„Neue“ Bartenwal-Art im Golf von Mexiko: Balaenoptera ricei

Um den Bryde-Wal gibt es einen Komplex mittelgroßer Bartenwale, die in den tropischen Gewässern aller drei Ozeane vorkommen. Bisher waren aus diesem Komplex nur der Bryde-Wal (Balaenoptera edeni) und der Omura-Wal (B. omurai) wissenschaftlich beschrieben. Jetzt folgt mit Balaenoptera ricei die dritte Art.

 

Der Komplex gilt als schlecht erforscht, da die Bryde-Wale (im weiteren Sinne) aufgrund der geringen Größe erst sehr spät in den Focus des industriellen Walfangs gerieten, aber oft zu groß für Subsistenz-Waljäger waren. Erschwert wurde das Ganze durch eine Namensverwirrung. Auch wenn der ganze Komplex umgangssprachlich und von der International Whaling Convention (IWC) als Bryde-Wale bezeichnet werden, heißen sie wissenschaftlich B. edeni. Die Form, die als Eden-Wal bezeichnet wird, heißt wissenschaftlich B. (edeni) brydei.

Balaenoptera brydei
B. brydei vor False Bay, Südafrika

Das Who-is-who der mittelgroßen Bartenwale

Die ganze Sippschaft

Bryde-Wale im weiteren Sinne (Balaenoptera cf. edeni) sind mittelgroße Furchenwale. Sie erreichen eine Länge von 11 bis 15 m und ein Gewicht von 16 bis 25 t. Die Tiere sind schlank und oberseits weitgehend einheitlich schiefergrau gefärbt. An der Kehle und am Bauch sind sie etwas heller. Charakteristisch sind drei leistenartige Wülste auf der Oberseite des Kopfes, der ähnliche Seiwal trägt nur eine. Bryde-Wale sind an diesem Merkmal bereits auf See gut erkennbar.

 

Benannt wurde der Bryde-Wal nach einem norwegischen Walfangunternehmer, Johan Bryde (1858 – 1925). Daher wird der Name „Brüde“ ausgesprochen und nicht englisch „braid“. Beide Wale unterscheiden sich in der Verbreitung und der Nutzung von küstennahen und küstenfernen Gewässern. Da üblicherweise der wissenschaftliche Name B. edeni für beide Wale genutzt wird, kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu Missverständnissen. Diese ziehen sich auch durch wissenschaftliche Literatur.

 

Balanaeoptera brydei

Bryde-Wal
B- brydei vor Brasilien. Deutlich sichtbar sind die drei Rillen auf dem Kopf und die schiefergraue Farbe der Haut. Foto: Ze Julio

Balaenoptera brydei bevorzugt offenbar produktive und warme tropische Gewässer mit Temperaturen zwischen 16 und 22°C. Dem entsprechend lebt er etwa zwischen 40°N und 40°S. Man kennt ihn aus dem Indischen Ozean von Burma, Bangladesh, Indien und den Malediven. Im Pazifik reicht die Verbreitung im Norden bis Honshu und Südkalifornien, im Süden bis Chile und die Nordinsel Neuseelands. Eine ortstreue Population lebt im Golf von Kalifornien. Im Atlantik stellt Cape Hatteras die nördliche Verbreitungsgrenze da, von der Karibikinsel Aruba sind zwei Tiere bekannt, die genetisch sicher zu B. brydei gehören, sie sind eng mit Tieren von Madeira und Südafrika verwandt. Sie kommen auch vor Brasilien und Südafrika vor, wo es eine stationäre und eine wandernde Population gibt.

 

Vermutlich stellen B. brydei einen offshore-Ökotypus dar.

 

B. brydei erreicht durchschnittlich 12,9 m Länge bei männlichen und 13,3 m bei weiblichen Tieren.

Balaenoptera edeni

B. edeni
B. edeni vor Thailand (Foto: Nik Cyclist)

Balaenoptera edeni scheint ebenfalls warme Gewässer zu bevorzugen. Die Art besiedelt die Gewässer vor Myanmar, die Bucht von Bengalen, das Meer vor Thailand, Vietnam, Taiwan, Südjapan und Australien. Möglicherweise sind auch 1993 vor den Salomonen beobachtete Wale dieser Art zuzuordnen. Vor der Küste Festlandchinas kamen sie vermutlich auch vor, sind aber heute dort nahezu verschwunden.

 

Vermutlich stellen die etwas kleineren B. edeni einen küstennahen Ökotyp. Die Tiere erreichen durchschnittlich 11,2 beim Männchen bis 11,7 m bei Weibchen.

Balaenoptera ricei

Balaenoptera ricei
Zwei Rücken von Balaenoptera ricei aus der Erstbeschreibung.

Kürzlich haben Wissenschaftler vom US-National Marine Fisheries Service (NOAA) und aus Japan im Golf von Mexiko eine evolutionär abweichende Linie aus diesem Komplex anhand genetischer Daten identifizieren können. Erste Untersuchungen eines vollständigen Schädels dieser Wale zeigten auch diagnostische Merkmale, die ihn von den anderen mittelgroßen Bartenwal-Taxa unterscheiden.

 

Genetische Untersuchungen unterstützen die Existenz dieser isolierten Art innerhalb des Bryde-Komplexes, die im Golf von Mexiko lebt. Die Wissenschaftler konnten hierbei Proben von insgesamt 36 Individuen sammeln, die zu dieser Linie gehören. Ein Vergleich mit anderen Dokumenten von Bryde-artigen Walen aus der Karibik und dem offenen Atlantik stützt die These der isolierten Verbreitung.

 

Die Art haben sie jetzt als Balaenoptera ricei beschrieben.


 

Die Systematik im Bryde-Komplexes ist noch nicht abschließend erfasst. Unterschiede zwischen Bryde- und Edenwalen sind seit den 1990ern zunächst durch Unterschiede am Schädel sowie molekularbiologisch belegt. Bisher ist umstritten, ob es sich um individuelle Unterschiede, Ökotypen oder Unterarten der selben Art oder getrennte Arten handelt.

  • Bereits 2003 wurde der Omura-Wal (Balaenoptera omurai) aus diesem Komplex herausgetrennt und als eigene Art beschrieben.
  • 2021 folgt Balaenoptera ricei aus dem Golf von Mexiko.
  • Wann wird B. brydei als eigene Art formal wieder beschrieben?

Literatur

Rosel, PEWilcox, LAYamada, TKMullin, KDA new species of baleen whale (Balaenoptera) from the Gulf of Mexico, with a review of its geographic distributionMar Mam Sci20211– 34https://doi.org/10.1111/mms.12776




Medienmittwoch: „The Lost Wolves of Japan“

Der kleine Japanische Wolf (Canis lupus hodophilax) mag so etwas wie ein „Geheimtipp“ für Kryptozoologen sein. Offiziell wurde das letzte Exemplar 1905 auf der Südinsel Honshu geschossen. Doch seine kryptide Legende reicht bis in die jüngste Zeit hinein. Es gibt Fotos, Spurenfunde, Leute, die ihn suchen. Der sozio-kulturelle Hintergrund reicht über die biologische Realität weit hinaus. Tatsächlich müsste der Japanische Wolf eigentlich in der „ersten Liga der Kryptiden“ mitspielen. In der „klassischen“ kryptozoologischen Literatur „des Westens“ wird er aber weniger rezitiert.

Honshu-Wolf im Ueno Zoo
Der kleine Japanische Wolf Canis lupus hodophilax als eines der wenigen Präparate (Foto; Katuuya CC 1.2)

Dabei kann uns die Legende um den Japanischen Wolf so viel sagen. Gut, eigentlich müsste man hier seinen grösseren Vetter auf der Nordinsel Hokkaidō, Canis lupus hattai, auch noch mit einbeziehen. Er wurde schon rund 25 Jahre vor dem kleinen Japanischen Wolf ausgerottet. Er scheint in der kryptiden Legendenbildung weniger eine Rolle zu spielen. Doch er ist für die Beziehung von Japans Bewohnern mit ihrer Natur von zentraler Bedeutung.

Ein komplexes Verhältnis mit der Bevölkerung

Der Historiker Brett L. Walker zeigt uns Japans kompliziertes Verhältnis zu seinen Wolf anschaulich und detailreich auf. Von ihrer Erscheinung als mythologische Wesen und Gottheiten, ihre vielseitige Wahrnehmung in der lokalen Kultur, die so oft so gar nicht zum europäischen „Rotkäppchenkomplex“ zu passen scheint, aber auch ihr Niedergang, der mit der Modernisierung Japans kam. Auch die Bedeutung ökologischer Faktoren (das moderne Japan brauchte mehr Platz und verdrängte die Wölfe, doch diese wehrten sich) zeigt der Autor aufschlussreich auf.

Wolfsstatue am Mitsumine Schrein
Die Rolle des Wolfes ist in der japanischen Kultur wesentlich komplexer als in Europa und Nordamerika. Er gilt unter anderem als Schutzgeist (traveljapan.co)

Es hilft zu verstehen, wieso die Fotos vermeintlicher überlebender Wölfe in Japan eine so große wissenschaftliche Debatte nach sich ziehen. Das geschah „erst kürzlich“, im Jahre 2000, nachdem der Schuldirektor Nishida Satoshi einen wolfsähnlichen Caniden am 8. Juli in der Fukuoaka Präfektur fotografiert. Nur dann versteht man die Denkmäler, Schreine vergangener Zeiten, aber auch die Apathie, mit der das moderne Japan seiner lokalen Tier- und Umwelt heute gegenübersteht. Abgesehen von den wichtigen historischen Daten zu der Situation des Wolfes in Japan und sein Gang durch die moderne Geschichte des Landes, liegt die eigentliche Stärke des Buchs jedoch bei dem philosophischen Ansatz.

Der japanische Wolf in der lokalen Kultur

Walker diskutiert kulturelle Klassifizierungen der lokalen Bevölkerung und die moderne Einordnung in das Linne´sche System. Er sieht die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, partikulare Besonderheiten einer Spezies einem universellen Klassifizierungssystem anzupassen. Wie schwierig das gerade bei Japans kleinem Canis lupus hodophilax ist, zeigen nicht zuletzt die taxonomischen Debatten. Sie sind bis in die heutige Zeit nicht verstummt, im Gegenteil: man forscht immer noch an der phylogenetischen Position des Japanischen Wolfs, mit teils überraschenden Resultaten (wir berichteten).

 

Kasten: Der japanische Wolf

Peter Ehret beschäftigt sich schon eine ganze Weile mit dem Japanischen Wolf. Ein Produkt seiner Arbeit ist ein dreiteiliger Artikel über das kryptozoologisch hoch interessante Tier, der im letzten Jahr auf netzwerk-kryptozoologie.de erschienen ist:

 

 

 

 

 

„Wann ist ein Wolf ein Wolf?“

So könnte man die Leitfrage des Buches auch formulieren. Dabei bringt die „fachfremde“ Perspektive eines Historikers sehr frischen Wind in die Debatte. Carl von Linné, die zoologische Systematik und Taxonomie, die Industrialisierung. Diesen Phänomenen legt Walker ein einziges geistiges Paradigma zugrunde: die Nation. Sie war es, die Wölfe „schuf“, indem sie die Vielfalt der Natur in die Linné’schen Schubladen zwängte.

Dabei wurden lokale Faktoren außer Acht gelassen: Kreuzungen mit Hunden zum Beispiel. Viel mag das „wolfuntypische“ Verhalten von Japans Wölfen zu ihren Lebzeiten erklären, zum Beispiel die geringe Scheu. Die kulturellen Begriffe waren da schneller als das imperative Korrektiv der nationalen Wissenschaften. Schnell wurden Wölfe in den lokalen Begriffen zu Hunden, dann zu „wilden Hunden“, „großen Hunden“, je nachdem, wie sie sich verhielten.

Der japanische Wolf als Statue
Statue des Honshu-Wolfes in der Präfektur Nara. Foto by Katuuya CC 1.2

Der japanische Wolf und der Totalitätsanspruch der Nation – Artensterben wird politisch

Mit all diesen kulturellen Faktoren muss auch der Kryptozoolge rechnen, wenn er sich auf Spurensuche nach überlebenden japanischen Wölfen begibt… Ja, und Walker setzt der Kritik in seinem Werk noch die Krone auf, indem er den „Vernichtungskrieg“ gegen die Wölfe als Ausdruck des Totalitätsanspruchs der Nation auf alle Elemente seiner Umwelt interpretiert. Kurzum: auch die Naturwissenschaften (und Umweltwissenschaften) sind nicht gefeit von „Glaubenssystemen“ und kulturellen „Denkfiguren“, auch wenn diese im Mantel der modernen Rationalität daherkommen.

Das ist ein Plädoyer für die Natur und die Akzeptanz ihrer Vielfalt. Aus der Feder eines Experten, der weiss, wovon er spricht: Walker war Volontär bei einer Studie an Wölfen im Yellowstone-Nationalpark. Mit der erfolgreichen Wiederansiedlung der Wölfe dort konnte aller Welt so ihre ökologische Wichtigkeit demonstriert werden.

Manchmal scheint der Autor überfordert

Schade ist nur, dass die schriftstellerischen Fähigkeiten des Autors der Tiefe der Materie nicht immer gewachsen sind, auch wenn man in Betracht zieht, dass es sich hierbei um eine akademische Monographie handelt. Viele Aussagen werden unnötig in unwichtigen Details verschachtelt. Der Leser verliert sich zuweilen in den japanischen Begriffen und der rote Faden verblasst ein wenig in der Datenmenge. Das macht die Lektüre des Werkes zuweilen etwas mühsam (….aber nicht nur: bei den spannenden Berichten zu den Tollwut-Angriffen erstarrt einem regelrecht das Blut in den Adern und man kontrolliert danach panisch den Impfpass...)

 

Der ausgestorbene Japanische Wolf ist Thema des Buches von Brett Walker

Mein Fazit

Wer sich mit dem Japanischen Wolf – sei es als biologische reales Tier oder kryptide Legende – ernsthaft auseinandersetzten will, der kommt an diesem Standartwerk nicht vorbei. Auch Umweltwissenschaftlern, ja sogar ökologisch Interessierten und Naturfreunden kann ich Walkers Abhandlung über „Japans verlorene Wölfe“ nur wärmstens empfehlen.


Das Buch

„The Lost Wolves of Japan“ ist 2008 bei der „University of Washington Press“ erschienen. Es liegt als gebundenes Buch, Paperback oder für den Kindle vor, hier auch mit Vorlesemodus. In Deutschland ist es nur als US-Import zu bekommen, daher schwanken die Preise stark.

 

Die Taschenbuch-Ausgabe hat 360 Seiten, liegt in englischer Sprache vor und ist etwas größer als Din A5.

 

Die ISBN13 ist 978-0295988146, es kann jedoch auch über den unten stehenden Link geordert werden. Mit dem Kauf über diesen Link wird der Betrieb der Webseite unterstützt.

 

„The Lost Wolves of Japan“ bei Amazon ansehen und bestellen

 

Erklärung: Wie ihr uns durch einen Kauf unterstützt, ohne dass es für euch teurer wird.




Die Stunde der Wintervögel

Vom 8. bis 10. Januar 2021 findet zum elften Mal die bundesweite „Stunde der Wintervögel“ statt: Der NABU und sein bayerischer Partner Landesbund für Vogelschutz (LBV) rufen Naturfreund*innen auf, eine Stunde lang die Vögel am Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zu zählen und zu melden. Im Mittelpunkt der Aktion stehen vertraute und oft weit verbreitete Vogelarten wie Meisen, Finken, Rotkehlchen und Spatzen.

 

Die Teilnahme ist ganz einfach: Ihr setzt euch eine Stunde hin, beobachtet und zählt die Vögel im Garten. Dabei notiert ihr jede Art und die maximale Zahl von gleichzeitig erschienen Vertretern. Nur so könnt ihr sicher sein, keinen Vogel doppelt zu zählen.

Stieglitz
„Du wirst doch wohl mitmachen?!“ Stieglitz am Feeder vor dem Redaktionsbüro.

Die Daten könnt ihr dann unter dem folgenden Link ins Meldeformular eingeben. Als zusätzlichen Anreiz gibt es auch ganz ordentlich was zu gewinnen. Der eigentliche Gewinn ist aber die ungeheure Datenzahl, die durch solche Citizen-Science-Aktionen zusammenkommt.

 

Wenn ihr schon dabei seid, könnt ihr gerne im Meldeformular „Mitglied im Netzwerk für Kryptozoologie“ eintragen.




Über Kinder, die von Greifvögeln entführt wurden

Die Vorstellung, große Greifvögel, allen voran die majestätischen Adler, würden kleine Kinder und größere Tiere verschleppen, ist im Volksglauben weit verbreitet (Bächtold-Stäubli; Hoffmann-Krayer 2000, S. 188)  und besonders die Zeitungen des 19. und früheren 20. Jahrhundert berichteten immer wieder von derartigen Vorkommnissen.

Im 19. Jahrhundert

1838 soll sich ein Adler in Bünden in der Schweiz sogar ein ganzes Schaf gekrallt und auf einen Felsen verschleppt haben, um es dort zu fressen (o. A. 1838).

 

1886 in Kleinwalsertal in Österreich: Ein Arbeiter nimmt sein vierjähriges Mädchen mit zum Heuen. Sie befindet sich etwa 150 Schritte von ihm entfernt. Plötzlich vernimmt er einen lauten Schrei und rennt zum Ort, an dem seine Tochter sich befindet. Dort findet er sie nicht vor und ruft nach ihr. Abermals vernimmt er einen Schrei in der Ferne. Hirten in der Umgebung vernehmen um diese Zeit Schreie aus höheren Lagen. Es wird vermutet, ein Geier habe das Kind verschleppt (o. A. 1886).

Im 20. Jahrhundert

1901 verschwindet in Sutherlandshire in Schottland ein einjähriges Kind vor dem Elternhaus, so berichtet das Czernowitzer Tagblatt am 14.05.1904. Ein ausgeschwärmter Suchtrupp findet später nahe einem Adlerhorst den Leichnam des Kindes in einer Felsspalte. Auf dem Körper sind deutliche Spuren von Adlerkrallen zu sehen (o. A. 1904).

 

Eine Bauersfrau schafft es 1905 in Genf in der Schweiz zunächst, einen Adler abzuwehren, der ihr zweijähriges Kind attackiert, das sie bei sich trägt, doch dann schafft er es, ihr dieses zu entreißen und schleppt es davon.

Auch eine 75-köpfige Suchmannschaft kann das Kind nicht mehr auffinden (o. A. 1905).

 

Eine dramatische Geschichte wird auch 1910 aus den USA berichtet. Zwei Adler sollen in Gibson, Luisiana ein Kind direkt aus der vor dem Haus stehenden Wiege auf eine nahegelegene Baumkrone verschleppt haben. Die Arbeiter, die sich um die Rettung des Tieres bemühen, werden allerdings massiv von den aggressiven Vögeln daran gehindert und als es nach zwei Stunden gelingt, die Adler zu schießen, kann das Kind danach nur noch tot geborgen werden (o. A. 1910).

 

Im Balkan hatte 1927 eine Bäuerin den Nachrichten nach ein geradezu zauberhaftes Glück. Sie nimmt ihr zehn Monate altes Kind mit zu Feldarbeiten und lässt es im Schatten eines Baumes zurück. Ein herbei geeilter Adler packt schon bald das Kind und trägt es in die Luft. In etwa 25 Meter Höhe entgleitet dem Adler das Kind allerdings, wir aber wie durch ein Wunder von dem zufällig gerade vorbeigekommenen Postboten aufgefangen und bleibt unverletzt (o. A. 1927).

 

Ein fast ebenso großes Wunder soll sich 1932 in Schweden ereignet haben. Anlässlich einer Kindstaufe auf einem Gutshof ist auch ein junges Paar anwesend, das sein Kind für einen Zeitraum von etwa 10 Minuten alleine im Garten spielen lässt. Als sie nach dem Kind sehen, ist es verschwunden. Nach mehreren Stunden der erfolglosen Suche erinnert sich die Gesellschaft daran, am Nachmittag einen großen Adler über dem Gut kreisen gesehen zu haben. Man ersteigt den Fels, auf dem der Horst des Adlers ist und entdeckt das Kind wohlbehalten etwa vierzig Meter unterhalb des Horsts in einer Felsspalte. Das Kind weiß zu berichten, von einem großen Vogel verschleppt worden zu sein. Man vermutet, dass der Vogel nicht die Kraft gehabt habe, das etwa 18 Kilogramm schwere Kind bis ganz nach oben zu tragen (o. A. 1932).

 

Ebenfalls in Schweden ereignete sich 1960 ein weiterer Vorfall. Dem Zeitungsbericht zufolge, stützt sich ein Steinadler auf einen 11jährigen Jungen. Als der 15jährige Bruder sich auf die Flügel wirft, lässt der Vogel ab und steigt wieder auf. Der Adler greift erneut an und die Jungen fliehen in nahegelegenen Wald. Die Verletzungen der Jungen müssen behandelt werden (o. A. 1960).

Im 21. Jahrhundert, ein Fake und ein Adler aus der Falknerei

Ein 2012 um die Welt gegangenes Video, das einen Steinadler zeigt, der in einem Park in Montreal ein kleines Kind für einige Meter mitschleppt, bevor er es fallen lässt, erwies sich als Semesterarbeit von Studenten (Mutter 2012).

 

 

2019 wurde ein vier Jahre altes Mädchen von einem jungen domestizierten Seeadler attackiert und konnte von ihren Eltern beschützt werden. Das Tier fügte dem Mädchen hierbei Verletzungen im Gesicht zu (Lublasser; Hummer; Möschl; Lehner 2019).

 

Der Realitäts-Check

Während die Vorfälle von 1960 und 2019, bei denen Kinder von Adlern attackiert worden sind, noch einen gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad besitzt, schließlich gibt es hierzu auch rezente Fälle, die sogar auf Video dokumentiert sind (Langener 2020). Doch können Adler tatsächlich Kleinkinder in die Luft heben und auf Bäume oder zu ihrem Horst verschleppen?

 

Tatsächlich schleppen einige Greifvögel die geschlagene Beute zu ihrem Horst, oder während der Paarungszeit zu einem anderen Fressplatz (um den Standort des Horsts nicht zu verraten). Doch schauen wir uns einige stattliche Greifvögel einmal näher an, um die Frage nach dem Verschleppen von Kindern durch diese zu beantworten:

 

Der Seeadler

Seeadler
Der Seeadler ist der größte Greifvogel Mitteleuropas – wenn man die Geier nicht zählt

Seeadler (Haliaeetus alibicilla) sind eigentlich keine „echten Adler“, sondern begründen mit ihrem Namen die Gattung der Seeadler. Bei Weibchen kann die beeindruckende Flügelspannweite bis zu 2,55 Metern erreichen. Das klingt auf dem ersten Blick schon gewaltig und bringt uns der Vorstellung näher, dass so ein Tier bestimmt auch größere Beute anfallen und verschleppen könnte.

 

Allerdings ernährt sich der Seeadler vorwiegend von Fischen und Wasservögeln.

 

Das Gewicht des Seeadlers liegt bei den großen Weibchen bei 4,3 bis 6,7 Kg (Grzimek 2000, S. 377 f.).

Der Steinadler

Steinadler sind mächtige Greifvögel
Steinadler sind an ihrer charakteristischen weißen Flügelzeichnung und dem runden Schwanz zu erkennen

 

Der Steinadler (Aquila chrysaetos) ist ein „echter“ Adler und kann eine Flügelspannweite von bis zu 2,15 Meter erreichen. Er attackiert auch vergleichsweise große Tiere und schlägt neben Murmeltieren auch Gams- und Rehkitze, sowie Schneehasen, Füchse und Marder. Er verkrallt sich sehr fest in seine Beute und lässt sich von dieser zuweilen noch hunderte von Metern mitschleifen (Grzimek 2000, S. 371 ff.). Steinadler im Balkangebiet verzehren häufig auch Landschildkröten. Um ihre Panzer zu knacken, schleppen sie sie in die Höhe und lassen sie dann aus 50 bis 70 Metern auf Felsen fallen, sodass der Panzer zerbricht (o. A. 2016, S. 48).

 

Nicht die üblichen Verdächtigen: die Geier

Die Altweltgeier gehören zur Familie der Habichtartigen und ihr langer Hakenschnabel ist vor allem dafür geschaffen, den Bauch von Aas zu öffnen, um so an die Eingeweide zu gelangen (Grzimek 2000, S. 381). Der Gänsegeier (Gyps fulvus) erreicht so wie der Steinadler auch eine Flügelspannweite von bis zu 2,15 Metern (Grzimek 2000, S. 388).

Ein Gänsegeier spreizt im Abendlicht die Flügel.

Betrachten wir das übliche Jagdverhalten dieser drei Beispiele, so käme eigentlich nur der Steinadler als potenzieller Kindesentführer in Frage.

Trotz der stattlichen Größe der beschriebenen Greifvögel, muss bedacht werden, dass sie aus sehr leichten Röhrenknochen gebaut sind. Durch die Verringerung des spezifischen Gewichts wird den Vögeln die grundsätzliche Möglichkeit, sich in die Lüfte zu erheben, überhaupt erst ermöglicht.

Seeadler erreichen ein Gewicht von maximal 4,3 bis 6,7 kg, Steinadler wiegen etwa 3,5 kg und Gänsegeier können sogar bis zu 8,2 kg wiegen.

 

Nehmen wir als Richtwert, dass ein Greifvogel nichts in die Lüfte heben kann, das schwer ist, als er selbst, dann werden Säuglinge spätestens ab dem dritten Monat bereits ein Ding der Unmöglichkeit.

Natürlich spielen hier auch physikalische Bedingungen eine Rolle. Der Schwung aus einem schnelleren Herabstürzen mag hier die Möglichkeit geben, schwere Lebewesen kurz anzuheben, ein davon fliegen erscheint jedoch ausgeschlossen.

Entsprechend erscheint der Fall aus Gibson USA, der sich 1910 ereignet haben soll, als zumindest potenziell möglich. Angriffe durch Greifvögel hingegen mag es zuweilen geben.

 


Quellen

 

Bächtold-Stäubli, Hanns; Hoffman-Krayer, Eduard: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 1 Aal – Butzemann. 3., unveränderte Auflage. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2000

 

Grimek, Prof. Dr. Bernhard (Hrsg.): Grzimeks Tierleben. Band 7: Vögel 1. Augsburg: Weltbild 2000

 

Langener, Wes: Massiv Golden Eagle tries to fly off with 8-year-old girl. Auf: https://www.whiskeyriff.com/ 17.09.2020, gesichtet am 13.12.2020

 

Lublasser, Martina; Hummer, Georg; Möschl, Lukas; Lehner, Gerald: Adler attackiert Kind. Auf: https://salzburg.orf.at/v2/news/stories/2979644/ 04.05.2019, gesichtet am 13.12.2020

 

Mutter, Christian: Raubvogel-Attacke: Studenten erhalten Note 1,0 für Video-Fake. Auf: https://www.welt.de, gesichtet am 21.12.2020

 

o. A.: Greifvögel und Eulen. Arten kennenlernen und bestimmen. Fränkisch-Crumbach: Neuer Kaiser Verlag 2016

 

o. A.: Zweimal Tier gegen Mensch mit gutem Ausgang: 15jähriger kämpfte mit einem Adler – Neger wehrte Krokodil ab. In: Passauer Neue Presse 14.10.1960

 

o. A.: In die Lüfte entführt. In: Walliser Bote 03.09.1932

 

o. A.: Ein Adler als Kinderräuber. In: Briger Anzeiger 23.07.1927

 

o. A.: Von Adlern entführt. In: Briger Anzeiger 26.02.1910

 

o. A.: Genf: Von einem Adler entführt. In: Bote vom Untersee und Rhein 21.10.1905

 

o. A.: Von einem Adler entführt. In: Czernowitzer Tagblatt 14.05.1904

 

o. A.: Ein Kind von einem Geier entführt. In: Die Ostschweiz 05.09.1886

 

o. A.: Neuigkeiten. In: Münchner Tagpost 22.05.1838




Zoo Duisburg trauert um seinen letzten Amazonas-Delfin

Zoo Duisburg trauert um einzigartigen Flussdelfin. Mit „Baby“ stirbt ein Flaggschifftier für den Artenschutz. Er erreichte ein außergewöhnlich hohes Alter von über 46 Jahren.

Am Ende war es das Alter

In den vergangenen Tagen veränderte sich der Gesundheitszustand von Flussdelfin „Orinoko“, welcher von uns allen nur liebevoll „Baby“ genannt wurde. Er reagierte zunehmend verhalten und nahm sein Futter teilweise nicht an. Im hinteren Bereich der Anlage Rio Negro konnte „Baby“ zeitnah abgetrennt und von den anwesenden Tierärztinnen und Tierpflegern untersucht werden. Aufgrund seines hohen Alters und einer diagnostizierten Wundinfektion wurde „Baby“ mit einem Antibiotikum versorgt. Um ein Dehydrieren zu verhindern entschied sich das Zoo-Team zusätzlich zur Eingabe von Wasser. Anschließend wurde unser Senior engmaschig überwacht. Zu unserem großen Bedauern verschlechterte sich sein Zustand trotz der ergriffenen Maßnahmen. Nach gründlicher Abwägung aller Umstände und Rücksprache mit zahlreichen Experten zu dieser Tierart entschieden wir uns daher, „Baby“ heute Morgen gehen zu lassen – eine Entscheidung, die uns allen nicht leicht gefallen ist und unglaublich schmerzt.

 

Amazonas-Flussdelfin "Baby"
Der letzte Amazonas-Flussdelfin außerhalb Südamerikas, „Baby“ ist am 21.12.2020 gestorben (Foto: Zoo Duisburg, J. Tegge)

Ein Botschafter für den Regenwald

„Baby“ war ein Charaktertier unseres Zoos. Der Verlust trifft Mitarbeiter und Besucher gleichermaßen und macht uns sehr traurig. Viele Menschen kannten ihn bereits von Klein an, sind mit ihm aufgewachsen und teilweise auch alt geworden. Mit „Baby“ haben wir ein Symboltier verloren, das stellvertretend für seine stark gefährdeten Artgenossen in Südamerika sowie das Schwinden des tropischen Regenwaldes stand. Mit seinen über 46 Jahren erreichte der letzte Amazonas-Flussdelfin in einem Zoo außerhalb Südamerikas ein außergewöhnlich hohes Alter – die Lebenserwartung im ursprünglichen Lebensraum liegt bei nur rund 20 Jahren. Er lebte 45 Jahre und 9 Monate im Zoo Duisburg, mit großem Abstand die längste Haltung eines Vertreters dieser Art in Menschenobhut.

Amazonas-Delfine leben oft alleine

Flussdelfine leben in den seichten, trüben Gewässern des südamerikanischen Regenwaldes. Anders als andere Delfinarten leben sie meist einzelgängerisch und nicht in großen Familienverbänden. Die Artenschutzorganisation Yaqu Pacha e.V. schätzt, dass es in den Fluss-Systemen des Amazonas und des Orinokos noch etwa 35.000 Tiere dieser Art gibt. Die Zahlen beruhen auf Hochrechnungen der Forscher, da die Tiere im ursprünglichen Lebensraum schwer zu beobachten und zu erforschen sind.

Durch zahlreiche Gefahren bedroht

Der Bau von Staudämmen, die Verschmutzung des Wassers und die Jagd setzen dieser außergewöhnlichen Tierart immer weiter zu. Ihr Fleisch wird als Angelköder genutzt, ihre Zähne im Schamanismus eingesetzt. Zahnenden Kindern wird traditionell eine Kette mit einem Flussdelfinzahn um den Hals gehängt. Dies soll die Schmerzen der kleinen Kinder lindern – ein tödlicher Aberglaube. Ein unsichtbarer Feind der Flussdelfine ist Quecksilber, welches beim Abbau von Gold eingesetzt und in die Flüsse geleitet wird. Da Flussdelfine am Ende der Nahrungskette stehen, sammelt sich im Laufe ihres Lebens besonders viel schädliches Quecksilber durch ihre Nahrung im Fettgewebe an und führt zu schleichenden Vergiftungen.

Daher wird der Amazonas-Flussdelfin auf der sogenannten Roten Liste der gefährdeten Tierarten als „stark gefährdet“ geführt. Zum Schutz des Lebensraums unterstützen wir bereits seit Jahren die Artenschutzorganisation YAQU PACHA e.V., welche sich für südamerikanische Säugetiere einsetzt. Forschungsprojekte und Aufklärung der Bevölkerung im Rahmen von Bildungsprojekten zählen ebenso zu den Maßnahmen, wie Populationszählungen.

Um das Leben von Flussdelfinen besser verstehen zu können, bekam „Baby“ mehrfach Besuch von Forschern aus aller Welt. In 2019 erforschte beispielsweise Prof. Marie Trone von der University of Florida die Lautäußerungen unseres Flussdelfins. Die bei uns gesammelten Daten werden im ursprünglichen Lebensraum von Forscherteams zur Ortung von Flussdelfinen eingesetzt, denn im trüben Wasser sind die Tiere nicht zu sehen und auch über Wasser nur schwer zu lokalisieren.

Trauer, nicht nur in Duisburg

Im Moment überwiegt die Trauer, einen unserer einzigartigen Schützlinge verloren zu haben, die das Zoo-Team erst einmal verarbeiten muss. Zu gegebener Zeit wird über die zukünftige Nutzung des großzügigen Wasserareals in der Tropenhalle Rio Negro entschieden, das zwischenzeitlich von einer Reihe südamerikanischer Fischarten bevölkert wird, die „Baby“ schon zu Lebzeiten Gesellschaft geleistet haben.

 

(Pressemittelung des Zoos Duisburg)


Kommentar:

Ich kenne „Baby“, seit ich den Duisburger Zoo kenne. Als Grundschüler war ich das erste Mal dort und habe ihn und ein anderes Männchen, das „Apure“ hieß, in einem winzigen, flachen und kaum strukturierten Becken schwimmen sehen. Erst viele Jahre später kamen die beiden in ein angemessenes Aquarium, mit einer zwölf Meter langen, gewölbten Scheibe, zwei Inseln und einragenden Wurzeln. Sie teilten dieses Gehege mit zahlreichen großen und kleineren südamerikanischen Fischen, von denen mehr als einer auch als Delfinfutter herhalten musste.

Seit 2006 ist „Baby“, der lange Zeit „Butu“ hieß, alleine in seinem Becken. So hart, wie es klingt, ist es vermutlich nicht gewesen: anders als die „echten“ Delfine aus den Meeren leben Amazonasdelfine nicht gesellig, gerade ältere Männchen haben gerne ihre Ruhe. Eigentlich war mir immer klar, dass beide Tiere (später dann nur ein Tier) sehr alt waren. Jeder Besuch im Zoo Duisburg konnte der letzte sein und damit auch die letzte Chance auf ein Foto dieser Tierart. Dennoch ist mir -auch wegen der dicken Scheibe- nie ein gutes Foto der Tiere gelungen.

 

Doch Amazonas-Delfinen werden auch gänzlich andere Aktivtäten nachgesagt. So erzählen sich die Indios im Amazonasbecken, dass die Delfine immer da sind, wenn irgendwo ein Fest gefeiert wird. Sie kämen dann als attraktive junge Männer mit grauem Mantel und Hut (um das Blasloch auf dem Kopf zu verbergen) und würden mitfeiern. Da sie gut aussähen und hervorragend tanzen könnten, käme es mehr als einmal zu einem engeren Kontakt mit jungen Damen. Die daraus hervorgehenden Kinder werden als Delfinkinder bezeichnet.

 

So, wie Apure und Butu drauf waren, haben die es bestimmt im Pulp, Stahlwerk oder Mudia so richtig krachen lassen.


Webseite des Zoo Duisburg mit der Meldung




Von Exoten in der Kanalisation

Haben Sie gehört? Im Döner-Laden um die Ecke wurde Rattenfleisch verarbeitet. Und dann ist da noch die alte Dame ein paar Straßen weiter. Sie wollte ihre nasse Katze trocknen und steckte sie hierfür in die Mikrowelle, was zum unweigerlichen Tod des armen Tieres führte. Wer kennt sie nicht, die Geschichten von unfassbaren Erlebnissen oder Geschehnissen, die der Freund der Tante eines Kollegen erlebt hat? So oder so ähnlich bauen sich Erzählungen auf, die Kulturanthropologen heute als Urbane Legenden bezeichnen. Frühere Sagen waren eher ländlich geprägt und finden sich in der Moderne häufig im städtischen Milieu (Petzoldt 2002, S. 147). Tradiert werden diese Erzählungen oft mündlich wie im obigen Stile oder im Internet.

Kinderwurst?
Ob solche Schilder zur der Verbreitung der Mythen beigetragen haben?

In den USA erzählt man sich hierbei die klassische Urbane Legende von Alligatoren, die von ihren Besitzern als Jungtiere ausgesetzt, jetzt in den Kanalisationen der großen Städte leben und dort richtiggehende Populationen begründet haben.

 

Während derartigen Erzählungen oft keine Realität zugrunde liegt, so wird doch auch von den Zeitungen immer wieder von Fällen berichtet, in denen es tatsächlich zum Auffinden von Krokodilen im Untergrund amerikanischer Städte gekommen ist.

 

Anzeige

Die Spinne in der Yucca-Palme und andere Urban Legends

Sie waren in aller Munde und ein echter Hit Anfang der 1990er Jahre: „absolut wahre“ Geschichten, von Mund zu Mund weitererzählt im letzten Jahrzehnt ohne Internet. Alle sind sie selbst erlebt von dem Freund eines Freundes oder der Schwägerin eines guten Bekannten oder der Nichte der Schwester einer Arbeitskollegin. Sie erzählen von der todbringenden Spinne in der Yucca-Palme, der blonden Freundin, die in einem Harem landet, oder dem Pudel in der Mikrowelle. Eigenartig nur, das diese Geschichten sich fast genauso nicht nur in Göttingen oder Hamburg, sondern auch in Sydney oder Rio de Janeiro zugetragen haben.

 

Die Spinne in der Yucca-Palme: Sagenhafte Geschichten von heute hat als Paperback 157 Seiten und ist 2016 bei C.H. Beck erschienen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Eine der bekanntesten Urban Legends: Das Krokodil im Kanal

In dem Wikipedia-Beitrag zu „Krokodil im Kanal“ wird die These vertreten, dass dieses Erzählmotiv auf der tatsächlichen Entdeckung eines Krokodils in einem Gully in den USA der 1930er Jahre zurückzuführen sein könnte.

 

Das Krokodil in HarlemDieser Fall ereignete sich 1935 in New York. Als zwei Jugendliche beim Schneeschaufeln einen Gullyschacht öffneten, entdeckten sie dort ein, offensichtlich bereits geschwächtes Krokodil, das sie sogleich erschlugen (Oberg 2015, S. 16).

 

 

Nicht nur aus den USA, auch aus Europa wird hin und wieder davon berichtet, Krokodile in der Kanalisation vorgefunden zu haben. So fing die Feuerwehr von Paris 1984 ein Krokodil in den Abwasserkanälen der Stadt ein, nachdem es von Kanalarbeitern entdeckt wurde (o. A. 1984) und im Jahr 2000 kam es erneut zu einer Krokodilsichtung in der Pariser Kanalisation durch Kanalarbeiter (o. A. 2000).

 

 

Heidrun Oberg (2015, S. 17) weist hierbei zu Recht darauf hin, dass nicht davon auszugehen ist, dass die Tiere hier ein erquickliches und langes Leben gehabt haben dürften. Als Kaltblüter benötigen Reptilien Sonnenlicht, um ihr Blut auf Temperatur zu bringen und an Agilität zu gewinnen. In den lichtleeren Röhrensystemen dürfte es ihnen schwerfallen, auch nur zufällig eine Ratte zu fangen, um sich zu nähren.

 

 

Dies dürfte auch für andere Reptilien gelten, die zuweilen aus dem Kanalisationssystem auftauchen. Besonders exotische Schlangen tauchen hier ab und an in der Presse auf. So wurde 2011 eine 1,20 Meter lange Boa constrictor in Hannover aus dem Abwassersystem eines Mehrfamilienhauses gerettet, nachdem das Tier zunächst bei einer Familie in der Toilette auftauchte (Drews 2011) und 2015 verstopfte eine exotische Schlange die Toilette in einem Mehrfamilienhaus in Krefeld (Peters 2015).

Nicht nur bekannte Tiere, sogar Kryptide schaffen es in die Kanalisation

Aus Deutschland kennen wir zudem einen äußerst interessanten Fall der Meldung eines echten einheimischen Kryptiden in der Kanalisation. 1940 meldete ein Kanalarbeiter im bayrischen Mühlbach, bei Arbeiten in einem Rohr einen Tatzelwurm entdeckt zu haben! Der Tatzelwurm ist ein alpiner Kryptid, bei dem es sich in der idealtypischen Beschreibung um ein reptilienartiges Tier von 0,5 bis 1 Meter Länge handelt, das über ein sehr flaches, katzenartiges Gesicht verfügt und dessen markantestes Merkmal ist, dass es keine Hinterbeine hat, sondern nur zwei vordere „Tatzeln“. Ulrich Magin, Mitglied unseres Netzwerks hat zum Tatzelwurm 2020 eine lesenswerte Monographie veröffentlicht (Magin 2020).

 

Werbung

 

Das neueste Buch unseres Autors Ulrich Magin

Heute kaum mehr als eine folkloristische Reminiszenz, war der Tatzelwurm früher eine echte Gefahr: Das Reptil stürzte sich auf Menschen und spie sie mit seinem giftigen Atem an. Für dieses Buch hat der Autor über 430 Augenzeugenberichte gesammelt und analysiert. Das Ergebnis ist eine aufregende zoologische Schnitzeljagd und zugleich eine spannende Traditionsgeschichte des gesamten Alpenraums. Bei der Lektüre der Berichte wird klar, dass der Tatzelwurm ein wandelbares Geschöpf ist mal hat er den Kopf einer Schlange, mal den einer Katze, mal zwei, dann mehr Füße, mal hat er Flügel, mal keine, mal ist die Haut glatt, dann wieder schuppig. Er kann scheu oder aggressiv und giftig sein; manche empfehlen sogar seinen Genuss.

 

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms ist im Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 Seiten

 

Mit dem Kauf über unseren Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Webseite.

 

 

Was der Kanalarbeiter in dem Rohr entdeckte, kam obigem Steckbrief schon recht nahe. Der Tatzelwurm sei einen halben Meter lang, habe einen großen und sehr glatten Kopf, einen langen Schwanz und vier Beine, so meldete er es dem Tierpark Hellabrunn in München (o. A. 1940).

oder doch nur aus dem Zoo entlaufen?

Bei dem vermeintlichen Kryptiden handelte es sich um einen nordamerikanischen Riesenmolch, den Schlammteufel (Cryptobranchus alleganiensis), der ganze zweieinhalb Jahre zuvor dem Hellabrunner Aquarium entlaufen war. Noch 24 Jahre später, an seinem 70. Geburtstag, war dieses Ereignis dem früheren Tierparkdirektor von Hellabrunn, Heinz Heck, lebhaft im Gedächtnis geblieben, wie er in einem Interview verriet (o. A. 1964).

 

Wir können also den Schluss ziehen, dass selbst die Legende von den Kanaligatoren nebst anderer Exoten in Einzelfällen tatsächlich auf reale Ereignisse zurückzuführen ist. Gleichzeitig erscheint das Vorhandensein einer Population exotischer Reptilien in den Kanalisationssystemen der großen amerikanischen und europäischen Städte aus genannten Gründen mehr als unwahrscheinlich. Die Tiere würden auf Dauer ein träges, futterarmes Leben führen und vermutlich an Krankheit und Hunger verenden.


Quellen

 

Drews, Vivien-Marie: Von Schlangen und Ratten in Hannovers Kanalisation. Auf: https://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Von-Schlangen-und-Ratten-in-Hannovers-Kanalisation 29.03.2011, gesichtet am 04.12.2020

 

Magin, Ulrich: Der Tatzelwurm. Portrait eines Alpenphantoms. Bozen: Edition Raetia 2020

A. Krokodil lauert in Pariser Kanälen. In: Westfälische Nachrichten 11.02.2000

A.: Krokodil in Kanälen. In: Westfälische Nachrichten 09.03.1984

A.: 12000 Tiere gratulieren Tierparkdirektor Heck. „Vater“ Heinz Heck feiert seinen 70. Geburtstag – Ein Freund der Tiere. In: Passauer Neue Presse 21.01.1964

A.: Ein Tatzelwurm in bayrischen Mühlbach? Hamburger Neueste Zeitung 10.10.1940

 

Oberg, Heidrun: Was lebt in der Kanalisation? Ratten, Schlangen, Kanaligatoren. In: Umweltzeitung Mai/Juni 2015. PDF auf: https://www.umweltzentrum-braunschweig.de/fileadmin/_uwz-pdfs/2015-03/Ratten_Schlangen_Kanaligatoren.pdf

 

Peters, Sebastian: Familie entdeckt Schlange in Toilettenrohr. Auf: https://rp-online.de/nrw/staedte/krefeld/krefeld-schlange-in-toilette-entdeckt-familie-in-panik_aid-20555151 29.10.2015, gesichtet am 04.12.2020

 

Petzoldt, Leander: Einführung in die Sagenforschung. 3. Auflage. Konstanz: UVK 2002

 

Wikipedia: Krokodil im Kanal. Auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Krokodil_im_Kanal gesichtet am 04.12.2020