Medienmittwoch: Als Bigfoot noch sehr jung war – das Schneemenschen-Buch von Ivan T. Sanderson

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Da liegt es vor mir – ein wahrer Klotz von einem Buch. Bislang kannte ich nur die später erschienene, gekürzte Taschenbuchausgabe, aber Adventures Unlimited, eigentlich ein Verlag für alternative Archäologie (mit einem … hm … zumindest oft bizarrem Sortiment) hat die Originalausgabe glücklicherweise neu aufgelegt, zwar als Trade-paperback, aber immer noch besser, als das Buch antiquarisch für horrendes Geld zu kaufen.

 

Eine Legende der Kryptozoologie

Also nun: Ivan T. Sanderson: „Abominable Snowmen – Legend come to Life“, Neuauflage der Originalausgabe von 1961. Es war das erste Buch, das über das Phänomen der Schneemenschen, wie es sich global darstellt, Bericht erstattete, enthält eine der frühesten Erwähnungen des Wortes „crypto-zoological“ und wurde, wie Sanderson im Vorwort erklärt, in enger Zusammenarbeit mit Bernard Heuvelmans erstellt.

 

Der Inhalt wird in 20 Kapiteln und 5 Anhängen präsentiert. Ganze 525 + xviii Seiten umfasst die Originalausgabe, dazu kommt ein Tafelteil mit über 50 Fotos, ein ausführliches Literaturverzeichnis (aber kein Quellennachweis). Die gekürzte Taschenbuchausgabe mit immerhin noch 365 Seiten erschien 1968. Alle Seitenangaben in dieser Besprechung beziehen sich auf die Paginierung von 1961.

 

the abominable Snowmen
Die Taschenbuch-Ausgabe von 1968

 

Die Gliederung des „Abominable Snowmen“

Um die Breite des Materials darzustellen, ist es wohl am einfachsten, die Gliederung des Buchs zu referieren:

 

Kapitel 1: eine kurzgefasste Geschichte des Phänomens ab 1887 (L. Wedell erwähnt den Yeti zum ersten Mal)

Kapitel 2, 3 und 4: Berichte aus Kanada von 1860 bis 1960

Kapitel 5: Berichte aus den Vereinigten Staaten östlich der Rocky Mountains

Kapitel 6: Berichte aus Nordkalifornien

Kapitel 7: Berichte aus dem pazifischen Nordwesten der USA (Washington, Oregon)

Kapitel 8: Berichte aus Mittel- und Südamerika (hier hauptsächlich Meldungen über den „mono grande“ im Karibik- und Amazonasgebiet, das Mapinguari sowie von behaarten Zwergen in den Anden)

Kapitel 9: Berichte aus Afrika – hier eher unbekannte Menschenaffen als Affenmenschen

Kapitel 10: Berichte aus Malaysia und Sumatra

Kapitel 11: Berichte aus Indochina

Kapitel 12: Berichte aus dem Himalaya

Kapitel 13: Berichte aus dem Kaukasus und seiner Umgebung

Kapitel 14: Berichte aus der Mongolei

Kapitel 15: Physische Beweise für den Schneemenschen (kurz gesagt – keine. Alle Haare und Felle und Knochenreste, so Sanderson, stammen von bekannten Tieren, alle Augenzeugenberichte sind anfechtbar)

Kapitel 16: Fossile Menschen- und Affenformen (hier bricht Sanderson eine Lanze für den Piltdown-Man)

Kapitel 17: Mythen und Folklore (aber nicht Wilde Menschen in Europa, die finden sich erst in seinen Büchern „Things“ und „More Things“)

Kapitel 18: Grundlagen der Tierverbreitung und Pflanzengeografie (Sanderson definiert die Kontinente als Zoologe anders als herkömmlich – Erica, Columbia, Eurasia, Orientalia, Ethiopia, Australia)

Kapitel 19 richtet sich gegen die Skeptiker, die nicht an Schneemenschen glauben wollen – sie sind alle engstirnig. Das verblüfft, hat er doch gerade zugegeben und sogar betont, dass es keinerlei Beweise für den Schneemenschen gibt.

Kapitel 20 – Schlussfolgerungen (die recht allgemein gehalten sind)

Bemerkenswerte Anhänge

Dazu kommen fünf Anhänge:

A: Namen für den Schneemenschen mit Worterklärung (ich bin mir nicht sicher, ob dieser Abschnitt einer philologischen Überprüfung standhalten kann)

B: Fußabdrücke von Yetis, Affen, Menschen

C: Stammbaum der Menschen, Menschenaffen und Schneemenschen (der naturgemäß recht spekulativ ist)

D: Die Fauna des Himalayas als Liste

E: Hillarys Yeti-Skalp – einige Gedanken

 

Reprint des "Abominable Snowmen", mit Titelzusatz
Der moderne Nachdruck

 

Sandersons kryptozoologische Schlussfolgerungen

Sandersons eigentliche kryptozoologischen Schlussfolgerungen finden sich im Kapitel 16. Er geht davon aus, dass die von ihm gesammelten Daten auf vier lebende Spezies oder zumindest Typengruppen von Schneemenschen hindeuten (S.356 ff.), die jeweils eigene ökologische Nischen in den Wäldern der Erde bewohnen:

 

  1. „Vormenschen“ (bei Sanderson: sub-human – „Untermenschen“, ohne jeden Nazi-Unterton, meine Übersetzung sollte es auch treffen) im Osten Eurasiens und in Orientalia, menschenartig, wenig behaart, gute Kletterer und Schwimmer, nocturn, stinkend. Typisch für diese Kategorie sind der Wilde Mann von Yunnan, China, und die Schneemenschen von Malaysia, möglicherweise überlebende Frühmenschenformen. Ebenso dazu gehören die Almas und Almas-ähnlichen Wesen aus dem zentralen Eurasien, die überlebende Neandertaler sind.

 

  1. Proto-Pygmäen in Orientalia, in Afrika und möglicherweise in Mittel- und Südamerika, die dwendis von Kolumbien, sedapa von Sumatra, agogwe Ostafrikas und die kleinen Yetis aus den Wäldern am Fuße des Himalayas. Möglicherweise sind das kleine Formen des Homo sapiens, wie die afrikanischen Pygmäen.

 

  1. Neo-Riesen in Indochina, Osteurasien, Nord- und Südamerika. Größer als ein durchschnittlicher Mensch, starker Torso, kurzes schwarzes oder rotes Haar, menschliche Füße, keine Sprache, aber hoher Pfiff, nächtlich, hauptsächlich vegetarische Lebensweise, verschmäht Kleintiere nicht, scheu, baut sich Betten in Höhlen und Trockensteinmauern als Windschutz. Dazu gehören der Dzu-teh Indochinas und Chinas, der Sasquatch in Nordamerika und das Mapinguari in Südamerika (das heute nicht mehr als Schneemensch, sondern als Riesenfaultier aufgefasst wird).

 

  1. Die Unterhominiden (sub-hominids) im Süden Eurasiens, also im Himalaya und im Karakorum, größer als ein Mensch, mit kurzen Beinen und langen Armen, in zotteligem Fell, mit konischer Kopfform, sie gleichen einem Gorilla, sind Allesfresser. Sie sind, anders als die drei anderen Formen, keine Menschenart, sondern vermutlich ein Menschenaffe – der ursprüngliche Yeti oder Meh-Teh.

Abominable Snowmen – Ein unerwartetes Pionierwerk

Ivan T. Sandersons Buch ist ein Pionierwerk – er fasste als Erster zusammen, welche Arten von Schneemenschen es gab und wo es sie gab. Er erkannte als Erster die weltweite Verbreitung des Phänomens – vorher gab es fast ausschließlich nur Bücher über den Yeti. Sanderson machte ebenfalls auf die große Zahl amerikanischer Berichte aufmerksam.

 

Stilistisch ist das Buch durchaus – zwiegespalten. Wer Sanderson nicht kennt: Er pontifiziert, er ist geschwätzig bis zur Ermüdung. Und „Abominable Snowmen“ ist ein typischer Sanderson – wortreich, plapperig, ausufernd. Der Mann kommt vom Stöckchen aufs Hölzchen und findet nicht mehr zurück – ein bisschen so, als würde man Abe Simpson aus der Zeichentrickserie zuhören.

Ivan T. Sanderson in seinem Büro, 1965

Um zu Wedells Bericht zu kommen, braucht er vier Seiten, in denen er über den Job eines britischen Kolonialbeamten referiert – um den Bericht dann gar nicht zu zitieren, sondern zum nächsten zu springen. In einem Bigfoot-Kapitel redet er fast zehn Seiten lang über Indianer und ihre Welt und kommt dann zu dem Schluss, es lohne nicht, Bigfoot-Berichte zu zitieren, sie ähnelten denen des Sasquatch wie ein Ei dem anderen. Aber er führt insgesamt gerade einmal eine Handvoll Berichte aus Kanada an!

Sanderson übertreibt gerne mal

Dazu kommt definitiv eine Neigung zur maßlosen Übertreibung. Auf S. 92 zeigt er eine Karte von 35 x 35 Meilen im nördlichen Louisiana – um zu belegen, wie unbesiedelt selbst Teile der USA noch sind. Dazu schreibt er: „Sie werden das nicht glauben. Es macht Sie sehr wahrscheinlich auch sehr wütend. Wollen Sie Ihre Wut besänftigen, gehen Sie voraussichtlich in einen Laden oder schreiben an eine Ölgesellschaft, um sich Karten der Staaten Missouri, Illinois, Kentucky, Tennessee, Arkansas, Alabama, Mississippi und Louisiana zu besorgen, dann verwenden Sie einen Augenblick oder auch zwei darauf, mit einem Lineal und Rechenstab ein vergleichbares Rechteck auszumessen.
Das wird Sie sehr wahrscheinlich noch viel wütender machen, aber ich habe es schon mehrfach gesagt: Ich nenne die Dinge beim Namen, selbst wenn ich ‚dort unten‘ bin.“ Der Text geht in dieser Art noch drei Absätze weiter. Warum jemand über eine Landkarte oder darüber, dass irgendwo kaum einer wohnt, aufgebracht sein sollte, wird nicht erklärt.

 

Ein anderes Mal (S. 416–417) schreibt Sanderson, dass jedes Jahr mehrere gut ausgerüstete Expeditionen alleine in Arizona spurlos verschwinden. Auch das ist eher eine Übertreibung als eine Tatsache. Man hätte dafür gern eine Quellenangabe – aber die finden sich im ganzen Buch nicht (dafür aber eine ausführliche Literaturliste am Ende des Bandes). Es wird alles Mögliche behauptet, bis sich die Balken biegen – nur belegt wird nichts. Auf S. 99 lesen wir, dass ab dem 15. Jahrhundert spanische Missionare zahllose Bigfoot-Berichte im Westen der USA gesammelt hätten – und erfahren dann von keinem einzigen. Auch sonst ist so etwas in der gesamten Bigfoot-Literatur unbekannt.

 

Auf S. 97 hören wir, dass jeder, der öffentlich erklärt, er habe Nessie gesehen, auch gleich Selbstmord begehen könne – er werde sowieso ausgelacht, arbeitslos und sozial ausgestoßen. Das würde die vielen Stadtabgeordneten von Inverness und zumindest einen Nobelpreisträger überraschen, die einfach so ihre Sichtung meldeten und ganz normal weiterleben durften.

 

Das sind typische Beispiele. Gern kritisiert Sanderson Zoologen, weil diese sich nicht um die Berichte kümmern würden, doch er zitiert einen Zoologen nach dem anderen, der Spuren untersucht hat. Er kam nur eben nicht zu Sandersons Überzeugungen.

und er kommt ins Quatschen

All das muss man hinnehmen. Ich mag den schwatzhaften Tonfall sehr (so sehr, dass ich alle Bücher von Sanderson besitze), bin aber immer wieder erschöpft davon, dass nach einem zehnseitigen Exkurs nicht die angekündigten Sichtungsmeldungen folgen, sondern ein neuer Exkurs. Erschöpft ja, aber das Geplauder und Geplapper hat mich trotzdem zehn Seiten lang aufs Beste unterhalten. Man muss eben wissen, was auf einen zukommt. Sanderson ist nicht der konzise Zusammenfasser wie Heuvelmans.

 

Spannend wird es auch dann, wenn Sanderson mit aller Autorität der Tiergeografie und mit großer Sicherheit erklärt, warum es zum Beispiel im Westen Eurasiens oder in Australien keine Schneemenschen geben kann – und wir heute wissen, dass das Vereinte Königreich und die russische Kola-Halbinsel zu Bigfoot-Hotspots geworden sind, dass man in Australien seit 1789 den Yowie sieht, einen dem Sasquatch ebenbürtigen Riesen, dass es selbst in Neuseeland zu Sichtungsepisoden kam. (Das ist gerade das Interessante an der Kryptozoologie – sie kann bei den großen Kryptiden oft keine Vorhersagen machen, die sich erfüllen.)

 

Abb 40 aus Abominable Snowmen
Abbildung 40 aus dem Buch. Eine Rekonstruktion des Sasquatch – und ein Vorlage für Patty, das Wesen aus dem Patterson-Gimlin-Film?

 

Die moderneren Beobachtungen fehlen im „Abominable Snowmen“

Man merkt also, dass das Buch mittlerweile 60 Jahre alt ist. Es fehlen deshalb Informationen zum Patterson-Film, zum Minnesota-Eismann, zum australischen Yowie wie auch größtenteils zu Sichtungen aus Regionen der USA, die nicht im Nordwesten liegen.

 

Dafür macht dieser Mangel andere Fakten schärfer – zum Beispiel, dass der Sasquatch von 1960 noch näher an der indianischen Sage war. Er ist fast menschlich, kann reden, verfügt über Kleidung und Architektur. In Höhlen findet man die Trockensteinmauern, die er errichtet hat, er streift nicht einzeln, sondern in Familienbanden umher. Wird er überrascht, schleicht er auf allen Vieren davon (S. 159), ist also plötzlich wieder tierischer als heute.

 

Übrigens erzählen fast alle Sasquatch-Berichte, die Sanderson anführt, von Weibchen mit großem Brüsten. Bigfoot hingegen gilt 1960 als aggressiv, er tötet Tiere und Menschen. Die beiden Erzählstränge haben sich einander noch nicht angenähert.

 

Sanderson betont, dass ABSM (also Schneemenschen) Menschen sind, nicht Tiere, und vor allem keine Menschenaffen. Auch das hat sich in den letzten 60 Jahren verändert. Spätestens seit dem Patterson-Film galt Bigfoot als Riesenaffe. John Greens Bücher sprechen immer von Apes, also Menschenaffen. Erst heute wird Bigfoot wieder menschlich – baut Figuren aus Zweigen, versucht die Kommunikation mit Menschen. Auch solche Dinge fallen ins Auge, wenn man die Originale und nicht spätere Zusammenfassungen liest.

 

Eines noch:

Sasquatch hat bei Sanderson fast immer Brüste. Er ist der Erste, der die amerikanischen Berichte zusammenfasste. Er geht ausführlich auf William Roe ein, der einen Sasquatch aus nächster Nähe beobachtete: „[It] straightened up to its full height and started to walk rapidly back the way it had come. For a moment it watched me over its shoulder as it went.“ (S. 77–78) Das klingt nah dem Patterson-Film, sechs Jahre, bevor dieser aufgenommen wurde. Ein Blick auf Abbildung 40, die zeigt, wie sich ein Künstler den Sasquatch denkt – wirkt wie ein Bild aus dem Film, nur das der Sasquatch schlanker ist als im Film. War diese Illustration ein Vorbild für Patty?

 

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„Abominable Snowmen“, der Reprint

Der Adventure Unlimited Verlag aus den USA hat den Klassiker von 1961 neu aufgelegt. Der Reprint des „Abominable Snowmen“ beinhaltet alles das, was Ulrich Magin oben beschrieben hat. Natürlich hat er den Charme eines Sachbuch-Klassikers: mit wesentlich mehr Zeit recherchiert, als üblich, dafür nicht auf dem neuesten Stand. Ein Buch, das in jede kryptozoologische Bibliothek gehört.

Abominable Snowmen hat 525 Seiten und ist in der 2. Auflage des Reprintes 2019 bei Adventure Unlimited erschienen. Im deutschen Buchhandel ist es nur als US-Import zu bekommen, dann zu stark wechselnden Preisen.

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Fazit

Einerseits – das Buch ist unverzichtbar in einer gut sortierten kryptozoologischen Bibliothek. Andererseits: Man sollte wissen, was man will und was auf einen zukommt.

 

Ich liebe Sandersons Bücher und fühle mich sehr unterhalten, wenn ich mir von Herrn Sanderson von seiner hohen Warte aus die Welt erklären lasse. Wer nur auf Quellenmaterial aus ist, braucht andere Bigfoot-Bücher (oder die gekürzte Taschenbuch-Version), auch wer beim Lesen den Inhalt rational bewertet, muss diese Tendenz unterdrücken, oder es macht keinen Spaß mehr. Um aber die heutige Konzeption des Schneemenschen von der ursprünglichen unterscheiden zu können, dazu braucht es das Buch. Es ist wichtig, es ist unterhaltsam, nur – wissenschaftlich ist es kaum.

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