Aktuell: Buckelwal in der Nordsee gestorben

Lesedauer: etwa 10 Minuten
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Seit mindestens Mitte Oktober 2021 wurde ein Buckelwal regelmäßig vor der Küste der Niederlande und Belgien gesichtet. Die erste Sichtung haben Naturbeobachter am 16.10.2021 vor Hondsbossche Zeewering in den Niederlanden dokumentiert. Danach hielt sich das Tier offenbar länger in dieser Gegend auf. Naturbeobachter beschreiben den Wal als adult, echte Größenvergleiche zeigen die Bilder leider nicht. Er wurde auch beim Fressen beobachtet.

 

Truppenübungsplatz Vliehors, wo der Buckelwal gestrandet ist
 

Im Winter wanderte das Tier weiter in den Süden und hielt sich hauptsächlich nördlich des großen Deltas bei Den Haag auf. Dort zeigte sich das Tier eher selten, was aber auch an einer geringeren Zahl der Beobachter liegen könnte. Erst im Frühsommer tauchte er wieder regelmäßiger auf, diesmal noch südlicher, vor dem Rhein / Maas-Delta, auch vor der belgischen Küste. Das Tier zeigte sich recht aktiv. Viele Beobachter konnten es beim Breachen, einige auch mit Schwanzflossenschlägen fotografieren.

 

Nach dem 17.6. gab es zunächst keine Beobachtung mehr.

 

Buckelwal in der Nordsee
Der „Nordsee-Buckelwal“; Foto von René van Quekelberghe am 16. Juni 2022 bei Vlissingen-Breskens vor der Westerschelde. Man beachte die Bauchzeichnung (CC-BY)

 

Nun vor Texel

Weniger als 5 Tag später, am 22.6. tauchte ein Buckelwal 200 km nordöstlich vor Texel auf.  schwamm er die 200 km bis Texel, wo er am 22.6. unerwartet auftauchte. Dort und vor der Sandbank Razende Bol gab es weitere Beobachtungen, leider ohne Fotos.

 

Am 5.7. wurde ein Buckelwal tot an den Strand eines Truppenübungsplatzes auf der 2. westfriesischen Insel Vlieland angeschwemmt. Das Tier maß etwa 7 bis 8 m. Es handelt sich also um ein Jungtier. Die ersten Meldungen aus Herbst und Winter 21/22 sprachen von einem adulten Wal.

 

Gestrandetes Buckelwal-Jungtier
Der auf Vlieland gestrandete Buckelwal. Foto von Carl Zuhorn, CC-BY-NC-ND, aufgenommen am 5. Juli 2022

 

Der vor Zeeland und Belgien beobachtete Wal hatte charakteristische Narben auf dem Rücken und eine charakteristische Kehlzeichnung. Der Vlieland-Kadaver liegt aber auf dem Rücken, so dass eine Identifikation anhand der Rückenverletzungen nicht möglich ist.

 

Die Kehlzeichnung des Vlieland-Kadavers unterscheidet sich deutlich von der Kehlzeichnung auf Breaching-Fotos aus der Westerschelde. Der Vlieland-Kadaver zeigt deutlich mehr Weiß.

Tote Wale bleichen mit der Zeit aus. Wie lange der Kadaver bereits im Wasser lag, bevor er strandete, ist unbekannt. Er weist deutliche Verwesungszeichen auf, u.a. eine gasgefüllte Blase am Maul. Dennoch ist viel seiner dunklen Zeichnung noch kräftig dunkelgrau, während der Furchenbereich nahezu komplett weiß scheint.

 

Daher ist es unsicher, ob es sich um das selbe Tier handelt.

 

Das weitere Vorgehen

Der Kadaver wurde am 5.7. nach Harlingen überführt und dort untersucht. Die Biologen der Uni in Utrecht konzentrieren sich auf die Todesursache. Meeresbiologin Lonneke IJsseldijk ist hierbei federführend. Die Uni in Wageningen wird den Magen-Darmtrakt untersuchen und herausfinden, ob und was der Buckelwal gefressen hat. Das Naturalis Museum of Natural History in Leiden wird den Schädel in die Sammlung übernehmen.

 

IJsseldijk sagte der Presse: „Wir sehen immer häufiger Buckelwale in der südlichen Nordsee. Das geht fast immer gut, oft bleibt es nur bei der Beobachtung. Diese Walart kann gut im Flachwasser leben. Aber der Buckelwal, der kürzlich gesichtet wurde, schien ziemlich dünn und sah nicht gut aus.“

 

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Erste Untersuchungsergebnisse

 

Vermessung des Buckelwal Kadavers
Show-Vermessung für den Pressetermin. Foto: Faculteit Diergeneeskunde Universiteit Utrecht. Man beachte, wie sich die schwarze Hautschicht vom Körper löst. Damit ist die Identifikation über die Zeichnung hinfällig.

 

Die ersten Ergebnisse aus Harlingen wurden gestern, am 6.7. veröffentlicht. Bei dem Buckelwal handelte es sich um ein Weibchen von weniger als 6,5 m Länge. Es war vermutlich gerade selbstständig und hat sich von seiner Mutter getrennt. Der Gesundheitszustand des Tieres war ziemlich schlecht. Das Tier war sehr dünn und litt unter einer schweren Hautinfektion. Walläuse fanden sich an zahlreichen Stellen auf der Haut und in den Hautfalten.
Die Walforscher Lonneke Ijsseldijk von der Faculteit Diergeneeskunde der Uni Utrecht erzählte der Presse, dass es auch durch den schlechten Ernährungszustand bedingte Dehydrierung ergab. Mehrere Proben sind an unterschiedliche Institute gegangen, um die genaue Todesursache festzustellen.

 

Das niederländische Zentralmuseum für Naturkunde, das Naturalis in Leiden erhält das vollständige Skelett.

 

Walläuse am Buckelwal-Kadaver
Zahlreiche Walläuse am Kadaver des Wals. Hat das Tier deswegen das Süßwasser der Flussmündungen gesucht? Foto: Jeroen Hoekendijk

 

Buckelwale in der Nordsee

 

Funde von Buckelwalen in der südlichen Nordsee vor 2010:

  • 1751 wird ein Bartenwal bei Blankenberge (heute Belgien, damals österreichische Niederlande) angeschwemmt. Erst 255 Jahre später wird er anhand einer alten Zeichnung als Buckelwal identifiziert.
  • 1995 ziehen Fischer ein frisches Schulterblatt eines Buckelwals aus der Nordsee bei der Klaverbank.
  • Am 29. September 2003 strandet ein relativ frischer Kadaver eines Buckelwal-Weibchens bei Maasvlakte (ZH) in den Niederlanden. Das Tier misst 8,5 m. Beobachter halten es zunächst für einen Nordatlantischen Zwergwal. Daher lassen ihn die Behörden zunächst wieder ins Wasser schleppen. Er strandet jedoch am 7. Oktober erneut. Der Schädel und ein Teil des Skelettes sind im Naturalis in Leiden hinterlegt.
  • Am 20. Dezember 2003 strandet ein frischtoter Buckelwal-Bulle bei Katwijk aan Zee. Das 9,5 m lange Tier wurde am Vortag noch lebend beobachtet. Das Skelett ging in die Sammlung des Naturalis in Leiden.
  • 22. Juni 2004 strandet ein frischtoter Buckelwal bei Vliehors auf Vlieland, der selben Gegend, wo der aktuelle Wal gestrandet ist. Hierbei handelte es sich um ein Männchen von 8 m Länge. Der frische und intakte Körper wurde zunächst vergraben, am folgenden Tag aber bereits für das Ecomare wieder geborgen. Das Skelett ist heute Teil der Ausstellung, Gewebeproben für DNA-Analysen existieren ebenfalls. Das Tier starb an einer Verstrickung in ein Seil, das sich tief in Haut, Blubber, Muskeln und Organe geschnitten hatte.
  • 5. März 2006: Totfund bei Nieuwpoort (Belgien), ein 10,5 m langes Weibchen im Zustand fortgeschrittener Verwesung wird nach mehreren Tagen auf See angespült.
  • 8. Oktober 2009: Bei Westgat auf der Insel Ameland wird ein stark verwester Kadaver eines etwa 8,5 m langen, männlichen Buckelwals gefunden. Der Wal ist mindestens eine Woche vor der Strandung gestorben und trieb zwischen den Inseln Terschelling und Ameland umher. Vermutlich war es ein Jungtier, nicht älter als 2 Jahre. Die Todesursache ist unbekannt.
    Skelett und Barten sind im Naturalis Leiden archiviert.

Nach 2010

  • 18. August 2010 bei Pole 87 in Katwijk: Ein Teil eines stark verwesten Buckelwals wird angeschwemmt. Er besteht nur aus einem Flipper und wenigen weiteren Knochen. Die Länge des Flippers beträgt 150 cm, er ist der einzige vermessene Teil des Fundes. Da Flipper etwa 1/3 der Länge eines Buckelwals ausmachen, rechnen Wissenschaftler mit einem etwa 4,5 m langen Baby. Dies bedeutet, dass ein Buckelwal in der südlichen Nordsee auf die Welt kam. Ein Ereignis, das noch nie beobachtet wurde.
    Das Naturalis in Leiden archiviert auch diesen Fund.
  • 23. März 2012: Ein Wattwanderer (?) findet einen einzelnen Wirbel eines Buckelwals auf einer Sandbank bei Cocksdorp, Texel. Er geht in die Sammlung des Ecomare ein.
  • 12. Dezember 2012 auf dem Razende Bol bei Texel strandet ein 10,34 m langes Buckelwal-Weibchen lebend. Die Medien nennen es kurz danach „Johanna“. Durch Kompetenzstreitigkeiten von Behörden und Umweltschützern stirbt das Tier am 16.12. ohne einen kompetenten Rettungsversuch. Dies nimmt die Regierung als Anlass, ein Handbuch zur Rettung lebend gestrandeter Großwale herauszugeben, das Kompetenzen in diesem Fall klar regelt. Das Naturalis in Leiden hat Skelett, Barten und Hautproben gesammelt.
    Magen und Darm von Johanna enthielten Sprotten, außerdem fanden sich 16 Plastikpartikel zwischen 1 mm und 17 cm Länge. Die Untersucher vermuten insgesamt etwa 160 Plastikpartikel in ihrem Darm.

 

Buckelwale
Zwei Buckelwale im Flachwasser

Beobachtungen auf waarnemingen.nl:

  • 2007: 10. bis 13. Mai und 15. bis 21. November
  • 2008: 15. Oktober; 3. Dezember und 27. Dezember bis 9. Januar 2009
  • 2009: (27. Dezember 2008) bis 9. Januar; 7. Februar; 8./9. Oktober, tot (siehe oben)
  • 2010: Keine Beobachtung
  • 2011: 31. Januar; 19. April; 15. Mai; 1. bis 16. Juni
  • 2012: 30. Mai, 14. August; 29. November bis 4. Dezember: erste Beobachtung zweier Tiere, die interagieren; ab 4.12. ein Einzeltier „Johanna“, das am 12.12. als „verletzt / krank“, also gestrandet gemeldet wird. Das Tier stirbt am 16.12. (siehe oben)
  • 2013: 4. bis 18 Januar: zunächst zwei, ab dem 13.1. nur noch ein Tier
  • 2014: 22. September und 25. Dezember je eine Einzelbeobachtung
  • 2015: 14. bis 16. Februar: ein Jungtier, 12. und 14. November: ein Einzeltier; 2. und 29. Dezember: auch je ein Einzeltier.
  • 2016: durchgehende Sichtungen vom 29. Dezember 2015 bis 16. Januar 2016; 29. Februar; 22. Oktober jeweils Einzeltiere.
  • 2017: 16. Januar bis 4. Februar: ein bzw. zwei Tiere; 27. Februar  bis 3. März: Einzeltier; 10. Juli ein weiteres Einzeltier.
  • 2018: 13. Oktober bis 9. Dezember, ein Einzeltier, das auch frisst; 25. Dezember bis 11.Januar 2019: ein Einzeltier
  • 2019: 25. Dezember 2018 bis 11. Januar: ein Einzeltier
  • 2020: Keine Beobachtungen
  • 2021: 16. Oktober bis 18. November: ein Einzeltier
  • 2022: 9. Januar bis 2. Februar; 11. März; 23. Mai: Einzeltier, erwachsen; 7. Juni bis 5. Juli: ein Jungtier, am 4. oder 5.7. auf Vlieland gestrandet.

 

Buckelwal bei Camperduin, NL in der Nordsee am 21. Oktober 2021 by Ruud Brouwer
Der Buckelwal bei Camperduin, NL am 21. Oktober 2021. Foto: Ruud Brouwer

 

Beobachtungen auf waarnemingen.be:

  • 2006: 5. März: Totfund bei Nieuwpoort. Das Tier wurde am 28. Februar in französischen Gewässern bereits tot treibend gesehen. Das Weibchen wurde 10,5 m lang und war innerlich stark verwest, während es außen in relativ gutem Zustand war. Es ist der einzige Totfund eines Buckelwals an der belgischen Küste zwischen 1995 und 2017.
  • 2008 bis 2010: keine Beobachtungen
  • 2011: Einzelbeobachtungen auf See am 19. Januar, 19. April, 14./15. Mai, 1. Juni, 2. Juli und 1. Oktober (vgl. Beobachtungen aus den Niederlanden)
  • 2012: 2. Dezember: Ein Einzeltier auf See
  • 2013: 3. September ein Einzeltier bei Middelkerke
  • 2014 und 2015: keine Beobachtungen
  • 2016: 28. Januar: ein Einzeltier bei Raversijde, möglicherweise das gleiche Tier wie zeitgleich vor den Niederlanden gesichtet
  • 2017 und 2018: keine Beobachtungen
  • 2019: 24. Januar: eine Sichtung vor West-Flandern
  • 2020: Keine Sichtung
  • 2021: 11. April: Ein Einzeltier vor Oostende
  • 2022: 31. Mai bis 14. Juni: Einzeltier, das später möglicherweise in den Niederlanden strandete.

Strandungen in Deutschland:

Laut Marine Biological Association of the United Kingdom (Kinze et al.) wurden zwischen 1604 und 2017 insgesamt 3 tote Buckelwale in oder an der deutschen Nordseeküste gefunden. Ein Tier strandete 1824 bei Cuxhaven an der Elbemündung. 1991 trieb ein toter Buckelwal in der Mündung des Jadebusens und 1994 im offenen Meer der deutschen Bucht.

 


Quellen:

 

Die beiden Portale waarnemingen.be und waanemingen.nl

 

Marine Mammals.be: http://www.marinemammals.be/species/view/1357

 

taketonews vom 5. Juli 2022: „Auf dem Truppenübungsplatz der niederländischen Armee in Vlieland wurde ein toter Buckelwal angespült“

 

Kinze, C.C. et al: Cetacean strandings along the German North Sea coastline 1604 – 2017.
Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom; May 2021 , pp. 483 – 502
https://doi.org/10.1017/S0025315421000503

 

Smeenk, C. et al. (2008): Cetaceans stranded in the Netherlands from 1998 to 2007. Lutra 52,2. pp. 51. Link

 

Keijl, et al. (2016): Cetaceans stranded in the Netherlands in 2008 – 2014. Lutra 59,1-2, pp. 75 – 107 (pdf)

 

Haelters et al. (2018): Strandings of cetaceans in Belgium from 1995 to 2017. Lutra 61, 1, pp. 107 – 126. (pdf)

 

Keijl et al. (2021): Cetaceans stranded in the Nederlands in 2015 – 2019. Lutra, 64,1 pp. 14 – 44. (pdf)

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