Ahuízotl: der mexikanische Wasserhund – ein wenig bekanntes Kryptid

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Viele mythische Kreaturen entstehen durch die Überlieferung von realen Geschöpfen. Mit jeder Erzählung ändert sich ein wenig bei der Überlieferung. Ist das Tier einmal aus dem Gebiet verschwunden, in dem von ihm erzählt wird, fehlt auch der Realitätscheck. Im Nebel der Erinnerungen wird dann aus so manchem realen Wesen ein unglaubliches Kryptid.

In Mexiko und anderen Bereichen der süd- und mittelamerikanischen Hochkulturen ist so etwas in besonderer Form zu erwarten. Die spanischen Conquistadores haben sich nie die Mühe gemacht, die Völker der eroberten Gebiete zu verstehen. Die wenigsten lernten die Sprache, schriftliche Aufzeichnungen wurden als solche nicht erkannt oder als „des Teufels“ vernichtet. Es ging um Gold, um nichts weiter. Erst später begannen auch die Spanier, die eroberten Ländereien zu erforschen.

Doch auch die Azteken sammelten die Legenden, Mythen und Erzählungen. Einige davon kamen dem Franziskaner-Mönch Fray Bernardino de Sahagún zu Ohren. Dieser Mönch sammelte Informationen über fast alles, was er in Mittelamerika erhalten konnte: Er befasste sich sehr ausgiebig mit der aztekischen Kultur, hielt aber auch ein Augenmerk auf die geographischen Gegebenheiten und die Natur. Er ließ sich dabei auf die zerstörte Welt der Mittelamerikaner ein, so dass die ihm fremde Kultur mit der eigenen Sprache zur Geltung kam. Allerdings teilte er ihre Ansichten nicht, sondern sah in den Azteken ein zu unterwerfendes und vor allem zu katholisierendes Volk.

Der Codex Florentinus berichtet

Karte des Texcoco-Sees
Situation des Texcocosees etwa 1519, beim Eintreffen der Spanier (CC 4.0 by Yavidaxiu)

Die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán lag auf etwa 2200 m Höhe auf mehreren Inseln im Texcoco-See. Mit dem Festland war sie nur über Dämme und bewegliche Brücken verbunden. Der See selbst war ein Endsee, ohne Abfluss. Dem entsprechend war sein Wasser stark salz- und sodahaltig. Im See und den umliegenden Sümpfen haben sich eine ganze Reihe von endemischen Arten entwickelt.

Die Azteken und ihre Nachkommen berichten von einem Monster, das in diesem See gelebt haben soll. Bernardino de Sahagún berichtet im Codex Florentinus davon. Die Eingeborenen bezeichnen es als eins der böswilligsten Raubtiere, das sie kennen. Sie kennen das Tier unter dem Namen Ahuízotl. Namen aus der Aztekensprache sind schlecht übersetzbar, hier könnte „der Dornige aus dem Wasser“ ganz gut passen.

Meist wird der Ahuízotl als „so groß, wie ein Kojote oder mittelgroßer Hund“ beschrieben. Er soll eine dichte Mähne und ein Fell tragen, das sich zu Stacheln formt, wenn er das Wasser verlassen hat. Die Schnauze ist lang und dünn, sie ist gefüllt mit scharfen Hundszähnen. Die Ohren sind klein, seine Pfoten scheinen menschlichen Händen zu ähneln. Das bizarrste Merkmal am Ahuízotl ist ein langer Schwanz, der handähnliche Anhänge oder Krallen an der Spitze trägt. Das Tier kann sich vierbeinig oder zweibeinig fortbewegen, die Beine sind affenähnlich.

Der Ahuízotl lebt hauptsächlich im Wasser, wo er auch jagt. Er greift ohne Provokation Fischer und ihre Boote an. Seine Jagdtaktik ist einfach: er reißt mit seinem mächtigen Schwanz seine Opfer in die Tiefe. Sogar Lautäußerungen überliefern die Azteken: sie sind differenziert, einige Geräusche klingen wie menschliche Stimmen, sogar das Weinen eines Babys wurde gehört.

Bernardino de Sahagún schreibt hierzu:

Er ähnelt dem kleinen Teui-Hund: klein, glatt und glänzend. Das Tier hat kleine, spitze Ohren, genau wie ein Hund. Er ist schwarz wie Gummi, glatt, rutschig, sehr lang und langschwänzig. Und sein Schwanz ist am Ende mit einer Hand versehen, genau wie eine menschliche Hand ist auch die Spitze ihres Schwanzes. Und seine Hände sind wie die Hände eines Waschbären oder eines Affen. Es lebt in wässrigen Höhlen, in wässrigen Tiefen. Und wenn jemand dort am Eingang ankommt, oder dort im Wasser, wo es ist, dann schnappt es ihn dort. Es wird gesagt, dass es ihn versenkt, es stürzt ihn ins Wasser; es trägt ihn zu sich nach Hause, es reißt ihn in die Tiefen; so hält ihn sein Schwanz, so packt er ihn.

Ein Mann ertrinkt, neben ihm der Ahuizotl
Bild aus dem Codex Florentinus: Ein Mann ertrinkt, neben ihm der Ahuizotl.

Glyphe des Ahuizotl
Glyphe des Ahuizotl in Tepoztlán

[Wenn der Körper des Opfers gefunden wird] hat derjenige, der ertrunken ist, keine Augen, Zähne und Nägel mehr, es hat sie alle von ihm genommen. Aber sein Körper ist makellos, seine Haut unverletzt. Nur sein Körper kommt schlüpfrig nass heraus; als hätte man es mit einem Stein geschlagen; wie wenn es kleine Blutergüsse verursacht hätte. Als es gestört war – oder niemanden erwischt hatte, keinen von uns Bürgern ertränkt hatte – wurde es gehört, als ob ein kleines Kind weinte. Und wer es hörte, dachte, vielleicht weinte ein Kind, vielleicht ein Baby, vielleicht ein verlassenes. Davon bewegt ging er dorthin, um danach zu suchen. Also fiel er dort in die Hände des Ahuízotl, dort ertränkte es ihn.

Gefürchtet und verehrt

Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen genoss der Ahuízotl bei den Azteken eine besondere Verehrung. Sie behandelten ihn mit einer Mischung aus Angst, Respekt und Ehrfurcht. Er soll sich sogar einen Platz im mythischen Paradies Tlalocan verdient haben. Daher durften nur spezielle Priester die Leichen seiner Opfer berühren.

Herrscher Ahuizotl
Der Herrscher Ahuizotl, sein Wappentier ist oben links. Bild aus dem Codex Mendoza

Die Ahuízotl durften weder gejagt noch getötet werden. Gelegentlich fingen Dorfbewohner einzelne Tiere und bewahrten sie in einer Art Topf auf. Sie wurden in der Regel gezwungen, sie unverzüglich frei zu lassen.

Der Aztekenherrscher Ahuízotl (Regierungszeit 1486 – 1502) benannte sich nach dem Tier – und machte dem Namen alle Ehre: innerhalb nur weniger Jahre eroberte er die Territorien von 45 Völkern. Damit dehnte er das Aztekenreich deutlich aus.

Obwohl die Beschreibung auf eine Menge folkloristischer Überlieferung hindeutet, hielten die Azteken den Ahuízotl für real. Auch die Conquistadores zweifelten nicht an seiner Existenz, sie trafen ihn offenbar häufiger an. Sogar Hernán Cortés beschrieb ihn in einem Brief an den König von Spanien.

… und verschwunden.

Die Berichte über das Ahuízotl sind in den späteren Jahrhunderten buchstäblich verschwunden. Die wenigen Überlieferungen fallen vermutlich unter das Radar eines jeden Mittelamerikanistik-Forschers, es ist ja nur von einem Tier die Rede. Am Ende bleibt eine seltsame, historische Kuriosität, die aber keine besondere Bedeutung hat – außer für die Kryptozoologie.

Der Versuch einer Deutung des Ahuízotl

Wie oben beschrieben, stammen die meisten Überlieferungen des Ahuízotl aus dem Texcoco-See. Dieser zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Mineralienzusammensetzung aus: er ist salzig und enthält große Anteile Karbonate wie Soda. Heute ist der Texcoco-See nahezu verschwunden, bereits die Conquistadores haben versucht, ihn teilweise trocken zu legen. Mittlerweile ist Mexico City über einen Großteil des alten Seebodens gewachsen.

Mit dem Verschwinden des Sees sind zahlreiche der endemischen Arten ausgestorben, andere kämpfen ums Überleben, wie der Axolotl. Eine Darstellung der ursprünglich dort vorkommenden Arten und des Ökosystems vor und nach den baulichen Eingriffen der Azteken erscheint unmöglich. Daher dürfte es auch extrem schwer sein, festzustellen, welche Arten grundlegend für den Mythos des Ahuízotl gewesen sind.

Ein Mix aus zahlreichen Arten

Das Aussehen mit dem glatten, glänzenden Körper und der Vergleich mit einem Hund lässt an Wassermarder, wie Otter denken. Das nasse Fell wirkt aus der Entfernung wie eine einzelne, glatte Oberfläche, schütteln sie das Wasser aus, finden sich die Haare zu stachelartig aussehenden Spitzen zusammen (die natürlich nicht hart sind). Beides wird für den Ahuízotl beschrieben. Der Südamerikanische Fischotter Lontra longicaudis ist ursprünglich auch Mexiko heimisch gewesen und hat mit Sicherheit auch den Texcoco-See besiedelt. Er ist allerdings viel zu klein, um einen Menschen oder ein Boot effektiv anzugreifen.

Auch Krokodile werden die Azteken gekannt haben. Einige Arten waren in Mittelamerika weit verbreitet, ob sie direkt im Texcoco-See vorkamen, ist nicht bekannt. In den von den Azteken beherrschten Regionen der Golf-Küste kamen jedoch mindestens zwei Krokodilarten vor:  das Beulenkrokodil Crocodylus moreletii und das Spitzkrokodil Crocodylus acutus. Letztere Art erreicht eine Länge von deutlich über 5 m und kann für Menschen gefährlich sein. Insbesondere das Jagdverhalten des Ahuízotl ähnelt sehr dem der Krokodile.

Südamerikanischer Fischotter
Ein Südamerikanischer Fischotter Lontra longicauda ruht in der Sonne. (Foto; Fabrice Capber, CC1.2)

Spitzkrokodil
Ein Spitzkrokodil Crcodylus acutus: Sind diese beiden Tiere Quelle für den Ahuizotl?

Der lange Greifschwanz, der in einer Hand endet, könnte bei Opossums oder gehandelten südamerikanischen Affen abgeguckt worden sein. Sie verwenden den Schwanz ja teilweise wie eine fünfte Gliedmaße.

Insgesamt erscheint der Ahuízotl bei den Berichten von Cortez und Sahagún als hätten sie eine Beschreibung einer realen Tierart aufgenommen. Keiner von beiden hat auch nur vermutet, von einer Legende zu erzählen. Insbesondere Sahagún hat streng zwischen Legenden und Realbeobachtungen unterschieden, so dass davon auszugehen ist, dass beide den Ahuízotl für ein reales Tier gehalten haben.

Ist der Ahuízotl ausgestorben?

Natürlich kann über eine ausgestorbene Kreatur spekuliert werden. Hinweise darauf gibt es aber derzeit nicht. Dies liegt allerdings auch an den schlechten Bedingungen für Ausgrabungen auf dem Gebiet des ehemaligen Texcoco-Sees. Letztlich führt das alles dazu, dass eine zoologisch eindeutige Erklärung für die Identität des Ahuízotl nicht ermittelt werden kann. Er wird weiterhin ein interessantes, wenn auch eher selten angesprochenes Kryptid bleiben.

Mittlerweile hat ein Wesen, das an den Ahuízotl angelehnt ist, im Fandom von „My little Pony“ eine Wiedergeburt in der Moderne gefunden.


Literatur:

Mexicolore: The Ahuizotl

Wikipedia: Texcoco-See, Tenochtitlan, Herrscher Ahuizotl, Bernardino de Sahagún

My little Pony Famdom: Ahuizotl