Out-of-Place in Mecklenburg-Vorpommern

Von der einzigen wildlebenden Nandu-Population in Europa

Im östlichen und südöstlichen Südamerika lebt in Herden in den Grassteppen der Große Nandu (Rhea americana). Der Nandu ist ein flugunfähiger Laufvogel, der eine Größe von bis 1,5 Metern erlangen kann, bei einem Maximalgewicht von 30 Kilogramm (Vgl. Ambrose, Beatty et. al. 2016, S. 121).

 

Nandu
Der erste Erfolg, ein Nandu auf einem fast kahlen Feld.

 

In Europa kamen Nandus bis vor wenigen Jahrzehnten nur in Gefangenschaft als Zoo- oder Nutztiere vor. Doch das änderte sich im Jahr 2000. Aus einer Zucht bei Lübeck in Schleswig-Holstein ausgebüxt, siedelten die Tiere sich in der Umgebung an und konnten sich zunehmend vermehren.

Gefangenschaftsflüchtlinge fanden optimale Bedingungen

Tatsächlich finden Nandus in der Agrarlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns nahezu ideale Lebensbedingungen. Die Felder dienen ihnen sowohl als Lebensraum als auch als Futterquelle. Die im Zuge des Klimawandels immer milder werdenden Winter sorgen dafür, dass die Population stabil bleibt. Für die Landwirtschaft haben die Tiere sich als Problem erwiesen, da sie für Schaden in den Raps- und Maisfeldern verantwortlich gemacht werden und in unseren Gefilde keine natürlichen Feinde haben.

 

 

Gegenwärtig haben Naturschützer 247 Tiere zählen können. Das bedeutet einen Rückgang um 30% im Vergleich zum Vorjahr. Die ortsansässigen Landwirte bezweifeln diesen Rückgang. Die jetzt erlaubte Bejagung habe dazu geführt, dass die Tiere sich besser verstecken und sich auf größere Bereiche verteilen, so die Einschätzung vor Ort (o. A. 2020).

Ein tolles Ziel für eine kryptozoologische Exkursion

Wer selbst also diese exotischen Neozoen in ihrer neuen Heimat beobachten möchte, hat gute Chancen und sollte das Biosphärenreservat Schaalsee an der Schleswig-Holsteinisch-Mecklenburg-Vorpommerschen Grenze ansteuern. Oft kann man die Tiere von den Feldwegen und Landstraßen aus gut zu beobachten und fotografieren. Wenn die Felder gerade abgemäht wurden, kann man sie oft schon von Weitem sehen, wie der Autor bei einer Exkursion im Sommer 2020 selbst erleben durfte.

Nandu
Vielleicht wars doch zu dicht? Der Nandu hält seinen Sicherheitsabstand

An verschiedenen Stellen rund um den Schaalsee kann man immer wieder Einzeltiere und kleine Gruppen beobachten. Die Tiere ergreifen erst dann die (gemächliche) Flucht, wenn man ihnen etwas übermütig doch zu sehr aufs Gefieder rückt.

Nandu-Familie
Etwas weiter entfernt ruht eine Nandu-Familie unter den wachsamen Augen eines großen Hahns

Auch über die Nandu-Beobachtung hinaus sei Naturfreunden ein Ausflug oder eine Reise empfohlen. Schöne Landschaften und allerhand Gelegenheit zur Beobachtung von Füchsen, Damwild und allerhand Vögeln inklusive des Seeadlers sind hier möglich.

 

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Vom Todesstreifen zur Lebenslinie: Naturimpressionen von da, wo Deutschland geteilt war

Die Steilküste des Klützer Winkels, die Dünen des Priwalls: das ist das Grüne Band am Ostseestrand. Wir entdecken Kegelrobben, Seehasen und Gänsesäger. Wir beobachten Regenpfeifer und Uferschwalben. Das Grüne Band führt an einem großen Bodden entlang, dem Dassower See, ein Paradies für Seeschwalben und andere Wasservögel. Es schließen sich die Steilhänge der Traveförde an, eine grandiose Landschaft, die vergessen lässt, dass es nur wenige km bis ins Zentrum von Lübeck sind.
Weiter geht´s, entlang der Wakenitz zu den Ratzeburger Seen, wo wir Kraniche beobachten und durch herrliche Buchenwälder wandern. Danach geht es nach Zarrentin, dem Hauptort des Biosphärenreservats Schaalsee. Auf Streifzügen durch die „Biosphäre“ lassen wir uns von Elfen verzaubern, wir testen geräucherte Maränen und schauen beim Käsemachen zu.

 

Küste – Schaalsee: Vom Todesstreifen zur Lebenslinie: Uferschwalben an der Steilküste des Klützer Winkels, Elfenzauber und Bio-Ziegenkäse bei … Schaalsee nach Lauenburg an der Elbe. ist 2009 erschienen und mehrfach preisgekrönt. Das gebundene Buch hat 224 Seiten voller Impressionen in Wort und Bild.

 

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Nandu-Familie
Die Nandu-Familie aus einer etwas anderen Perspektive


Das Biosphärenreservat Schaalsee

Das Biosphärenreservat Schaalsee  ist ein Schutzgebiet im Westen Mecklenburg-Vorpommerns an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Von 1952 bis 1990 konnte sich die Natur im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze gut entwickeln. Als eine der letzten staatlichen Handlungen erhob die DDR-Regierung im September 1990 das Mecklenburger Schaalseegebiet zum Nationalpark.

 

Das Schaalseegebiet liegt in einer Moränenlandschaft der Weichseleiszeit, die sich durch sanfte Höhenlagen und wenig wasserhaltige Böden auszeichnet. Hier durchbricht Trave den Baltischen Rücken des Schleswig-Holsteinischen Hügellandes, durchfließt mit dem Schaalsee einen der tiefsten Seen Deutschlands und wendet sich nach Norden.

Zarrentin am Schaalsee
Impression vom Biosphärenzentrum Pahlhuus in Zarrentin am Schaalsee

Zentraler Besuchspunkt ist Zarrentin am Schaalsee, hier gibt es sowohl Übernachtungsmöglichkeiten, wie auch das Informationszentrum zum Biosphärenreservat. Auf 150 m² Fläche bietet das Pahlhuus in der Dauerausstellung Einblicke auf und rund um den Schaalsee. Besucher können sich über die Naturausstattung des Biosphärenreservates und über touristische Angebote informieren, Infomaterial und Wanderkarten erwerben sowie Fahrräder (auch mit Kinderanhänger) ausleihen, um von dort die Rundtour um den Schaalsee zu starten.


Quellen

Ambrose, Jamie; Beatty, Richard et. al.: Tiere der Wildnis. München: Dorling Kindersley 2016

 

o. A.: Frühjahrszählung – In Mecklenburg-Vorpommern leben 247 Nandus. Auf: https://www.nordkurier.de/mecklenburg-vorpommern/in-mecklenburg-vorpommern-leben-247-nandus-0738986504.html 07.04.2020, gesichtet am 28.09.2020




Der Vielfraß in Zentraleuropa 3/3

Im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert soll nach Grinberg noch in den 1920er Jahren ein Überwechseln von Vielfraßen in die Gebiete Iwanowo (57° 00’ N, 40° 59‘ O) und Moskau (N 55° 45‘ N, 30° 37‘ O) beobachtet worden sein, was Heptner aber als „äußerst zweifelhaft“ ansieht und auf eingeführte Felle zurückführt[62]. Abelentsev führt für die Ukraine die letzten Nachweise aus den 1930er Jahren in den westukrainischen Regionen Podolie und Rovne an[63]. Um 1970, als die schwedischen, norwegischen und finnischen Bestände sehr zusammengeschrumpft waren und Schutzmaßnahmen erst begonnen wurden, reichte die südliche Grenze des ständigen Verbreitungsgebiets immer noch deutlich südlich des 60. Breitengrades[64], etwa auf der Höhe von Jaroslawl, Nowogrod und Jekaterinburg. Interessant sind in diesem Zusammenhang die sehr weit westlich gelegenen Vielfraß-Nachweise, die aus den 1960er und 70er Jahren aus Estland vorliegen[65].

Vielfraß
Der Vielfraß ist ein sehr kräftig gebauter Marder

Eher als Fußnote spielt der Vielfraß auch im Fall des sogenannten Würgers vom Lichtenmoor eine Rolle: Nachdem bereits im Februar 1948 Gerüchte von wildernden Hunden im südwestlichen Teil des Kreises Fallingbostel (heute Landkreis Heidekreis, Niedersachsen) umgehen und im Mai dieses Jahres erste Viehverluste bekannt werden, wird umfassende Jagd auf den „Würger“ gemacht. Am 27. August wird dann ein Wolfsrüde von dem Bauern Hermann Gaatz aus Eilte (heute zu Ahlden an der Aller) erlegt[66]. Zuvor wurde jedoch auch über ganz andere Raubtiere als Verursacher spekuliert. So kam ein Dr. F. G., nach Gaatz „ein Zoologe von Ruf“, zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Vielfraß handeln müsse[67].

 

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Wolfsspur

Reidar Müllers Sachbuch „Wolfsspur“ ist eine Liebeserklärung an den Wolf und den Wald und eine abenteuerliche Geschichte aus den endlosen Wäldern Skandinaviens.
Der Wolf erobert sich die Wälder Mittel- und Nordeuropas zurück und hat damit hitzige Debatten ausgelöst. Der Autor begibt sich auf die Spuren dieses Raubtiers, das von Mythen umrankt ist, und spürt, wie er der Faszination dieser Tiere mehr und mehr erliegt. Von erfahrenen Spezialisten lernt er, den Spuren des Wolfs zu folgen, die ihn immer tiefer in die skandinavischen Wälder führen. Bis sein Heulen Antwort findet und er von einem Wolfs-Rudel umzingelt wird…
Reidar Müller erzählt die Geschichte seiner Leidenschaft und verknüpft sie mit der Frage nach dem Verhältnis von Wald und Wolf.

 

Wolfsspur: Eine Entdeckungsreise in die Tiefen unserer Wälder ist im September 2019 bei Droemer erschienen und hat gebundene 320 Seiten.

 

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Situation heute

Heutzutage sind europäische Vielfraß-Populationen nach weit verbreiteter Ansicht nur noch in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland zu finden, wo Landa, Lindén und Kojola zufolge rund 2025 bis 2035 Individuen leben (Stand 2000).

heutige Verbreitung des Vielfrass
Heutige Verbreitung des Vielfraß

Neuere Schätzungen für die Jahre 2010, 2011 und 2012 gehen allein für Norwegen, Schweden und Finnland von 1084 bis 1386 Individuen in zwei voneinander getrennten Populationen aus, was im Vergleich zu den 1950er bis 70er Jahren mehr als eine Verdoppelung bedeuten würde[68]. Trotz dieser deutlichen Zunahme des Vielfraßes in den vergangenen rund 35 Jahren, erstreckt sich das paläarktische Verbreitungsgebiet nach weit verbreiteter Meinung nur noch nördlich des 60. Breitengrades und ist mit dem des Rentiers sympatrisch[69]. Die Südgrenze verläuft nach Landa et al. etwa auf der Höhe von Wytegra am Südostufer des Onegasees, Konoscha in der Oblast Archangelsk und Weliki Ustjug in der Oblast Wologda (Abb. 4). Als Ausreißer müsste demnach ein Nachweis aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zählen, den Pulliainen als den südwestlichsten Randpunkt Kontinentaleuropas angibt und der bei Wolchow in der Oblast Leningrad, Russland, südlich des Ladogasees gelungen ist[70], womit der 60. Breitengrad unterschritten wurde (→ 59° 54‘ n. Br.).

Rentiere in Lappland
Die natürliche Verbreitung von Vielfraß und Rentier decken sich weitgehend. Was mag der Grund sein?

Ursachen der Regression

Gerade für die Gebiete des ehemaligen südlichen Verbreitungsgebiets stellt Heptner bedeutende Veränderungen fest. Neben der direkten Verdrängung und Ausrottung des Vielfraßes durch den Menschen (insbesondere in den osteuropäischen Ländern), sieht er vorwiegend im Einschlag und der Auflichtung der Wälder den Grund für sein Zurückweichen nach Norden[71]. Die Folge ist eine Regression von mehr als 1000 Kilometern im äußersten Westen seines Verbreitungsgebiets. Damit hat sich zwangsläufig auch das Spektrum der bewohnten Lebensräume reduziert. Während der Vielfraß heute hauptsächlich auf den Bereich der Tundra und Taiga-Nadelwälder beschränkt zu sein scheint, zählten in früheren Zeiten auch die breitblättrigen Eichen- und dunklen Nadelwälder Osteuropas zu seinem Lebensraum[72].

Hinzu kommt, dass der Vielfraß ein Kulturflüchter ist. Pulliainen stellt fest: „Die Art paßt sich nicht an eine Kulturlandschaft an, was teilweise ein Grund für die Verkleinerung ihres Verbreitungsgebietes und für die Konzentration auf die Tundren ist“[73]. Das superexponentielle Bevölkerungswachstum seit Beginn des 19. Jahrhunderts infolge der Industrialisierung, sowie die damit einhergehenden landschaftlichen Veränderungen waren also auch für den Vielfraß mit hoher Wahrscheinlichkeit die wesentlichen Faktoren für sein Zurückweichen. Artenschutz, Biotopvernetzung, Bevölkerungsrückgang infolge von Land-Stadt-Migration sowie der Abbau von Migrationsbarrieren (wie z.B. Grenzbefestigungen) machen heutzutage aber Rückeroberungen ehemaliger Lebensräume wieder möglich und wahrscheinlich (vgl. die Ausbreitung des Wolfes in Europa).

Vielfraß im Zoo
Passt der Vielfraß wirklich nicht in eine Kulturlandschaft? Viele andere Marder haben die Anpassung schon geschafft.

Lebensweise und Nachweis

Trotz seiner sehr großen täglichen Wanderwege ist der Vielfraß nach Jürgenson kein nomadisches, „sondern ein absolut seßhaftes Tier“[74]. Auch Krott bezeichnet die von älteren Autoren, Jägern und Lappen geäußerte Ansicht, der Vielfraß sei ein „umherwandernder Zigeuner“, als unrichtig[75]. Der Braunschweiger Zoologe Johann Heinrich Blasius (1809-1870) stellte 1857 hingegen fest: „Er hält sich am Tage in Wäldern und Felsklüften verborgen, und schweift des Nachts, meist weit entfernt von menschlichen Wohnungen, weit umher auf Raub aus. Nur wenn er Junge hat, bindet er sich mehr an einen beschränkten Wohnsitz; den größten Theil des Jahres führt er eine unstete Lebensweise“[76]. Ebenso stellt auch Pulliainen fest, dass „beim Vielfraß […] in bezug auf die Ausnutzung des Raumes und der Ressourcen nicht von einem Revier gesprochen werden [kann]“[77].

 

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Skandinavische Spannung im Dunkelsommer

Drei Jahre ist es her, dass Lelles Tochter in Norrland, einem abgelegenen Teil Nordschwedens, spurlos verschwand. Seither fährt er jeden Sommer im düsteren Licht der Mitternachtssonne die Straße ab, an der Lina zuletzt gesehen wurde. Nacht für Nacht sucht er verzweifelt nach seiner Tochter, nach der erlösenden Wahrheit. Und als sich die Dunkelheit des aufkommenden Herbstes über das Land legt, verschwindet ein weiteres Mädchen …

 

Dunkelsommer ist bereits als Hörbuch zum Download und als MP3 CD erschienen, das Taschenbuch erscheint im Sommer 2021. Die Autorin gilt als aufstrebender Stern, in Schweden ist das Buch Nr. 1 der Bestsellerliste.

 

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Das der Vielfraß weite bis sehr weite Wege zurücklegen kann, daran bestehen kaum Zweifel. Heptner zitiert einen Fall, bei dem ein Vielfraß innerhalb von zwei Wochen 250 Kilometer im Bereich der Waldtundra und des Gebirges zurückgelegt hatte[78]. Krott, der die Territorialität des Vielfraßes nicht infrage stellt[79], führt die Jungvielfraße an, die kurz vor oder bei Erreichen ihrer Geschlechtsreife aus ihrem Heimatterritorium abwandern und dabei hunderte von Kilometern zurücklegen können[80]. Dies hat zur Folge, dass sie bisweilen auch in Gegenden angetroffen werden, „wo man sie niemals vermutet“[81].

 

Vielfraß
Der Vielfraß kann weite Wege zurücklegen, wieso nicht auch in Gegenden, wo man ihn sonst nicht kennt?

Weitere Verhaltenseigenschaften begünstigen zudem die geringe Wahrscheinlichkeit, dass ein Vielfraß außerhalb seines bekannten Verbreitungsgebiets wahrgenommen wird: Er meidet menschliche Siedlungen, ist hauptsächlich in der Dämmerung oder Dunkelheit aktiv und ist ein ausgesprochener Einzelgänger, so dass, wenn überhaupt, überwiegend nur einzelne Individuen angetroffen werden[82].

 

Das Fehlen des Vielfraßes, „einem nahezu allesfressenden Tier, dessen Umweltansprüche […] fast überall erfüllt erscheinen“, in Gegenden, wo man sein Vorkommen erwarten dürfte, ist somit nicht nur „sehr merkwürdig“[83], sondern vielleicht auch ein vermeintliches.

Fazit

259 Jahre nach seiner wissenschaftlichen Beschreibung ist der Vielfraß immer noch mit vielen Fragezeichen behaftet, obwohl er auch ein Tier der europäischen Fauna ist. Grund dafür ist zweifellos seine verborgene und menschenscheue Lebensweise, die Nachweise und systematische Beobachtungen in freier Wildbahn sehr erschwert. Mit entsprechender Vorsicht sind daher Aussagen über Faunistik und Naturgeschichte des Vielfraßes zu bewerten.

 

Vielfraß

 

In pleistozänen Zeiten war der Vielfraß über weite Teile Europas verbreitet, und es gibt Hinweise, dass er auch im Holozän ein Bestandteil der zentraleuropäischen Fauna war. Die Quellen des Altertums und des Mittelalters liefern nur sehr wenige konkrete Hinweise auf seine Verbreitung. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ist eine rasche Regression von über 1000 Kilometer nach Osten und Norden festzustellen, was ein zentraleuropäisches Vorkommen in den Jahrhunderten zuvor durchaus wahrscheinlich sein lässt. Zahlreiche Einzelnachweise in den Randgebieten des jeweils aktuellen, anerkannten Verbreitungsgebiets sowie weiter davon entfernte Nachweise sind vor dem Hintergrund der Lebensweise, insbesondere Reviergröße und sporadische Wanderung, stets mit Wildtieren erklärbar.

Ein Vergleich mit der Situation auf dem nordamerikanischen Kontinent unterstreicht die extreme Flexibilität und Vagilität des Vielfraßes bei der Besiedelung unterschiedlicher Lebensräume und Klimaregionen. Die verborgene und einzelgängerische Lebensweise, die Schwierigkeit eines Nachweises sowie die seit mehreren Jahrzehnten günstigeren Umweltbedingungen machen den Vielfraß für Zentraleuropa zu einem potentiellen Kryptozoon, dessen Auftreten jederzeit zu erwarten ist.


Dank

Ich danke Herrn Hans-Joachim Kriegler, Bonn, und Herrn Stefan Haufer, Bonn, für die Hilfe bei der Übersetzung des lateinischen Textes aus Zimmermann 1777.


Download: Literaturverzeichnis für Vielfrass in Mitteleuropa

 




Der Vielfraß in Zentraleuropa 2/3

Der erste Teil des Artikels zum Vielfraß in Zentraleuropa ist am 29. September hier erschienen.

Diskussion um die beiden Nachweise

1857 erwähnt der Zoologe Johann Heinrich Blasius (1809-1870) beide Exemplare in seiner Naturgeschichte der Säugethiere Deutschlands:

 

 

Einigemale hat man ihn [den Vielfraß] in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein in Sachsen nach Bechstein, und bei Helmstedt im Braunschweigischen nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, des am weitesten nach Westen vorgedrungenen Tiers, habe ich noch im Museum in Braunschweig gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund dafür vorhanden, daß der Vielfraß bis soweit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre“[38].

 

 

Die letztere Einschätzung ist freilich noch dem damaligen Wissensstand geschuldet, der über die später erfolgten paläontologischen Nachweise noch nicht verfügte.

Das Museum Wormianum des Ole Worm, 17. Jahrhundert als Beispiel für ein Naturalienkabinett

Als einer von mehreren späteren Autoren zitiert Johannes Fickel 1893 sowohl die Dreßdnischen Merkwürdigkeiten als auch Bahn und Blasius: „Ein Vielfraß bei Frauenstein erlegt. […] Der Vielfraß ist am 4. April 1715 von dem Förster Kannegießer auf dem Töpfer-Wald bei Frauenstein erlegt und „nach Hofe geschicket“ worden“[39].

 

Wie kam der Vielfraß ins Erzgebirge?

Und noch 1922 führt A. Klengel den Frauensteiner Vielfraß als Beleg für den „urwüchsigen Wildbestand“ der Wälder um Schloss Rehefeld im Erzgebirge an[40]. Kurz darauf wurde die natürliche Herkunft der beiden Vielfraße erstmalig infrage gestellt. Die ausführlichste Kritik ging von dem Theriologen Max Hilzheimer (1877-1946) und dem Verleger und Tierfotografen Rudolf Zimmermann (1878-1943) aus.

 

Vielfraß
Der Vielfraß ist ein sehr kräftig gebauter Marder

Hilzheimers Kritik bezieht sich vor allem auf die mangelhafte Quellenlage und spärlichen Informationen zu den beiden Exemplaren. Er hält ein aus Gefangenschaft entflohenes Tier für wahrscheinlicher und zitiert in diesem Zusammenhang Jacob Theodor Klein (siehe Anm. 34), der das zweite Vielfraß-Präparat in der Dresdner Naturalienkammer mit den Worten „ehemals lebendig aus Sibirien dahin gebracht worden“[41] beschreibt. Dazu bemerkt Hilzheimer: „Wenn wir ferner die engen Beziehungen Sachsens zu Polen bedenken und uns ferner erinnern, daß zu jenen Zeiten der Vielfraß noch bis Ostpreußen, Littauen und Polen vorkam, so ist mindestens der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß es sich um ein irgendwie importiertes und entlaufenes Tier handelt“[42].

Einen letztes Argument gegen wilde Vielfraße in Deutschland sieht Hilzheimer im Ausbleiben dieser Tierart auf der Jagdstrecke: „Dies wird um so wahrscheinlicher, wenn wir ferner in Erwägung ziehen, daß gerade das 17. und 18. Jahrhundert eine außerordentlich jagdfrohe Zeit war und wir bei den zahlreichen uns sonst überlieferten Jagdberichten und Jagdgeschichten niemals sonst von der Erlegung eines Vielfraßes hören“[43].

Vielfraß
Außer den zwei Tieren wurde in Deutschland nie ein Vielfraß in der Jagdstrecke belegt. Zufall?

Zimmermann hebt hingegen ausschließlich hervor, dass es sich bei dem Vielfraß von Frauenstein um den einzigen Nachweis eines „in Deutschland gar nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen Tieres“ handelt. Anders als Hilzheimer geht er jedoch nicht offensichtlich von einem aus Gefangenschaft entflohenen Tier, sondern von der „einmalige[n] Erbeutung eines versprengten […] Tieres“ aus[44].

War der Vielfraß ein Irrgast?

Wie sind Hilzheimers und Zimmermanns Kritikpunkte zu beurteilen? Nicht alle Tier- und Naturkundler standen dem (ehemaligen) Vorkommen des Vielfraßes in Deutschland in historischer Zeit so ablehnend gegenüber. Bechstein, der auch das Frauensteiner und Helmstedter Exemplar erwähnt, zählt noch 1789 den Vielfraß zu den Säugetieren Deutschlands und stellt fest: „Dieses Raubthier wird jetzt gar sehr sparsam in Deutschland, und zwar nur in Ober- und Niedersachsen angetroffen, wohin es noch zuweilen aus Lithauen kömmt“[45]. Auch in der zweyten vermehrten und verbesserten Ausgabe seiner Gemeinnützigen Naturgeschichte Deutschlands aus dem Jahr 1801 hält Bechstein an dieser Einschätzung fest[46].

Borealer Nadelwald
Unter anderem zählen boreale Wälder zu den Habitaten des Vielfraßes. Spät- und postglazial sind sie in den Mittel- und Hochgebirgen Zentraleuropas nachgewiesen.

Vorsichtig positiv äußert sich 1833 auch Gloger, der für Schlesien durch die „steigende Landeskultur“ fünf Säugetiere[47] „theils seit geraumer, theils seit langer Zeit völlig“ und zwei weitere[48] „beinahe bei uns vertilgt“ sieht, und in diesem Zusammenhang auch Vielfraß und Rentier nennt, „deren früheres Dasein sich zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuthen, aber nicht gerade bestimmt nachweisen lässt, und die, wenn sie wirklich da gewesen, durch directen oder mittelbaren Einfluss des Menschen vertilgt oder vertrieben worden sind“[49].

 

Was die spärliche Quellenlage zu den beiden Vielfraß-Exemplaren betrifft, ist Hilzheimer mit Einschränkungen zuzustimmen, doch stellt dies nicht die Tatsächlichkeit der beiden Nachweise oder deren möglichen wilden Ursprung infrage.

Vielfraß im Zoo
Obwohl die attraktiven Tiere oft tagsüber aktiv sind, zeigen nur wenige Zoos Vielfraße.

 

Vermutlich keine Gefangenschaftsflüchtlinge

Dass es sich bei den beiden Exemplaren um Gefangenschaftsflüchtlinge gehandelt hat, ist wenig wahrscheinlich, wenn auch nicht gänzlich ausgeschlossen. Brehm stellt noch 1864 fest, dass „bis jetzt […] gefangene Vielfraße in Thiergärten und Schaubuden noch eine sehr große Seltenheit [sind]“[50]. Selbst heute wird der Vielfraß in vergleichsweise wenigen (9) deutschen Zoos und Tierparks gehalten[51]. Und selbst im gesamten EAZA-Raum[52] finden sich nur 46 Tiergärten mit Vielfraßen im Bestand. (siehe Anmerkung unten).

 

Auch über die Rolle des Vielfraßes als kommerzielles Pelztier existieren recht unterschiedliche Einschätzungen. So war der Vielfraß nach Pulliainen wenig gefragt, da sein Pelz einen geringeren kommerziellen Wert als zum Beispiel ein Wolfspelz hat[53].

Vielfraßpelz
Vielfraßpelze gelten im Handel als weniger wertvoll als Wolfspelze, sind bei indigenen Völkern des hohen Nordens aber wegen ihrer Wärmehaltung beliebt.

Wenig überzeugend ist auch Hilzheimers Argument, das auf das Ausbleiben des Vielfraßes auf der Jagdstrecke verweist. Der Vielfraß, als einzelgängerisches, nachtaktives, menschenscheues und seltenes Tier, kann in den Wäldern im Osten des damaligen deutschen Reichs des 18. und 19. Jahrhunderts durchaus ein verborgenes Dasein geführt haben, ohne vor die Flinte eines Jägers geraten zu sein. Aufschlussreich sind dazu die Erfahrungen Krotts zur Jagdbarkeit des Vielfraßes:

 

 

Der Vielfraß ist gewöhnlich weder auf einer Hetzjagd noch auf dem Ansitz am Luder und an seinen Wechseln, noch bei Drückjagden und auch nicht auf der Pirsch zu erbeuten. Daher begibt sich in Nordeuropa auch niemand auf die „Vielfraßjagd“, so wie man etwa auf die Elch- oder Bärenjagd auszieht. Der Vielfraß wird im allgemeinen zufällig bei der Bejagung anderen Wildes oder aber – und da handelt es sich meistens um Fähen – am Geheck erbeutet. Die historischen Schihetzen der Lappen auf Vielfraßfährten galten weniger diesem Wild selbst, als sie vielmehr eine Art Schitraining und Volkssport waren. Selten genug kam übrigens dabei auch der Verfolgte wirklich zur Strecke“[54].

 

 

Wie viel mehr mag der Zufall nötig gewesen sein, wenn es sich nicht um das reguläre Verbreitungsgebiet gehandelt hat, sondern um ein Gebiet, in dem der Vielfraß nur als Ausnahmeerscheinung auftrat.

Im 19. Jahrhundert

Mitte des 19. Jahrhunderts reichten die südlichen und westlichen Verbreitungsgrenzen des Vielfraßes immer noch weit in den Osten und Südosten Europas und berührten u.a. auch mehrere mitteleuropäische Länder.

  • 1809 führt ihn Johann Christoph Petri (1762-1851) als ein Tier Livlands (≈ Nordlettland) und Estlands an[55].
  • Noch am 9. Oktober 1875 wurde ein männlicher Vielfraß im Revier Gerkan zu Saucken in Kurland (≈ Südwest-/Südlettland) erbeutet.
  • Ein Jahr später ein weiteres Exemplar unweit der ersten Fundstelle bei Jakobstadt (heute Jēkabpils, Lettland)[56].
  • Nach Paul Wasmuth (1874-1934) soll 1890 ein Vielfraß bei Wesenberg (heute Rakvere) in Estland beobachtet worden sein[57].
  • Sergei Ivanovich Ognev (1886-1951) gibt für das 19. Jahrhundert als südwestliche Verbreitungsgrenze Weißrussland an[58].
    Damit ist vielleicht das Exemplar gemeint, welches in den 1890er Jahren bei Sluzk in der Minskaja Woblasz erlegt wurde[59]. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war dies jedoch noch nicht das westliche Maximum dieses Jahrhunderts, denn
  • der polnische Generalforstmeister von den Brinken (1789-1846) führt noch für die Zeit um 1800 den Vielfraß als Tier des Beloweschen Urwalds (heute Białowieża-Urwald) an[60]. Von hier bis zur Fundstelle des 1715er Vielfraßes bei Frauenstein sind es nur noch 490 Kilometer, und die Annahme einer um 1715 noch nicht so weit vorangeschrittenen Regression nach Osten lässt das Frauensteiner Exemplar plötzlich gar nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen.

Vielfraßnachweise 19. Jahrhundert
Mitte des 19. Jahrhunderts reichten die südlichen und westlichen Verbreitungsgrenzen des Vielfraßes immer noch weit in den Osten und Südosten Europas und berührten u.a. auch mehrere mitteleuropäische Länder. (Einzelnachweise, siehe Text)

All diese und weitere Funde des 19. Jahrhunderts stimmen mit der von Landa, Lindén und Kojola angenommenen Verbreitungsgrenze für die Mitte des 19. Jahrhunderts überein, die von Finnland kommend über die nordwestlichsten Gebiete Russlands, die südlichen Teile der baltischen Staaten, Ostpolen, die östlichste Spitze der Slowakei, Nordostrumänien, Moldawien und die Ukraine bis zur Küste des Schwarzen Meeres führt[61].

Borealer Wald und Fluß
Vielfraße sind wahre Generalisten und können eine Vielzahl an Habitaten bewohnen

 


Exkurs: Nachweis und Zensus des Vielfraßes

Exakte Angaben zu Individuen-Zahlen, wie sie z.B. bei CHAPRON et al. zu finden sind, suggerieren einen sicheren, genauen und direkten Nachweis der einzelnen Tiere. Doch wie CHAPRON et al. selbst zugeben, ist die Schätzung der Zahl großer Carnivoren in einem bestimmten Gebiet „always a difficult task“ . Die angewandten Methoden sind von Land zu Land z.T. recht unterschiedlich und stehen verschiedenen Schwierigkeiten gegenüber, wie z.B. unterschiedlichen ökologischen Situationen, der An- oder Abwesenheit von Schnee (s.u.) oder dem unterschiedlichen Verhalten der verschiedenen Arten. Aber auch die Beteiligung der Jäger an Monitoring-Programmen oder die Ausstattung mit finanziellen Mitteln differieren von Land zu Land z.T. erheblich .

Beobachtungen und…

Entsprechend unterschiedlich fallen Nachweis- und Monitoring-Methoden in den verschiedenen Ländern aus. In Schweden, Norwegen und Finnland kommt vor allem der Nachweis über Spuren im Schnee (snow tracking) zum Einsatz. Zusätzlich werden in Norwegen und Schweden Vielfraß-Baue dokumentiert, in denen Würfe nachgewiesen werden und die von vorübergehenden Verstecken und Tageslagern unterschieden werden können. In Norwegen werden zudem Losung entlang von Schneespuren gesammelt, sowie Risse und Plünderungen durch Vielfraße dokumentiert. Finnland beschränkt sich hingegen ganz und gar auf das snow tracking . Visuelle Beobachtungen spielen in allen drei Ländern nur eine untergeordnete Rolle.

Indirekte Methoden

Es wird deutlich, dass der Nachweis von Vielfraßen sowie die Feststellung ihrer Bestandsdichte in einem Gebiet fast ausschließlich auf indirekten Wegen erfolgt, was bei einem so heimlich und verborgen lebenden Tier nachvollziehbar ist. Daraus folgt aber fast zwangsläufig auch eine gewisse Unsicherheit. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage des Wildtier- und Jagdforschers Michael Stubbe, wonach Wildbestände in der Regel um 50 Prozent unterschätzt würden .

„Kein Nachweis“ heißt nicht „kein Vielfraß“

Weiterhin ist anzunehmen, dass in Gebieten, in denen keine Vielfraße angenommen werden, gar nicht erst die entsprechenden Nachweismethoden angewandt werden. Es ist daher davon auszugehen, dass einzelne Individuen außerhalb eines Gebiets regelmäßiger Nachweise aus den oben genannten Gründen unsichtbar bleiben und nur in sehr seltenen Zufällen wahrgenommen werden.

 

 

Der dritte und letzte Teil dieses Beitrages wird voraussichtlich am 13. Oktober hier erscheinen.


Anmerkung der Redaktion:

Natale Guido Cincinnati hatte diesen Artikel bereits vor einiger Zeit im Kryptozoologie-Report veröffentlicht. Seit dem hat sich der Tierbestand in den Zoos verändert. Nach der sehr aktuellen Webseite zootierliste.de pflegen in Deutschland neun Zoos und Tierparks Vielfraße:

Bielefeld, Duisburg, Eberswalde, Fürstenwalde, der Wildpark Lüneburger Heide, der Tierpark Sababurg, München, Osnabrück und Springe.

 

Im gesamten EAZA-Raum sind es mittlerweile 46 Einrichtungen, die Vielfraße pflegen.




Der Vielfraß in Zentraleuropa 1/3

Die zweitgrößte Marderart Eurasiens und Nordamerikas trägt viele Namen. Vielfraß ist der Geläufigste, Gulo gulo der Wissenschaftliche. Aber auch Bärenmarder, Gierling, Giermagen, Gierschlund, Järv oder Jerv waren oder sind in Gebrauch. Woher der Name Vielfraß stammt, ob etwa aus dem mittelniederdeutschen velevras oder vēlvratze, das als fälschliche Umbildung des altnorwegischen fjeldfross für Bergkater oder des schwedischen Fjäl-Fräs für Bergkatze gedeutet wird, darüber herrscht keine Einigkeit[1]. Fest steht, dass bereits Conrad Gessner (1516-1565) über den Vielfraß schreibt:

 

 


Ein so mercklich frässig thier ist dises /
daß es nit zu glouben ist /
hat ein sonderlich groß begird und lust ab dem menschenfleisch /
von welchem es sich so vol frißt /
daß jm sein leyb davon gespannen wirdt:

zu welcher zeyt es sich zwüsched zwen enge boum durchstreifft sein gefür oder kadt auß zutrucken /
nach welchem es sich widerumb vol frißt /
und wider auß truckt so lang biß es nicht mer hat /
andere menschen cörper zu suchen gezwungen wirdt
“[2] .

 

 

Mit diesen Worten begann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Vielfraß, um für lange Zeit nur wenig weitere Erkenntnisse hinzuzufügen.

Verbreitung und Lebensraum

Überhaupt bestehen hinsichtlich des Vielfraßes bis heute viele Unsicherheiten, was mit der relativ späten wissenschaftlichen Beschreibung dieses Raubtieres zu tun haben mag. Noch 1960 ist der Vielfraß für Krott ein „Tier, das bisher zu den wissenschaftlich am wenigsten bearbeiteten Säugetieren zählt“[3]. So verwundert es nicht, dass selbst in aktuellen Quellen zur Frage nach dem rezenten Verbreitungsgebiet und Lebensraum des Vielfraßes durchaus recht unterschiedliche Angaben zu finden sind. Mehr oder weniger Einigkeit besteht noch hinsichtlich der „groben“ geografischen Verbreitung, die nach Pulliainen holarktisch ist[4], nach Rudloff zirkumpolar von Nord-Skandinavien bis Nord-Sibirien, sowie nach China, in die Mongolei und weite Teile Nordamerikas reicht[5]. Doch schon wenn es um den Lebensraum des Vielfraßes geht, erfährt der Rechercheur unterschiedliches.

Potenzielle natürliche Vegetation
Potenzielle natürliche Vegetation Europas

Im borealen Nadelwald?

So schreibt etwa der Quartär-Paläontologe Wighart von Koenigswald, dass das Areal des Vielfraßes „weder die Tundra im Norden noch den Laubwald im Süden“ einschließe, sondern er „ein wichtiges Raubtier des borealen Nadelwaldes“ sei[6]. Dagegen gibt der Biologe Klaus Rudloff als Lebensraum des Vielfraßes explizit die „arktische und subarktische Tundra und nördliche Taiga“ an[7]. Peter Krott, der in Schweden viele Jahre mit Vielfraßen zusammenlebte, sieht die Art an das Moor gebunden („Moormarder“), worauf u.a. die morphologischen Besonderheiten des Vielfraßes hinwiesen[8]. Dem widerspricht der Zoologe V.G. Heptner ausdrücklich und nennt als Hauptlebensraum die Nadelholz-Taiga und Waldtundra, nur selten die offene Tundra und noch seltener den Mischwaldgürtel und die westsibirische Waldsteppe[9].

Finnland
Borealer Nadelwald in Finnland, Heimat des Vielfrasses

Für den Zoologen Erkki Pulliainen sind die Moore der Nadelwaldzone Fennoskandiens lediglich der ursprüngliche Lebensraum des Vielfraßes. Heute sei hingegen die Bergtundra (Fjäll) oberhalb der Nadelwaldgrenze das Stammhabitat, „wo sie sowohl in der alpinen und subalpinen als auch in der Nadelwaldzone umherwandern“[10]. Dies stimmt mit den Informationen überein, die Alfred E. Brehm von seinem Gewährsmann Erik Swenson, einem naturkundigen Jäger, erhielt, nach dem der Vielfraß „die gebirgigen Gegenden des Nordens [bewohnt] und […] die nackten Höhen der skandinavischen Alpen den ungeheuren Wäldern des niedern Gebirges vor[zieht], obwohl er auch in diesen zu finden ist. Die ödeste Wildniß ist sein Aufenthalt“[11] (Abb. 2).

heutige Verbreitung des Vielfrass
Heutige Verbreitung des Vielfraß

Eine teilweise Auflösung dieser z.T. widersprüchlichen Angaben liefert u.a. die Paläontologin Doris Döppes, die darauf hinweist, dass der Vielfraß saisonal verschiedene Biotope aufsucht: „Im Sommer bevorzugt der Vielfraß die Wälder und im Winter die Tundren. Die jährlichen Züge der Rentiere können auch bewirken, dass der Vielfraß von einem Biotop in ein anderes überwechselt“[12].

War der Vielfraß in Zentraleuropa heimisch?

Unabhängig von der Frage nach dem Stammlebensraum, lässt ein genauer Blick auf Europa – unter Berücksichtigung der faunengeschichtlichen Grenzverschiebungen – auch bei der Verbreitung des Vielfraßes Unsicherheiten zu Tage treten. War der Vielfraß auch im Gebiet des heutigen Deutschlands heimisch? Wann verschwand er aus Zentraleuropa? Gibt es auch gegenwärtig Hinweise auf weiter südlich und westlich gelegene Vorkommen? Und wie wahrscheinlich ist eigentlich heutzutage das Auftreten eines Vielfraßes in Zentraleuropa? Diese Fragen sollen im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

 

In vorgeschichtlicher Zeit

Die Wahrscheinlichkeit, in einem mitteleuropäischen Mischwald einem Vielfraß zu begegnen, ist sehr gering. Aus einer konservativ-geozoologischen Perspektive würde diese Möglichkeit sicher ausgeschlossen werden. Die Naturgeschichte des Vielfraßes, sowie einzelne, nicht leicht einzuordnende Funde dieses Tieres, lassen das ehemalige und rezente Verbreitungsgebiet allerdings verschwimmen.

 

Unzweifelhaft ist, dass der Vielfraß in prähistorischen Zeiten im Gebiet des heutigen Deutschlands lebte. Nach von Koenigswald sei es auf das Stammhabitat des Vielfraßes – den borealen Nadelwald – zurückzuführen, dass sich dieser nur in den Kaltzeiten nach Mitteleuropa ausdehnen konnte. Doch wie von Koenigswald einschränkt, sind die in zahlreichen Höhlen gefundenen Vielfraß-Schädel und -Kiefer oft nicht stratigrafisch zuzuordnen[13] und damit auch die Zuordnung zu einer Faunengesellschaft, einem Habitat sowie eine relative Datierung der Funde nicht möglich. Die wenigen stratifizierten Funde stammen z.B. aus dem mittleren Weichsel-Glazial. Hierhin gehört auch eine aus Ton geknetete Figur, die einen Vielfraß darstellen soll und im Pavlovien der jungpaläolithischen Freilandstation Předmostí bei Přerov, Mähren, gefunden wurde[14].

 

Knochenanhänger mit Vielfraß-Gravur, spätes Magdalénien, Höhle von Les Eyzies, Dordogne, Frankreich
Knochenanhänger mit Vielfraß-Gravur, spätes Magdalénien, Höhle von Les Eyzies, Dordogne, Frankreich

Spätglaziale Funde

Spätglaziale Funde, wie etwa aus dem Grubenloch bei Oberklausen in der nördlichen Frankenalb (Bayern)[15], sowie Funde aus der Zeit des Magdalénien, etwa aus den Perick-Höhlen im Sauerland (Pleniglazial des Magdalénien V-VI)[16], erstrecken sich von den Pyrenäen über die Schweiz bis nach Dänemark (Abb. 3). Damit ergibt sich nach von Koenigswald ein Widerspruch zum rezenten borealen Lebensraum des Vielfraßes, „weil der Baumbestand in der Mammutsteppe und erst recht in der sehr kontinentalen Steppe des Magdalénien minimal war“[17]. Zurückhaltender sind Diedrich und Copeland, welche kurz und knapp feststellen: „the ecology of Pleistocene wolverines is unclear“[18].

 

Eine sehr ausführliche Bestandsaufnahme fossiler Vielfraß-Funde nimmt Döppes vor[19]. Für Döppes ist der Vielfraß „ein typisches Tier des Nordens“[20], dessen Vorkommen in Mitteleuropa vom Mousterien bis ins Spätglazial vermutlich mit der Anwesenheit des Rentiers in Zusammenhang steht: „Erkennbar scheint eine gewisse Bindung des Vielfraß an das Ren. So ist dieser in einigen Gegenden mit dem Verschwinden des Rentieres ebenfalls verschwunden […] und so könnte sich das im Pleistozän auch zugetragen haben“[21].

Auch Döppes weist auf die vielfach nicht stratifizierten Funde hin, wobei dass Vielfraß-Material aus dem Katerloch bei Weiz, Steiermark, auffällt, welches nach Zapfe „einen Erhaltungszustand aufweist, den man fast als rezent ansprechen möchte“[22]. Auch Döppes bemerkt dazu: „Der Erhaltungszustand ist hell und ich nehme an, dass daher der Fund als subfossil/rezent bezeichnet wurde“[23].

 

Für die Teufelslucke bei Eggenburg, Niederösterreich, weist Zapfe Vielfraß-Material zweier Individuen nach, das auffallend geringe Dimensionen[24] aufweist, „die durchaus mit dem rezenten Vielfraß übereinstimmen“[25]. Beides, Erhaltungszustand und Entsprechung der Dimensionen mit dem rezenter Vielfraße, führt nach Zapfe zur interessanten „Frage, ob und in wieweit der Vielfraß in unseren Gegenden die Obergrenze des Pleistozäns überlebt haben könnte“[26].

Vielfrass
Vielfrass in Brehm’s Tierleben

Im 18. Jahrhundert

Die antiken und mittelalterlichen Berichte über das Vorkommen des Vielfraßes sind sehr spärlich. Wasmuth erwähnt, dass der Vielfraß im 13. Jahrhundert, „vielleicht noch später“, in Deutschland vorgekommen sei, führt aber bedauerlicherweise keine Quellen an[27].

 

Nachdem also vorerst ein großer Sprung über Altertum und Mittelalter hinweg gemacht werden muss, liefert die Neuzeit wieder einige interessante Hinweise auf das historische Verbreitungsgebiet des Vielfraßes. Dessen Grenze, so ist festzustellen, verlief noch im 18. Jahrhundert deutlich weiter westlich und südlich, als dies heute der Fall ist.

 

Wie weit südlich der Vielfraß noch Ende des 18. Jahrhunderts vorkommen konnte, zeigt Heptner auf und führt für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion als südlichsten Nachweis den Fall eines überwechselnden Vielfraßes bei Dawydow Brod (heute Davydiv Brid) am Fluss Ingulez (heute Inhulez) in der heutigen südukrainischen Oblast Cherson an[28]. Dies entspricht immerhin einer nördlichen Breite von 47° 15‘ und liegt somit etwa auf der Höhe von Budapest (!).

 

Weiter nördlich berichtet August Wilhelm Hupel (1737-1819) 1777, dass der Vielfraß, wenn auch selten, noch in den „dicksten“ Wäldern Livlands vorkomme, im westlich gelegenen Kurland und südwestlich gelegenen Polen jedoch häufiger sei[29].

Vielfrass
Aus George E. Butterfield: Bay County Past and Present, 1918

Zwei Nachweise in Deutschland

In das 18. Jahrhundert fallen auch zwei viel diskutierte Nachweise aus dem deutschsprachigen Raum, die einige Aufmerksamkeit erregt haben und eventuell als Hinweis auf das damalige westliche Randgebiet des Vielfraßes anzusehen sind. Einer dieser beiden Vielfraße wurde 1715 bei Frauenstein im heutigen Landkreis Mittelsachsen erlegt, das andere Exemplar wurde vermutlich auch im 18. Jahrhundert, mit Sicherheit aber vor 1777 bei Helmstedt, etwa 36 Kilometer östlich von Braunschweig, erlegt.

 

Die erste Erwähnung des Frauensteiner Exemplars findet sich in der gedruckten Serie Kurtzgefaßter Kern Dresdnischer Merkwürdigkeiten des Jahres 1715, worin es heißt: „Aprilis – den 4ten hujus [1715] ward ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert“[30].

Das sächsische Exemplar

1748 greift der Frauensteiner Diakon Christian August Bahn (1703-1755) den Vorfall auf und stellt für die königlichen und kurfürstlichen Wälder, Büsche und Hölzer im Amte Frauenstein fest:

 

 

Auf allen diesen oberwehnten Refieren und Waldungen befindet sich Roth-Rehe und Schwartz-Wildpret, und was zu einem hohen Haupt-Jagen, auch kleinen Jagen nöthig, wie denn auch zu unterschiedenen mahlen auf denen Haupt-Wäldern Wölffe, Luxe, und sonderlich 1718. ein ungewöhnliches Raub-Thier, ein Vielfraß, gefangen und eingeliefert worden“[31].

 

 

 

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An späterer Stelle präzisiert er in den Annales für das Jahr 1715:

 

den 2. April. [1715] erschoß der Förster zu Hennersdorff, Herr Kannegiesser, auf dem Töpffer-Wald, bey dem Königs-Brunnen ein unbekanntes Raub-Thier; Als es nach Hofe geschicket wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen Moscau und Persien anzutreffen sind“[32].

 

Es fällt die in der ersten Erwähnung genannte falsche Jahreszahl 1718 und der in der zweiten Erwähnung abweichende Tag (2. statt 4. April) auf.

1755 ist dieses „nach Hofe“ geschickte Exemplar noch in der Königlichen Naturalienkammer zu Dresden zu besichtigen, in deren Führer es heißt: „Die Gefräßigkeit der zuletzt genannten Thiere [Großkatzen & Bären, Anm. NGC] leitet meine Gedanken nunmehro auf den Vielfraß, den wir auf zweyerley Art aufweisen können. Der eine, welcher bey Frauenstein, in Sachsen, gefangen worden, ist weißröthlich“[33].

Das Helmstedter Exemplar

1777 erwähnt erstmalig der Geograph und Zoologe Eberhard August Wilhelm von Zimmermann (1743-1815) das Helmstedter Exemplar in seinem Specimen zoologiae geographicae. In dem in Latein verfassten Werk heißt es (teilw. frei übersetzt):

 

 

Hier, nicht weit von Helmstedt entfernt, ist ein vierfüßiges Tier von einer bleiernen Kugel getroffen worden, dessen einbalsamierter Kadaver im herzoglichen Naturalienkabinett zu Braunschweig aufbewahrt wird, welcher dem Abbild, das allein Klein[34] als das beste abgegeben hat, genau entspricht“[35]. Und an späterer Stelle: „Manchmal begibt er [der Vielfraß] sich bis nach Deutschland. In Sachsen soll nämlich einmal ein gewisser gefangen worden sein, bezeugt Klein; ein anderer, über den schon früher am Rande berichtet worden ist, ist auf dem Acker von Braunschweig nahe Helmstedt erschossen worden; diese sind dennoch Außenposten ihrer frühesten und äußersten Verweildauer in Europa. Er hält sich nämlich nicht im südlichen Deutschland auf, der Norden allein ist sein Geburtsort, wo er gewöhnlich zur Zahl der üblichen und wohlbekannten Lebewesen gerechnet wird“[36].

 

 

Der verdiente Naturforscher und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein (1757-1822) führt 1789 den Frauensteiner Vielfraß in seiner Gemeinnützigen Naturgeschichte unter den Säugetieren Deutschlands auf und erwähnt: „Man hat ein solches bey Frauenstein in Sachsen, und ein anderes bey Helmstädt geschossen, welches letztere noch im dasigen Naturaliencabinette aufbewahrt wird“[37].


Der zweite Teil des Artikels erscheint voraussichtlich am Dienstag, 6.10. an der selben Stelle.




Granadas Panther fotografiert?

 

„Auf jeden Fall ein Panther“

„Es ist auf jeden Fall klar, dass es sich um einen Panther handelt“, so der Bürgermeister des granadinischen Dorfs Ventas de Huelma – hier wurde seit letzten Freitag von Panthersichtungen berichtet (Granada Hoy vom 15. September 2020). Spurenfunde gab es vergangenes Wochenende auch schon. Eine offizielle Identifikation derselben als klare Pantherspuren jedoch nicht. Der eine oder andere Bewohner des 600-Seelen-Nests wollte das Tier gehört haben (La Información vom 15. September 2020).

 


Lage von Ventas de Huelma, wo sich der Panther aufhalten soll

„Fang noch heute Abend“

Das Tier schon könnte „heute Abend gefangen werden“, meinte der Bürgermeister am Dienstagabend. Denn die zuständigen „Sepronas“, die Naturschutzbehörde der Guardía Civil, hätten die Zone lokalisiert, in der sich das Tier aufhalte (Granada Hoy vom 15. September 2020).

 

 

Keine eindeutigen Beweise für den Aufenthalt

Sepronas und der „Zivilschutz“, die sich letzte Woche auf die Suche nach dem Panther begeben hatten, sprachen hingegen davon, dass es keine sicheren Beweise dafür gebe, dass sich das Tier tatsächlich in besagter Zone aufhielt (Granada Hoy vom 15. September 2020).

Neue Sichtung in nur 20 Meter Entfernung

Die Sichtungen gingen jedoch weiter. Am 15. September, um 14 Uhr, wollte ein Bewohner der Kleinstadt das Tier in 20 Meter Entfernung seines Fahrzeugs gesehen haben. Die Behörden und der Zivilschutz machten sich daraufhin gleich zum Ort der Sichtung auf, um Spuren sicherzustellen. (Granada Hoy vom 15. September 2020). Laut der Facebook-Seite des Rathauses wurden die Spuren im Anschluss an die Sichtung eindeutig als jene eines Panthers identifiziert (El Confidencial vom 20. September 2020)

 

Panther von Fahrradfahrer fotografiert

Im selben Beitrag wurde auch ein Foto veröffentlicht – bei dem es sich um den Panther handeln sollte. Nähere Umstände der Sichtung gehen aus dem Artikel nicht klar hervor. Unter dem Bild wird ohne weitere zusätzliche Information einfach gefragt: „Erstes Foto der Katze? Der Bürgermeister erwartet ihren Fang schon an diesem Abend“ (Granada Hoy vom 15. September 2020). Einem anderen Kommentar im Diario Sur zufolge hatte das Foto ein Fahrradfahrer geschossen (Diario Sur vom 15. September 2020). Laut dem El Confidencial wurde der Autor des Fotos auch ausfindig gemacht – aber keine weiteren Details über die näheren Umstände des Bildes herausgegeben. Man wusste lediglich, dass der Fahrradfahrer das Tier schon am Samstag, 12. September, fotografiert hatte. (El Confidencial vom 16. September 2020)

Dieses Bild veröffentlichte die „Ideal“ am 14. September 2020

Ist dieses Foto schon am 12.9. entstanden?

Schwarzer Panther?
Diese Ausschnittsvergrößerung zeigte der Diario Sur am 16. September.

 

Nicht das erste Foto

Die Aufnahme ist relativ scharf. Sie ist aber nicht das erste angebliche Foto, das von Granada´s angeblichem Panther durch die Medien geisterte. Schon am Montag, 14. September, war ein Artikel mit einer Sofortbildfotografie in Granadas Ideal veröffentlicht worden, das den Panther auf einem Getreidefeld zeigen sollte – ein stark verpixelter schwarzer Punkt ist darauf zu sehen, mehr nicht (El Ideal vom 14. September 2020)

 

Schwarzer Panther


Woher kommt der „Panther“?

Es mag nicht verwundern, dass schnell zahlreiche Theorien über die Herkunft des vermeintlichen Panthers aus Granada im Netz kursierten. Die Zeugen schienen darin übereinzustimmen, dass es sich um ein domestiziertes Tier handelte, das seinem Halter entkommen war. In den Spekulationen über den möglichen Eigentümer schwadronierte man von einem reichen Drogenbaron (Pablo Escobars Nilpferde grüssen aus der Netflix-Serie „Narcos“) bis zu einem russischen Magnaten. Auch hielt man es für möglich, dass das Zier aus der Nachbarprovinz Málaga eingewandert war. (Granada Hoy vom 16. September 2020) Oder es ist jene andere „Geisterkatze“ aus Almería von 2013 (siehe unten im Dossier), die nun im fortgeschrittenen Alter einen „Umzug“ in das 130 Kilometer entfernte Venta de Huelma vollzogen hatte?… (Diario de Almería vom 14. September 2020).

Ein neuer Stern am Himmel des Spanischen Kryptiversums

Granadas Panther war mittlerweile in ganz Spanien zu einer Berühmeit geworden. Selbst der establierten Zeitung El País war er eine kurze Meldung wert (El País vom 16. September 2020). Aber trotz ausgedehnter Suchaktion mit Helikopter und Wärmebildkamera konnte das Tier bisher nicht dingfest gemacht werden. Das Lokalblatt Granada Hoy spricht in diesem Zusammenhang auch vom „culebrón felino“ (Granada Hoy vom 15. September 2020). „Culebrón“ bedeutet „grosse Schlange“, kann aber auch mit „Serie“ oder „Seifenoper“ übersetzt werden. Und da wäre noch die „serpiente de verano“, Spaniens „Sommerschlange“, die analog zum deutschen Begriff des „Sommerlochs“ verwendet werden.

Schwarzer Panther oder späte „Sommerschlange“?

Würde die Zeit zeigen, ob es sich bei Granadas Panther in Wirklichkeit um eine späte „Sommerschlange“ handelte,  – oder – sich dieser Fall als Meilenstein in der Suche nach Europas „Alien Big Cats“ heraustellte? In Granada war es letztes Wochenende jedenfalls noch sehr heiss. Es bestand also Grund zur Skepsis.

Post Skriptum: Was seitdem geschah

Das war der Stand des Wissens um Granada´s Panther bis zum, 17.09.2020, 14.30 Uhr. Doch nur eine halbe Stunde später nahmen die Ereignisse eine überraschende Wendung.

Ein Seprona hatte den vermeintlichen Panther inzwischen selbst gesehen. Allerdings glaubte er nicht, dass er einen Panther gesehen hatte. Kein Panther, sondern eine andere Katzenart, deren Art erst noch genauer zu bestimmen sein müsse. Dennoch könne man die Möglichkeit des Panthers noch nicht gänzlich ausschliessen (Ideal vom 17. September 2020).

Doch dann.. Die Auflösung

Am gestrigen Tag machte sich der Naturfotograf Alfonso Azaustre in das Sichtungsgebiet auf, um dem mysteriösen Panther nachzuspüren. Fotos von einer schwarzen Katze sollte ihm dann tatsächlich auch gelingen. Um 11 Uhr morgens, nur 500 Meter vom Dorf entfernt. Mit seinem 400 mm Objektiv machte er aus 50 Meter Distanz mehrere Bilder von dem schwarzen Feliden. „Die grosse Katze posiert mit Haltung“, so der Ideal. Aber ein Panther ist es nicht.

Alfonso Azaustre's Panther
Der „Panther“, wie ihn Alfonso Azaustre vorfand

Alfonso Azaustre's Panther
Alfonso Azaustre‘ große Katze. Sie posiert mit Stil, aber ein Panther ist sie nicht.

 

Tatsächlich handelt es sich um eine schwarze, „gewöhnliche“ Hauskatze. Ohne besondere Eigenschaften, also auch nichts von einer Wildkatze. Die Behörden, die die Gegend in diesen Tagen in einer grossen Suchaktion mit ihrem Helikopter, Wärmebildkamera durchkämmt hatten, Fallen stellten und die Bewohner zur Vorsicht mahnten, haben bisher noch keine Stellungnahme abgegeben, ob die fotografierte Hauskatze die Hysterie ausgelöst hat. Doch es sieht so aus, als habe zumindest Granadas Ideal den Fall nun ad acta gelegt. (Ideal vom 17. September 2020) Es ist ja jetzt auch nicht mehr so heiss.


Anmerkung: Der Artikel ist rein informativ – er stellt keine tiefergehende Analyse der Ereignisse dar.


Dossier: Großkatzen in Spanien

2013: Die „Geisterkatze“ von Castala

Tatsächlich ist der „Geisterpanther“ von Granada nicht der erste ABC-Fall aus Andalusien. 2013  war in einem Park in Granadas Nachbarprovinz Almería (Castala in der Gemeinde von Berja) schon einmal ein mysteriöser Panther gesichtet worden – doch die Suche der Behörden war nicht erfolgreich. Neben den Zeugenberichten gibt es lediglich einen Videoausschnitt aus Distanz, das einen schwarzen Fleck an einer Hangterasse zeigt und ein Jahr nach den Sichtungen aufgenommen wurde – das ist alles (ABC Sevilla vom 14. Juli 2014). Aber im Gedächtnis der Journalisten ist die mysteriöse Katze wohl immer noch. „Erscheint der Panther von Castala wieder erneut?“, so murmelt es ein Zeitungskommentar im Zusammenhang mit den jüngsten Panthermeldungen aus Granada (Ideal vom 13. September 2020)

2016: Panther in Werkhalle

Doch nicht immer folgen Andalusiens Grosskatzenmeldungen dem klassischen ABC-Schema. 2016 konnten die Sepronas in Arboleas (Almería) tatsächlich bei einer Überprüfung eines Werkhallenkomplexes einen schwarzen Panther dignfest machen. Der Eigentümer des Grundstücks war wegen dubiosen Bescheinigungen für den Besitz exotischer Vogelarten ins Visier der Behörden geraten. So wurde die Suche auf andere Hangars des Eigentümers ausgedehnt. Und dabei stiessen die Behörden auf weitere exotische Arten  – und den Panther. Er war in einem separaten, abgeschlossenen Raum untergebracht. Wie die anderen Tiere auch – ohne Genehmigung. Der Eigentümer wurde daraufhin wegen Schmuggel bedrohter Spezies verhaftet. Der Panther kam in einen Zoo nach Alicante (ABC Sevilla vom 3. November 2016).

2009: Die Löwin auf der Autobahn

Am 12. September 2009 musste die Autobahn A-92 bei Loja (Provinz Granada) abgesperrt werden, um eine entlaufende Löwin zu betäuben. Dieser Aktion waren allerdings Notfallanrufe aus der Nachbarschaft vorausgegangen. Das Tier konnte betäubt werden und daraufhin brachte man es in ein Veterinärzentrum nach Almuñecar (im Süden der Provinz Granada). Der Guardia Civil lag damals schon eine Anzeige von Zirkuseigentümern aus der Provinz Cádiz vor, die die Flucht einer ihrer Löwinnen meldeten. Das entflohene Tier soll in seinen Charakteristiken jenen der betäubten Löwin entsprochen haben (Las Provincias vom 12. September 2009)

Spanien: Land der „Out-of-Place-Kryptiden“?

Es ist in Spanien nicht ungewöhnlich, dass ein exotisches Tier ein Sommerloch füllen muss. Im Juni dieses Jahres suchte man ein Krokodil in Valladolid – unter den „Beweisen“ seiner Existenz fanden sich Spuren, „Schlafplätze“ und Fischreste seiner letzten Mahlzeit. Wie die Suche der Behörden klarstellte: es gab am Río Duero keinen einzigen Hinweis auf ein Krokodil, aber viele Fischotter (La Información vom 15.09.2020)

Und 2018 waren die Bewohner des Dorfs Jadraque, im Zentrum Spaniens, ebenfalls davon überzeugt, einen schwarzen Panther gesehen zu haben. Die Guardía Civil konnte den vermeintlichen Panther sogar filmen – dieser entpuppte sich jedoch dann ziemlich schnell als schwarzer Hund (La Información vom 15.09.2020)


Siehe auch: Dossier: Großkatzen in Spanien


Zum Weiterlesen:

(in umgekehrter chronologischer Reihenfolge)

Ideal vom 17. September 2020: https://www.ideal.es/granada/fotografias-gato-quiso-20200917173750-nt.html

Ideal vom 17. September 2020: https://www.ideal.es/granada/seprona-avista-animal-ventas-huelma-pantera-granada-20200917140554-nt.html

 

El Confidencial vom 16. September 2020: https://www.elconfidencial.com/sucesos/2020-09-16/pantera-negra-granada-ventas-huelma_2750108/

 

El Páis vom 16. September 2020: https://elpais.com/videos/2020-09-16/una-fotografia-hecha-por-un-ciclista-confirma-la-existencia-de-la-pantera-de-granada.html

 

Granada Hoy vom 16. September 2020: https://www.granadahoy.com/provincia/pantera-Granada-teorias-procedencia-Huelma-donde-salido_0_1501950250.html

 

Diario Sur vom 15. September 2020: https://www.diariosur.es/andalucia/fotografia-pantera-granada-20200916095431-nt.html

 

Granada Hoyvom 15. September 2020:https://www.granadahoy.com/granada/captura-pantera-Ventas-Huelma-fotografia-primera-Granada_0_1501650415.html

 

La Información vom 15. September 2020: https://www.lainformacion.com/asuntos-sociales/pantera-granada-huellas/2815034/

 

ABC Sevilla vom 14. Juli 2014: https://sevilla.abc.es/andalucia/almeria/20140715/sevi-pantera-sierra-gador-201407151039.html

 

Diario de Almería vom 14. September 2020: https://www.diariodealmeria.es/provincia/pantera-Castala-muda-Granada_0_1501350204.html

 

Ideal vom 14. September 2020: https://www.ideal.es/granada/provincia-granada/unica-imagen-tomado-pantera-ventas-huelma-granada-20200914154148-nt.html

 

Ideal vom 13. September 2020: https://www.ideal.es/almeria/provincia-almeria/reaparece-pantera-castala-20200913142415-nt.html

 

Las Provincias vom 12. September 2009: https://www.lasprovincias.es/20091212/mas-actualidad/sociedad/leona-escapa-circo-provoca-200912121829.html


In den deutschen Medien

Umwelt-Panorama und zahlreiche andere übernahmen am 16. September eine AFP-Meldung. Viele Artikel sind daher gleichlautend.

 

Die Wiener Zeitung weiß ein wenig mehr, offenbar hat zumindest ein Redakteur Kontakte in der Gegend.

 

n-tv berichtet ebenfalls, mit augenzwinkerndem Bezug auf das Unstrut-Krokodil.

 

Das Nachrichtenportal nachrichten.es wird etwas ausführlicher

 




Eilmeldung: Panther in Granada

Vergangenen Freitag, am 11.September, wollen die Bewohner der Kleinstadt Ventas de Huelma einen Panther beobachtetet haben. Das Tier habe sich in der Nähe des Rathauses und bei der Stadtburg gezeigt. Manche Beobachter wollen den Panther auch mit dem Fernglas beobachtet haben (El Ideal vom 14. September 2020)

Große Suchaktion

Daraufhin startete der Naturschutzdienst der Guardía Civil (Seprona) eine ausgedehnte Suchaktion. Am Sonntag und am Montagmorgen kam dabei sogar ein Helikopter zum Einsatz. Doch bisher blieb die Suche ohne Erfolg (Stand, 14. September, 22 Uhr). Allerdings soll – wie der Bürgermeister in einer Stellungnahme zu den Vorfällen in einem kurzen Video berichtet – eine Spur sichergestellt worden sein, die von einem Panther stammen könnte (Ideal vom 14. September 2020). Auch andere spanische Medien mit nationaler Reichweite (zum Beispiel La Vanguardía oder gar der El Confidencial und der Fernsehsender La Sexta) berichten über den Vorfall. Es bleibt spannend.

Schwarzer Panther im Rajiv Ghandi NP
Ein schwarzer Leopard in der Natur (Foto: Dheerajmnanda, CC 4.0)

 

Nicht der erste Panther in Andalusien

Es ist nicht das erste Mal, dass aus Südspanien von Großkatzenmeldungen berichtet wird. 2013 wollen mehrere Bewohner in Berja der Provinz Almería in der Nähe eines Naherholungsparks einen Schwarzen Panther gesehen haben. Trotz Absperren und Durchsuchen der Zone fand man nichts.

Nicht immer „Typisch Alien Big Cat“

Allerdings gingen die Behörden nicht bei allen Suchen nach südspanischen Big Cats leer aus. In einem Industriehangar haben die Sepronas 2016 tatsächlich einen schwarzen Panther dingfest gemacht. Ob diesem Fund allerdings die ABC-typischen Sichtungswellen vorausgingen, spezifiziert die Quelle nicht.


Anmerkung: Aufgrund der Aktualität der Ereignisse ist dieser Bericht ist rein informativ und stellt keine tiefergehende Analyse der Vorfälle dar.


Zum Weiterleisen:

20Minutos vom 14. September 2020: https://www.20minutos.es/noticia/4379576/0/que-come-la-pantera-negra-de-granada/

El Confidencial vom 14.September 2020: https://www.elconfidencial.com/sucesos/2020-09-14/pueblo-granada-pantera-negra-presencia_2746752/

Ideal vom 14. September 2020: https://www.ideal.es/granada/buscan-aire-tierra-pantera-granada-20200914204421-nt.html

Ideal vom 14. September 2020 (ausführlicher) https://www.ideal.es/granada/provincia-granada/negra-larga-ojos-gato-pantera-granada-20200914174531-nt.html

La Vanguardía vom 14.September 2020 https://www.lavanguardia.com/local/sevilla/20200914/483461124466/buscan-pantera-negra-pueblo-granada.html