„Sicher ist nur sein Tod“. Ein Nachruf auf den letzten Beutelwolf

Lesedauer: etwa 19 Minuten
image_pdfimage_print

Die lückenhafte Geschichte der letzten lückenlosen Präsenz des Beutelwolfs Benjamin.

 

Gestern, vor 84 Jahren, ist in Hobart der letzte Beutelwolf in Gefangenschaft verstorben. Er war gleichzeitig der letzte greifbare Vertreter seiner Spezies. Die Weltgemeinschaft kennt ihn heute unter dem Namen Benjamin. Mit ihm verschwand nicht nur Australiens größter rezenter Raubbeutler. Die Welt verlor am 7. September 1936 ein besonderes, einzigartiges Tier.

Es stellt im gesamten bekannten Tierreich den extremen Fall konvergenter Evolution (zwischen den Hundeartigen als Plazenta-Säuger und dem Beutelwolf als Beuteltier) dar. Auch in unseren Zeiten sind nur erfahrene Paläontologen in der Lage, die Skelette des Beutelwolfs von denen eines echten Hundes zu unterscheiden (Andrew Pask, 2011).

 

Beutelwolf
Habitus des Beutelwolfes

 

Anzeige

Der Jäger

ist ein auf die Jagd spezialisierter Söldner. Vom einem  Biotechnologieunternehmen angeheuert, soll er den letzten Tasmanischen Tiger jagen, erlegen und der Firma Proben des Tiers übergeben, um es exklusiv zu klonen. Das Unternehmen hält einige unbestätigte Sichtungen der lokalen Bevölkerung jedoch für ein starkes Indiz seiner Existenz. Der Jäger nimmt den Auftrag an, reist als Feind nach Tasmanien und wird von dem wilden, ursprünglichen Land umarmt. Natürlich gehört auch eine Liebesgeschichte mit zum Roman, der sich so völlig anders entwickelt, als erwartet.

 

Der Jäger: Roman hat 202 Seiten und ist 2002 bei Suhrkamp erschienen. Derzeit ist das Buch nur noch antiquarisch erhältlich. Gute Exemplare gibt es schon für wenig Geld.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

Des Menschen „bester Feind“

Benjamins Tod markiert heute auch eine Zäsur in der Wahrnehmung unserer Verantwortung gegenüber anderen Arten. Wie kaum ein anderes Tier verkörpert der Tasmanische Wolf die Vergehen des Homo sapiens an seiner natürlichen Umwelt – zurückgedrängt, dämonisiert und schließlich ausgerottet – auf Basis einer lächerlichen Prämie von £1. Inzucht und Krankheiten, so sieht es aus, gaben ihm den Rest.

Der schnelle Rückgang von Tasmaniens Beutelwolf-Population steht im direkten Zusammenhang mit der rigiden landwirtschaftlichen Nutzung der Insel im 19. Jahrhundert. Daran besteht kein Zweifel. Sogar die zeitgenössischen Reflektionen jener Tragödie, so bemerkt der aufmerksame Leser ihrer Kommentare, bedauern bisweilen das rapide Verschwinden “ihres” genuin tasmanischen Raubtiers auf der Insel. Welch Wunder, dass sich die nationale Identität dieses Emblem schnell zu eigen machte.

Sang- und klangloser Abgang

Gleichzeitig dokumentieren die Zeitungsberichte um die 1930-er Jahre herum einen langsamen Wandel des Bewusstseins. Australiens Zivilgesellschaft machte 1930 mobil – die Wildlife Preservation Society of Australia drängte beispielsweise die Regierung des Commonwealth, den Export von Beutelwölfen (und seiner Felle) zu verbieten (Advocate vom 22. Januar 1930).

Tasmanien
Waldweg in Tasmanien, im Lebensraum der Beutelwölfe

1936 wurde er dann tatsächlich unter Schutz gestellt. Zu spät. Denn nur zwei Wochen später starb Benjamin. Sang- und klanglos. Kein einziger Zeitungsbericht aus dem angelsächsischen Sprachraum berichtete über das Dahinscheiden des letzten Beutelwolfs im Beaumaris Zoo am 7. September 1936. Offenbar war der tragische Vorfall nicht der Rede wert. Noch 1939 wurde davon ausgegangen, dass es in den “abgelegenen und bergigen Regionen der Westküste” noch Exemplare gebe (Mercury vom 25. März 1939).

„Ausgestorben”

Doch den Behörden schien zu dämmern, dass sich hinter dem unscheinbaren Ereignis vom 7. September 1936 eine Katastrophe verbarg. Das Fauna Board (oft rezitiert als Animals and Birds Protection Board) verbot dem Stadtrat von Hobart im März 1937, sich für den Beaumaris Zoo einen weiteren Tasmanischen Tiger zur Ausstellung anzuschaffen. Denn es “gäbe keinen Zweifel, dass ein Tier, das so furios in Liebe zu seiner Freiheit steht, in Gefangenschaft elend zugrunde gehen und den Tod als erlösende Befreiung willkommen heißen würde” (Mercury vom 25. März 1937).

 

Thylacinus Skelett
Skelett des Beutelwolfes. Die Ähnlichkeit zum Wolf ist unübersehbar!

Nahezu parallel verkündeten in fast gleichem Wortlaut die Daily Mail und die Sunderland Echo and Shipping Gazette am 29. März 1937, was erst 1986, also fast 50 Jahre (!) später, zur offiziellen Gewissheit wurde:

 

 

„Tasmanischer Tiger ist ausgestorben (…) Mitglieder des Animals and Birds Protection Board glauben, dass nun auch der letzte Vertreter dieser Art verendet ist“ (Ebd.).

 

 

auf den Hinterbeinen
Interaktion eines Beutelwolfes mit einem Pfleger im Beaumaris Zoo

Oder doch nicht?

Die unangenehme Sache mit dem Tasmanischen Wolf avancierte jetzt offenbar mehr und mehr zu einer behördlichen Angelegenheit. Private Interessen wurden aus der Affäre gedrängt – der private Beaumaris Zoo Hobart durfte keinen „Tiger“ erwerben, auch zeigte die Tasmanische Regierung kein Interesse an den £ 50, welche ihr die Royal Zoological Society of New South Wales 1938 zur Züchtung der Tasmanischen Tiger in Gefangenschaft anbot. Offenbar wollte das Fauna Board der Regierung keine „Tiger“ mehr ihrem natürlichen Habitat entnehmen, ohne vorher über den genauen Bestand bescheid zu wissen (Daily Mercury vom 10. März 1938).

Schon im Herbst 1937 waren Vertreter der Behörde in den unzugänglichen Westen Tasmaniens aufgebrochen, um einen Zensus der verbliebenen Tiere vorzunehmen.

Und sie wurden fündig.

Lebendes Fossil gefunden – trompeteten sämtliche angelsächsische Zeitungen. Manche von ihnen waren etwas präziser in ihren Angaben: “Spuren von elf Tigern wurden gefunden. Sofortige Schritte werden eingeleitet, um das Aussterben dieser wenigen Exemplare zu verhindern“ (The Liverpool Echo vom 8. Dezember 1937).

Wie verwunschen wirkt der Wald im zentralen Westen der Insel. Definitiv Beutelwolf-Land.

Vom 15. bis zum 29. November 1938 arrangierte dieselbe Behörde offenbar eine weitere Expedition. Dieses Mal in Begleitung eines Polizeibeamten (Glouchester Citizen vom 30. November 1938), und eines Vertreters von der Royal Zoological Society of New South Wales (Daily Mercury vom 5. November 1938). “Auch wenn keine Tiger gesehen wurden”, so der Daily Mercury am 29. November 1938, „konnte bewiesen werden, dass der untersuchte Distrikt von diesen Tieren bewohnt ist“ (Ebd.).

 

Eine konfuse Ausgangslage

Es ist nicht das Primärziel dieses Artikels, zu diskutieren, ob in den Jahren nach Benjamins Tod noch wilde Beutelwölfe existiert haben oder nicht. Allerdings war die Situation in Tasmaniens wildem Westen damals mit Sicherheit noch eine andere als heute.

Hütte
Hütte am Overland-Track, im „Wilden Westen“ Tasmaniens, mitten im Beutelwolfgebiet.

Aber es sind die widersprüchlichen Angaben zum Status des Beutelwolfs, die kuriose Mischung aus journalistischem Desinteresse und Interesse, behördlichen und privaten Engagement und Vernachlässigung, vor dem Hintergrund einer nicht mehr zu verhindernden Tragödie, die in den Zeitungsartikeln zum Ausdruck kommt. Sie gibt Aufschluss über das konfuse Durcheinander, das der Beutelwolf auf seinem Endspurt zur Ausrottung für das kulturelle Gedächtnis des Menschen kreierte. Und dieselbe Konfusion spiegelt sich wider in den zahlreichen Geschichten, Unklarheiten und Falschinformation um den bekannten letzten Vertreter seiner Art, Benjamin, die sich bis heute im kollektiven Gedächtnis halten.

 

Anzeige

Tasmaniens Beuteltiere – Teufel ohne Zukunft?

Sie wirken irgendwie possierlich, aber der Schein trügt: Ihre Schreie sind furchteinflößend, bei Aufregung bekommen sie blutrote Ohren und mit ihren spitzen Zähnen beißen sie oft und gerne zu. Beutelteufel galten lange Zeit als die unangefochtenen Herrscher Tasmaniens. Doch eine mysteriöse Krebserkrankung, die die Gesichter der Tiere zerfrisst, könnte ihr Schicksal besiegeln.

 

Tasmaniens Beuteltiere – Teufel ohne Zukunft? ist 2016 im Rahmen des ZDF-Dokuformates Terra X entstanden und läuft 50 Minuten.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

Wieso eigentlich “Benjamin”?

In erster Linie ist da das Problem mit dem Namen. Denn Tasmaniens letzter Beutelwolf wurde zu Lebzeiten niemals Benjamin genannt. Als wäre es das Schicksal dieses mysteriösen und verbannten Buschbewohners, das selbst die Genese seines Namens nicht ohne menschliche Hirngespinste auskommt. Ein gewisser Frank Darby nannte das Tier so in einem Radiointerview 1968 mit dem Naturforscher Graham Pizzey.

Der letzte Beutelwolf?
„Benjamin“, der letzte bekannte Beutelwolf 1932.

Der Zoologe Robert Paddle fand in den 2000-er Jahren jedoch bei Recherchen in den Aufzeichnungen des Zoos keinen Beleg für diese Behauptungen. Im Gegenteil: Alison Reid, die Tochter des ehemaligen Kurators Arthur Reid, konnte sich ebenfalls weder an einen Herr Darby als Angestellten des Zoos erinnern, noch dass „Benjamin“ irgendwann als Kosename für den Beutelwolf benutzt worden wäre (Thylacine Museum). Der Name Benjamin wurde also wohl nachträglich hinzugedichtet.

Männchen oder Weibchen?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Geschlecht. Laut Robert Paddle zeigten die Fotografien keinerlei Indiz dafür, dass Benjamin ein Männchen gewesen ist. Außerdem fehle auf den Fotos ein Bild von dem hängenden Skrotum. So hielt sich seitdem die Annahme, dass Benjamin in Wirklichkeit ein Weibchen war.

Im Dezember 2010 warf jedoch Dr. Stephen Sleightholme, Direktor des International Thylacine Specimen Database Project noch einmal einen genaueren Blick auf die Fotos. Tatsächlich konnte er dort keine Indizien für das Geschlecht entdecken. Allerdings haben auch männliche Beutelwölfe einen „Pseudo-Beutel“, der im Zweifelsfall das Skrotum verdecken könnte. Als Dr. Streightholme sich im Folgenden die Filmsequenzen vornahm, kam es zu einer unerwarteten Entdeckung. In einer Sequenz des Videos mit dem Drohgähnen legt sich der sichtlich gestresste Beutelwolf auf den Boden, öffnet das weite Maul und gibt dabei den Unterbauch frei. Und da sieht man es: das Skrotum eines Beutelwolf-Männchens.

 

http://www.naturalworlds.org/thylacine/captivity/films/flv/film_5.htm

 

(Sekunde 16 – 20, Vergrößerung auf: http://www.naturalworlds.org/thylacine/captivity/Benjamin/Benjamin_5.htm )

 

So steht ein für alle Mal fest. Hobarts letzter Beutelwolf war ein Männchen! (Thylacine Museum). Der Name Benjamin ist zumindest in dieser Hinsicht gerechtfertigt.

Wer fing Benjamin?

Es gab Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Beutelwölfe in den Zoos. Allerdings gelang dort nur ein einziges Mal die Zeugung von Nachwuchs. Alle anderen Zootiere mussten in der Wildnis gefangen werden. Viele starben bei diesem schonungslosen Unterfangen mit Fallen. Und auch im Zoo selbst brachte es keines der Tiere auf zehn Jahre Gefangenschaft (Thylacine Museum). Und Benjamin? Tatsächlich ist auch heute nicht eindeutig geklärt, wann dieser eigentlich wie von wo in den Beaumaris Zoo kam. De facto existieren drei verschiedene Versionen seiner Herkunft. Zumindest die erste dieser Erklärungen kann heute getrost ausgeschlossen werden. Denn Benjamin hatte am rechten Hinterlauf eine Narbe von einer Falle. Das bedeutet, dass er als Erwachsener gefangen worden sein muss. Und das widerspricht in seiner Essenz dem ersten Erklärungsversuch.

Walter Mullins „Tigerfamilie“

Dieser Version zufolge war Benjamin der einzige Überlebende einer „Tigerfamilie“, d.h. einer Mutter mit drei Jungtieren, die von einem gewissen Walter Mullins im Florentine Valley (West-Tasmanien) gefangen und zur Schau gestellt wurden, bis dieser sie 1924 an den Beaumaris Zoo verkaufte. Das stimmt soweit. Doch die Mutter und die zwei Jungtiere starben relativ schnell nach der Ankunft im Zoo. Und Benjamin war nicht das dritte Tier. Denn Walter Mullins hatte die Mutter der drei „Tiger“ mit der Falle gefangen und nicht die Jungen – diese waren im Beutel, aber selbst nicht in der Falle (Thylacine Museum). Benjamin musste hingegen selbst in die Falle getappt sein.

Eine Beutelwolffamilie, so wie sie 1923 von Walter Mullins gefangen wurde. Dieses Foto soll allerdings aus dem Jahr 1909 stammen

 

Ferner ist da noch der Umstand, dass der Beaumaris Zoo im Jahre 1930 ohne Beutelwölfe war, wie ein Zeitungsartikel aus demselben Jahr belegt (Advocate vom 22. Januar 1930, Siehe auch: Thylacine Museum). Wäre Benjamin das dritte Junge gewesen, so müsste er auch 1930 im Zoo gewesen sein.

Der „Florentine-Wolf“ des Elias Churchill

Die “Churchill-Version” ist die bis heute offiziell anerkannte Erklärung für die Herkunft Benjamins. Demzufolge hat der Fallensteller Elias Churchill das Tier im Florentine Valley gefangen und 1934 in den Zoo gebracht. In einem Interview, das Col Bailey 1957 mit ihm führte, berichtete er von einem „Wolf“, den er in den 1930er Jahren von dort nach Hobart überführt hatte.

Zwei Beutelwölfe im Zoo

Allerdings spricht Churchill, der seine „Tigerjagden“ in zwei Interviews in den Jahren 1957 und 1969 erinnerte, insgesamt von nur zwei Exemplaren, die seine Fallen überlebt hätten. Eines dieser Exemplare war eine Mutter mit Jungen – das andere Tier wurde im Frühling 1923 aus Adamsfield in den Beaumaris Zoo gebracht, und verstarb kurz darauf. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass Churchill seine Erinnerungen durcheinander geworfen hat und mit dem Exemplar aus den 1930-er Jahren eigentlich das Tier von Adamsfield aus dem Jahre 1923 meinte. Somit kann das Tier nicht Benjamin sein, denn sonst hätte es 1930 keine Lücke im Beutelwolf-Bestand des Beaumaris Zoos gegeben. Des weiteren weist Churchills Version noch weitere Unstimmigkeiten auf. (Thylacine Museum). Und die bringen uns schließlich zu einer neuen, dritten Version.

Der Kaine-Wolf

Diese sehr aktuelle Erklärung für Benjamins Herkunft aus dem Jahre 2019 geht abermals auf das Mitwirken von Dr. Stephen Sleightholme vom International Thylacine Specimen Database Project zurück. Er und andere Forscher kamen bei ihren Recherchen auf einen unbekannten, jungen männlichen Beutelwolf, der 1931 von zwei Töchtern eines Bauern namens James Kaine bei Preolenna im Nordwesten Tasmaniens gefangen worden war.

Die einzige noch lebende Tochter, Nell, die beim Fang anwesend war, erinnerte sich. Auch, dass das Tier in der Falle sich am Hinterlauf (!) verletzt hatte. Nach der Befreiung wurde es über Tasmaniens führenden Tierhändler James Harrison an den Beaumaris Zoo in Hobart für £ 8 im August 1931 weiterverkauft, nachdem es medizinisch versorgt und wieder aufgepäppelt worden war.

Ist Benjamin der Kaine-Wolf?

Kurz nach Ankunft im Zoo wurde dieses „Kaine-Exemplar“ von einem britischen Arzt gefilmt. Und 1933 filmte Dr. David Fleay es offenbar abermals. Das ergaben Untersuchungen im Jahre 2014 von Filmmaterial, das fälschlicherweise auf das Jahr 1928 datiert gewesen war, de facto aber 5 Jahre später gedreht wurde. Ein Vergleich der Streifen der Tiere in den Filmen von 1933 und einem Foto von Benjamin aus dem Jahr 1936 (das Sheppard-Foto unten) brachte Erstaunliches zutage: es handelt sich hierbei um ein – und dasselbe Tier. So sind zumindest die Tiere von 1933 und 1936 identisch.

Beutelwolf
Ein berühmtes Foto von ‚Benjamin‘, im Mai 1936 von Ben Sheppard im Beaumaris Zoo aufgenommen.

Damit steht auch fest: Benjamin wurde schon 1933 gefilmt. 1931 kam der „Kaine-Wolf“ aus Preolenna nach Hobart, während der Verkauf eines anderen „Wolfs“ aus Florentine Valley, oder gar die Anwesenheit eines zweiten Tieres, für die 1930-er nicht belegt ist (es fehlt hier allerdings an verfügbarer Dokumentation). Hinzu kommen widersprüchliche Aussagen im Kronzeugen Churchill in dieser zweiten, bisher offiziellen Version. So könnte es sein, dass Benjamin ursprünglich tatsächlich von der Kaine-Farm aus dem Nordwesten Tasmaniens stammt, und nicht wie bisher angenommen aus dem Florentine Valley.

Aber auch hier sind, wie so oft, die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen und weitere Fragen offen (Thylacine Museum). Eine Frage, die sich dem Verfasser stellt: wieso wurde der Film des britischen Arztes nicht mit den Aufnahmen von Benjamin verglichen?

 

Anzeige

Tasmanien – Eine Insel steht Kopf

Eine Doku über Tasmanien? Ja, auch, aber der Film ist viel mehr: Eine gefühlvolle Liebeserklärung an die Natur einer Insel, die selbst die Australier für ungewöhnlich betrachten. Moderne Filmaufnahmen mit Steadycam, Zeitlupenkamera und Drohnen zeigen Schnabeltier, Beutelteufel, Pinguine und eine beeindruckende Landschaft in gewaltigen Bildern.

 

Tasmanien – Eine Insel steht kopf ist eine Produktion von 2019 und läuft 50 Minuten. Es kann bei AmazonPrime herunter geladen oder gestreamt werden.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Sicher ist nur der Tod

Wie dem auch sei. Zumindest vermerkte der Stadtrat von Hobart den Tod des letzten Tasmanischen Wolfs. Kurz und knapp heißt es in einer offiziellen Note am 16. September 1936 dazu:

 

 

„der Superintendent of Reserves berichtet, dass der Tasmanische Tiger letzten Montagabend gestorben ist, und der Körper dem Museum zur Verfügung gestellt wurde. Anmerkung: Der Superintendent bemüht sich um die Erlangung eines neues „Tigers“, mit einem Wert von £ 30 pro Exemplar“

 

(Übersetzung von Peter Ehret, Original bei: http://www.naturalworlds.org/thylacine/captivity/Benjamin/Benjamin_4.htm unten)

 

 

 

Wie ist Benjamin gestorben?

Es ist in der Tat eine traurige Bilanz. Nur über das Todesdatum von Benjamin herrscht weitgehende Einigkeit. Nicht jedoch über die Umstände seines Todes.

 

Es wird immer wieder folgende Version von Benjamins Ende erzählt: Das Wetter war in Tasmanien in diesen Tagen besonders kalt. Ein Pfleger machte die Tür des warmen Geheges zu – ohne darauf zu achten, ob der Beutelwolf schon drinnen war oder nicht. Das war er nicht. Die Tür blieb zu – der Beutelwolf draußen. Die Kälte setzte dem Tier zu. Und eine Lungenentzündung besiegelte sein Schicksal (Siehe zum Beispiel: ABC.net vom 9. Juli 2018).

Tod an Lungenentzündung?

Als Beleg wird bisweilen (zum Beispiel vom ABC.net vom 9. Juli 2018) ein angeblicher Zeitungsartikel des Hobart Mercury aus dem Jahre 1936 angeführt: „Der Tiger hatte sich guter Gesundheit und gutem Zustand befunden, aber holte sich unglücklicherweise eine Erkältung während der letzten Kältewelle, und trotz der Anstrengungen des Kurators (…) starb er letzten Abend an Lungenentzündung“. Diesen Artikel des Mercury gibt es tatsächlich. Allerdings datiert er auf den 16. Oktober 1922 und nicht auf das Jahr 1936! Mit anderen Worten: das kranke Tier, das durch Lungenentzündung sein jähes Ende fand, kann nicht Benjamin gewesen sein. Denn dieser war 1922 noch gar nicht im Zoo, egal welche Version seiner Herkunft nun die Richtige ist.

Außerdem widerspricht das genannte Todesdatum klar der offiziellen Note von Benjamins Tod an einem „Montagabend“ (Thylacine.com). Der Mercury-Artikel kam selbst an einem Montag heraus und sagt, das Tier sei „letzten Abend“, also sonntags, verendet. Eine andere Zeitung namens World berichtete auch über das Ereignis. Sie nennt gar den „Freitagabend“ als Todestag (World vom 16. Oktober 1922). Also auf jeden Fall war es kein Montag.

Ohne prominentes Personal – kein Interesse am Beutelwolf

Der Grund, warum dieses Ereignis 1922 überhaupt in den Zeitungen Erwähnung findet, ist die gute Vernetzung der Gründering des Zoos, Mary Grant Roberts, Frau eines wohlhabenden Geschäftsmannes und aufgrund ihrer vielseitigen Aktivitäten in Hobarts Société bestens bekannt. Auch wenn sie 1922 schon ein Jahr tot war, blieb sie den Journalisten offenbar noch bestens im Gedächtnis. 1936 war die Situation eine ganz andere. Die Besuche waren zurückgegangen und nach dem Tod des langjährigen Kurators Arthur Reid 1935 überließ man die Leitung einem Nachfolger außerhalb der Familie (und nicht der engagierten Tochter Alison). Somit waren 1936 alle bekannten Persönlichkeiten des Zoos de facto nicht mehr im Geschäft (ABC.net vom 9. Juli 2018). Und die tierischen Bewohner für die Presse nur halb so interessant.

Wir wissen tatsächlich nicht, wie Benjamin gestorben ist. Zumindest lassen die gesichteten Zeitungsartikel keinen Schluss über die Umstände seines Todes zu.

 

Anzeige

Der Beutelwolf: Thylacinus cynocephalus

Seit 30 Jahren sammelt der Verfasser Daten über den Beutelwolf. In rund 30 Museen Europas, Australiens und der USA fotografierte und vermaß er Präparate, Schädel und Skelette und trug in mehreren Publikationen zum Wissen über die Art bei. In den Archiven von Launceston und Hobart/Tasmanien sichtete er das z. T. unveröffentlichte Bild- und Textmaterial und befragte letzte Augenzeugen.

 

Der Beutelwolf: Thylacinus cynocephalus ist broschiert und hat 196 Seiten. Trotz seines Alters ist es immer noch die Referenz, was Fakten um den Beutelwolf angeht.

 

Mit dem Kauf über unserem Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Ironie des Schicksals

Dem Zoo erging es übrigens auch nicht viel besser als Benjamin. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage bewirkte einen Rückgang der Besucherzahlen. Nur ein Jahr nach Benjamins Tod musste der Beaumaris Zoo schließen (ABC.net vom 9. Juli 2018).

Es scheint wie eine böse Ironie des Schicksals, dass der einzige Grund, warum seine Ruinen noch immer in den Bild-Rubriken der Online-Artikel zu Hobart’s Highlights ausfüllen, jener eine kuriose Bewohner ist, dessen Ableben in dem engen Gehege seinerzeit keinen interessierte – niemandem war Benjamins Tod auch nur eine einzige, kleine Pressemitteilung wert. Man glaubte ja immer noch, man käme schnell an einen Neuen.

Heutige Situation des Beaumaris‘ Zoo-Geländes (Foto by Magic Flute 1983)

Nachwort: Prominenz Post mortem.

Heute ist Benjamin eine Berühmtheit. Selbst 85 Jahre nach seinem unscheinbaren Ableben, im Internetzeitalter, macht er immer noch Schlagzeilen. Internetportale stürzen sich auf die 21 Sekunden Videomaterial, das 2020 gefunden wurde. Teil eines Reisefilms namens Tasmania the Wonderland stammt es wahrscheinlich vom Filmemacher Syndey Cook. Gefunden haben es Branden Holmes, Gareth Linnard und Mike Williams von den Tasmanian Tiger Archives (Smithsonian Magazine vom 1. Juni 2020).

 

Beutelwölfe
Beutelwölfe, von Stephen J. Gould gemalt

 

Die Aufnahmen sind aus dem Jahre 1935 und zeigen Benjamin, wie er von den Zoowärtern durch Schläge an den Käfig zur Interaktion „gedrängt“ wird. Heute müsste man sagen „gestresst“. Benjamin sucht einen Ausweg – findet ihn aber nicht. Zu eng ist der Käfig. Zu laut sind die Schläge. Benjamin rennt unruhig hin- und her. Schaut nach links, schaut nach rechts. Doch er bleibt gefangen. Und der Lärm allgegenwärtig. Benjamin hat nichts von dieser stumpfen „Animation“, doch die Menschheit scheinbar viel von den 21 Sekunden Tierquälerei.

 

In diesem Sinne: Lieber Benjamin, sei froh, dass es vorbei ist. Ruhe endlich in Frieden.

 

Tasmanien
Tasmanien ohne seinen Beutelwolf – das ist nicht das selbe! Aber wer weiß, ob nicht doch irgendwo dort draußen…

 


Anmerkung

Wissensgewinn lebt vom Austausch und die Schlussfolgerungen dieses Artikels müssen nicht das letzte Wort sein. Sie sind das Ergebnis der Recherche in den Datenbanken mit Online-Zeitungsarchiven aus dem angelsächsischen Sprachraum und unterliegen daher der menschlichen Fehlbarkeit des Autors. Jeder kritische Leser, dem die Recherche nicht vollständig genug erscheint, sei dazu ermutigt, die Informationen zu ergänzen oder gar zu widerlegen. Die Online Datenbanken mit den englischsprachigen Zeitungsarchiven stehen jedem offen, darunter auch eine Sammlung mit Artikeln zum Beutelwolf.

National Library of Australia https://trove.nla.gov.au/search/advanced/category/newspapers

Recently Extinct Animals and Plants Database – Newspapers on the Thylacine

https://recentlyextinctspecies.com/database/the-thylacine-archive/13-articles/315-newspaper-articles-on-the-thylacine

 

Bibliografische Angaben

Internetquellen

Abc.net, vom 9. Juli 2018

https://www.abc.net.au/news/2018-07-10/curious-hobart-what-happened-to-hobart-beaumaris-zoo/9898128 (14.08.2020)

 

Andrew Pask, Monstertalk vom 30.März 2011: https://hwcdn.libsyn.com/p/2/1/5/215c1756c6e50b2e/033_Monstertalk.mp3?c_id=3145536&cs_id=3145536&expiration=1597386970&hwt=7d31ed6c219b6b6ce30d6a612a43cb47 (14.08.2020)

 

Thylacine Museum: http://www.naturalworlds.org/thylacine/captivity/Benjamin/Benjamin_1.htm (14.08.2020)

 

Smithsonian Magazine, vom 1. Juni 2020 https://www.smithsonianmag.com/smart-news/new-footage-benjamin-last-tasmanian-tiger-ever-seen-alive-180975000/ (14.08.2020)

 

Zeitungsartikel

Advocate, vom 22. Januar 1930

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/84917349?searchTerm=Almost%20extinct%20marsupial (14.08.2020)

 

Daily Mail vom 27. März 1939

https://www.britishnewspaperarchive.co.uk/search/results/1937-03-24/1937-03-30?basicsearch=%2bextinct&freesearch=extinct&retrievecountrycounts=false&sortorder=score (14.08.2020)

 

Daily Mercury, vom 29. November 1938

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/169394243 (14.08.2020)

 

Daily Mercury, vom 5. November 1938

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/169403079 (14.08.2020)

 

Daily Mercury, vom 10. März 1938

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/170470403 (14.08.2020)

 

Glouchester Citizen vom 30. November 1938

 

Liverpool Echo vom 8. Dezember 1938

 

Mercury, vom 25. März 1939

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/25591392?searchTerm=The%20Tasmanian%20Tiger (14.08.2020)

 

Mercury, vom 25. März 1937

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/25387108?searchTerm=Tasmanian%20Tiger (14.08.2020)

 

World, vom 16. Oktober 1922

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/190271095 (14.08.2020)

 

Mercury, vom 16. Oktober 1922

https://trove.nla.gov.au/newspaper/article/23640225 (14.08.2020)

 

Sunderland Echo and Shipping Gazette vom 29.März 1937

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.