass ausgerechnet ein Enkel des älteren Hutchins der erste Zoologe war, der dieser seltsamen Fotografie größere Beachtung schenkte. Fast entsteht so der Eindruck, dass das Präparat – wenn es auch zweifellos existiert – in erster Linie Teil der persönlichen Familien-Sage der Hutchins-Familie ist.

In Hutchins‘ Buch wird die Kreatur auch erstmals als „Ringdocus“ bezeichnet. Das Maul des Präparates steht weit offen, sodass es zu lachen scheint. Die zuvor vorgeschlagene Namenserklärung wäre also ein akademischer Scherz: Er war gelehrt worden, zu grinsen…

Angeregt durch Hutchins‘ Buch befassten sich nun auch Kryptozoologen mit diesem seltsamen Wesen. Der erste von ihnen war der US-Amerikaner Loren Coleman. Er war es auch, der die These aufstellte, dass der Ringdocus und der Shunka-Wa-rak’in ein und dasselbe Kryptid seien. Zu diesem Schluss kam er, nachdem er Erzählungen der Iowa über den Shunka-Wa-rak’in gehört hatte. Diese – zugegeben eher vagen – Beschreibungen glich er mit dem von Hutchins veröffentlichtem Foto ab.

 

Die Wiederentdeckung des Ringdocus

Das Präparat verblieb dagegen unbemerkt in der Museums-Sammlung – bis Jack Kirby, ein weiterer Enkel Hutchins‘ zufällig einen Zeitungsartikel über das Kryptid las. Er beschloss daraufhin, nach dem Präparat zu suchen. Dazu sei noch angemerkt, dass Jack Kirby lediglich durch seine Jagd nach dem Präparat lokale Berühmtheit erlangte. Mit dem gleichnamigen Comic-Zeichner ist er nicht identisch.

Wie genau er dabei vorging, ist nicht überliefert. Sicher ist dagegen, dass er im Jahr 2007 schließlich im „Idaho Museum of Natural History“ fündig wurde. Der zuständige Kurator erklärte sich bereit, das Präparat an Kirby zu verleihen. Einen Ausstellungsort musste dieser allerdings selbst finden.

 

History Museum von Madison Valley, Home of the Ringdocus
Das Museum der Madison Valley Historiy Association besteht aus einem alten Krankenhausbau und einer historischen Schmiede (Foto; MVHA)

 

Kirby entschloss sich, die Kreatur nach Ennis zurück zu transportieren. Sie sollte seinen Wünschen zufolge möglichst nahe am Wohnort seines Großvaters ausgestellt werden. Als einziges Museum kam das „Madison Valley History Museum“ in Frage. Dieses von Freiwilligen geführte Museum befasst sich mit der lokalen Geschichte, wovon das Kryptid ja ein Teil war.

In der Folgezeit wurde es zur Hauptattraktion des Museums. Dort wird das Präparat noch heute ausgestellt. Reich werden die Betreiber allerdings nicht damit werden: Der Eintritt zum Museum ist frei. Es werden lediglich Spenden erbeten und – wieder einmal – Postkarten mit Fotografien des Kryptids verkauft.

 

Ein Kryptid wechselt den Eigentümer

Ganz im Gegensatz zum Ausstellungsort soll der Eigentümer des Präparates seit der „Wiederentdeckung“ gewechselt haben. Und damit beginnt der undurchsichtige, man könnte auch sagen: dubiose Teil der Geschichte:

 

Jack Kirby und der Ringdocus
Jack Kirby mit dem Präparat des Tieres, das sein Großvater geschossen hat und dessen Flinte. (MVHA)

Loren Coleman hatte 2009 einen Artikel über das Kryptid für die Kryptozoologie-Website „Cryptomundo“ verfasst. 2012 meldete sich über die Kommentarfunktion der Website ein Mann bei ihm, der behauptete, Richard S. White, ein ehemaliger Direktor des „Idaho Natural History Museum“ zu sein. Weiterhin gab er an, dass das Museum das fragliche Präparat inzwischen aus der Sammlung ausgegliedert und Herrn Kirby geschenkt habe.

 

Zugegeben: Kein Museum hat unendliche Lagerkapazitäten und es ist besser, die überschüssigen Teile einer Sammlung zu verschenken oder zu verkaufen, als sie wegzuwerfen. Warum aber sollte ein Naturkundemuseum ausgerechnet ein Präparat fortgeben, das möglicherweise von einer wissenschaftlich noch unbeschriebenen Tierart stammt? Schließlich wurde es nie durch Fachleute untersucht, geschweige denn eine DNA-Probe vorgenommen.

 

Was letztere betrifft, erweist sich auch Jack Kirby als unkooperativ. Er gibt an, das Geheimnis der Kreatur erhalten zu wollen. Ob man durch eine DNA-Analyse möglicherweise zoologisch wichtige Erkenntnisse gewinnen kann, interessiert ihn deswegen nicht. Ebenso wie seinem Bruder bzw. Cousin Ross E. Hutchins scheint ihm also vor allem daran gelegen zu sein, die Familiensage lebendig zu halten.

 

Nun könnte man beinahe meinen, dass Kirby mehr weiß, als er zu wissen vorgibt – und dass das aktuell ausgestellte Präparat allen Ähnlichkeiten zum Trotz gar nicht das Original ist. Was aber hätte Kirby von diesem Betrug? Er hat – auch wenn es auf den Verfasser zunächst den Anschein erweckt hat – nie versucht, das Präparat gewinnbringend zu vermieten. Stattdessen überlässt er es nach wie vor einem reichlich unbedeutenden Museum, das ihn gewiss nicht reich entlohnen kann. Würde es sich dann wirklich lohnen, eine aufwändige Lügengeschichte um die Herkunft des Exponates zu spinnen?


 

Der 2. Teil dieses Beitrages erscheint am 27. August an dieser Stelle.

 

Das Literaturverzeichnis zum Shunka wa-rak’in / Ringdocus steht im 2. Teil zum Download bereit.




Medienmittwoch: Die letzten ihrer Art

Der englische Schriftsteller Douglas Adams ist vor allem für hintersinnig lustige Science Fiction und sarkastischen Cyber-Punk bekannt. Mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ wurde er zum Identifikationskeim einer ganzen Generation von Nerds. Ausgerechnet den Nerds, denen man als erste in großer Zahl Computer in die Hand gab. In diesem Buch macht er sich aber nicht auf den Weg in „unendliche Weiten“. Er reist mit dem Zoologen und Fotografen Mark Carwardine fast rund um die Erde zu vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Das letzte Nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben
Das letzte nördliche Breitmaulnashprn, Sudan, im Ol Pejeta Nationalpark, 2010. Foto by Legani101, CC 3.0

In fünf Episoden berichtet Adams von mehreren Reisen zwischen 1985 und 1989. Sie führten die beiden Autoren nach Madagaskar, Indonesien, Neuseeland, Zaire, die Volksrepublik China und Mauritius. Hier gingen sie auf Suche nach den am stärksten bedrohten Tierarten der Welt.

Die Arbeitsaufteilung zwischen beiden beschreibt Douglas Adams wie folgt:

 

 

Mark ist ein ungemein erfahrener und bewanderter Zoologe, der damals für den World Wildlife Fund arbeitete und dessen Aufgabe im wesentlichen darin bestand, von allem eine Ahnung zu haben. Meine Aufgabe – eine, für die ich absolut qualifiziert bin – bestand darin, ein ungemein unwissender Nicht-Zoologe zu sein, für den alles wie aus heiterem Himmel zu kommen hatte.

 

 

Adams selbst bezeichnete es als das Buch, das für ihn die größte Befriedigung war.

 

Ein Buch über Tiere, Beobachtungen, Aussterben: etwas Road-Movie und viele kleine Probleme

Dieses Buch ist ein Buch über Tiere, aber es ist kein Tierbuch. Es ist weit mehr. Douglas Adams ist ein hervorragender Beobachter, nicht nur seiner Umgebung, sondern auch seiner selbst. Ähnlich wie in einem Road-Movie sind in nahezu allen Kapiteln die Reise und ihre Strapazen wichtiger als das Ziel. Entsprechend seiner Rolle beginnt seine Beobachtung zunächst zurückhaltend. Der erste Kontakt mit dem Fingertier, einer der Arten, die Carwardine ausgesucht hat, bleibt eher abwartend distanziert. Beim zweiten Kontakt, diesmal mit dem Komodo-Waran zwingen ihnen die Tiere, sich mit ihnen zu befassen: Schließlich gelten sie als Menschenfresser und er muss mit ihnen eine Insel teilen.

 

Wirklich warm wird Douglas Adams aber erst mit den Kakapos, den „größten und fettesten Papageien“ der Welt, deren Tragik er auch darin sieht, „ein Vogel zu sein, aber nicht fliegen zu können.“ Der Besuch bei der Kakapo-Schutzgruppe ist auch mein persönlicher Höhepunkt des Buches.

 

Der Versuch, den damals bereits extrem seltenen Baji oder Yangtse-Delfin zu finden, scheitert tragisch, nicht ohne komische europäisch-chinesische Missverständnisse.

 

Ein Buch über das Aussterben: Die letzten Ihrer Art

Ist Aussterben zum Lachen? Wenn Douglas Adams es beobachtet, bekommt auch die Tragik etwas Humor.

Humor und Artensterben – aber kein Galgenhumor oder Zynismus

In vielen Details der oft komplizierten Anreisen, aber auch bei der Begegnung mit den Tieren findet Adams die ihm eigene Komik. Er schafft es immer wieder, die Tücke des Objektes zu zeigen, völlig korrekt zu beschreiben und ganz unschuldig ihren Witz herauszuarbeiten.

 

Man stelle sich vor, wie eine Gruppe aus sechs (mehr oder weniger) erwachsenen Männern in 30 cm Abstand und Gleichschritt hinter einander durch die Savanne Ostafrikas marschiert, um einem Nashorn ein großes und damit nicht bedrohliches Tier vorzugaukeln. Genauso stelle man sich den Blick des Teams vor, als es in China Kondome kaufen wollte, um ein Mikrofon wasserfest zu verpacken – und Anti-Baby-Pillen angeboten bekam. Fast immer schafft es Adams, den besonderen Status des Tieres auch vor dem Hintergrund der regionalen oder lokalen Besonderheiten darzustellen.

Aber je mehr bedrohte Tiere er und Carwardine besuchen um so mehr merkt man, wie ihm der Humor im Halse stecken bleibt. Das Aussterben von Arten sind nicht mehr abstrakt, die Nöte der Yangtse-Flußdelfine oder des Mauritiusfalken lernt Douglas Adams sehr persönlich kennen.

 

Fünf Kakapo-Küken verbeißen sich mit ihren Schnäbeln an einer offen gehaltenen Hand.
Kakapo-Küken verbeißen sich an der Hand eines Pflegers. Dieses Jahr sind über 70 Jungtiere geschlüpft.
Foto: NZ Department od Conservation, CC 2.0

Dieses Buch ist kein flammendes Plädoyer gegen das Artensterben. Es kommt ohne große Worte wie Ökosystem, Biodiversität oder „Leben im Netzwerk“ aus. Man spürt, wie die Situation vieler Tierarten den Autor immer persönlicher trifft und ihn immer schwerer belastet.


Was ist seit dem passiert?

„Die letzten ihrer Art“ ist 1992 erschienen. In den seit dem vergangenen 28 Jahren ist eine Menge passiert.

Douglas Adams ist 2001 verstorben.

 

Einige der besuchten Arten konnten sich erholen, vor allem dem Schutz des Kakapos hat dieses Buch enorm genutzt. Es spülte viel Geld und viel Aufmerksamkeit in das Projekt. Die damals auf ein Minimum gesunkene Kakapo-Population ist inzwischen auf das fünffache angewachsen. Die Kakapo-Inseln werden nun als Beispiel für ganz Neuseeland genutzt. Der Inselstaat will sich in einer riesigen Aktion von invasiven Arten befreien.

 

Anderen Arten erging es schlechter. Den Yangtse-Süßwasserdelfin konnten Adams und Carwardine damals schon nicht finden. Seit 2006 gilt er als ausgestorben. Das selbe Schicksal teilt das Nördliche Breitmaulnashorn, 2018 wurde das letzte Tier eingeschläfert.

 

 

Anzeige

Die letzten ihrer Art

Die Letzten ihrer Art: eine Reise zu den aussterbenden Tieren unserer Erde ist 1992 erschienen. Es ist als Paperback, Audio CD und Hörbuchdownload verfügbar. Als Taschenbuch hat es 272 Seiten.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website




Die Rhinogradentier, eine klassische Gruppe der Kryptozoologie

 

Auf seinen Nasen schreitet
Einher das Nasobem,
Von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm,

 

Es steht noch nicht im Meyer
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
Das erste Mal ans Licht.

 

Auf seinen Nasen schreitet,
Wie schon gesagt – seitdem
Von seinem Kind begleitet
Einher das Nasobem.

 

Christian Morgenstern

 

 

Dies ist die erste Beschreibung eines Nasenschreitlings überhaupt. Wie Christian Morgenstern an ein Exemplar gekommen ist, lässt sich heute nicht mehr lückenlos klären. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er ein verdriftetes Exemplar von einem Matrosen erhalten. Zeitlich passt diese Vermutung, da sich Morgenstern 1895 und 96 unter anderem auf Sylt und Helgoland aufhielt, das Gedicht aber erst 1905 in seinen Galgenliedern erschien.

 

Die Frage der „Leyer“, aus der das Nasobem das erste Mal ans Licht tritt, ist seit über 100 Jahren ein Streitfall der Forschung. Ein gewisser Konsens bezieht sich auf eine Holzkiste, in der das Nasobem transportiert wurde, möglicherweise auch beim Dichter gelebt hat. Die Firma Leyer GmbH belieferte um 1890 geschweißte Ersatzteile aus Metall für den Schiffsbedarf in Holzkisten, die mit dem Schriftzug „Leyer“ gekennzeichnet waren (meist eingebrannte Schrift, teilweise auch aufgeklebte, bedruckte Etiketten).

Herkunft der Morgenstern’schen Nasobeme

Da Morgenstern seine Nasobeme vermutlich von einem Seemann erhalten hat, ist nicht mehr feststellbar, welchen Weg die Tiere genommen haben. 1895 gab es im ostasiatischen Bereich mehrere Kriege, an denen u.a. China, Russland und Japan beteiligt waren. Deutsche Schiffe wurden zwar kaum behelligt. Aber an den dortigen Umschlaghäfen dürften auch Seeleute in großer Zahl gestrandet sein, weil ihren Schiffen die Weiterfahrt verwehrt wurde. Aus purer Not verkauften sie ihr Hab und Gut, so dass die Nasobeme auf diesem Weg an einen deutschen Seemann gerieten. Dieser hat sie auf Helgoland oder Sylt, noch wahrscheinlicher aber in Hamburg an Morgenstern weiter verkauft.

Sicher hingegen ist die zoologische Einordnung. Das Nasobem gehört zur Familie der Nasobemidae, die zu den Rhinogradentiern gehören, die wiederum plazentale Säugetiere sind.

Forschungsgeschichte der Rhinogradentier

  • 1914  sollen Senner im oberen Lötschtal ein Nasobema ferox beobachtet haben. Die Tiere waren damals in den Hochalpen allgemein bekannt und wurden geduldet, da sie sich hauptsächlich von Nektar ernährten und so weder Konkurrent noch Feind der Weidewirtschaft waren. Sie galten 1914 als extrem selten, „in früheren Generationen waren sie allgegenwärtig“ berichtet ein Greis dem Tiroler Anzeiger.
  • 1921 entstand das einzige bekannte Foto eines lebenden Rhinogradentiers. Es zeigt ein Großes Morgenstern-Nasobem Nasobema lyricum auf der Insel Haidadaifi auf dem Hi-Iay-Archipel (Heieiei-Inseln, ehemals deutsches Protektorat).

    Nasobema lyricum, das einzige Bild eines Rhinogradentier
    Das einzig bekannte Foto aus dem Jahre 1921 eines lebenden Nasobems: Nasobema lyricum in seiner natürlichen Umgebung.

     

  • 1939 erwähnt der Zoologe Ernst Ahl vom Naturkundemuseum Berin einen „Nasling“ in einer inoffiziellen Liste abzuarbeitender Neuzugänge. Ahl schreibt hierzu: „Neuzugänge: (…) Nasling aus Südd.?. s. Etikett, fast 50 cm hoch, sehr ungewöhnl. EtOH-Präp. Vorsammlung, Eingang verg. Montg. 21. August 1939.
    Die Vorsammlung, also Tiere, die noch nicht offiziell in die Sammlung des Hauses aufgenommen wurden, wurden im Ostflügel des Berliner Naturkundemuseums Museums gelagert. Ahl wurde kurz nach Eingang des Tieres am 27.08.39 zur Wehrmacht eingezogen und kam vermutlich am 14.02.45 in Jugoslawien ums Leben. Kaum zwei Wochen vorher, war der Ostflügel von einer Bombe getroffen worden und brannte vollständig aus.

Nach dem Krieg: Die Nachweise schwinden

  • 1957 drückte eine geologische Verschiebung den Hi-Iay-Archipel unter die Wasseroberfläche. Alle der Wissenschaft bekannten Arten der Rhinogradentier starben aus.
  • 1982 publizierte der US-Amerikaner Steffen Woas in der carolinea einen Artikel über die Flugfähigkeit von Aurivolans propulsator,. In einem Nebensatz erwähnt er eine Population an einem See im Chequamegon National Forest in Wisconsin, USA. Alle Nachsuchen blieben erfolglos.
  • 1995 entdeckten französische Geologen im Karst bei Le Havre ein unvollständiges Skelett mit Schädel eines noch nicht bestimmten Rhinogradentiers. Angeblich soll das Team sogar ein Foto eines rezenten Doliconasus spec. angefertigt haben. Das Foto ist nicht auffindbar.
  • 2005 wurde bei Bauarbeiten nahe der Bundesautobahn 9 im Rippachtal ein rezenter Nasobemschädel freigelegt.

Eine einzige systematische Untersuchung

Die einzige systematische Untersuchung der Rhinogradentier stammt von Harald Stümpke aus den Jahren 1938 bis 1955. Er besuchte 1938 den Hi-Iay-Archipel und begann, die dort in großer Individuen- und Artenzahl vorkommenden Rhinogradentier zu untersuchen. Da der 1939 ausgebrochene Weltkrieg ihn an der Rückkehr nach Deutschland hinderte (und Deutschland nach 1945 in Trümmern lag, während Hi-Iay nicht betroffen war), nutzte Stümpke die Zeit und erforschte die Nasenschreitlinge sehr intensiv. Hierbei beschrieb er 186 Arten (drei waren schon vorher bekannt, unter ihnen das Große Morgenstern-Nasobem, Nasobema lyricum, dann Nasobema ferox aus den Hochtälern der Alpen und Archirrhinus heckelii, der Ur-Nasling). Für die ungeheure Artenzahl stellte er zwei Unterfamilien und 14 Gattungen auf.

Bemerkenswert lebendige Beschreibung

Die Rhinogradentier haben Stümpke stark beeindruckt. So beschreibt er die Jagd des des einzigen carnivoren Nasenschreitlings auf das Große Morgenstern-Nasobem wie folgt:

 

 

Tyrannonasus imperator ist aus zwei Gründen besonders bemerkenswert: Das Tier ist, wie alle polyrrhinen Arten, nicht besonders schnell zu Nase, immerhin aber ein hurtigerer Schreiter als die Nasobemoiden. Da nun alle polyrrhinen Arten infolge ihres intranasalen pneumatischen Apparates während des Gehens ein pfeifendes Fauchen vernehmen lassen, das weithin zu hören ist, kann sich Tyrannonasus imperator nicht an seine Opfer anschleichen, sondern muß ihnen – da sie schon von weitem fliehen – zunächst still auflauern und dann nachschreiten.

Bei diesem Flucht- und Verfolgevorgang, der auf den Beobachter zunächst wegen des lärmenden Aufwandes und der doch so bescheidenen Geschwindigkeit einen komischen Eindruck macht, muß Tyrannonasus das angestrebte Opfer oft stundenlang verfolgen, um es einzuholen, da Nasobema seinen Lassoschwanz auch zur Flucht verwendet, indem es ihn hochstellt, um Zweige ringelt und sich so über Gräben oder kleine Gewässer hinwegpendeln läßt. Auch dann, wenn der Räuber dem verfolgten Tier schon ganz nah aufgerückt ist, so daß dies ihm durch gewöhnliche Flucht zu Nase nicht mehr entrinnen kann, benutzt Nasobema dieses letzte Mittel oft noch mit Erfolg, indem es – mit dem Schwanz an einem Ast hängend – dicht über dem Boden im Kreise oder in weiten Pendelschwingungen hin- und herschwingt, bis der Räuber bei seinen dauernden Versuchen, die Beute zu haschen, schließlich schwindelig wird und sich erbricht. In diesem Augenblick der Desorientierung des Räubers entweicht dann oftmals das Nasobema.“

 

Leider sind alle Rhinogradentier ausgestorben

Leider starben die Nasenschreitlinge Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus. Der High-Iay-Archipel versank 1957. Die geologischen Prozesse, die vermutlich von einer unterirdischen Atomexplosion ausgelöst wurden. Mit dem Absinken gingen auch alle bekannten Rhinogradentier verloren.

 

 

Unklar ist, ob Stümpke das Rhinogradentier-Exemplar, das Ernst Ahl 1939 in Händen hielt, per Post ans Naturkundemuseum in Berlin schickte. Stümpke hatte das Wissen und die Möglichkeit, 1938 Nasspräparate auch von größeren Tieren herzustellen und postfest zu verpacken. Für ihn als Biologen und Deutschen war das Berliner Museum mit Sicherheit die erste Adresse, an die er ein ungewöhnliches, „neues“ Tier verschickt hätte.

 

Ergänzend ist Ahl nicht unbedingt als korrekter Dokumentar und sorgfältiger Sammlungsverwalter bekannt. Im werden zahlreiche Fehler in den Sammlungsbüchern und falsch eingeordnete Probenbehälter zugeschrieben. So könnte sich auch der Zusatz „aus Südd.?“ auf seiner Arbeitsliste erklären: Stümpke stammt aus der Karlsruher Gegend, für den Berliner Ahl sicherlich „Süddeutschland“.

Was ist auf Low-Iay?

Der Nachbar-Archipel Low-Iay existierte im Jahr 2004 noch. Reisen dorthin sind allerdings aufgrund der abgelegenen Lage praktisch unmöglich. Hierzu kommt eine extrem protektionistische Außenpolitik des Gebietes: Privatyachten dürfen die Dreimeilenzone der Insel nicht verletzen und werden bei den Versuchen regelmäßig von einer gut ausgerüsteten Küstenwache abgefangen. Versorgungsschiffe müssen 1 sm vor dem Hafen der östlichsten Insel auf Rede gehen und Güter auf Landungsboote umladen. Offiziell gilt dies dem Schutz vor Schädlingen, in erster Linie Ratten und Katzen.

Bis auf wenige Ausnahmen wird Ausländern verwehrt, das Schiff zu verlassen. Alle Formalitäten, z.B. bei der Einfuhr von Waren, werden an Bord des Schiffes erledigt. Selbst medizinische Notfällen werden immer an Bord des Schiffes behandelt.

 

Im Gegenzug dazu verlassen nur wenige Einwohner von Low-Iay ihre Heimat. Sie sprechen von einer technisch hoch entwickelten Gesellschaft, vergleichbar der in Mitteleuropa. So wurden fossile Brennstoffe bereits in den 1980-ern durch Biokraftstoff und Power-to-Liquid ersetzt. Dies machte das Land unabhängig vom Welthandel und ließ es unter den Horizont der Bedeutungslosigkeit sinken. Die zahlreichen kleinen Inseln bedingen eine moderne Dorfgesellschaft, die hauptsächlich von Gartenbau, Subsistenzfischerei und gegenseitigen Dienstleistungen lebt. Der Archipel betreibt Außenhandel nur in geringem Maße. Die wichtigsten Importprodukte sind Farben, Medikamente, medizinische Geräte und Musikinstrumente. Die einzigen Ausfuhrprodukte sind Platin und Iridium. Die Inselbewohner gewinnen diese Metalle in einem kleinen Steinbruch in Lesearbeit.

 

Von auf Low-Iay lebenden Tieren ist so gut wie nichts bekannt. Gerüchten zufolge soll es einige primitive Rhinogradentier dort geben.

 

 

Werbung

Leben und Bau der Rhinogradentier

Naslinge sehen nicht nur eigenartig aus. Sie zeigen auch Verhaltensweisen, die im Tierreich sonst nicht bekannt sind. (…) Leider ist diese interessante Tiergruppe bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts ausgestorben – lange, bevor alle Details ihrer Biologie erforscht waren. Das Südsee-Archipel Heieiei, auf dessen Inseln die Naslinge lebten, versank in Folge atomarer Sprengversuche im Meer.

 

Bau und Leben der Rhinogradentia ist im Spektrum Akademischer Verlag erschienen. Die erste Auflage ist von 1961, die aktuelle Auflage hat 100 Seiten im Taschenbuchformat und ist nur noch antiquarisch zu bekommen. Es ist eines der wenigen naturwissenschaftlichen Fachbücher, die zunächst auf Deutsch erschienen sind.