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Das Montauk-Monster und wieso es so bekannt ist

Das Montauk-Monster ist ein stehender Begriff in der Kryptozoologie, ebenso wie der Bigfoot, Nessie oder irgendwelche Meeresschlangen. Dabei ist das Rätsel um dieses Tier längst zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst. Eine solche Lösung wie beim Montauk-Monster (siehe unten) führt normalerweise dazu, dass ein solches Wesen aus dem Reich der Kryptozoologie ins Reich des Vergessens gelangt.

Wieso das beim Montauk-Monster nicht so ist, versucht dieser Bericht aufzuarbeiten.

Montauk Lighthouse
Der Leuchtturm von Montauk (Foto: A. Montemurro)

Montauk, der Ort

Montauk liegt im US-Bundesstaat New York, am äußersten östlichen Rand von Long Island, etwa 3 Auto- oder Bahnstunden von der Stadt New York entfernt. Damit ist der nur etwa 3300 Einwohner große Ort für mehr als 15 Millionen Menschen innerhalb einer Zeit erreichbar, die viele US-Amerikaner für einen Wochenend-Trip akzeptieren.

 

 

Bereits 1895 war Montauk von New York aus mit der Bahn zu erreichen. Die beginnende Elektrifizierung der Linie machte 1925 den Unternehmer Carl Graham Fisher auf Montauk aufmerksam. Er begann 1926, den Ort in ein Feriendomizil umzuwandeln. Damit hatte er bereits beim Fischerort Miami Beach großen Erfolg gehabt. Hierzu erwarb er große Teile des östlichen  Montauks und erbaute zunächst das Luxushotel Montauk Manor und einen Jachthafen. Weitere Gebäude kamen dazu, die heute alle anders genutzt werden, als von Fisher geplant. Nach dem Börsenkrach des Jahres 1929 ging sein Unternehmen im Jahre 1932 bankrott.

 

Hotel Montauk Manor
Das von Carl Fisher erbaute Hotel Montauk Manor ist heute noch bekannt (Foto: Beyond My Ken)

 

Bei Montauk befand sich eine US-Luftwaffenbasis, die 1969 geschlossen wurde. Heute steht das Gelände unter Naturschutz. In einem Bunker unterhalb der Anlagen liegt Camp Hero. Um diesen Radarstützpunkt kursieren mehrere Verschwörungstheorien. Nach außen hin sichtbar ist noch die letzte, über 80 t schwere Radarantenne des Luftraumaufklärungsradars AN/FPS-35.

 

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Lonely Planet: New York

Die Lonely Planet Reiseführer gelten zu Recht als die besten der Welt. Anders als viele Massenprodukte werden sie von Einheimischen geschrieben und nicht auf der Basis der Empfehlungen der Tourismusbüros recherchiert.
Genauso ist es bei der New Yorker Ausgabe. Natürlich gibt es alle Infos zu den üblichen Sehenswürdigkeiten, aber eben auch Orte, die abseits der Touristenpfade liegen, werden ausgiebig beschrieben.

 

Der Lonely Planet Reiseführer New York hat 480 eng beschriebene Seiten und ist im November 2018 erschienen. Damit ist er einer der aktuellsten Reiseführer der Weltmetropole. Selbstverständlich ist auch der Trip nach Long Island und Montauk enthalten.

 

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Im Ort selber haben sich zahlreiche Familien einen Zweitwohnsitz geschaffen. Bereits in den 1960ern gründeten die ersten Fertigbungalow-Siedlungen, ein Trend, der sich etwas hochwertiger bis heute fortsetzt. Der Pop-Art-Künstler Andy Warhol erwarb 1972 eine solche Ferienhaussiedlung, was zu regelmäßigen Besuchen von Prominenten führte, u.a. der Rolling Stones. Dies und die Nähe zu New York ließen Montauk auch zu einer gerne genutzten Filmkulisse werden.

 

Montauk als Filmkulisse

Der fiktive Ort Amity aus „Der weiße Hai“ befindet sich in der Nähe von Montauk. Dieser Film und vor allem seine (wesentlich schlechtere) Fortsetzung „Der weiße Hai 2“ portraitieren das Leben in Montauk in der Mitte bzw. Ende der 1970er Jahre recht gut.

 

Geschäfte in Montauk
Geschäfte auf der Main Street (Foto: Beyond My Ken). Montauk wirkt nicht nur wie ein Feriendorf.

 

Montauk ist heute einer der geschäftigsten Touristenorte auf Long Island. Das gemäßigte Meeresklima mit moderaten Temperaturen im Sommer und Frost im Winter halten den Ort bei Tages- wie Wochenurlaubern populär.

 

 

 

Montauk, die Erzählung

1975 erschien die Erzählung „Montauk“ des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Wie viele seiner Erzählungen ist auch „Montauk“ autobiographisch geprägt, die Geschichte selber ist jedoch fiktiv.

 

Die Rahmenhandlung beschreibt das Wochenende des 11. und 12. Mai 1974. Der Erzähler ist das literarische Alter Ego des Autors Max Frisch. Er beendet am Vortag eine Lesereise durch die Vereinigten Staaten. Zwei Tage später, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, ist Frischs Rückflug nach Europa geplant. Er wird von der 30jährigen Lynn im Auftrag des Verlages auf der Lesereise betreut und begleitet. Sie hat allerdings vom Werk des Autors keine Vorstellung. Am letzten seines Amerika-Aufenthaltes kommen sich Lynn und Frisch näher. Wie viele frisch verliebte Paare unternehmen sie einen Ausflug nach Montauk an der Atlantikküste.

 

Frisch nutzt diesen Rahmen der sowohl zeitlich wie räumlich begrenzten Umgebung, um über Lynns Gegenwart Erinnerungen und Reflexionen über sein Leben zu formulieren. Er denkt über sein Alter und das Gefühl, eine Zumutung für andere zu sein, nach. Spätestens hier verschwimmen Autor und literarisches Alter Ego völlig. Frisch gibt intime Details aus seinem Leben preis. Auch mit seinem eigenen Werk – das Lynn bezeichnenderweise nicht gelesen hat – zeigt Frisch sich unzufrieden. Das Gefühl, mit den meisten Geschichten sein Publikum bedient zu haben und ihm dabei Teile seines Lebens zu verheimlichen.

 

Montauk Point Lighthouse
Montauk von Max Frisch ist eine ganz besondere Erzählung

 

Vor allem Frischs ehemalige Gefährtinnen stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Lynn löst Erinnerungen an ihre Vorgängerinnen aus, die dem Leser teilweise bereits aus älteren Werken des Autors bekannt sind. Da Frisch angesichts seines Alters bereits seinen Tod nahen sieht, möchte er keine Frau in eine Beziehung binden, die keine Zukunft haben kann. Gleichzeitig ist Lynn und ihm klar, dass sich ihre Beziehung nur auf dieses eine Wochenende und auf Montauk beschränkt.

 

Tatsächlich endet die Erzählung, wie beide nach der Rückkehr nach New York mit dem Wort „bye“ auseinander gehen. Frisch sieht Lynn nach, doch die dreht sich nicht einmal um.

 

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Montauk: Eine Erzählung

„Ich mag dieses Buch sehr, denn es spiegelt das wahre Leben Frischs aus eigener Feder wieder.

Diese Erzählweise aus Monotonie und Aberwitz, Liebesbeweisen und Reisegeschichten, ist ein Novum und gehört auf jeden Nachttisch. Man sollte diesem Buch Raum geben und laut lesen, die spezielle schweizer Art, ist herrlich definiert und so klug, das man jeden Satz im Kopf behalten möchte.“ (Anja Ciaxz auf Amazon.de)

 

Montauk: Eine Erzählung hat 224 Seiten und ist in dieser Ausgabe 1981 bei Suhrkamp erschienen.

 

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Rezeption

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb zu „Montauk“: „Und doch übertrifft diese Erzählung Montauk in mancherlei Hinsicht alles, was wir bisher von Frisch kannten. Es ist sein intimstes und zartestes, sein bescheidenstes und gleichwohl kühnstes, sein einfachstes und vielleicht eben deshalb originellstes Buch.“ Er schloss mit dem Fazit: „Diese Selbstentblößung ist frei von Exhibitionismus, Frischs Intimität nähert sich nie der Schamlosigkeit, seine Abschiedsstimmung kennt keine Larmoyanz, keine Wehleidigkeit. Montauk ist eine poetische Bilanz: ein Buch der Liebe, geschrieben von einem Dichter der Angst.“

 

Die Erzählung inspirierte Volker Schlöndorff zu seinem Spielfilm Rückkehr nach Montauk (2017). Der im gleichen Jahr erschienene Roman Eden Roc des Schweizer Publizisten und Verlegers Matthias Ackeret liefert im Kapitel Montauk 2 eine literarische Fortsetzung von Max Frischs Erzählung.

 

Montauk Gazebo
Der Pavillon auf der Plaza in Montauk ist auch ein Treffpunkt für Verliebte. (Foto: Beyond My Ken)

 

Montauk – das „Projekt“

Mit seinem Buch „The Montauk Project: Experiments“ begründete der US-Autor Preston B. Nichols eine Reihe von Verschwörungstheorien, die sich um den Militärstützpunkt Camp Hero auf Montauk drehen.

 

USS Eldridge
Die USS Eldridge um 1944 (Foto: US-Navy)

 

Die Grundlage: Das Philadelphia Experiment

Nichols beginnt seine Erzählung nach dem angeblich desaströs verlaufenen Philadelphia-Experiment. Dieses soll 1943 erfolgt sein, hierbei soll die US-Navy versucht haben, den Geleitzerstörer USS Eldridge (DE-173) mittels eines starken Magnetfeldes optisch unsichtbar zu machen. Ein Augenzeuge will 15 Minuten lang nur den Kielabdruck im Wasser gesehen haben. Die Auswirkung auf die Besatzung war katastrophal. Einige Seeleute seien mit dem Schiff verschmolzen, andere verbrannt oder spurlos verschwunden. Viele hätten geistige Schäden erlitten, vereinzelt sollten sich Seeleute noch Jahre später spontan in Luft aufgelöst haben oder sind schweren Erkrankungen erlegen.
Das Schiff soll später einmal im Hafen von Philadelphia verschwunden und in Norfolk aufgetaucht, Sekunden später jedoch wieder in Philadelphia gewesen sein.

 

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Das Philadelphia-Experiment

Während des Zweiten Weltkriegs will die US-Army eines ihrer Schiffe mit riesigen Magnetfeldern für das feindliche Radar unsichtbar machen. Das geheime Experiment missglückt und zwei Soldaten werden in einem Zeitstrudel ins Jahr 1984 katapultiert. Dort angekommen, müssen die beiden nicht nur den Kulturschock verkraften, sondern haben obendrein den Geheimdienst auf den Fersen.

 

Das Philadelphia Experiment ist aus dem Jahr 1984 und läuft 97 Minuten.

 

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Die US-Navy bestreitet, entsprechende Experimente durchgeführt zu haben. Veröffentlichte Logbücher belegen, dass die USS Eldridge 1943 nicht in Philadelphia war.

 

Dieses vermeintliche Experiment war Grundlage für den gleichnamigen Film „Das Philadelphia Experiment“ (1984), der sehr erfolgreich in den Kinos lief und nach Meinung einzelner Verschwörungstheoretiker einige Wahrheiten enthält.

 

Nichols nimmt den Staffelstab auf

Nichols beschreibt in seinen Büchern nicht hauptsächlich die individuellen Folgen des Philadelphia Experiments. In den 1990ern hatte sich auch bei den meisten Verschwörungstheoretikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass „nur“ ein starkes Magnetfeld wohl kaum eine Wirkung haben kann, wie sie oben beschrieben wurde.

 

Radar Camp Hero
Die Ruine des riesigen Radars auf Camp Hero (Foto: Americasroof)

 

Entsprechend des Zeitgeistes der 1970er und -80er Jahren greift er einen kleinen Teil der vermeintlichen Ergebnisse heraus und entwickelt sie weiter. Nach seiner Ansicht soll eine US-Bundesbehörde versucht haben, die Gedanken von Millionen von Amerikanern zu beeinflussen und sogar, sie fernzusteuern. Noch wertvoller könne das System als Waffe werden, wenn man damit die Armeen des Feindes in den Wahnsinn treiben könne.

 

Für dieses Experiment sei jedoch eine große Radaranlage erforderlich. Diese fand sich mit Camp Hero bei Montauk, wohin man bald das gesamte Projekt verlegte. Die Schließung der Basis 1969 diente laut Nichols vor allem dazu, das Projekt zu verschleiern.

 

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Das Montauk-Projekt 1: Experimente mit der Zeit

Im ersten Band seines Montauk-Zyklusses beschreibt Preston Nichols die hier nur kurz dargestellten Experimente. Es schlug in bestimmten Kreisen vor allem in den USA ein, wie die sprichwörtliche Bombe.

 

Das Montauk-Projekt 1: Experimente mit der Zeit ist die deutsche Übersetzung des Originals von 1992. Sie ist 1994 bei Michaels erschienen und hat 180 Seiten. Leider ist es nur noch antiquarisch zu bekommen.

 

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Die dabei durchgeführten Einzelexperimente und Experimentserien erzielten angeblich Ergebnisse außerhalb des derzeit physikalisch möglichen. Die Rede ist von Teleportation, Zeittunneln und einen Zugang in den „Hyperspace“. Auch Kontakte zur USS Eldridge erfolgten.

Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet oder schwer psychisch und physisch verletzt. Zunächst arbeitete die Behörde mit Obdachlosen, später mit Ausreißern.

 

Nach dem ersten, sehr erfolgreichen Buch folgten weitere Bände und Auflagen, die insgesamt über 100.000 verkaufte Exemplare. Zahlreiche angebliche Opfer haben sich nach der Veröffentlichung gemeldet, eine Vielzahl von Webseiten beschäftigt sich mit dem Thema oder zumindest Teilen der Bücher. Nur die wenigsten von Preston Nichols Behauptungen lassen sich beweisen oder widerlegen.

 

Das Montauk-Monster

Genau die Kombination dürfte es sein, die einen Großteil der Faszination ausmacht. Montauk ist für viele Millionen Amerikaner in wenigen Stunden erreichbar und aufgrund seiner Infrastruktur sehr viel „greifbarer“, als die Wälder Oregons oder die Wüsten von New Mexico. Der kleine Ort ist sympathisch und seit vielen Jahren Teil der Populärkultur, vor allem in den Mittelatlantik-Staaten. Dennoch schwingt oft ein wenig Melancholie mit, Montauk liegt am Ende von Long Island, einer Gegend, die am Ende des Sommers am schönsten sein soll. Diese Stimmung hat Max Fisch in seiner Erzählung auch eingefangen.

 

Strand von Montauk
Hier am Strand von Montauk tauchte der Kadaver auf und verschwand ebenso unversehens wieder.

 

Gleichzeitig gibt es eine große Schnittmenge zwischen kryptozoologisch interessierten Lesern und den an Verschwörungstheorien Interessierten. So schwingt beim Wort „Montauk“ immer auch die bedrohliche Lage des „Experiments“ oder „Projektes“ mit. Und vielleicht ist ein Monster an diesem Ort ja doch der Kadaver eines Opfers eines seltsamen Experimentes?

 

 

Was ist nun mit dem Monster?

Das Montauk-Monster ist bzw. war ein Kadaver, der am 12. Juli 2008 von Jenna Hewitt (damals 26) und drei Freunden gefunden wurde / gefunden worden sein soll. Als Fundort geben sie den Ditch Plains Beach an, 2 Meilen (ca. 3,2 km) östlich des Districts. Der Strand ist als bekannter Surfspot populär und liegt am Rheinstein Estate Park.

Dies erleichtert die Lokalisierung.

Montauk-Monster
Der Montauk-Kadaver in maximaler Auflösung, die im Web verfügbar ist. (Foto: Jenna Hewitt)

Hewitt machte ein Foto, das die Zeitung The Independent am 23. Juli 2008 veröffentlichte. Es zeigt einen Kadaver unbestimmter Größe auf nassem Sand mit einigen Wasserablauflinien. Der Kadaver stammt von einem massigen, vierbeinigen Tier mit kleinem Kopf. Er ist weitgehend braun und hat nur an den Hinterbeinen sichtbar hellere Farbe. Die Haut ist nackt, nur am unteren Rücken gibt es einzelne Haare, die zu Zotteln zusammenhängen. Der Schwanz ist mittelmäßig kurz, er misst geschätzt 1/3 der Rumpflänge.

Der kleine Kopf liegt auf einem kurzen Hals und ist nur von der rechten Seite sichtbar. Das große Auge ist geschlossen, Lippen und Nase sind von Aasfressern angefressen. Ein Teil des Gebisses liegt frei. Dies lässt die Schnauze ein wenig schnabelförmig aussehen. Das Ohr ist entweder umgeschlagen oder ebenfalls angefressen.

Der linke Hinterfuß ist erkennbar verlängert, beide Vorderfüße liegen vor dem Kopf. Zehen sind deutlich erkennbar, die genaue Zahl kann man aber kaum ermitteln.

 

Bei einer Nachsuche, mehrere Tage nach dem Fund wurde der Kadaver nicht mehr entdeckt. Entweder hat die Flut eines der bekanntesten Kryptide des 21. Jahrhunderts mitgenommen oder es wurde von der Stadtreinigung entsorgt.

 

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Der Waschbär

Wer kennt ihn nicht, den putzigen Gesellen mit der typischen Gesichtsmaske? Aber erst im letzten Jahrhundert hat der Waschbär auch bei uns Einzug gehalten. Mittlerweile zählt er bei uns zur heimischen Fauna und scheint sich auch sehr wohlzufühlen, da sein Verbreitungsgebiet immer größer wird. Diese Monografie gibt einen faszinierenden Einblick in die heimliche Lebensweise des Waschbären und schließt die Wissenslücke über diese bisher wenig bekannte Tierart.

 

Der Waschbär ist 2018 bei Oertel & Spörer in der bisher 4. Auflage erschienen. Es ist in deutschersprache geschrieben und hat 200 Seiten.

 

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Das Montauk-Monster: Die Identifikation

Im Gegensatz zur häufigen Praxis der englischsprachigen Literatur, den Kadaver als unidentifiziert zu bezeichnen, ist die Artbestimmung gar nicht so schwer:

  • Das freiliegende Gebiss zeigt vier Zähne mit hohem Profil in einer Reihe im Unterkiefer, davor ein deutlich verlängerter Eckzahn. Im Oberkiefer ist der Eckzahn ebenfalls sichtbar. Auch der Oberkiefer trägt noch eine Reihe flacherer Zähne mit hohem Profil, die genaue Zahl ist aufgrund der geringen Auflösung nicht erkennbar.
    Diese Gebissform kommt nur bei Säugetieren vor. Spekulationen wie Wasserschildkröten fallen hierbei aus.
  • Die verlängerten Eckzähne gibt es vor allem bei Raubtieren und Affen. Das schließt wiederum Möglichkeiten wie ein Schaf oder einen Nager (z.B. einen Biber) aus.
  • Da auch die folgenden Zähne raubtierähnlich mit hohem Profil ausgebildet sind, kann man einen Affen ausschließen.
  • Ein Hundeartiger fällt aber ebenso durchs Muster: Die Vorderfüße sind die eines Sohlengängers mit langen Zehen, während Hundeartige kurze Zehen haben und auf den Zehen gehen (und deswegen entsprechende Polster an den Zehen tragen).
  • Marderartige fallen wegen ihres hoch abgeleiteten Körper- und Schädelbaus ebenfalls aus.

Vergleicht man das Muster mit der Liste der in den Staaten New York sowie den anliegenden Staaten Connecticut und Rhode Island vorkommenden Säugetiere, landet man schnell bei einer der wichtigsten Arten: dem Waschbär.

Ein Waschbär

Die Zusammensetzung des Gebisses stimmt mit dem Waschbären überein. Ebenso die Form des Schädels, auch wenn er durch die Perspektive und Fraßschäden auf den ersten Blick schnabelartig wirkt. Die Füße und das Verhältnis Schwanz- zu Körperlänge stimmen bei Kadaver und Waschbär ebenfalls überein.

 

Zwei Waschbäären sitzen auf einem Baum
Zwei lebendige Waschbären im Naturschutz-Tierpark Görlitz. Foto: T. Möser

 

Amerikanische Websites zitieren sich gerne gegenseitig mit der Behauptung, dass die Gliedmaßen eines Waschbärs verhältnismäßig kürzer seien, als die des Montauk-Monsters. Dies ist auf den ersten Blick tatsächlich so, aber der Kadaver ist haarlos. Lebende Waschbären haben ein langhaariges, konturauflösendes Fell, in dem ein Teil der Gliedmaßen praktisch „verschwindet“.

 

Berechtigte Zweifel an der Identität des Montauk-Monsters als Waschbärkadaver bestehen nicht.

 

Knapp 11 Jahre später, Anfang Juni 2019 strandete am Wolfe‘s Pond Beach auf Staten Island, New York ein sehr ähnlicher Kadaver. Aufgrund einer besser zugänglichen Lage und besserer Fotos konnten viele Interessierte ihn sehr schnell als Waschbär identifiziert werden.

 

Sonnenaufgang am Meer bei Montauk




Seejungfrau-Skelett in England angespült?

Mehrere Organe der britischen Presse melden ein seltsames Skelett, möglicherweise das einer Seejungfrau, das am Hightown Beach bei Liverpool angeschwemmt wurde. Finderin Kirsty Jones war am 1. Juni mit ihrer und einer befreundeten Familie zu einem Picnic unterwegs. Sie erzählte dem lokalen Newsportal ECHO „Wir fanden das, als wir den Strand entlang gingen. Keiner wusste, was es ist.“

 

 

Später ergänzte sie „Ich sagte meinen Kindern ‚das sieht wie eine Seejungfrau aus‘. Es hatte einen Fischschwanz.“

 

Meerjungfrau?
Die „Meerjungfrau“ von Kirsty Jones

 

Quelle der Meldung und des Fotos: ECHO

 

Ganz herzlichen Dank an Ulrich Magin, der mich auf die Zeitungsmeldung aufmerksam machte!


Die Analyse

Die Analyse dreht sich um zwei Punkte, wie nahezu immer in der Kryptozoologie: Ist das Bild echt? Was zeigt es?

Ist das Bild echt?

Die kurze Antwort hierzu ist: ja, es wirkt so. Das Bild ist so schlecht, dass man darauf kaum Details erkennen kann. Dazu kommt, dass es im Erscheinungsbild dem eines stark skelettierten Kadavers, der an einen Strand gespült wurde, sehr gut entspricht.

 

Auch die Fotografin ist nach kurzer Websuche nicht zu identifizieren. Dies mag daran liegen, dass es eine Berufs-Fotografin, eine im November 2020 an Corona verstorbene Pflegehelferin und eine professionelle Kite-Surferin gleichen Namens gibt. Auch eine Backpackerin, die im Jahr 2000 in Thailand ermordet wurde, trug diesen Namen.
Nichts deutet auf eine Person hin, die sich hier mit einer absichtlichen Falschmeldung in den Vordergrund spielen möchte.

 

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Überschrift

Tief unten auf dem Meeresgrund lebt die kleine Seejungfrau. An ihrem Geburtstag singt sie mit ihrer betörenden Stimme ein wunderschönes Lied und bringt dadurch ein Schiff zum Sinken. Sie rettet einem Prinzen das Leben und verliebt sich in ihn. Doch die Liebe bleibt unerwidert. In ihr wächst die Neugier, fortan als Mensch auf der Erde zu leben. Die kleine Seejungfrau muss ihr Leben riskieren, um bei ihrem Geliebten zu sein. Denn wenn sie es nicht schafft, dass der Prinz sich in sie verliebt, kehrt sie für immer verwandelt ins Meer zurück.

 

Die kleine Seejungfrau ist das digital überarbeitete Original der DEFA von 1976. Neben der CD gibt es unterschiedliche Versionen des Leihens und Kaufens.

 

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Was zeigt das Bild?

Das Bild ist leider nicht sehr aussagekräftig. Es ist aus einer sehr ungünstigen Position aufgenommen und zeigt somit sehr wenige Details. Dazu kommt die übliche, geringe Auflösung eines Web-Bildes. Dennoch kann man einiges erkennen.

 

Das Bild wurde, wie berichtet, am Strand aufgenommen. Es zeigt einen langen, breiten Sandstrand, im Hintergrund sind spärlich begrünte Dünen und eine Abgangstreppe mit mindestens einem Absatz zu erkennen. Weitere Bildelemente habe ich mit Nummern bezeichnet:

 

  1. Kinderwagen, vermutlich ein Buggy. Er ist der einzige halbwegs brauchbare Größenvergleich im Bild. Durch ihn lässt sich die Größe der „Seejungfrau“ etwa bei 2 m (plusminus etwa 0,5 m) einordnen.
  2. Schädel. Er ist kaum zu erkennen, scheint aber recht schmal zu sein. Der Hinterschädel ist nicht erkennbar, daher ist dieser Schluss mit Vorsicht zu beachten.
  3. Brustkorb: Lange, eher schlanke Rippen eines tiefen Brustkorbes. Sie sind im vorderen Bereich mit einem Brustbein verwachsen. Der Brustkorb wirkt breit und eher flach. Schultern und Vorderextremitäten fehlen.
    Die Lage des Brustkorbes zeigt an, dass der Kadaver auf dem Rücken liegt.
  4. offene Rippen, die nicht mit dem Brustbein verbunden sind
  5. Wirbelsäule. Möglicherweise ist sie an dieser Stelle gebrochen und verdreht.
  6. Wirbelfortsätze, unklar ist, ob es sich hierbei um Quer- oder um Dornfortsätze handelt. Es sieht aber eher nach Querfortsätzen aus. Sicher ist diese Schlussfolgerung nicht.
  7. Der Beckenbereich des Kadavers ist teilweise noch mit Haut bedeckt. Ein ausgeprägter Hüftknochen ist nicht zu sehen. Hinterextremitäten fehlen
  8. Reste von Hautgewebe, die die Hüfte abdecken und schlecht erkennbar halten. Unten ist ein größerer Rest, der von der Finderin als „Fischschwanz“ interpretiert wurde.
  9. Fäden, entweder aus freigesetzten Collagenfasern oder Reste von Fischernetzen. Der Schwanz wird weiter mit einer kräftigen Wirbelsäule gestützt.
  10. Schatten – von was? von der Fotografin?

Das Existenz eines Brustbeins schließt einen Fisch aus. Amphibien und Reptilien fallen aus geographischen Gründen ebenfalls aus, ein Vogel ist es ebenso nicht. Bleibt also ein Säugetier.

 

Welche Tiere?

Der County Merseyside liegt an der Irischen See zwischen den beiden britischen Hauptinseln. Sie ist eines der Gewässer in Europa mit der größten Diversität von Meeressäugern. Fischotter, Seehunde und Kegelrobben gibt es hier ebenso wie Schweinswale, Gewöhnliche Delfine und Große Tümmler. Zu den selteneren Kleinwalen gehören der Langflossen-Grindwal, Orcas, Weisschnauzen- und Streifendelfine sowie Rundkopfdelfinde (Risso-Delfine). Auch größere Wale findet man in großer Artenzahl: Nördliche Entenwale, Pottwale und unter den Bartenwalen die Atlantischen Zwergwale, Finnwale, Seiwale, Buckenwale und Atlantische Nordkaper. 

 

Aufgrund der angenommenen Größe von etwa 2 m kommt ein Großwal nicht in Frage. Ein Vergleich mit Museum-Skeletten lässt aber kaum Fragen offen:

 

Schweinswal-Skelett
Skelett eines Hafenschweinswals Phocoena phocoena by André-Philippe Picard

 

Als typisches Walskelett zeigt das Skelett des (Hafen-) Schweinswals zahlreiche Charakteristika, die auch das vermeintliche Meerjungfrauen-Gerippe zeigt:

(Die Nummern entsprechen der Position auf dem Bild)

3. Es gibt einen vergleichsweise flachen Brustkorb.

4. Die ersten Rippen sind mit dem Brustbein verbunden, weitere stehen offen. Dies schließt bereits die meisten Landtiere aus.

6. Kräftige Querfortsätze für starke Rückenmuskulatur

7. Kein sichtbares Becken (schließt alle Landtiere aus)

9. starke Schwanzwirbelsäule (schließt den Seehund und die Kegelrobbe aus)

 

Fazit: Es handelt sich bei dem Skelett um einen Kleinwal. Da weder die Vorder-Extremitäten noch der Schädel sichtbar sind, ist keine weitere Identifikation möglich.

 

Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn in den nächsten Tagen noch weitere Bilder des Kadavers auftauchen würden. Wir bleiben am Ball!


Hinweis: Bereits Ende November 2020 wurde in England ein Teil einer vermeintlichen Seejungfrau gefunden. Natürlich hat sich die Sache als Fake erwiesen.




Vom Bau eines Rattenkönigs

Irgendwo um ländlichen Deutschland des 18. Jahrhunderts. Unter den Dielen einer Scheune vernimmt der Bauer lautes Quieken und scharrende Geräusche. Er beschließt, dem Spuk auf den Grund zu gehen. Was er unter den Dielen entdeckt, erscheint ihm wie ein Ungeheuer. Ein Knäuel aus zehn Ratten, deren Schwänze hoffnungslos ineinander verflochten sind, windet sich in einem Nest aus Stroh, getrockneten Pflanzenresten und Kotbällen.

 

Ratenkönig
Historisches Flugblatt über den Rattenkönig von Strasburg, 1683

 

Der Bauer macht kurzen Prozess mit dem „Ungetüm“ und erschlägt die Tiere mit der Schaufel, mit der soeben noch die Diele aufstemmte.

Das Phänomen „Rattenkönig“

Diese fiktive Geschichte ist eine typische Entdeckungsgeschichte für ein Phänomen, das war „Rattenkönig“ nennen. Von Rattenkönigen spricht man, wenn zwei oder mehr Rattenentdeckt werden, die mit ihren Schwänzen aneinandergeknotet sind. Sie sind ein bizarres Phänomen. Lange Zeit galten sie als reiner Aberglaube. Doch mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert tauchten immer mehr Belege für ihre Existenz auf und Forscher begangen, sich mit den Berichten zu beschäftigen.

 

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Mieskater Martinchen und Rattenkönig Birlibi. Sagen und Märchen aus Vorpommern

Mieskater Martinchen und Rattenkönig Birlibi: Sagen und Märchen aus Vorpommern ist eine vollständige Neuüberarbeitung der „Mährchen und Jugenderinnerungen“ Teil 1 (1818) und Teil 2 (1843) von Ernst Moritz Arndt. Neben den titelgebenden Märchen „Mieskater Martinchen“ und „Rattenkönig Birlibi“ enthält es 19 weitere Volkserzählungen. Alle wurden meisterhaft von Ernst Moritz Arndt nacherzählt und 2015 von Michael Holzinger in Form gebracht.

 

Die Sprache wirkt heute ein wenig altmodisch, gestelzt, aber bereits die Amazon-Leseprobe macht einfach nur Lust aufs Weiterlesen.

 

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Heute kennen wir in Deutschland vier Rattenkönigpräparate (in Stuttgart, Altenburg, Göttingen und Hamburg). Von diesen vier Präparaten sind nur diejenigen aus Altenburg und Göttingen auch öffentlich ausgestellt. Außerdem existieren einige wenige weitere Exemplare zum Beispiel in Frankreich, den Niederlanden und auf Neuseeland.

 

Rattenkönige sind vor allem ein deutsches Phänomen

Viele ungeklärte Fragen ranken sich um den Rattenkönig. Weder seine Entstehung ist abschließend geklärt, noch, wie die Tiere in diesem Zustand der Bewegungsunfähigkeit überleben und sich mit Nahrung versorgen.

 

Was wir wissen ist, dass Rattenkönige annähernd ausschließlich bei der Hausratte (Rattus rattus) auftauchen, die in Mitteleuropa inzwischen jedoch weitestgehend durch die Wanderratte (Rattus norvegicus) verdrängt wurde. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass die Schwänze der Hausratte länger und beweglicher als jene der Wanderratte sind.

 

Um sehr umfassender Artikel von mir zum Thema Rattenkönig wird übrigens im zweiten Jahrbuch für Kryptozoologie im Spätsommer 2021 erscheinen.

 

Spannend ist auch, dass Rattenkönige vor allem in Deutschland auftauchen. Nachgewiesene Fälle aus dem europäischen Umland oder von weiter her sind nur sehr vereinzelt, während aus Deutschland viele dutzend Fälle bekannt sind. Weshalb dies so ist, und ob hier womöglich auch kulturelle Aspekte eine Rolle spielen, ist ebenso noch ungeklärt.

 

„Unser“ Rattenkönig fürs Museum

Diesen Umstand wollten meine Freundin Hannah und ich uns jedoch zum Anlass machen, dieses rätselhafte Phänomen in unsere kryptozoologische Ausstellung im Museum Tor zur Urzeit in Brügge Eingang finden zu lassen.

 

Modell des Rattenkönigs
So oder ähnlich könnte der Rattenkönig in der Ausstellung präsentiert werden.

 

Da ein echter Rattenkönig kaum zu beschaffen ist, sollte es das Ziel sein, diesen möglichst lebensecht nachzubilden.  Zunächst studierten wir also Abbildungen von Rattenkönigen (besonders die Schwanzverflechtungen).

 

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James Clavell: Rattenkönig

Der Roman schildert die Zustände in einem japanischen Kriegsgefangenenlager im Jahre 1945. Unter grausamsten Umständen vegetieren die Gefangenen vor sich hin. Nur der „King“ kann durch geschickte Tauschgeschäfte ein halbwegs angenehmes Leben führen. Davon profitieren teilweise auch seine Zuträger.

Clavell, der selbst in einem solchen Lager war, beschreibt mit beklemmender Detailgenauigkeit die aus diesem Gegensatz entstehenden Konflikte. Zum Beispiel extreme Selbsterniedrigung oder das Bestehlen todkranker Kameraden für ein Stückchen Brot. Gleichzeitig wächst der Hass auf den „King“, der als einziger im Lager gut genährt ist und saubere Kleidung trägt.
Am stärksten ist das Buch am Ende, weil sich die Gefangenen nach ihrer Befreiung allmählich darüber klar werden, dass sie sich über ihr Verhalten während der Gefangenschaft Rechenschaft werden ablegen müssen.

 

Rattenkönig ist 1975 bei Droemer Knaur erschienen und gilt als heimliches Meisterwerk und Weltliteratur. Es ist durch eigene Erfahrungen des Autors geprägt und in deutscher Sprache günstig, im englischen Original als Erstausgabe sehr teuer.

 

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Als nächstes besorgten wir uns Rattenimitationen. Lebensechte Modelle sind eher schwer zu bekommen. Wir mussten eine ganze Weile schauen, bis wir welche fanden, die zumindest einigermaßen realistisch aussahen. Diese kolorierten wir dann partiell nach, wo die Originalfarbe eher nicht realistisch wirkte. Um die Schwänze miteinander zu verflechten, mussten wir sie nach und nach mit einem Heißluftföhn weich mach und damit beweglicher machen. Da es oft so ist, dass die verknoteten Schwänze von Rattenkönigen auch Pflanzenreste mit eingeflochten haben, machten wir auch genau das.

 

Ein Zuhause für den Rattenkönig

Eine Holzkiste sollte als Rattennest dienen und war schnell beschafft und ein wenig mit Schleifpapier bearbeitet. Ratten bauen ihre Nester oft aus Materialien, die in der direkten Umgebung zu finden sind. So mischten wir Stroh und getrocknetes Pflanzenmaterial mit Haarflusen und unseres schwarzen Hundes (das Beschaffen von Rattenhaar erschien dann doch zu aufwendig) und bereiteten unserem Rattenkönig ein gemütliches Zuhause.

 

Detail des Rattenkönigs von Brügge
So sieht der „Rattenkönig von Brügge“ im Detail aus

 

Gemeinsam mit weiterem Infomaterial und Exponaten wie dem Druck eines Flugblatts über die Entdeckung eines Rattenkönigs in Straßburg 1683, soll unser Rattenkönig nun Einzug in unsere Kryptozoologie-Ausstellung erhalten.

 


 

Über Rattenkönige

Die Redaktion

 

Rattenkönige sind ein seltenes Phänomen und bis auf wenige Ausnahmen auf Mitteleuropa wie das heutige Frankreich, Benelux, Deutschland, Dänemark, Polen und das Baltikum beschränkt. Je nach Quelle wurden weltweit bisher zwischen 35 und 50 Rattenkönige gefunden. Dabei macht die Hausratte Rattus rattus den Großteil der Tiere aus. Einzelfälle gibt es auch bei Wanderratten Rattus norvegicus, Reisfeldratten Rattus argentiventer sowie nordamerikanischen Hörnchen.

 

Bekannte Funde

1564 Ältester bis heute überlieferter Bericht über einen Rattenkönig
ca. 1683 Ein Unbekannter lässt bei Verleger F.W. Schmuck ein Flugblatt mit dem Strasburger Rattenkönig aus 6 Individuen drucken. (siehe oben)
1725 Rattenkönig aus 11 Individuen, lebend auf einem Dachboden in Dorndorf a.d. Werra
1772 Fund in Erfurt, ebenfalls 11 Individuen.
1822 gleich zwei Rattenkönige: einer aus 14 und einer aus 28 Tieren in Döllstedt, Stadtilm, Thüringen
1828 Im Kamin eines Müllers in Buchheim wird der bisher größte, bekannte Rattenkönig gefunden. Er umfasst 32 Individuen und ist mumifiziert. Er wird im Naturkundemuseum Mauritianum in Altenburg, Thüringen ausgestellt.
1918 In Bogor auf Java wird ein Rattenkönig aus zehn jungen Reisfeldratten gefunden.
1929 Fund eines „Mäusekönigs“ aus Waldmäusen Apodemus sylvaticus in Holstein
1963 Ein Landwirt aus Rucphen (Niederlande) findet einen Rattenkönig aus sieben Individuen. Röntgenaufnahmen zeigen, dass die Schwänze der Tiere gebrochen waren und wieder zusammengewachsen sind.
1986 Fund eines Rattenkönigs in Maché, Frankreich, 9 Tiere, heute Museum in Nantes
2005 Fund im Võrumaa in Estland, 16 Tiere, davon 5 bis 9 lebend

 

Das Titelbild zeigt einen Rattenkönig, der 1895 in Dellfeld gefunden und heute im Zoologischen Museum Strasburg aufbewahrt wird. Foto:  Edelseider, derivative work Lämpel.




Zeichnungen von Augenzeugen – das Beispiel Seeungeheuerkadaver

In der Kryptozoologie hängt oft viel davon ab, wie sehr man Augenzeugenberichten traut oder trauen kann. Es herrscht allgemein die Meinung, dass gute Beobachter bei guten Bedingungen und in einer ihnen vertrauten Umwelt sehr genau zu schildern vermögen, was sie gesehen haben. Diese Prämisse lässt sich unter anderem testen, wenn man Augenzeugenskizzen und Beschreibungen von angespülten Seeungeheuerkadavern unter die Lupe nimmt. Anders als Nessie, die häufig nur kurzzeitig und dann auch nur in Teilen an der Oberfläche zu sehen ist, liegen Seeungeheuerkadaver tagelang da und können ergiebig begutachtet werden, auch sind ihre Finder oft Fischer oder Menschen, die mit Strandgut recht vertraut sind.

 

Wie zuverlässig sind dann solche Schilderungen? Da heute fast immer gleich Foto- oder Handyaufnahmen gemacht werden, beschränke ich mich hier auf das 19. und erste halbe 20. Jahrhundert, als man noch schilderte und zeichnete, weil nicht jeder eine Kamera besaß.

 

Seemonsterkadaver

Werden irgendwo an einem Strand der Reste einer Seeschlange angeschwemmt, und kann ein kompetenter Zoologe sie untersuchen, stellen sie sich recht schnell als eines von drei bekannten Tieren heraus:

 

1) ein verwesender Riesenhai (Pseudoplesiosaurier)

2) ein verwesender Wal (Zahn- und Bartenwal)

3) Rollen von Walspeck oder extrem verweste Wale (sogenannte Globster)

 

Ich habe mich auf dieser Seite bereits mit Illustrationen von Seeschlangen und Binnenseeungeheuern beschäftigt. (siehe: https://netzwerk-kryptozoologie.de/skizzen-nach-augenzeugenberichten/) Ein Kadaver ist, wie bereits gesagt, etwas ganz anderes – er taucht nicht unvermittelt auf und verschwindet nach einem kurzen Augenblick wieder. Er liegt da und rührt sich nicht.

 

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Die Eifel steckt voller Geheimnisse: Da erzählt man sich von brüllenden Maaren, versunkenen Städten und geheimen Regierungsbunkern, wundert sich über ungewöhnliche Gesteinsformationen oder nächtliche Leuchterscheinungen. Manch einer will gar UFOs, Kugelblitze oder Phantomkatzen gesehen haben! Ulrich Magin hat recherchiert und geht anhand von Augenzeugenberichten und rätselhaften Funden den Bruchstellen auf den Grund, an denen unsere gewohnte Alltagswelt jäh ins Unheimliche abgleiten kann. Aber während einige der Eifel-Rätsel sich zumindest theoretisch erklären lassen, bleiben andere wohl für immer ein Mysterium…

 

Rätsel und Mysterien der Eifel, das neuste Werk von Ulrich Magin ist im März 2021 im Eifelbildverlag erschienen und hat als Taschenbuch 308 Seiten. Es kostet € 19,90

 

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Erstaunlicherweise sind die Zeichnungen von Augenzeugen, die Zeit und Muse haben, sich die Überreste eines sensationellen Fundes genau zu betrachten, ebenso fehlerhaft und irreführend wie die von Zeugen, die nur schnell mal ein Monster weit entfernt im Meer erblickt haben.

 

 

Ein Riesenhai (Cetorhinus maximus). Verwesen der Kiemenapparat, Ober- und Unterkiefer usw. wirkt es, als habe der Kadaver einen längeren Hals. (Illustration: Historic NMFS Collection, commons.wikimedia.org)

 

Das Ungeheuer von Stronsa

Über das Ungeheuer von Stronsa (heute Stronsay) auf den schottischen Orkneys ist fast bereits alles gesagt. Eine gute Übersicht über den Fund und die Umstände findet man hier: https://netzwerk-kryptozoologie.de/freitagnacht-kryptos-stronsay-beast/

Es hat sich um einen Riesenhai gehandelt, aber die Augenzeugen, die den Kadaver begutachtet und präzise vermessen hatten, glaubten, es sei eine Seeschlange mit Pferdekopf, Mähne und sechs Beinen!

 

 

Zum Glück wurden Reste des Tieres nach Edinburgh gebracht und dort untersucht, die Beschreibung der öligen Knochen und der Schädelteile belegt eindeutig die Identifikation als Cetorhinus maximus.

Was aber, wenn wir nur die Zeugenskizze vorliegen hätten? Dann würden eifrige Kryptozoologen erklären, dass es kein Riesenhai gewesen sein kann, weil Riesenhaie schließlich keine Füße haben.

 

Die Seeschlange von Praa Sands

1928 wurde ein totes Seeungeheuer bei Praa Sands in Cornwall angespült – oder besser: ein Riesenhai. Kein Geheimnis machte daraus die Lokalpresse, als sie den Fund meldete:

 

 

22-Fuß-Hai am Praa-Sand angespült

 

Ein riesiger Fisch wurde während des jüngsten Sturms in Praa Sands angespült, und erst als ein Brief von einer Londoner Behörde eingegangen war, wurde er als seltene Haiart identifiziert.

 

Es maß 22 Fuß und hatte Haare am Schwanz einen Fuß lang. Zwei Pferde konnten es nicht vom Sand ziehen.

 

(Falmouth Packet, 15. Juni 1928, S. 3c)

 

Als Nessie 1933 in die Nachrichten kam, meldete sich ein Augenzeuge bei der Londoner „Times“ und beschrieb diesen Haikadaver als „seltsames Tier … in der Art des Ungeheuers von Loch Ness“ (weshalb manche Bücher ihn unter dem Datum Dezember 1933 führen).

Gould befragte den Augenzeugen (vgl. Gould, Rupert Thomas & Frh. von Forstner, Georg-Günther: Begegnungen mit Seeungeheuern. Leipzig: Grethlein Nachf. 1935, S. 133), dieser schilderte ihm den Kadaver eines Plesiosauriers, mit Vorder- und Hinterflossen.

 

 

Zum Glück wurden von dem Haikadaver Fotoaufnahmen gemacht. Ein Foto zeigt, wie bei einem Riesenhai zu erwarten, deutlich die Vorderflossen, aber keine Hinterflossen. Markus Hemmler hat freundlicherweise in das Foto eingezeichnet, was alles deutlich auf einen Riesenhai hinweist.

Die Zeichnung ergänzt Flossen

Die Zeichnung ergänzt Hinterflossen, damit das Tier stärker an einen Plesiosaurier gemahnt. Markus Hemmler hält es für möglich, dass es sich dabei um die auf dem Foto nicht sichtbaren Bauchflossen des Hais gehandelt haben könnte.

 

Ich will dem Augenzeugen keinen Betrug unterstellen – er zeichnete, was er zu sehen erwartete, nicht, was er sah, oder er interpretierte zumindest, was er sah. Und als er sich fünf Jahre später erinnerte, erinnerte er sich nicht an das, was er gesehen hatte, sondern an das, was er zu sehen wünschte: einen Plesiosaurier.

 

Heuvelmans, der ja seine Einzelfälle nicht untersuchte, sondern nur sammelte, ist sich hier nicht einmal sicher, ob es ein Riesenhai war. Die zeitgenössischen Berichte sprechen allerdings eine eindeutige Sprache.

 

Das Gourock-Ungeheuer, 1942

Über das Monster von Gourock berichtet Markus Hemmler ausführlich auf seinem Blog: http://globsterblobsandmore.com/cetorhinus/gourock-sea-serpent-1942/

 

Auch hier meldeten die Lokalzeitungen im Fundjahr 1942, ein toter Riesenhai sei an den Strand gespült worden. 1980 kam der damalige Gesundheitsinspekteur der Stadt Gourock mit dem britischen Fernsehen in Kontakt, um zu schildern, wie der Kadaver ausgesehen hatte – nämlich wie ein typischer Plesiosaurier. Vielleicht stand ihm eine Zeichnung zur Verfügung, die er bereits 1942 von dem Kadaver gemacht und die er damals an Dr. Stephens vom Naturhistorischen Museum Edinburgh gesandt hatte.

 

Jedenfalls zeigt die Skizze deutlich einen Plesiosaurier. Die Skizzen und Fotos kann man auf der Seite von Markus Hemmler finden (Link: http://globsterblobsandmore.com/cetorhinus/gourock-sea-serpent-1942/), sie zeigen, dass tote Haie in der Wahrnehmung und Erinnerung stets zu perfekten Plesiosauriern mutieren. Findet man Fotos, Überreste oder zeitgenössische Zeitungsartikel, klärt sich das Rätsel oft schnell auf.

 

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DAS Standardwerk zum Thema Seeungeheuer

Dieses Buch ist zweifellos eines der seriösesten Werke zur Kryptozoologie.
Es behandelt das Monster von Loch Ness, Seeschlangensichtungen, Riesenkalmare, Wale, Haie, Globster und viele weitere Kryptide.
Der Autor schreibt deutlich, dass er nicht an Nessie, Riesenaale, den Megalodon und Kryptiden glaubt. Er argumentiert überzeugend dafür, dass hinter den Seeschlangen Riesemkalmare stecken. Genauso offen steht das Buch zu Vorfällen wie der Seeschlange von Gloucester und Globster/Blobs, die der Autor nicht erklären kann.
Alles in allem ein sehr lesenswertes und sehr gut recherchiertes Buch.

 

Seeungeheuer: Mythen, Fabeln und Fakten ist 2014 in der Edition Birkhäuser erschienen und hat 396 Seiten. Man bekommt es nur noch antiquarisch, zu stark schwankenden Preisen.

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Eine Riesenkaulquappe bei Orford Ness

Wie sehr die Erinnerung die Genauigkeit von Skizzen beeinträchtigen kann, zeigt das Beispiel Orford Ness in Ostengland. Anfang der 1960er Jahre machte Mildred Nye Urlaub im ostenglischen Orford, als sie einen Lastwagen bemerkte, auf dem ein frisch gestrandetes Seeungeheuer lag. Es war fünf Meter lang und hatte die Form einer riesigen Kaulquappe.

 

 

 

Jahre später schrieb sie dem Kryptozoologen Tim Dinsdale und lieferte gleich eine Skizze mit, die ein groteskes, sicherlich unidentifizierbares Lebewesen zeigt. Dinsdale forschte aber nach und erfuhr, dass genau zu der Zeit ein ganz gewöhnlicher, 3,30 Meter langer Blauhai gestrandet und per Lastwagen in ein Forschungsinstitut verfrachtet worden war. Erneut war die Erinnerung der Zeugin war ganz und gar falsch – sowohl was Größe als auch Form des Ungeheuers anging.

(Dinsdale, Tim: The Leviathans. London: Futura 1976, S. 151–155)

 

Der Tasmanische Globster

Diesem Monster ist jeder schon begegnet, die nur die populären Bücher über Unbekanntes und unheimliches gelesen hat. Ich begegnete ihm zum ersten Mal in Peter Kolosimos „Viel Dinge zwischen Himmel und Erde“. Später fand ich heraus, dass der Mann, der den Fall popularisiert hatte, der Zoologe und Mitbegründer der Kryptozoologie war, Ivan T. Sanderson. Der hielt den Globster (dieses Wort prägte er) für den Überreste eines Weltraumlebewesens, das auf der Erde gestrandet war – eine außerirdische, im Weltraum lebensfähige Spezies, die wir bei ihren Flügen durch die Atmosphäre für fliegende Untertassen halten. (Sanderson, Ivan T.: Univited Visitors)

 

Das Monster von Tasmanien war ein echter Globster, das heißt, es handelte sich um einen toten, verwesenden Wal, der an den Strand gespült wurde und dort bizarr aussieht. Ähnliche Fälle, fotografisch dokumentiert (etwa von der schottischen Insel Benbecula) zeigen, dass die Zeitungsskizzen annähernd dem wirklichen Aussehen entsprechen.

 

 

Zum Vergleich – das Monster von Benbecula:

 

 

 

Was aber berichteten die Augenzeugen? Die deutsche Wikipedia führt an: „Es hatte weder erkennbare Augen, Mund noch Knochen, dafür aber besaß es auf beiden Seiten seines ‚Vorderteils‘ fünf oder sechs Kiemenschlitze. Die Oberfläche des Objekts war mit feinen Haaren bedeckt.“ Die Haut konnte mit den schärfsten Äxten nicht aufgetrennt werden, meldeten andere, sie weiche vor der Flamme von Feuerzeugen zurück, das Tier weise zwei Stoßzähne auf, sechs fleischige Fangarme wie ein Oktopus.

 

Kurz: Hier stimmten zwar die Skizzen, aber die Augenzeugen, darunter ausgebildete Zoologen, waren so aufgeregt, dass sie aus dem verwesenden Wal ein außerirdisches Monster machten! Muss man noch sagen, dass sie tagelang mit der Begutachtung des Kadavers beschäftigt waren?

 

Der Plesiosaurier der Zuiyo Maru

Der Zuiyo-Maru-Kadaver war eine Sensation meiner Jugendzeit – japanische Fischer hatten 1977 vor Neuseeland einen toten Plesiosaurier aus dem Meer gefischt, fotografiert, vermessen, weil er stank wieder ins Meer gekippt – also lebten die großen Meeresungetüme noch. Eine herrliche Nachricht für mich als Nessie-Fan. Allerdings: Die Fischer hatten einen Teil der Flosse und andere Gewebeproben mit nach Japan genommen, und dort zeigten zoologische Analysen, dass es erneut ein verwester Riesenhai gewesen war.

Der Zuiyo-Maru-Kadaver

 

Über den Kadaver ist von uninformierten Autoren so viel Unsinn geschrieben worden, dass sich ein Buch oder ein Lexikon „Höherer Blödsinn zum Neuseeland-Kadaver“ lohnen würde. Ein kleines Beispiel: Der deutsche Autor Hans-Joachim Zillmer glaubt in „Darwins Irrtum“ nicht nur, dass jedes Tier mit der Endung -saurus ein Dinosaurier war, also auch Plesiosaurier und der Urwal Basilosaurus, er weist die Identifizierung als Riesenhai für unseren Kadaver zurück, weil man auf den Fotos ein Skelett sieht – und Haie keine Knochen haben, nur Saurier. Natürlich haben aber auch Haie ein Skelett, nur ist dieses aus Knorpel – was vom Laienauge oftmals nicht als vom Knochen unterschiedlich erkannt werden kann.

 

Hier fehlt es am einfachsten Wissen, und doch kaufen und glauben die Leute solchen Büchern!

 

 

Des geht hier aber nicht um Identifikationen oder phantasievolle Autoren, sondern um die Genauigkeit von Augenzeugenberichten. Der Kadaver, den die Mannschaft der Zuiyo Maru aus dem Meer zog, war erwiesenermaßen ein Riesenhai, und doch zeigen die Skizzen der Augenzeugen vier Gliedmaßen – sie standen vor dem toten Hai und sahen in Gedanken einen Plesiosaurier, den sie dann auch zeichneten. Es wurden zwei Flossenpaare gezeichnet, obwohl das Tier nur eines hatte. Selbst eine Verwechslung der (eventuell noch vorhandenen) Bauchflossen erklärt die Tatsache nicht, dass Vorder- und Hinterflossen gleich groß gezeichnet wurden.

 

Und keine Proben?

Gibt es weder Fotos noch Gewebeproben, dann werden solche Kadaver plötzlich zu echten Seemonsterüberresten. Bei Heuvelmans sind gerade die Exemplare, von denen wir nur Skizzen haben, etwa 1885 Florida, als unbekannte Tieren klassifiziert, und ebenso verhält es sich mit Gambo, einem angeschwemmten Monster aus Gambia, das Karl Shuker beschrieben hat. Hier gibt es weder Fotos noch Gewebereste, und nur aufgrund der Skizze, die zum Beispiel einen verwesten Delfin zeigen könnte, wird an der Identität als unbekanntes Tier festgehalten.

 

Fazit

Augenzeugenberichte sind nicht zuverlässig. Selbst wenn der Kryptid vor dem Beobachter liegt und sich nicht mehr bewegt, weicht die Schilderung von den Tatsachen ab – und zwar oftmals beträchtlich und bei diagnostischen Charakteristika, wie der Zahl der Gliedmaßen. Auch der Kryptozoologe kann und darf sich nicht auf sie verlassen. Es braucht zusätzliche, zumindest zum Teil objektivierbare Hinweise (Fußspuren, Fotos), um auf die reale Existenz eines Wesens schließen zu können.

 

Augenzeugenberichte sind in der Regel unzuverlässig, wenn die Zeugen aus einer bestimmten Erwartung heraus beobachten (hier liegt ein totes Monster vor mir) oder wenn sie das Monster aus der Erinnerung beschrieben.

 

Mein ganz großer Dank geht an Markus Hemmler, der den Text gelesen und wertvolle Anmerkungen gemacht hat.

 




Der Surigao-Kadaver

Mal wieder ein mysteriöser Kadaver, dieses mal gefunden an einem philippinischen Strand. Als genauer Fundort wurde die Küste von Baybay auf der Philippineninsel Surigao del Norte genannt.

 


Lage des Fundortes
 

Fotos zweier Urheber

Prince Don Antipasado und Curada Espiel Contreras nennen sich zwei Facebook-User, die Fotos des Kadavers gepostet haben.

 

Die Fotos von Contreras zeigen einen nassen Kadaver, der im Wasser des Brandungssaumes liegt. Der Kadaver ist mit zahlreichen Maden bedeckt, und teilweise skelettiert. Er hat seine Fotos am 26. Januar veröffentlicht.

 

 

Die Fotos von Antipasado hat seine Fotos etwa 12 h nach Contreras veröffentlicht. Sie zeigen einen trockeneren Kadaver, der am Tag in der Sonne auf den Felsen des Ufersaumes liegt:

 

 

Natürlich spekulieren weltweit die Internetuser über die Identität des Kadavers. Die Vermutungen gehen in Richtung Seekuh wie Manati oder Dugong, Alligator, Krokodil oder Meerjungfrau. Natürlich sind auch die üblichen „Mutanten“-Meinungen dabei, über die man sich am besten selbst ein Bild macht.

Die erste Analyse

Zunächst kann man getrost die Tiere, die nicht einmal in der Nähe von Surigao del Norte vorkommen, ausschließen. Das sind in dem Fall Manatis und Alligatoren. Meerjungfrauen bleiben aus praktischen Gründen außen vor.

 

Da zahlreiche Bilder veröffentlicht wurden, sind auch viele anatomische Details zu sehen.

Bei den sichtbaren Skelettteilen handelt es sich eindeutig um Säugetierknochen. Aufgrund des fehlenden Beckenknochens kann man alle Säugetiergruppen außer Seekühen und Walen ausschließen. Auch wenn eine im Netz häufig geteilte Vermutung das Manati war: Rundschwanzseekühe kommen in der Gegend nicht vor. Man findet sie im zentralen Amazonastiefland, an der amerikanischen Atlantikküste zwischen der Amazonasmündung und Florida sowie in der Karibik. Eine dritte Art bewohnt die Flüsse und Küstengewässer Westafrikas, zwischen Angola und Senegal.

 

Vorkommen der drei Manati-Arten (Florida-Manati: hellblau, Amazonas-Manati: rot, Afrikanisches Manati: braun) und der Fundort auf den Phillippinen (Fähnchen)

Und wenn’s doch ein Out-of-Place Manati war?

 

Out-of-Place-Tiere sind nie völlig auszuschließen, aber damit ein Manati auf die Phillippinen kommt, muss es schon außergewöhnlich verdriftet werden. Der kürzeste Weg (Luftlinie) wäre durch Afrika hindurch über den afrikanischen Grabenbruch (ca. 12.000 km), oder von Golf von Mexiko übers Land in den Pazifik und dann 14.000 km durchs offene Meer.

Wenn die Strecke „realistischer“, also im Wasser zurückgelegt würde, müssten die amerikanischen Manatis um die eisigen Gewässer von Kap Horn, während die Afrikaner die nicht wesentlich einladenderen Gewässen ums Kap der Guten Hoffnung passieren müssten.

Manatis sind ausgesprochene Langsamschwimmer, die mit starken Strömungen, kräftigem Wellengang und bewegtem Wasser nicht zurecht kommen. Sie bevorzugen Wassertemperaturen über 20°C, bei kaltem Wasser erfrieren sie schnell. Hinzu kommt, dass ihnen an vielen Küsten der möglichen Routen einfach die Nahrung fehlt.

 

Gabelschwanzseekühe, die Dugongs kann man aufgrund der Schädelform relativ schnell ausschließen.

 

Schädel eines Dugongs Rosenstein
Der Schädel des Dugongs hat stark nach unten gekrümmte massive Kiefer, in denen lediglich kurze breite Malzähne und ein paar kurzer Stoßzähne sitzen.

 

So bleiben nur die Wale. Für einen Wal sieht der Schädel jedoch sehr ungewöhnlich aus. Normalerweise erwartet man bei Walen lange, schmale Schädel mit großen Kiefern. Beim Surigao-Kadaver ist er aber sehr kurz und rundlich, mit sehr weit oben liegenden Augenhöhlen und – besonders interessant – kleinen gebogenen und sehr spitzen Zähnen.

Dieser Schädel aus dem Field Museum of Natural History zeigt die für Kogia-Arten charakteristischen, schlanken, spitzen Zähne sehr deutlich. Beim Kadaver waren sie auch erkennbar. (CC 1.0 Field Museum)

 

Diese Schädelform, die langen und schlanken, fast krallenartigen Zähne sowie der gebogene Kiefers sind nahezu eindeutige Merkmale für ein Mitglied der Gattung Kogia: den Zwergpottwal (Kogia breviceps) oder Kleinen Pottwal (Kogia simus).

 

 

Kogia-Skelett, Tadoussac
Kogia-Skelett aus dem Centre d´Interpretations des mammiferes marines‘ aus Tadoussac, Kanada

 

Das meiste Weichgewebe ist verwest. Dies erklärt auch die „Haare“ in der ursprünglichen Beschreibung: Es sind Gewebefasern.

 

Der Gegencheck

Wie passt das, was man beim Kadaver findet, zu einem vollständigen Zwergpottwal?

Das erste Bild zeigt eine simple Rekonstruktion der Position des Schädels im Kopf. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Schädel (gelb) von Zwergpottwalen und Kleinen Pottwalen in einem 45° Winkel zum Rumpf im Kopf sitzt, daher sind die Augen auch so hoch am Kopf. Dann muss man bedenken dass der Kopf-und Nackenbereich größtenteils skelettiert sind, so dass der Schädel in einem unnatürlich starken Winkel zum Brustkorb nach unten gebogen ist.
Das zweite Bild zeigt eine tiefergehende Rekonstruktion: Das Spermaceti-Organ (orange), das die typische nach vorne stehende Schnauzenform des Zwergpottwals ausmacht, ist hier allerdings durch Verwesungsvorgänge bereits völlig verloren. So unterscheidet sich die Kopfform fast komplett vom lebenden Tier.

Kommen Zwergpottwale bei den Phillippinen vor?

Wenn es sich bei dem Kadaver um eine Kogia-Art handelt, ist es wahrscheinlich, dass diese Art bereits in dem Gebiet bekannt ist. Diese Tiere werden selten angeschwemmt, so dass man insgesamt davon ausgehen kann: Wo so ein Tier strandet, kommt die Art zumindest zeitweise (z.B. beim Durchwandern) oder dauerhaft vor. Oder andersrum: Wenn ein Kadaver angeschwemmt wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er von einem in der Gegend generell bekannten Tier stammt.

 

Kogia
Meine Rekonstruktion eines Kogias, der sich mittels eines tintenartigen Sekretes vor einem Hai zu verbergen sucht.

 

Für die Identifikation der Art hilft das nicht weiter, beide Arten sind weltweit in tropischen Meeren verbreitet und kommen auch zwischen den Inseln der Philippinen vor. Generell lebt Kogia simus näher an der Küste, so dass er zwischen den Inseln der Philippinen eher zu erwarten ist. In der nahe gelegenen Tanon-Straße, einer Meerenge, haben die Behörden unter anderem wegen des Vorkommens dieser Art ein Meeresschutzgebiet errichtet.

 

Das ist jedoch kein Ausschlusskriterium für Kogia breviceps.


 

Auf meinem Blog habe ich am 3. November 2019 einen Beitrag über Zwergpottwale veröffentlicht.

 


 

Einen weiteren Artikel über einen Kogia, der sich ins Flachwasser verirrte, dort von einem Seelöwen erschreckt wurde und in Folge dessen zunächst große Mengen der tintenartigen Darmflüssigkeit absonderte, aber kurz drauf einen schweren Unfall hatte, haben wir hier: „The Ocean is a wild and scary place“

Die Redaktion

 




Chupacabra-Mumie in Chile gefunden?

Das chilenische Nachrichtenportal „Contexto Tucuman“ schlägt Alarm, der Chupacabra würde in den Viehbeständen im Norden des Landes wüten. Am 26. Januar 2021 berichtet es folgendes:

 

Die Viehzüchter der Gemeinde Colchane, einem Gebiet im Norden Chiles, sind in Alarmbereitschaft. Mehr als fünfzig Baby-Lamas und Alpakas seien von einer Kreatur angegriffen worden, die die Einheimischen als „Chupacabra“ bezeichnen.

 

„Er bohrt ein Loch in die Seite ihres Halses. Es frisst weder Fleisch noch Eingeweide. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Es greift nachts an und die Tiere scheinen das Kalb nicht zu verteidigen.“, sagte Luis Choque, einer der Colchane-Viehzüchter, den lokalen Medien. „Auf Brusthöhe sind nur zwei Perforationen zu sehen und sonst nichts. Anscheinend hat das Tier von dort gesaugt“, erklärte Andrea Nieto, eine Tierärztin aus der chilenischen Gemeinde, um die Todesfälle und mysteriösen Angriffe zu untersuchen.

 

Wieder einmal: keine Spuren

Eine weitere Beobachtung beunruhigt die Bewohner von Cochane: Sie haben keine Spuren gefunden, mit denen sie die Art des Angreifers bestimmen können. Die Mitarbeiter der Umweltbehörde, die die Untersuchung durchführten beklagten einen generellen Mangel an Spuren.

 

Die wenigen Spuren und das Geheimnis, das sich daraus ergibt, führten zu Gerüchten über den Chupacabra. Hierbei handelt es sich um ein Kryptid, das bisher nicht entdeckt werden konnte und das für viele ein Mythos der Landbevölkerung halten. Die Einwohner von Cochane baten die Behörden des chilenischen Landwirtschaftsdienstes, ihn so bald wie möglich zu finden. „Ich möchte, dass sie ihn finden, damit er keinen Schaden mehr anrichtet“, sagte Rancher Choque.

 

Tote Kuh mit Aasfresserspuren
Eine tote Kuh mit Spuren der Aasfresser, gefunden 2002 während der Vorfälle von Santa Fe (Webfund)

Im Jahr 2018 wurden in Colonia Durán im Nordwesten von Santa Fe Angriffe auf Nutztiere verzeichnet. Wissenschaftler vermuteten damals die „rötliche Grabmaus“ (Oxymycterus rufus) als Haupttäter, unterstützt von Andenfüchsen und Neuweltgeiern. Zu diesem Ergebnis kamen Studien, die der Landwirtschaftsdienst jedes Mal durchführt, wenn Rinder an Mund, Augen, Vulva, Anus und Ohren „angefressen“ wurden. Sie sind die Weichteile, an denen normalerweise die Aasfresser beginnen.

 

Nicht die ersten verstümmelten Rinder

Im Winter 2002 hatten Fälle von „verstümmelten“ Kühen in Buenos Aires, Córdoba und Santa Fe gegeben. An ihnen hat sich der Mythos des „Chupacabra“ und der „Grünen Zwerge“ entzündet.

Truthahngeier an totem Pferd
Truthahngeier fressen an einem toten Pferd. Typischerweise werden zunächst die Körperöffnungen erweitert und das dort erreichbare Gewebe gefressen. (Foto: Jair Moreira, CC 4.0)

 

Zu dieser Zeit analysierte eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitern von Senasa (Staatlich argentinische Lebensmittelbehörde), der Nationalen Universität in Tandil und INTA (Instituto Nacional de Tecnología Agropecuaria, das staatliche Institut für Agrartechnik) 30 Fälle.

Sie arbeiteten 20 Tage in 18 Einrichtungen in Argentinien. Sie fanden wenig spektakulär heraus, dass Aasfresser die Überreste dieser Tiere fraßen. Der Hauptbeweis war, dass sie Fäkalien von Grabmäusen (Gattung Oyxmycterus) und Füchsen – und auch Spuren von Vögeln – zusammen mit den Überresten der toten Tiere fanden. Sie fanden an den Rinderkadavern keine Spuren von Verstümmelung oder Kauterisierung. Später war dann vor allem in der Ufo-Szene von Laserschnitten mit kauterisierten Wundrändern bei Kühen die Rede. Diese wurden nie gefunden.

 

Grabmaus
Grabmäuse können ziemliche Größen erreichen und sind zumindest teilweise carnivor. Hier O. delator. (Webfund)

Die Tiere waren an typischen Winterkrankheiten wie Lungenentzündung, Streptokokken-Infektionen oder , gestorben.

Die Tier waren an den typischen Winterkrankheiten gestorben. Dazu gehören Lungenentzündung, Rauschbrand oder einer Krankheit, die Muskeln des Tieres befällt und bei den Einheimischen „Mancha“ heißt. Um die Legende von der „Chupacabra“ zu beenden, zeigte eine Gruppe von Tierärzten eine Grabmaus in Aktion: In nur drei Minuten verspeiste eines dieser Nagetiere ein Stück der Zunge einer toten Kuh.

 

Der Vollständigkeit halber: Im Nordwesten Argentiniens und im Norden Chiles kommt die rötliche Grabmaus Oxymycterus rufus nicht vor. Oxymycterus akodontius oder O. paramensis ersetzen sie dort.

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Spannende Verbindung zwischen Mythen und Realität

Alexa und Alexander Waschkau sind für ihren Podcast „Hoaxilla“ bekannt, in dem sie modernen Legenden und anderen Mysterien auf den Grund gehen. Wie so häufig wurde aus einem neuen Medium ein altes, nämlich ein Buch: „The HoaX-Files: Horror, Spuk und Bloody Mary“.
Der Stil des Buches ist ähnlich innovativ wie der Podcast: Die Autoren verbinden mehrere, scheinbar zusammenhängende, kurze Sachtexte und stellen ihnen eine fiktionale Geschichte, entgegen. Ungewöhnlich ist, dass die Autoren selbst in in Erscheinung treten.

 

The HoaX-Files: Band 1: Horror, Spuk und Bloody Mary ist 2020 bei JMB erschienen und hat 194 Seiten im Paperback. Selbstverständlich ist auch der Chupacabra mit von der Partie!

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Die „Chupacabra-Mumie“

Die abgebildete Trockenmumie des mutmaßlichen Chupacabra (Foto EFE, bearbeitet)

Der „Contexto Tucuman“ hat den Artikel unter anderem mit einem mumifizierten Kadaver eines Tieres illustriert. Die Aufnahme zeigt eine Trockenmumie unbestimmter Größe, die 2013 von einer mexikanischen Familie gefunden wurde. Die Mumie ist braun, nackt und zeigt einen großen Kopf mit auffälligem Raubtiergebiss, vier Pfoten mit stark gekrümmten und spitzen Krallen. Der Kopf ist stark gewölbt und hat nur eine kurze Schnauze, die Ohren haben ausgezogene Spitzen. Rücken und Schwanz sind nicht erkennbar.

An der Mumie fallen zahlreiche Merkmale auf, die eine Identifikation ermöglichen:

  • Die Krallen sind stark hakenförmig gekrümmt und sehr spitz (1). Dies deutet auf ein Tier hin, das die Krallen einziehen kann und sie nicht beim Laufen abschleift.
  • Trotz des Mumifizierungsprozesses sind sichtbare Krallentaschen erhalten geblieben (2)
  • Der bilduntere Hinterfuß zeigt vier Krallen, der Schatten des bildoberen Hinterfußes lässt ebenfalls vier Krallen vermuten.
  • Ein Laufpolster am bildunteren Hinterfuß deutet auf einen Zehengänger hin (3).
  • Der bildobere Vorderfuß zeigt drei Krallen sowie mindestens eine weitere, leere Krallentasche.
  • Der bilduntere Vorderfuß zeigt fünf Krallen, eine davon ein Stück oberhalb der anderen.
  • Die Ohren sind spitz und laufen in einer deutlich ausgezogenen, häutigen Spitze aus. (4)
  • Die Prämolaren und Molaren von Ober- und Unterkiefer (5 und 6) bilden eine deutlich sichtbare Fleischschere.
  • Zwischen den verlängerten Eckzähnen und den Prämolaren ist eine deutliche Lücke (7).
  • Zwischen den 3 Schneidezähnen (pro Kieferast) und den Eckzähnen im Oberkiefer steht ebenfalls eine Lücke (8). Hier scheint der Eckzahn des Unterkiefers rein zu passen.

Chupacabra-Mumie?
Die Mumie mit Markierungen aus dem Text.

Die üblichen Verdächtigen

Die Mumie soll aus Mexiko stammen. Dem entsprechend müssen die ortsüblichen „Verdächtigen“ überprüft werden. Dies sind Nagetiere (z.B. Bisam, div. Squirrels, Biber etc.), Kleinbären (Nasenbär, Waschbär), Hundeartige (Kojote, Haushund) und Katzen (Hauskatze, Rotluchs).

Nagetiere

Unter den Nagetieren kommen in Mexiko nicht viele Kandidaten in Frage. Am ehesten passen die Bisamratte, die an der Grenze zu den USA vorkommt und die Nutria, die in Mexiko weiter verbreitet ist. Aufgrund des Gebisses kann man Nagetiere aber schnell ausschließen, da die auffälligen Nagezähne fehlen. Statt dessen sind deutlich sichtbare Eckzähne vorhanden.

 

Nasenbären

Nasenbären fallen ebenfalls schnell durchs Raster. Die charakteristische Schnauze fehlt völlig, der Kopf wirkt eher kurz und rund. Auch das Gebiss weicht deutlich von der Mumie ab. Beim in Mexiko vorkommenden Weißrüssel-Nasenbären sind die Eckzähne gerade und kräftiger, als bei der Mumie. Hinzu kommen weniger spezialisierte Prämolare und Molare.

Nasenbären sind wie alle Bären Sohlengänger, die Mumie stammt aber von einem Zehengänger.

Weißrüssel-Nasenbär
Ein mexikanischer Weißrüssel-Nasenbär. Man vergleiche die Kopfform – noch Fragen?

Waschbären

Vorderpfote eines Waschbären. Foto: Gaby Müller, CC 3.0

Auch der Waschbär ist Sohlengänger, dazu haben seine nicht einziehbaren Krallen eine völlig andere Form. Die Beine des Waschbären sind deutlich kürzer als die des Kadavers, dazu hat er runde Ohren.
Ebenso gibt es deutliche Unterschiede im Gebiss, die Fleischschere der Backenzähne fehlt, sie stehen auch deutlich dichter an den kräftiger und gerader ausgeprägten Eckzähnen.

Waschbär-Schädel
Waschbär-Schädel zum Vergleich.
Foto: Klaus Rassinger und Gerhard Cammerer, Museum Wiesbaden, CC 3.0

Die Hundeartigen

Schädel Rotfuchs
Auch der Schädel des Rotfuchses zeigt eine andere Bezahnung

Ein Kojote[1], Rot- und Graufuchs könnte ebenfalls in Frage kommen. Sie tragen an den Hinterpfoten vier Zehen, an den Vorderpfoten fünf Zehen, von der eine zurückgezogen ist. Dies entspricht dem Bild des Kadavers. Jedoch hat dieser rückziehbare Krallen, die bei Hundeartigen starr sind. Auch die Fleischschere im Gebiss ist bei Hundeartigen nicht so stark ausgeprägt.

Die Katzenartigen

Sie sind die letzten in Frage kommenden Verdächtigen – und genau sie teilen alle die genannten Merkmale von rückziehbaren Krallen über spitze Ohren bis hin zu hochspezialisierten Backenzähnen. Bei der Mumie handelt es sich mit Sicherheit um eine Katzenartige. Da der Schwanz und die Behaarung fehlen, ist eine weitere, sichere Unterscheidung zwischen Rotluchs und Hauskatze nicht möglich. Ein schwaches Unterscheidungsmerkmal findet sich noch im Gebiss. Der letzte obere Backenzahn des Luchses hat eine stark ausgeprägte dritte, caudale Spitze (Pfeil). Bei der Hauskatze ist diese schwächer ausgebildet. Im Bild ist keine solche Spitze zu sehen.

Rotluchs Bobcat Schädel
Schädel eines Rotluchses

Letztlich wird auch hier die Wahrscheinlichkeit ein deutliches Wort bei der Bestimmung mitreden. Rotluchse sind auch in Mexiko nicht sehr häufig. Hauskatzen findet man hingegen gerade in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte sehr regelmäßig.

Damit kann der vermeintliche Chupacabra ganz sicher als Katzenartige, wahrscheinlich als Hauskatze identifiziert werden.

Hauskatze Schädel
Schädel einer Hauskatze (Foto: „Auge=mit“, adaptiert)


[1] Ein Kojote kann natürlich völlig ausgeschlossen werden. An der Mumie finden sich keinerlei Verletzungen / Verformungen durch einen fallenden Amboss, ebenso fehlt im Fundzusammenhang die Kiste des ACME-Versandes.

 

Looney Toons-Koyote
Wenn es sich bei dem Fund um einen toten Kojoten gehandelt hätte, wäre ein Amboss oder eine Kiste vom ACME-Versand im Fundzusammenhang zwingend.


Literatur:

Das Portal Contexto Tucuman