Freitagnacht-Kryptos: der Tri-County Record

Aus dem Time-Magazin vom 6. August 1931:

 

Kiel, Wisconsin – Zwei reisende Verkäufer aus Cincinnati mieteten sich letzte Woche ein Ruderboot und Woche los, um im Lake Erie vor Sandusky, Ohio, zu fischen. Plötzlich brach ein riesiges, schweres Knäuel, oben grau und unten weiß, neben ihrem Fahrzeug aus dem Wasser. Ein gelber Kopf mit schwarzer Krone, sechs Zoll über der Stirn, erhob sich und kalte, glitzernde Augen starrten sie ohne zu blinzeln an.

Time Cover
Das Cover der „Time“, mit Paul W. Litchfield, CEO von Goodyear Tire & Rubber

In Sandusky gab es seit einiger Zeit Geschichten über eine Seeschlange, die so manchen Fischer erschreckt hatte. Die reisenden Verkäufer Frank Bagenstose und Clifford Wilson glaubten, ihre Zeit sei gekommen. Aber Wilson löste ein Ruder, schlug gewaltsam damit aus und betäubte die Erscheinung. Er wurde mutiger und fischte mit seinem Begleiter im Wasser. Er brachte eine 18 Fuß lange Schlange hervor. Sie wuchteten das Tier in das Ruderboot, brachten es ans Ufer, packten es ein und schlossen es in ihr Auto ein. Sobald die Schlange an Land war, regte sie sich wieder. Tausende Menschen kamen ans Auto, um sie zu sehen.

Sandusky Downtown, 1931 dürfte es hier nur unwesentlich anders ausgesehen haben.

Auch Direktor Henry L. Madison vom Cleveland Naturkundemuseum kam, um einen Blick auf das Tier zu werfen. Er sagte: „Nachdem ich Reptilien-Literatur konsultiert habe, bin ich überzeugt, dass es sich um einen Python molurus, den hellen Tigerpython handelt.“ Er sagte auch, die Kreatur sei groß und stark genug, um ein Pferd zu fressen. Ein Rätsel bleibt, wie sich ein heller Tigerpython in den Lake Erie gelangt.

 

Leuchtturm
Leuchtturm und Mole am Erie-See


Python molurus

Der helle Tigerpython ist tatsächlich eine sehr große Schlange, die in Indien und Bangladesch vorkommt. In der Natur erreichen die Tiere regelmäßig Längen über 3,5 m, 5,5 m sind wissenschaftlich belegt. Die berichteten 18 Fuß, also 5,48 m stellen damit entweder ein Ausnahmemaß oder eine Übertreibung dar.

Heller Tigerpython P. molurus
Schwimmender Heller Tigerpython (P. molurus). Foto: Paul Asman and Jill Lenoble

Da Tigerpythons recht gut zu zähmen sind und bereits seit etwa 1840 gezüchtet werden, waren sie früh in Zirkussen, auf Sideshows und bei fahrenden Schlangenbeschwörern und -tänzerinnen beliebt. Diese Tiere waren gut versorgt und wuchsen deswegen häufig zu beeindruckenden Größen an.

Andererseits wiegt ein 5,5 m langer Tigerpython etwa 90 kg. Dies und die ungeheure Kraft eines solchen Tieres erschweren das Handling in einer Show. Es ist also nicht auszuschließen, dass ein durchreisender Schausteller ein solches Tier „verloren“ hat. Den warmen Sommer in dem relativ flachen See wird er ohne Probleme überstanden haben.

 

Warum das Time Magazin die Story in Kiel / Wisconsin platziert, ist mir unklar. Die Stadt liegt nicht am Wasser und ist dem Michigansee wesentlich näher.




Freitagnacht-Kryptos: Die Entführung der Marie Delex

Einer der bekanntesten Vorfälle, bei denen ein Adler ein Kind geraubt haben soll (siehe auch André Kramers interessanten Beitrag: hier), ereignete sich in den Schweizer Alpen. Der Fall ist vor allem deshalb bekannt, weil er in die Sammlung „Das rechnende Pferd von Elberfeld“ von Bob Rickard und John Michell aufgenommen wurde, die 1983 bei Econ erschien.

Königsadler entführt Marie Delex
Stich zur Entführung von Marie Delex.

Beim Versuch, näheres über diesen Vorfall zu erfahren, wurde ich enttäuscht – alle Texte, die man aufspüren kann, sind mit dem Text in Rickards und Michells Buch identisch (allerdings in leicht unterschiedlichen Wortlauten übersetzt).

Lorenz Oken nimmt sich des Falles an

So lesen wir zum Beispiel in Lorenz Okens Zeitschrift „Isis“ 1839 in Spalte 597 (er selbst hat, wenn ich mich nicht irre, den Text entnommen aus: „L’Institut, Journal général des sociétés et travaux scientifiques de la France et de l’Etranger“, erstes Supplement 1839):

 

 

„S. 1 [des monatlichen Supplements]. Die Adler auf den Alpen werden beschuldigt, Lämmer, Ziegen und selbst Kinder zu rauben, besonders der Lämmergeyer, welcher jedoch zu schwache Füße haben soll; daher glaubt man, es möge der Kaiseradler (Falco imperialis Temminck.) und der Königsadler Aigie royal (Falco fulvus T.) seyn, welche viel stärkere Beine und Krallen haben. Professor Schinz von Zürich hat folgendes an Moquin Tandon zu Toulouse berichtet.

Marie Delex wird geraubt

Zwey Kinder, Maria Delex, 6 Jahr alt, und Marie Lombad, spielten mit einander in den Felsen von Alessa im Wallis, als sich ein Falco fluvus auf die kleine und schwache Marie Delex stürzte und sie mit in die Luft nahm. Auf das Geschrey ihrer Gespielinn liefen die Bauern herbey, suchten das Kind vergebens und fanden nur einen Schuh an einem hohen Absturz, einen Strumpf auf einem Strauch. Nach langem Suchen entdeckte man den Horst des Adlers mit 2 Jungen und vielen Knochen von Ziegen und Schafen, aber nichts von einem Kind.

 

Endlich am 13. August fand ein Hirt die Leiche des Mädchens auf einem Felsen, eine halbe Stunde vom Orte des Raubs. Die Kleider und die Glieder waren zerrissen, Schuh und Strümpfe fehlten. Man spricht von dem Raub eines andern Kindes in Wallis, welches durch einen Adler weit fortgetragen wurde, auf einen Felsen des Stockhorns.“

 

Nur eine einzelne Quelle

Zu Lorenz Oken gab es hier bereits einen Artikel. Offenbar haben Rickard und Michell eine englische Übersetzung des gleichen französischen Ursprungstexts als Quelle verwendet.

 

Ich habe den Raubvogel, der die unglückliche Marie Delex packt, in vielen Sprachen entdeckt, stets aber war der Text identisch. Falls es zusätzliche Informationen geben sollte, dann müssen diese in lokalen Archiven auf einen Spürhund warten. Es scheint, als sei die einzige Quelle für diesen Vorfall der Brief von Professor Schinz.

Steinadler
Der Steinadler ist an seiner charakteristischen weißen Flügelzeichnung und dem runden Schwanz zu erkennen

Derselbe kleine Abschnitt taucht unter anderem auf in:

  • Le Globe: archives générales des sociétés secrètes 1839, S. 31
  • Félix Archimède Pouchet: The Universe: Or, The Infinitely Great and the Infiniely Little. 1876, S. 174
  • Jules Duhem: Histoire des idées aéronautiques avant Montgolfier. 1943, S. 64
  • Janet und Colin Bord: Alien Animals. 1980, S. 112–113
  • Bob Rickard und John Michell: Das rechnende Pferd von Elberfeld. 1983, S. 251–252

Anm. d. Red.: Den im Text zitierten „Königsadler“ gibt es im Deutschen nicht. Es scheint hier eine Fehlübersetzung des französischen „Aigle royal“ vorzuliegen, gemeint ist der Steinadler. Dieser kommt im Wallis vor.
Der Kaiseradler kommt allerdings in den Alpen nicht vor. Die wissenschaftliche Bezeichnung Falco fulvus deutet auf das heute Gyps fulvus genannte Tier, den Gänsegeier hin.




Freitagnacht-Kryptos: Kreaturen der Holzfäller: Der Funeral Mountains Terrashot

Der Funeral Mountain Terrashot

(Funericorpus displosissimum)

 

Dieses Tier ist für den Namen der Funeral Range, Kalifornien verantwortlich. Die Kreatur hat einen kistenartigen Körper, sechs bis acht Fuß lang, mit einem gewölbten Rückenschild, das sich über die gesamte Länge ihres Rückens erstreckt. Ihre vier Beine sind lang aber scheinen den massigen Körper kaum tragen zu können. Das führt dazu, dass der Terrashot auf seinem Weg unsicher von einer Seite zur anderen und vorwärts und rückwärts schwankt.

 

 

Das seltsame Tier wurde zuerst von einigen mormonischen Auswanderern gemeldet. Sie beobachteten eine eigenartige Prozession, die von einem bestimmten Gebirgszug in die Wüste zog.  Später wurden die Berge Funeral Range (Beerdigungsberge) genannt. Sie waren auch Zeugen des tragischen Schicksals der Kreaturen. Einer der Mormonen, erregt von seiner Neugier, führte eine Untersuchung durch. Er fand dabei alles heraus, was über den Terrashot bekannt ist.

 

Es scheint, dass das Tier in den kleinen Wiesen und Wäldern in den höheren Teilen des Verbreitungsgebiets lebt. Dort wächst ihre Zahl allmählich an, bis die Terrashots durch einen seltsamen Impuls von dem Wunsch nach Auswanderung erfasst werden. Sie bilden dann lange Prozessionen und marschieren in die Wüste hinunter. Sie haben offensichtlich die Absicht, andere Lebensräume zu erreichen, die in der Ferne zu sehen sind. Aber keiner von ihnen kommt jemals rüber. Wenn sie auf den heißen Sand treffen, dehnen sie sich schnell mit der Hitze aus, und einer nach dem anderen explodieren sie mit lautem Knall und hinterlassen tiefe, grabförmige Löcher im Sand.

 


Holzfäller
US-Holzfäller um 1900: Burschen wie sie haben William T. Cox ihre Geschichten erzählt

 

Die „Kreaturen der Holzfäller“ stammen aus einer Zeit, in der die Wildnis Nordamerikas weitgehend unbekannt war und nach den Waldläufern, Trappern und Goldsuchern die Holzfäller in die Wälder kamen. Es waren oft harte Kerle, die gerne auch ein gewisses Mythos um sich, ihre Arbeit und die gewaltigen Wälder des Kontinentes woben.

Die „Kreaturen der Holzfäller“ entstanden aus diesem selbst geschaffenen Mythos, einer gefährlichen Arbeit, Lagerfeuerromantik, Eintönigkeit einer harten Arbeit und zu viel Bier. Forstinspektor William T. Cox hat sie alle gesammelt und mit einem Augenzwinkern aufgezeichnet.

Wir bringen jeden ersten Freitag im Monat einer dieser Kreaturen kurzfristigen Internet-Ruhm.

 


Literatur:

Cox, William T.: Fearsome Creatures of the Lumberwoods; Press of Judd & Detweiler Inc.; Washington D.C.; 1910 mit Illustrationen von Coert Du Bois

 




Freitagnacht-Kryptos: Seeschlange im Meeresleuchten

Es berichtete die „New Zealand Mail“ am 28. Dezember 1872:

 

 

„Ein Korrespondent berichtet in [der populären naturwissenschaftlichen Zeitschrift] ‚Land and Water‘ wie folgt. –

 

Nachdem ich das Bild der ‚großen Seeschlange‘ im ‚Land and Water‘ der letzten Woche gesehen habe [es handelt sich um dir Darstellung der Leda-Seeschlange aus Schottland], kann ich Ihnen mitteilen, dass ich vor ungefähr vier Jahren an Bord der Celt, eines R.M. Dampfers, der vom Kap der Guten Hoffnung nach England unterwegs war und sich vor Cape de Verdes im Südatlantik befand, auf Wache und mit niemand sonst an Deck als dem Ausguck auf dem Vorschiff, in einer sehr dunklen Nacht in phosphoreszierendem Meer einen Gegenstand in gemächlicher Geschwindigkeit das Schiff passieren sah, und zwar entgegen der Richtung, in die wir dampften.

Zwei Delfine im Meeresleuchten
Zwei Delfine im Meeresleuchten

Das Bild in ‚Land and Water‘ erinnert mich genau an das, was ich zu jener Gelegenheit sah. Ich hatte den Eindruck: Das ist die Seeschlange. Es war ein riesiges Ding von der Länge eines Schiffes, etwa 250 Fuß [75 m]. Es verschwand in der Dunkelheit, und ich habe es nie wieder gesehen.“

 

Meeresleuchten
Die Spur eines großen Meereslebewesens glimmt im Meeresleuchten nach

 

 

 

Quelle:

New Zealand Mail, Issue 99, 28 December 1872
 




Freitagnacht-Kryptos: Der Fisch mit GooGoo-Augen

Aus der Zeitschrift „Wauwatosa News“ vom 17. September 1909

 

wauwatosa news

„Fisch mit GooGoo-Augen.“

Über ein Lebewesen mit Augen von der Größe eines Lokomotiv- Scheinwerfers

Der Kapitän Ross des Dampfers Dakotah unter der Flagge der Standard Oil Company, der gestern aus Manila heimgekehrt war, genoss am 11. Juli einen kurzen, aber seelenerregenden Flirt mit einem seltsamen Fisch.
Im Logbuch der Dakotah wird das flossige Rendezvouz als 12 m lang und 3 m breit beschrieben, mit einem höhlenartigen Mund und sehr großen Augen.
Kapitän Ross war auf der Brücke, als ein Kamerad ihn auf etwas aufmerksam machte, das er für einen Wal auf Backbord hielt. Als sie sich in etwa dreißig Metern Entfernung zu dem Monster befanden, sahen sie, dass keine Ähnlichkeit zu einem Wal bestand.

 

Wer weiß, was Kapitän Ross in der Nacht beobachtete?

 

„Als wir uns näherten“, sagte Captain Ross, „drehte die Kreatur ihren Kopf dem Schiff zu. Es war das wildeste Gesicht, das ich je gesehen habe. Das Maul war weit wie der Eingang eines Eisenbahntunnels, und die Augen groß wie Lokomotivscheinwerfer. Bei aller Wildheit des Gesichts hatten die Augen aber doch einen freundlichen Ausdruck in sich. In der Folge haben wir das Tier aufmerksam beobachtet. Gerade als wir fast direkt daneben waren, rollte es diese sanften Augen in einer verrückten Weise und sank außer Sichtweite. Ein Wal wäre kopfüber hinuntergegangen und hätte mit seinem Schwanz zum Abschied gewinkt. Wir haben den Schwanz dieses Tieres nie gesehen, und ob er mit seinen Augen „Auf Wiedersehen“ oder „Kommt, Männer“ sagte, ist mehr als ich sagen kann. Ich bin seit vielen Jahren auf See, habe aber noch nie einen solchen Fisch gesehen.“

 

45° 30′ N, 152° W, hier ist absolut nichts los.
 

Als Beweis dafür, dass der beschriebene Fisch real war, zeigt Kapitän Ross auf den Eintrag im Logbuch, der besagt, dass die Begegnung bei 45 Grad 30 Minuten nördlich und 152 Grad westlicher Länge stattgefunden hat.




Freitagnacht-Kryptos: Ein unbekanntes Raubtier – ein Tiger? – in Sibirien

Ein leider ungenannter Autor beschrieb in der Zeitschrift „Das Ausland: Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde“ in einem in der Nr. 214 am 2. August 1831, S. 853ff. veröffentlichten Aufsatz unter dem Titel „Scenen aus Sibirien“ einen Tiger mit geflecktem Fell – ein Tier, das nicht einmal in Karl Shukers umfangreichen Kompendium unbekannter Katzenarten aus aller Welt („Mystery Cats oft he World“) geführt wird:

 

 

„Zuweilen wird er [der Reisende in Sibirien] überrascht von einer Klauenspur seines Raubthieres, er steigt ab, untersucht und erbebt – es ist die Spur eines Panthers. Eines Panthers? […] ja, eines Panthers, und zwar der größesten Art. Ob sich dieses mörderische Thier im Sommer aus Mittelasien hieher verirrt, ob während der heißen Jahreszeit die Beute sie in diese Gegenden lockt, oder ob es die Klapperjagd des chinesischen Kaisers dorthin verscheucht, läßt sich nicht sagen; aber soviel ist gewiß, daß selten ein Jahr vergeht, wo nicht in der Provinz Jakutsk eines oder mehrere dieser durch Raubsucht, Furchtlosigkeit, Schnelle und Stärke furchtbaren Thiere erlegt werden. Selten wird ein Pantherfell ohne Blut des Jägers erkauft. Folgernder trauriger Vorfall ereignete sich im Jahr 1827.

 

Amurtiger
Amurtiger sind die größten und am weitesten nördlich vorkommenden Großkatzen

Gemetzel in der Taiga

Zwei Familien, eine jakutische und eine tungusische, nomadisierten in der Nähe von Jakutsk. Beide Familienväter waren alte Freunde und Jagdgenossen. An einem Morgen stürzte die Frau des Jakuten erschrocken in die Jurte, und konnte kaum berichten, daß sie ein unbekanntes Thier erschreckt habe. Die Jäger ergreifen ihre Büchsen, und eilen auf das Feld – aber auch sie verzagen, denn kaum zwei Flintenschüsse weit von der Jurte erblicken sie einen Panther.

 

Ein Tag und eine Nacht vergingen, aber das Raubthier lag noch immer auf der Lauer. Gierig lechzte es nach Beute, und mit dem Hunger stieg seine Verwegenheit. Geschrei, abgeschleuderte Feuerbrände, Geklapper mit dem Kessel – nichts vermochte ihn zu verscheuchen. Er stand auf, sprang, brüllte und legte sich wieder außer Schußweite nieder. Noch einmal 24 Stunden gingen vorüber und die Jäger geriethen in Verzweiflung, die Thränen und Klagen ihrer durstenden, hungernden und erschrockenen Familien weckten endlich ihren Muth. Es war nur zwischen Hungertod oder den Klauen des wilden Thieres zu wählen.

Jurte am See
Jurte am See – ohne Tiger

Der Kampf mit dem Tiger

Der Jakute beschloß den Kampf zu beginnen. Eine breitläufige Flinte, die er glücklicherweise besaß, wurde mit doppelter Ladung versehen, und so ging er dem belagernden Feinde entgegen. Mit funkelnden Augen betrachtete der Panther den heranschleichenden Jäger, blutgierig begann er mit dem Schweife zu schlagen, und sperrte den rothen Rachen auf. Als aber der Jakute sich auf ein Knie niederließ, um sicherer zu feuern, sträubte sich das Haar des Panthers, er wand sich schlangenförmig, und schoß wie ein Blitz, so daß er dem tödtlichen Blei entging, heran, in demselben Augenblicke war auch schon die Hand des unglücklichen Jägers von den Zähnen des wüthenden Thieres zermalmt.

 

Aber auch der Tunguse stürzte mit einer Palma (einem an einen langen Stiel befestigten Messer, einer Art Lanze) auf das Ungethüm, und brachte demselben drei Wunden bei. Nun wendete sich das ergrimmte Thier gegen den neuen Feind, zerbrach den Schaft der Waffe, und zerfleischte seinen Gegner mit den Klauen. Da ermannte sich der Jakute, ergriff mit der einen noch unverletzten Hand ein Weidmesser und stieß es dem Panther in die Weiche. Dieser von Blut triefend ließ ab von seiner Beute, schlich davon und stürzte zu Boden. Aber die verwundeten Jäger vermochten ihm nicht zu folgen. Am Abende verendete das Raubthier, aber auch der Jakute starb nach zwei Tagen, und der Tunguse genaß nur langsam von seinen Wunden.

 

Ich sah das Fell des erlegten Thieres, das der Befehlshaber der Provinz gekauft hatte.“

 

Sibirien

Ist ein Tiger ohne Streifen noch ein Tiger?

In einer Fußnote mutmaßt der Autor, das Fell sei eigentlich ein Tigerfell: „Ungeachtet der [zuvor nicht beschriebenen] Flecken, bin ich geneigt, das Thier einen Tiger zu nennen, denn es ist nicht der pardalis der Alten (Felis pardus des Linne), auch nicht Cuviers guépard (felis jubata), kurz nicht das, was die Franzosen panthére nennen, denn alle diese Thiere muß es an Größe und an Stärke übertroffen haben. Uebrigens scheint es, daß im Alterthum der Panther dem kälteren Klima nicht fremd war, und wahrscheinlich kannten ihn die Vorfahren der Russen nicht blos vom Hörensagen.

 

Im Liede von Igor’s Feldzug kommt der Ausdruck ‚das Lager des Panthers‘ öfters vor. Im Kaukasus werden oft Tiger erlegt, und die Bergbewohner versichern, daß es dort auch Löwen (Aslan) gebe; überhaupt scheint es, daß nicht so sehr das Klima als die Volksmenge diese Thiere aus Europa und den Gränzländern verscheucht hat. Auch die Römer trugen nicht wenig dazu bei, durch ihre ungeheuren Thierhetzen die reißenden Thiere zu vertilgen.“

 

 

Der Aufsatz wurde auch in „Erheiterungen: Eine Auswahl des merkwürdigsten und interessantesten aus der neuesten belletristischen Literatur“ im Jahrgang 1831 abgedruckt (Zitat dort auf S. 748).

 

 

Quellen:

Das Ausland: Wochenschrift für Länder- u. Völkerkunde, Band 2; Band 4

Erheiterungen: Eine Auswahl des merkwürdigsten und interessantesten aus der neuesten belletristischen Literatur, 1831