Das Aberdeen-Monster – entschlüsselt

von: Tobias Möser

 

Passend zu Halloween am 1. November meldete das Nachrichtenportal der Daily Record den Fund eines unbekannten Tieres an einem Strand bei Aberdeen. Um welches Tier es sich bei dem „Aberdeen-Monster“ genannten Fund handelt, konnten weder die Reporter des Magazins noch andere Internetuser herausfinden. So schreibt die Zeitung: „Die Knochen, die wie eine Mischung aus Katze und Reptil aussehen, wurden an der Küste von Aberdeen gefunden.“ Die Webcommunity Fubar veröffentlichte ein Foto, nachdem die ersten Gerüchte bereits entstanden.

„Das Tier hat ein reptilartiges Gesicht, die Rippen stehen heraus, es hat einen langen, knochigen Schwanz und Krallen.“, so beschreibt die Daily Record das „Aberdeen Monster“.

Die sozialen Medien lieben solche Kadaver. Im Board von Fubar und bei facebook hat das Foto über 600 Kommentare angesammelt:

„Ich glaube, es ist ein Seeotter oder Dachs“

„Es ist ein FAKE!“

„Jemand hat die Beine einer Krabbe abgebrochen und in den Brustkorb gesteckt“

„Es ist eine Kreatur aus Wachs oder Latex, oder mehrere echte Tiere, verbunden und mit etwas Photoshop“

Kadaver des "Aberdeen-Monster" genannten Tieres
Das tote Tier, Foto: Fubar News/ Facebook

Unsere Analyse

Wo fängt man mit so einer Analyse an? Zunächst mit dem Umfeld: Im Foto ist außer dem Untergrund nichts zu erkennen. Die Struktur des Sandes ist nicht bekannt, eine halbwegs verlässliche Größenangabe also schwierig.

Der Kopf des „Aberdeen-Monsters“

Vom Kopf ist nur noch ein weitgehend skelettierter Schädel, glücklicherweise mit Unterkiefer, übrig. Er ist nur im hinteren Bereich mit Haut überzogen, die Schnauze und der Unterkiefer liegen frei, die Augen- und Nasenhöhlen sind leer. Auf der Nase ist ein kleines Horn zu erkennen, über dem Auge verläuft ein Kranz kurzer Stacheln. Einige Zähne sind erhalten geblieben, sie wirken klein und kegelförmig. Hinter dem Auge sitzt eine Wattschnecke auf dem Kadaver, sie wirkt auf den ersten Blick wie ein Horn. Das gibt dem „Aberdeen-Monster“ noch ein skurrileres Aussehen.

Der Kopf ruht auf einem Polster aus Epidermis, die sich von der Unterhaut gelöst hat und teilweise noch an den vorderen Extremitäten hängt. Hierdurch ist schwer feststellbar, ob das Wesen noch einen weiteren Kopfschmuck trug.

Der Schädel wirkt auf den ersten Blick alles andere als säugetierartig, zunächst kommt dem Autor ein Schildkrötenschädel in den Sinn, weil er neulich ein Meeresschildkröten-Skelett bearbeitet hatte. Doch Schildkröten haben keine Schädelfenster, das „Monster“ zeigt jedoch zwei. Reptil ja, aber keine Schildkröte. Hätte der Rest des Körpers auch nicht erwarten lassen.

Jemen-Chamäleon mit dem besonderen Griff: zwei Finger innen, drei Finger außen.

Auch dieses Chamöleon zeigt den typischen Griff

Die Füße des „Aberdeen-Monsters“

Der recht Vorderfuß ist nicht erkennbar, das Bein ragt aus dem Bild heraus. Der linke Vorderfuß ist lang und muskulös. Er wirkt wie gespalten. Die Hinterbeine sind beide erhalten. Obwohl sich hier die lose Epidermis sammelt, sind die Füße erkennbar. Sie haben fünf ausgebildete Zehen mit starken Krallen. Zwei Zehen liegen auf der Innenseite, drei auf der Außenseite des Fußes. Zusammen mit einem gut erkennbaren Polster bilden sie eine herausragende Greifhand. Sie funktioniert aber völlig anderes, als die Greifhand des Menschen.

Schädel eines Chamäleons
Schädel eines Chamäleons Chamaeleo namaquensis (Foto: Chantalle Bosch, CC 4.0)
Die Ähnlichkeit zum Aberdeen-Monster ist kaum zu übersehen.

Chamaeleo calyptratus, cleared and stained: Eine Präparationsmethode, um Knochen und Knorpel sichtbar zu machen. Der Verlauf der Rippen ähnelt dem Strandfund sehr. (Foto: Brian W. Ray, CC 4.0)

Die Haut ist zu großem Teil erhalten geblieben, jedoch nicht im besten Zustand. Die Epidermis hat sich abgelöst. Ob dies ein natürlicher Prozess im Rahmen der Häutung oder eine postmortale Verwesungsfolge ist, kann nicht mehr beurteilt werden.

Dort, wo die Haut gut zu sehen ist, erkennt man schnell Tafelschuppen, die teilweise sehr regelmäßig angeordnet sind. An anderen Stellen liegen unregelmäßige Tuberkel-Schuppen vor. Reste einer Zeichnung scheinen sich erkennen zu lassen.

Die Rippen des „Aberdeen-Monsters“

Viele Beobachter haben sich Gedanken über die sichtbaren Rippen gemacht. Sie wirken auf den ersten Blick wie die Beine eines Krebstieres. Tatsächlich sind die vermeintlichen Gelenke einfach nur Biegungen der Knochen.

Das Fazit

Als hätte man es nicht relativ früh geahnt: Das Aberdeen-Monster ist der Überrest eines Chamäleons. Die Art ist nicht mehr genau zu bestimmen, aufgrund des Hornansatzes auf der Nase könnte es sich um ein Tier der Gattungen Calumma* oder Furcifer* handeln.

Aber wie kommt so ein Tier in die Nordsee bei Aberdeen? Der Verbreitungsschwerpunkt der Chamäleons liegt in Afrika südlich der Sahara, insbesondere auf Madagaskar. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde es als Haustier gehalten und starb dann irgendwann. Der Körper wanderte entweder direkt ins Meer oder wurde später mit Abfall in der Nordsee „entsorgt“.

Das Aberdeen-Monster ist nur monsterhaft, wenn man eine Heuschrecke ist.


Literatur:

Daily Record vom 1. November 2019: Mysterious animal remains wash up on Scots beach leaving residents puzzled


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