Aussie Big Cats? Was ist dran am Fußabdruck?

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Am 29. Februar 2020 ging die Meldung zunächst durch die lokalen Medien: In den Blue Mountains in New South Wales, Australien hat eine Gruppe kryptozoologisch Interessierter eine Spur gefunden, die sie als Spur einer Großkatze interpretieren. Die Sozialen Medien sprangen natürlich sofort darauf an. Der Beweis für Aussie Big Cats wäre eine Sensation – kommen doch Großkatzen auf dem fünften Kontinent nicht vor.

Regen und Sand

Der Regen, der einige Tage vor der Beobachtung in den Blue Mountains fiel, hat eine optimale Leinwand geschaffen: Viele Wanderwege in den Tälern sind aus Sand oder verlaufen durch sandgefüllte Vertiefungen. Normalerweise sind sie durch die Fußspuren zahlreicher Wanderer so zerwühlt, dass man kaum etwas erkennen kann. Doch der Regen war kräftig genug, um den Sand zu ebnen: Die perfekte Fläche, um Spuren zu sichern. Ende Februar war dann der Sand ausreichend abgetrocknet, um auch leichte Abdrücke aufzunehmen. Diese Gelegenheit nutzte die Gruppe, die sich „Blue Mountains Explore“ nennt, um auf eine Entdeckungstour zu gehen.

Blue Mountains
Die „three sisters“, eine bekannte Felsformation der Blue Mountains

Am Fuß der Blue Mountains
Die Täler am Fuß der Blue Mountains sind oft sehr feucht.

Ein Fußabdruck

Der Fußabdruck ist etwa so groß wie ein Handteller und in weichen, trockenen Sand eingedrückt. Wer immer ihn fotografiert hat, hat wenigstens seine Hand als Maßstab ins Bild gebracht. Der Sand ist trocken und weich, er ist nach dem der Fuß weg war, teilweise in die Mulde des Fußabdruckes gerutscht. Alle Details fehlen deswegen.
Die Spur wirkt, als stamme sie von einem Tier mit einem unsymmetrischen Fuß, der vier Zehen zeigt. Die mittleren beiden Zehen stehen mehr oder weniger parallel und sind größer als die beiden Äußeren. Die rechte Seite des Abdrucks liegt etwas vor der linken Seite, was einen linken Fuß suggeriert. Vertiefungen in der Spitze jedes Zehenabdruckes legen jeweils eine nicht eingezogene Kralle nahe.

Fußspur im Sand
Eine der zahlreichen Spuren im trockenen Sand (Blue Mountains Explore/ Facebook)

Die australischen 9News bezeichnen den Abdruck als „Giant ‚paw print'“, die Anführungszeichen deuten auf eine gewisse Skepsis hin. Doch zunächst zitieren die 9News Kobe Bryant, der bei der Gruppe war: „Sie sind definitiv da draußen und sie exisiteren definitiv!“.

Enthusiastisch fährt er fort: „Man kann hier nicht mit dem Auto hin, so mussten wir unsere Fahrräder nehmen oder laufen. Normalerweise sieht man auf den beliebteren Wegen überall Schuhabdrücke. Es war daher eindeutig, dass noch niemand da draußen war.“

Wer hat die Spur hinterlassen?

Nachdem Kobe seinen Fund dokumentiert hatte, nahmen die Explorer Kontakt zur Australian Hunting Association, dem Verband der australischen Jäger auf. Sie baten um Rat und bekamen nach Angaben der Explorer die Antwort, dass diese Fußspur vermutlich keiner heimischen Art zugeordnet werden kann.

Hintergrund: Die Blue Mountains

Die Blue Mountains sind Teil des Gebirgszuges „Great Dividing Range“ und ziehen sich wie ein halber Ring von etwa 300 km Länge um die Metropolregion Sydney. Im Norden sind sie durch das für Wein bekannte Hunter Valley begrenzt, die Begrenzung im Westen ist unscharf, im Süden schließen sich die Southern Highlands an. Die östliche Begrenzung bildet der Pazifik.

Ähnlich wie viele U.S.-Nationalparks sind die Blue Mountains eine Kombination aus Naturschutzgebiet und touristischer Infrastruktur. Ein großer Teil der Gegend ist mittlerweile Weltnaturerbe.

Die Landschaft setzt sich an vielen Stellen aus bis zu 1000 m hohen Sandstein-Tafelbergen zusammen. Sie ähnelt verblüffend dem Elbsandsteingebirge, ist jedoch weitläufiger und in jeder Hinsicht größer.

Blue Mountains
Typische Sicht auf die Blue Mountains

Täler der Blue Mountains
Die Täler sind von Wasser und Farn geprägt

Auf den Bergen herrschen trotz meist ausreichenden Regens trockene Bedingungen, da das Wasser sehr schnell abläuft. Die Täler, in denen zahlreiche Eukalyptus-Arten und Baumfarne wachsen, sind sehr feucht und kühl. Sie sichern unter anderem die Wasserversorgung Sydneys. Es herrscht gemäßigtes Klima, im Winter liegen die Temperaturen bei 0 bis 3°C, regelmäßig fällt Schnee und bleibt auch liegen. Die Sommer können 30°C und mehr erreichen.

Warum die Blue Mountains?

Wie so oft kommen hier Möglichkeit und Gelegenheit zusammen. Die Gegend ist genauso gut wie jeder andere Naturraum, um nach einer Aussie Big Cat zu suchen. Da sie aber das Naherholungsgebiet der Metropolregion Sydney mit über 5 Millionen Einwohner darstellt und touristisch gut erschlossen ist, kommen verhältnismäßig viele Beobachter vor. Das erhöht die Chance einer Beobachtung sehr.

Durch die Lage an der feuchten Ostküste Australiens und in erodierendem Gestein sind die Blue Mountains sehr fruchtbar, was sich auch auf die Dichte der Tiere dort auswirkt. Eine Großkatze hätte also genug Beutetiere und eine extrem versteckreiche Landschaft zur Verfügung.

Panthersichtungen mit Tradition

Aussie Big Cats, also australische Großkatzen haben in den Blue Mountains Tradition. Forscher und Autor David Waldron hat die Aufzeichnungen der Regierung über Aussie Big Cats durchforstet, um die Geschichte dieser Legende zu verstehen. Er glaubt, die Geschichten der Aussie Big Cats in den Blue Mountains entsprechen ähnlichen Berichten in anderen Gemeinden und Bundesstaaten Australiens und sind alt und komplex. „Die australischen Großkatzen haben eine lange, lange Geschichte und sind tief in die lokale Folklore eingedrungen.“, sagte er nine.com.au.

Zoologische Erklärungen für Aussie Big Cats gibt es reichlich. Sie beginnen bei ausgebrochenen Maskottchen der US Army bis hin zu überlebenden Beutellöwen der Gattung Thylacoleo. Glaubhafter sind sicherlich „Flüchtlinge“ aus Zoos, Zirkussen und dem ehemals sehr regen Handel mit exotischen Tieren. Eins steht für ihn aber fest: Allen modernen Sichtungen fehlt der handfeste Beweis.

Bei den Beobachtungen gibt es ein großes Spektrum: „Wir haben keine Einheitlichkeit. Die Leute sehen Tiger, Löwen, Leoparden, Panther und Pumas, so dass schwer herauszuarbeiten ist, was es war.“, und , so David Waldron weiter:  „Es gibt eine große Zahl Beobachtungen, Fotos oder Laute, aber nichts festes, kein Körper.“

Die Fußspur

Der Fußabdruck, den die Blue Mountains Explorer gefunden haben, könnte nun endlich ein solcher, halbwegs fester Beweis sein. Doch ist er das wirklich? Wenn ja, von welchem Tier stammt er?

Fußspur der Aussie Big Cats im Sand
Noch einmal das unbearbeitete Original (Blue Mountains Explore/ Facebook)

Fußspur der Aussie Big Cats im Sand
und die Bearbeitung des Autors (Foto: Blue Mountains Explore/ Facebook)

Da der Abdruck in lockerem, trockenen Sand entstanden ist, fehlen nahezu alle Details. Auf ihr ursprüngliches Vorhandensein zu spekulieren, macht keinen Sinn. Bei der Analyse kann man nur mit dem arbeiten, was zu sehen ist:

 

 

Die Spur wirkt, als stamme sie von einem Tier mit einem unsymmetrischen Fuß, der vier Zehen zeigt (1-4). Die mittleren beiden Zehen (2 und 3) stehen mehr oder weniger parallel und sind größer als die beiden Äußeren (1 und 4). Die rechte Seite (3 und 4) des Abdrucks liegt etwas vor der linken Seite (1 und 2), was einen linken Fuß suggeriert. Vertiefungen in der Spitze jedes Zehenabdruckes (Pfeile) legen jeweils eine nicht eingezogene Kralle nahe.

 

 

Die Ähnlichkeit mit dem Abdruck einer Katze ist auffällig. Vier Zehen, die im Halbkreis um einen Ballen stehen. Doch damit endet auch schon die Ähnlichkeit: Katzenpfoten, auch die von Großkatzen sind recht symmetrisch gebaut. Beim Blue Mountain Print liegt die rechte Seite deutlich vor der Linken.

Tigerpfote
Vorderpfote eines Tigers

Fußabdruck eines Löwen
Fußspur eines Löwen

Dazu kommt ein sehr wesentlicher Punkt: ein einheitlicher Fußballen, wie er bei allen Großkatzen vorkommt, hat keine Spur hinterlassen. Statt dessen verläuft ein Grat mitten durch den Bereich, der eigentlich am stärksten eingedrückt sein soll (geknickte Linie).
In Kombination mit der vorauseilenden rechten Hälfte des Abdruckes macht dieses Detail jede Spekulation zunichte: Keine Großkatze, kein Wolf und auch kein Thylacoleo.

Keine Katze, aber was dann?

Wallaby
Wallaby, man beachte die Füße

Um den Verursacher der Spur zu finden, tut man gut daran, bei den häufigsten mittelgroßen und großen Tieren dieser Gegend zu suchen. Dies sind – Kängurus. Die Hinterbeine der Kängurus sind extrem modifiziert. Die langen Füße tragen häufig nur noch zwei oder drei Zehen, davon einen starken und ein oder zwei schwächere.
Setzt nun ein kleineres Känguru beidem Springen beide Füße nebeneinander auf, entsteht ein Abdruck, der dem Blue Mountains Print sehr gut entspricht.

Füße eines Wallabys
Vergrößerter Ausschnitt aus dem oberen Bild: Die Füße sind hoch abgeleitet

Fußspur eines Wallabys, ähneln denen der "Aussie Big Cats" sehr
Fußspur eines Wallabys in feuchtem Sand. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Fazit

Wieder einmal war ein einheimisches, völlig unspektakuläres Tier angeblicher Nachweis für ein Kryptid. Wieder einmal hätten die angesprochenen Experten (Australian Hunting Association) die Lösung wissen können, ja müssen.

Fall geklärt.


Quellen:

unexplained Mysteries: Giant paw print sparks Australia big cat debate, 1. März 2020

 

Smith Lathouris, Olivana: Giant ‚paw print‘ sparks debate over mystery panther in Blue Mountains national park, 9News by 9news.com.au

 

Rossmann, Nell: Tracking Australian Animals, 3. Mai 2013

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