Mein Wort zum Sonntag – 26. April 2020

Lesedauer: etwa 9 Minuten
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Einen schönen Sonntag wünsche ich!

 

Allmählich lässt sich bezogen auf die Corona-Krise ein kleiner Silberstreif am Horizont erkennen. Die ersten Maßnahmen werden morgen bereits wieder gelockert, in manchen Ländern beginnt auch bald die Schule wieder. Doch haben wir das Schlimmste tatsächlich schon überstanden? Ich begrüße natürlich alle Lockerungen, wenn sie mich in meinem Alltag nicht mehr einschränken. Aber ob das wirklich der richtige Weg ist, muss sich erst noch zeigen. Ich jedenfalls rechne mit den ersten Dinotreffen und Lesungen frühestens im Spätsommer und Herbst, und habe deshalb auch immer noch alle Termine eingefroren. Jetzt im Mai wird es also definitiv nichts in dieser Richtung von mir geben.

 

Der zweite Teil von „Die weißen Steine“ liegt weiterhin fertig beim Ehrlich Verlag und wartet auf seine Veröffentlichung. Wer das Buch bis zum 05.05.2020 bestellt, der erhält ein von mir persönlich handsigniertes Exemplar noch am offiziellen Erscheinungstag in Händen – also noch vor allen anderen, und bevor es in die Läden kommt! Wann es soweit sein wird? Wahrscheinlich Ende Mai, Anfang Juni. Es kommt jetzt ganz auf den Lektor und die Druckerei an, und wie der Verlag selbst mit der Krise fertig wird.

 

Aber dabei könnt ihr helfen! Schaut auf der Verlagsseite gern mal vorbei – nicht nur wegen „Die weißen Steine“. Dort gibt es auch viele andere tolle Bücher. Und jedes Buch, dass der Ehrlich Verlag verkauft, hilft dabei, den Verlag und damit auch mein Baby „Die weißen Steine“ vorm Ertrinken zu retten. In der Krise steht besonders Künstlern und Kleinverlagen das Wasser bis zum Hals. Daran wird sich auch durch die bevorstehenden Lockerungen nicht viel ändern, leider.

 

https://www.ehrlich-verlag.de/


Kommen wir nun aber zu den positiven Nachrichten. In dieser Woche gab es wieder viele tolle Neuigkeiten aus der Welt der Paläontologie:

Hagenbeck bekommt Dinosaurierfamilie

Der Stiftung Hagenbeck ist es gelungen, vier vollständige Skelette von einer seltenen Art der Dinosauriergattung Suuwassea für den Tierpark Hagenbeck zu sichern. © Stiftung Hamburg Foto: Michael Zapf

 

Eine bemerkenswerte Familiengeschichte von 150 Millionen Jahren, glücklicherweise mit einem Klasse Happy End: vier Sauropoden der Gattung Suuwassea, die im späten Jura auf dem Gebiet des heutigen US-Bundesstaats Wyoming lebten und dort 2009 freigelegt wurden, reisten bald darauf in schweren Holzkisten verpackt auf Initiative eines privaten Investors aus Hamburg nach Deutschland, zunächst mit dessen Absicht, sie weiterzuverkaufen. Doch damit die seltenen Fossilien in Hamburg bleiben können, hat sich nun die Stiftung Hagenbeck gekauft. So sollen die imposanten Urzeitwesen nun in einer baldigen Dauerausstellung zu sehen sein. Möglicherweise handelt es sich bei den Tieren um eine Familiengruppe beziehungsweise eine ganze Herde, die gemeinsam an einem Ort gestorben sind und über die Jahrmillionen lang erhalten blieben. Nun können sie also zusammenbleiben – und sowohl der Öffentlichkeit als auch der Forschung zur Verfügung stehen.

 

In dem Video ist übrigens mein Freund, der Paläontologe Heinrich Mallison zu sehen oder besser zu vermuten, da er eine schwarze Mundschutzmaske trägt. Liebe Grüße, Heinrich! Ich hoffe, dich und die Suuwassea-Familie bald in Hamburg treffen zu können!

 

Weiteres zu den Hagenbeck’schen Dinosauriern beim NDR


Ein weiteres Puzzleteil der Schildkröten-Evolution

https://i0.wp.com/geohorizon.de/wp-content/uploads/2020/04/newsimage-121.jpeg?w=640

 

Der Ursprung von Schildkröten gilt als eine der am häufigsten geführten Debatten innerhalb der Evolutionsbiologie. In einer kürzlich im Fachjournal „Nature Scientific Reports“ veröffentlichten Studie hat Senckenberger Ingmar Werneburg mit einem internationalen Team von Forschenden bestehende Hypothesen widerlegt und neues Licht auf die Evolution der Schädelarchitektur geworfen. Die Ergebnisse zeigen eine enge Verknüpfung der Evolution des Schädels und des hochflexiblen Halses bei den Panzerträgern.

 

Vielen Dank an Pia Gaupels und ihre Seite GeoHorizon für den tollen Artikel.


Sind Federn eine Eigenentwicklung der Dinosaurier?

 

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Der Archaeopteryx hatte zweifellos Federn

Ein langes, vieldiskutiertes Thema in der Paläontologie ist die Frage nach der Herkunft der Feder, und wann und bei welchem letzten Vorfahren der Vögel sie sich entwickelt hat. Federn – oder federähnliche Strukturen – wurden bislang sowohl bei vielen Theropoden gefunden, aus denen die Vögel hervorgingen, aber u.a. auch bei Cerstopsiern (Horndinosauriern), Ornithopoden (zweibeinigen Pflanzenfresser), aber zuletzt auch bei Vertretern der Pterosaurier (Flugsaurier), die überhaupt nicht zu den Dinos gehören. Da stellt sich nun die Frage: hat sich der Vorläufer dieser Filamentstrukturen schon beim letzten gemeinsamen Vorfahren von Dinosauriern und Flugsauriern entwickelt, und waren möglicherweise sogar alle Dinosaurier zumindest teilweise gefiedert? Oder sind die Federn in der Entwicklungsgeschichte analog und damit unabhängig mehrfach in unterschiedlichen Tierfamilien entstanden?

 

Eine neue Studie unter der Leitung von Paul Barrett untersuchte nun genauer, ob die Federn außerhalb der Theropoda überhaupt die Definition einer Feder erfüllen: ob sie aus dem Protein Beta-Keratin gebildet werden, ob sie sich verzweigen und ob sie aus einem Follikel hervorgehen. Diese Definition erfüllen tatsächlich nur die Theropodenfedern, alle anderen Strukturen sind lediglich sogenannte Filamente, also unverzweigte Auswüchse. Ob sie auch aus dem gleichen Protein gebildet werden oder einem homologen Follikel hervorgehen, ist niemals klar bestätigt worden. Barrett hält die Federn von pflanzenfressenden Dinosauriern und Flugsauriern deshalb für eigenständige Produkte konvergente Evolution, was auch dadurch untermauert werde, dass die meisten Hautabdrücke anderer Dinosaurier ein Schuppenmuster zeigen, ohne eine Spur von Federn oder Federansatzstellen.

 

Link zu Geologypage und der einer ausführlichen Darstellung


Die Haie des Pierre Seaways in der Kreidezeit

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Kansas_sea2DB.jpg
Bildquelle: Wikipedia; https://en.wikipedia.org/wiki/Squalicorax#/media/File:Kansas_sea2DB.jpg

In einer aktuellen Studie untersuchten Wissenschaftler mehr als 1.500 Hai-Zähne, die aus verschieden alten Schichten der Hell Creek Formation, also dem westlichen Nordamerika (Montana) der späten Kreidezeit stammten. Zwischen Montana und den beiden Dakotas befand sich damals noch ein Meerarm, der Pierre Seeweg (auch: Western Interior Seaway), sodass die ganze Gegend stark vom Meer und ihren Bewohnern geprägt war: auch in den brackigen Mangroven und Flusssysteme schwammen Haie noch bis weit ins Landesinnere.

 

In den letzten Jahrhunderttausenden der Kreidezeit häufen sich die Zahnfunde sogar, was verdeutlicht, dass die Hai-Fauna zu dieser Zeit geradezu aufblühte. Die Forscher konnten die gefundenen Zähne einer Art der (heute ausgestorbenen) Hybodonten, fünf Teppichhai-Arten, einem Makrelenhai, einem Scheinsägerochen und zwei Rochen aus der Gruppe der Rajiformes zuordnen.

 

Die Zahnvielfalt nimmt hinter der KP-Grenzlinie rapide ab. In den höheren Schichten, also nach dem Ende der Kreidezeit, ist mit Myledaphus pustolosus nur noch ein Gitarrenrochen überliefert. Alle anderen Haie in Hell Creek haben das Massenaussterben also nicht überlebt.

 

Danke an Sven Sachs, der mich auf diesen Artikel bei Science Direct aufmerksam gemacht hat!


Schöningen: 300.000 Jahre alte Wurfhölzer entdeckt

https://www.sueddeutsche.de/image/dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200420-99-767068/640x360?v=0
Eins der gut erhaltenen Wurfhölzer der Heidelberg-Menschen. 300.000 Jahre alt und immer noch spitz.

Ein interessanter Fund aus dem niedersächsischen Schöningen bringt das althergebrachte Bild vom Frühmenschen als primitiven Haudrauf weiter ins Wanken. Dort gruben Archäologen unweit des Fundortes der berühmt gewordenen Speere nun gut erhaltene Wurfhölzer aus. Sie wurden vor über 300.000 Jahren von Heidelberg-Menschen hergestellt und eingesetzt, um damit Wasservögel zu jagen und Wild aufzuscheuchen. Die Stöcke lassen sich durchaus mit den Technologien viel späterer Naturvölker wie den Aborigines aus Australien vergleichen. Sie belegen, dass schon die europäischen Urmenschen keineswegs nur von der Hand in den Mund lebten, sondern planerisch und sehr geschickt agierende Jäger waren.

 

Die Süddeutsche zitiert den dpa-Newskanal hierzu.


Meereskrokodile tauchten wie Wale

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Die Meereskrokodile des Mesozoikums tauchten auf ganz ähnliche Weise wie Wale und Delfine heute. Eine Forschergruppe der Universität von Edinburgh untersuchte in einer neuen Studie vor allem den Aufbau des Innenohrs. Es war bei den Meereskrokodilen deutlich anders gebaut, als bei ihren Verwandten in den Flüssen, Sümpfen und Seen. Mit wesentlich dickeren Ohrkanälen konnten sie auch in großen Tiefen noch hervorragend das Gleichgewicht halten und sich orientieren. An die Druckunterschiede waren sie bestens angepasst, ganz ähnlich wie heutige Meeressäuger. Ein Blasloch besaßen sie allerdings nicht, sie atmeten vor dem Tauchen eher durch ihre Nasenöffnung.

 

Herzlichen Glückwunsch auch nochmal an meinen Freund Sven Sachs, der an der Studie als Co-Autor beteiligt war und nun das erste Mal in der New York Times veröffentlicht wurde.


Der marokkanische Jurassic Park

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Szene aus der Kreidezeit im Osten Marokkos

Eine der ergiebigsten Fossillagerstätten Nordafrikas sind die berühmten Kem Kem Beds in Marokko.

Viele Sammler besitzen Fossilien von dort. Für kleines Geld kann man in diversen Shops Zähne vom Spinosaurus oder Carcharodontosaurus erwerben. In einen neuen, sehr umfangreichen Monographie eines Forscherteams um Nizar Ibrahim und Paul Sereno beschreiben die Forscher sehr anschaulich die Gesteine und Fossilien dieser bemerkenswerten Gegend: Heute eine karge Wüste am Nordrand der Sahara, war Marokko vor etwa 100 Millionen Jahren ein tropisches Küstengebiet am Südrand des Tethys-Meeres. Von den Gezeiten geprägte Mangrovensümpfe und ein immerfeuchtes Netzwerk aus Flusskanälen und Bruchwäldern bestimmten das Landschaftsbild.

 

Dinosaurier und riesige Krokodile beherrschten das Land und die Flüsse, Pterosaurier kreisten am Himmel. In dem Fluten wimmelte es von spektakulären Salz- und Süßwasserfischen. Die neue Studie lässt neue Einblicke in dieses prähistorische Ökosystem zu, um das komplexe Nahrungsnetz in der frühen Oberkreide etwas besser zu begreifen.


Flugsaurier und Drohnenbau?

Ein Flugsaurier-Modell, Vorbild für den Drohnenbau?

Da in dieser Woche außerdem eine interessante Studie über die avionischen Eigenschaften von Flugsauriern erschienen ist, und wie man diese vielleicht beim Drohnenbau in der heutigen Technik noch nutzbar machen könnte, habe ich in meinem ARTIKEL DER WOCHE einmal die Frage gestellt, wozu Paläontologie überhaupt gut sein kann. Schau Dir den Artikel gerne an, sofern Du das noch nicht getan hast. Es kann doch überraschend sein, wie wichtig die Urzeitforschung doch für unseren Alltag ist, und dass sie ganz und gar nicht bloß den nerdigen Dino-Fans zur Unterhaltung dient.

 

Ich wünsche nun viel Spaß weiterhin auf meiner Seite und einen schönen Sonntag!

 

Liebe Grüße

 

Markus Peter Kretschmer

 

PS: Das Titelbild stammt von Ganesh Rano und zeigt einen Pachycephalosaurus.

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