• Category Archives Freitagnacht-Kryptos
  • Die Freitags-Kolumne, jeden Freitag, 22 Uhr gibts was neues Altes!

    Hier schreiben verschiedene Autoren zu ihren bevorzugten Themen. Derzeit schreiben vier Autoren im Wechsel zu Fundstücken in alten Medien, praktischer Kryptozoologie, Miss- und Fehlbildungen und besonderen Fundstücken.

    Texte, die mit dem Namen eines Autors gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

  • Freitagnacht-Kryptos: Rätselhafte Dendrogramma

    Im Archiv kramte: Tobias Möser

     

    Kryptozoologie, wie sie im Internet meist verstanden wird, befasst sich mit großen und noch unentdeckten Tieren. Optimal ist noch, wenn sie furchteinflössend, legendär und ein wenig gefährlich sind. Yeti, Bigfoot, Nessie und wenns sein muss auch noch ein Kongamato, drunter ist es uninteressant. Dabei ist gerade bei den kleineren Tieren eine Menge zu finden. Es gibt Kryptide, die nahezu jedermann entdecken kann, ohne unglaubliches Glück zu haben. Hier gibt es Rätsel, die man sich bei den Großen nicht vorstellen kann.

    Die Dendrogramma sind so etwas. Doch was sind Dendrogramma?

    Hier folgt der Originalartikel vom 6.9.2014 aus dem Kryptozoologie-Online-Forum:

    Stämme sind die eine der höchsten systematischen Ordnungen im Tierreich. Derzeit werden bei den mehrzelligen Tieren etwa 30 Stämme unterschieden, z.B. die Arthropoden, Mollusken oder Chordatiere.

    Die meisten Stämme sind sehr artenreich und mannigfaltig, aber es gibt auch einige wenige kleinere. Dem entsprechend selten werden Organismen entdeckt, die keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können. Doch möglicherweise ist genau das vor kurzem wieder passiert.

    Rätselhafte Dendrogramma

    Dendrogramma ein Holotyp vor schwarzem Hintergrund
    Dendrogramma enigmatica, seitliche Sicht (oben), nach Schrumpfung durch Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Bereits 1986 sammelten Forscher mit Hilfe eines Epibenthosschlittens zwei Tierarten auf dem Meeresboden vor Australien. Diese Geräte, eigentlich eine Art Korb, der über den Meeresboden gezogen wird, schneiden die oberste Schicht des Meeresbodens aus und nehmen alles mit, was darauf und darin lebt. Das wird in der Regel konserviert, archiviert und erst mal in einer Museumssammlung eingelagert. Dann muss man später „nur noch“ die Proben durchsuchen und bestimmen, was man denn da gefangen hat.

    Tatsächlich fand man dort auch unbekannte Tiere. Sie waren pilzförmig, 8 bis 11 mm hoch und hatten einen Durchmesser von bis zu 17 mm. Sie verfügen über einen kompletten Verdauungsapparat und möglicherweise sogar eine Art Schwimmboje.

    In 400 bzw. 1000 m Tiefe fanden die Forscher diese Organismen, die sie mit Dengrogramma enigmatica und D. discoides benannten. Nach 28 Jahren wurden sie von Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut in den Sammlungsproben entdeckt, und als etwas Besonderes erkannt, weil sie keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können.

    In Formaldehyd konserviert

    Zahlreiche Dendrogramma-Funde vor schwarzem Hintergrund mit Erklärungen
    Weitere Dendrogramma-Exemplare, ebenfalls nach Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Leider erschwert die Konservierung auch die Bestimmung. Um die fragilen Körper zu schützen, haben die Forscher damals mit Formaldehyd fixiert. Hierdurch ist eine DNA-Analyse unmöglich. „Aufgrund seiner Formolfixierung eignet sich Dendrogramma leider nicht für molekularbiologische Untersuchungen, die seine Abstammung besser klären könnte“, erklärt Janussen.

    Dendrogramma teilt die Merkmale von Rippenquallen (Ctenophora) und Korallentierchen (Cnidaria), lässt sich aber gerade deswegen keinem der beiden Tierstämme zuordnen. Die Erstbeschreiber um Jean Just fanden bei den Tieren weder Nesselzellen noch Tentakeln – dann könnte man sie den Cnidariern zuordnen. Auch das typische Sinnesorgan der Ctenophora, das Apikalorgan, konnten sie nicht ausmachen.

    Janussen ist da anderer Meinung: sie findet Verbindungen zur heute noch rätselhaften Ediacara-Fauna, will aber Dendrogramma nicht einordnen. „Die Ähnlichkeit mit Ediacara-Fossilien ist zwar vorhanden, aber nicht aussagekräftig“, sagt die Meeresbiologin. „Schon die Zuordnung dieser Fossilien ist umstritten.“

    Um das Rätsel um die kleinen, pilzförmigen Tiere zu lösen, muss vor allem eins her: Mehr und besser konserviertes, im Idealfall auch lebendes Material.

    Die Wissenschaft hat festgestellt…

    Das war der Stand von 2014, als diese Meldung das erste Mal im damals schon im Niedergang begriffenen Forum von Kryptozoologie-online erschien. Zwischenzeitlich ist die Wissenschaft an frisches Material gekommen. Forscher haben genetische Analysen durchgeführt, lebende Tiere untersuchen können und sind schließlich zu einer Einordnung gekommen.

    Zunächst einmal die „schlechten Nachrichten“: zu einem der Stämme, aus denen sich die Ediacara-Fauna zusammensetzt, konnten die Dendrogramma nicht zugeordnet werden. Das wäre auch seltsam, da es bisher kaum wirkliche Aussagen über die Einordnung der Ediacara-Fauna gibt.

    Die Ediacara-Fauna

    Künstlerische Darstellung eines Biotops mit Ediacara-Lebewesen
    So stellt sich Künstler John Sibbick einen Biotop mit zahlreichen unterschiedlichen Ediacara-Lebewesen vor.

    Die Ediacara-Fauna ist nach den Ediacara-Hills im Outback von Australien, etwa 350 km nördlich von Adelaide benannt. Sie besteht aus präkambrischen Lebewesen, von denen Weichkörper fossil erhalten sind. Hartteile hat das Leben zu dieser Zeit noch nicht entwickelt. Die relativ artenarme Fossilgemeinschaft besteht aus etwa 280 Taxa, von denen etwa die Hälfte Spuren darstellt. Die Zuordnung der Organismen zu später lebenden Formen ist unklar und bestenfalls umstritten.

    Bisher ist nicht einmal klar, ob es sich um Einzeller, Pilze, Pflanzen oder Tiere handelt oder ob sie möglicherweise ein siebtes Reich (nach Bakterien und Archaeen) bilden. Um nicht namenlos zu bleiben, haben die Wissenschaftler den provisorischen Namen Vendobionten nach dem Zeitalter des Vendiums vergeben.

    Die meisten der Organismen leben auf dem Boden, einige Arten scheinen mobil gewesen zu sein. Nur wenige Arten zeigten Ansätze von Skelettstrukturen, viele Arten waren bilateralsymmetrisch und sehr dünn.

    Erste Formen der Ediacara-Fossilien traten nach derzeitigen Erkenntnissen vor etwa 610 Millionen Jahren auf. Die letzten Ediacara-Gemeinschaften fand man in Gesteinen, die etwa 542 Millionen Jahre alt waren. Damit starben sie an der Grenze zum Kambrium aus.

    Nicht nur in Ediacara

    Fossil einer großen Dickinsonia
    Fossil einer großen Dickinsonia

    Ediacara-Fossilien hat man nicht nur in den Ediacara-Hills gefunden, sondern an etwas mehr als vierzig Fundorten auf allen Kontinenten. Wichtige Fundorte sind neben den Ediacara-Hills der Südosten Neufundlands, die Küstenregion des Weißen Meeres in Russland und der Kalahari-Kraton in Namibia.

    Neuere Untersuchungen aus dem letzten Jahr zeigten eine für Tiere typischen Biomarker bei einem typischen Ediacara-Vertreter: Dickinsonia. Dieser ähnelt dem Cholesterin und entsteht, wenn tierische Fette zerfallen. Eine geringe Menge von Biomarkern deutet auf pilztypische Verbindungen hin, die für Einzeller charakteristischen Moleküle fehlten weitgehend. Ob man daraus schlussfolgern kann, dass es sich bei Dickinsonia um ein Tier handelt, muss jeder selbst entscheiden. Ein Schluss auf andere Ediacara-Fossilien, die nicht näher mit Dickinsonia verwandt waren, erscheint mir gewagt.

    Doch was sind die Dendrogramma nun?

    Durch die genetische Untersuchung konnte man die Dendrogramma tatsächlich einordnen. Sie stehen in einer bereits bekannten Familie, den Rhodalijdae in der Ordnung der Staatsquallen oder Siphonophorae, gehören also zum Stamm Nesseltiere.

    Sie stehen dort ziemlich am Rand, weitere Erkenntnisse könnten durchaus eine neue Einstufung ergeben. Andererseits: Die Staatsquallen gehören zu den ungewöhnlichsten Tieren überhaupt. Da passt so etwas ungewöhnliches wie die Dendrogramma ganz gut rein.

     


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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  • Freitagnacht-Kryptos: Der Mokeló in Zentralafrika, Teil 2

    In den Archiven kramte: Ulrich Magin

     

    Nach seiner Darstellung des bislang unbekannten Raubtiers Mokeló fährt Dr. Lorenz Tutschek (Das Ausland: Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde, Band 21, 8 Juni 1848) mit der Analyse möglicher Kandidaten fort:

     

    Ist der Mokeló ein Erdwolf?

    Ein Erdwolf im trockenen Gras
    Auch der Erdwolf ist eine Hyäne, wenn auch eine sehr ungewöhnliche. (Proteles cristata, Lion and Rhino Reserve, Gauteng, South Africa, CC 2.0)

    „I. Der Erdwolf, Proteles Lalandii Isid. Geoffroy, ist ein Thier, welches im Norden der Capcolonie von Sparrmann und Levaillant bereits beachtet, aber erst durch de Lalande der wissenschaftlichen Welt bekannt gemacht wurde. Er hat die Größe eines Fuchses, ist aber hinten niederer wie die Hyänen, lebt in unterirdischen Höhlen und besitzt Färbung und Rückenkamm ganz wie die gestreifte Hyäne.

    Sein Gebiß ist eigentlich nicht reißend, da auch den erwachsenen Thieren der große zackige Reißzahn fehlt, doch hat er starke Eckzähne. Nach Verreaux’ Beobachtungen nährt er sich hauptsächlich von Fettsteißen und Talgschwänzen der afrikanischen Schaafe. Ist also der Mokeló nicht.

     

     

     

    Gestreifte Hyäne im Zoo
    Die Streifenhyäne heißt heute Hyaena hyaena.

    Oder doch eine Hyäne?

    II. Die Hyänen stimmen ihrem Charakter nach alle ziemlich überein. Sie sind feig, jagen nicht und werden von Löwen, Panthern und Hofhunden zerrissen, geschweige denn, daß sie jenen etwas anhaben könnten.

    Die gestreifte Hyäne, H. striata Cuv. von der Größe eines Fleischerhundes, ist bekannt genug. Sie erreicht die Größe eines Mokeló bei weitem nicht, selten die einer Dogge. Sie jagt nicht, sondern schleicht feig herum, frißt Aas und gräbt Leichen aus. In ihrer Heimath fürchtet sie Niemand; übrigens kömmt diese Art so weit südlich, als Tumale liegt, in Afrika kaum mehr vor.

     

     

     

    Sonne hinter dicken Wolken, vor denen bizarr geformte Bäume stehen
    Dass im tiefsten Schwarzafrika noch Geheimnisse vorkommen, das musste auch 1848 so sein. Auch wenn die Großtiere langsam alle bekannt waren

     

    Zwei Tüpfelhyänen in der Sonne
    Die „Gefleckte Hyäne“ wird heute meist als Tüpfelhyäne bezeichnet und ist ein hervorragender Jäger – auch wenn Dr. Tutscheck es nicht glauben wollte.

    Die gefleckte Hyäne, Hyaena crocuta Schreb. wird allerdings ein ziemliches größer, jedoch nicht so groß als ein Neufundlandsdog, ist durch ganz Mittel- und Südafrika verbreitet; auch sie nährt sich mehr von Aas als von lebendigem Raube, läuft nicht schnell und schleicht traurig bei Nacht herum. Ihre Furchtbarkeit ist wie die aller Hyänen lächerlich übertrieben worden. Uebrigens ist sie dem Dgalo unter ihrem Landesnamen sehr gut bekannt und, wie er versichert, vom Mokeló weit verschieden.

    Dav. Bruce entdeckte in Abyssinien eine Abart, wie er sagt, dieser Hyäne, welche er enorm groß macht, 6“ lang, 4 hoch [1,8 m x 1,2 m], was allerdings so ziemlich die Größe des Mokeló wäre; nach Bruce schleppe sie Pferde, Maulesel und Menschen weg. Diese große abyssinische Hyäne des Sir Bruce, welche ich vielleicht für den Mokeló ansprechen könnte, hat aber keiner von den Reisenden der letzten Decennien, welche Habesch [das nördliche Hochland von Abessinien in Äthiopien und Eritrea] nach allen Richtungen durchstreiften, jemals wieder gesehen oder auch nur von ihr gehört.

    Ein Strandwolf im Zoo
    Meist wird Parahyaena brunnea heute als Strandwolf oder Schabrackenhyäne bezeichnet.

    Die zottige Hyäne, Hyaena brunnea Thunbg. findet sich nur an den Küsten Afrika’s, und heißt daselbst Strandwolf, namentlich am Senegal. Sie ist einfach braun und zottig, etwa von der Größe eines Wolfes; da sie sich selten von der Küste entfernt, sich hauptsächlich von Fischen und Krebsen nährt, so ist an den Mokeló bei ihr nicht zu denken. Außerdem sieht man sie im Binnenlande nie.

     

    Literatur:

    Das Ausland: Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde


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  • Freitagnacht-Kryptos: Bizarre Fehlbildungen – Abnormes Zahnwachstum bei Hasen

    Von: Markus Bühler

     

    Hasen haben zeitlebens wachsende Schneidezähne, die sich wie jene der Nagetiere nicht nur am Futter, sondern auch aneinander abschleifen. Wenn dies aus irgendwelchen Gründen nicht passiert, etwa durch eine Zahnfehlstellung, oder weil beispielsweise aus welchen Gründen auch immer die abschleifenden Zähne im Gegenkiefer verloren gehen, wachsen die Zähne immer weiter. Dabei können sie groteske Ausmaße annehmen.

    Hasenschädel mit abnormal verlängerten Unterkiefern in einer Ausstellung vor schwarzem Hintergrund und Foto seinerselbst
    Hasenschädel mit abnorm verlängerten Zähnen des Unteriefers und teilweise fehlenden oberen Schneidezähnen

    derselbe schädel als detailaufnahme
    Der selbe Schädel noch einmal aus der Nähe.

    Hasenschädel mit ringartig nach hinten verlängerten oberen Nagezähnen
    Schädel eines Hasen, hier sind die oberen Nagezähne pathologisch verlängert.

    Übrigens gehören Hasen nicht, wie allgemein of angenommen, zu den Nagetieren, sondern zu den Hasenartigen oder Hasentiere (Lagomorpha), welche sich von den Nagetieren schon vor mindestens 60 Millionen Jahren trennten. Was passiert, wenn sich die Zähne von Hasen nicht gegenseitig abschleifen, kann man bei diesen Photos dem Jagdmuseum in Hørsholm.

     

    Literatur:

    Der Artikel ist auf Markus Bühlers Bestiarium am 6. August 2010 erschienen.


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  • Freitagnacht-Kryptos: Die Seeschlange von Arendal

    In den Archiven kramte: Ulrich Magin

    Als Olaus Magnus 1555 und Erik Pontoppidan 1755 von der „norwegischen Seeschlange“ berichteten, glaubten sie, es handle sich um eine Landschlange, die immer weiter wachse. Wird sie zu schwer, geht sie erst in Seen, wird sie auch dafür zu groß, wandert sie ab ins Meer. Diese Vorstellung hielt sich im Ursprungsland des Ungeheuers hartnäckig, wie diese Zeitungsmeldung aus „Der Wanderer“ vom 5. November 1832 zeigt:

    „Man meldet aus Arendal in Norwegen, daß sich in diesem Sommer eine große Seeschlange in den Röds- und Söndelöv-Fjorden ziemlich lange gezeigt habe und von Vielen gesehen worden sei; auch hatte man schon seit Jahren deutliche Spuren davon gefunden, daß sie über das Feld gekrochen war.“

    kleine Stadt am Wasser mit grünen Hügelchen und kleinen Inseln
    die norwegische Stadt Arendal heute. Wirklich unheimlich wirkt sie nicht.

    historischer Kupferstich einer Seeschlange, die ein Segelschiff angreift und einen Seemann im Maul trägt
    Olaus Magnus‘ Seeschlange von 1555

    Norwegischer Fjord mit dramatischer Beleuchtung, einem Kegelberg und ochsenblutfarbenem Haus
    Ein norwegischer Fjord heute, für viele Menschen ein Sehnsuchtsort.

     

    Literatur:

    Die Originalmeldung aus dem „Wanderer“ 1832


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  • Freitagnacht-Kryptos – Passend zum Tage

    Von: Tobias Möser

    Die Mondlandung hat morgen bzw. übermorgen vor 50 Jahren stattgefunden und ist natürlich Top-Thema in allen Medien. Wir wollten bei diesem wirklich prägenden Ereignis nicht zurückstehen und haben uns überlegt, welches Tier denn am ehesten mit dem Mond zu tun hat. Ein Mondkalb? Zu langweilig. Der Werwolf? Zu trivial. Wir haben ein viel interessanteres Tier ausgegraben: Die Wermaus!

    Wer… Maus???

    Eigentlich sind die Wermäuse unter dem viel niedlicheren Namen Grashüpfermäuse bekannt. Sie kommen in drei Arten in den Prärien und trockenen Buschländern von Mexiko bis Südkanada vor. Mit 9 bis 13 cm sind sie etwas größer als eine Hausmaus. Wie viele kleine Nager sind sie nachtaktiv. Sie können gut klettern, bevorzugen aber den Boden, in dem sie auch ein Nest bauen. Auf Eindringlinge in ihr Territorium reagieren sie aggressiv. Das macht sie unter Dutzenden von Arten kleiner Nager nicht zu etwas Besonderem.

    Ein Jäger, und was für einer!

    Ungewöhnlich ist ihre Ernährung: die Wermäuse ernähren sich carnivor: Sie jagen sehr erfolgreich große Insekten und andere Gliederfüßer, sogar kleine Wirbeltiere wie andere Mäuse. Etwa 89% ihrer Nahrung sind tierisch, nur 11% Pflanzenmaterial. Damit liegt sie im Bereich hypercarnivorer Raubtiere.
    Anders als die meisten großen Raubtiere wagt die Wermaus, auch Tiere anzugreifen, die deutlich größer und schwerer sind, als sie. Meist schleicht sie sich an ihre Beute heran und versucht, sie mit einem Biss in den Nacken oder Kopf zu töten. Sogar giftige Tiere wie Hundertfüßer greift sie an und ringt sie nieder. Eine wichtige Beute sind Arizona-Rindenskorpione der Art Centruroides vittatus*. Er gehört zu den häufigste Skorpionen im Lebensraum der Großen Grashüpfermaus Onychomys torridus. Da er als Insektenfresser nicht nur Beute, sondern auch Konkurrent ist, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu.

    Kaum erforschte Superkräfte

    Die Große Grashüpfermaus Onychomys torridus ist unempfindlich gegen sein Gift. Gelangt es nach einem Stich ins Blut, „kidnapt“ ein Protein auf den Nerven der Maus das Gift. Hierdurch werden die Schmerzsignale, die es sonst auslöst, unterdrückt. Gemeinsam können Gift und Protein sogar andere Formen des Schmerzes unterdrücken.

    „In der Maus arbeitet das Gift sogar als Schmerzkiller“ sagt der Neurphysiologe Frank Bosmans von der Johns Hopkins University.

    Dabei ist das Gift des Arizona-Rindenskorpions alles andere als harmlos. „Es tut ganz schön weh“, beschreibt Ashlee Rowe, Evolutionsneurologin an der Michigan State University. „Betroffene sagen, es fühlt sich an, als hätte man sich verbrannt und bekäme dann einen Nagel in die Stelle gedrückt“. Eine große Giftdosis kann ein Kleinkind töten.

    Physiologisch arbeitet das Skorpiongift wie ein klassisches Nervengift: es öffnet ligandenabhängige Natriumkanäle von Schmerzrezeptoren. Natrium fließt in die Zelle ein und sorgt für eine Depolarisation und ein Aktionspotenzial. Dieses wird über die Nervenbahnen ans Gehirn weiter gegeben. Da das Gift des Skorpiones -anders als andere Liganden- permanent an den Natriumkanal bindet, werden ständig Aktionspotenziale ausgelöst: Beim Hirn kommt ein starker Reiz an, der als Schmerz interpretiert wird.

    Ist das Gift im Körper, unterbricht ein spezieller Natriumkanal den ungewöhnlichen Natriumfluss: Das Schmerzsignal läuft einfach aus. Sticht der Skorpion die Maus, senden die Nerven einfach keine Schmerzsignale mehr weiter, das betrifft sogar Schmerz aus anderen Quellen.

    Reviermarkierung – wie die Großen

    Die kleinen Jäger leben nicht lange an einem Ort, sondern übernehmen oft die Bauten kleiner Nagetiere – nachdem sie sie gefressen haben. Ihren Streifbereich verteidigen sie aggressiv gegen andere Wermäuse, in angemessener Weise: nachts suchen sie sich einen exponierten Standort, werfen den Kopf zurück, drücken die Brust raus und rufen mit offenem Maul – vermutlich in Richtung Mond…

    So long – and: Good Luck, Mr. Gorsky

    Quellen:

    The Mammals of Texas: Northern Grasshopper Mouse

    The Washington Post: The Tiny southern grasshopper mouse can eat scorpions without feeling any pain


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


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