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Das Coney Island Monster

 

 

Die New Yorker Insel „Coney Island“ ist vor allem für ihre Strände und die ehemaligen Vergnügungsparks, deren Ruinen heute teilweise noch besucht werden können, bekannt. Mittlerweile ist sie mit Brooklyn zusammen gewachsen, kryptozoologisch ist hier nichts zu holen – sollte man meinen.

TikTok-Userin Natalie1526n (Nataliia Vorobok) filmte ein Tier, das ein Angler offenbar aus dem Meer gezogen hat. Das Video zeigt ein vermeintlich rundes Wesen mit großem Maul und drei Schwänzen. Es wälzt sich mit langsamen Bewegungen, offenbar erschöpft und/oder sterbend auf den Holzbohlen eines Piers und ist in eine Angelschnur verheddert. Es wirkt wie der Demogorgon von Stranger Things. Im Hintergrund hört man überraschte Fragen wie „What is it?“

Wäre dieses Video nicht viral gegangen und hätte es nicht über 1,4 Millionen Klicks bekommen, wir würden uns nicht darum kümmern.

Die Coney Island Kreatur
Standbilder aus dem Video. Die Farben der Pfeile entsprechen den Farben unten

Doch was zeigen Bilder und Videos? Auf den ersten Blick ein sehr seltsames Tier. Drehrund, ein gewaltiges Maul und drei Schwänze. Solche Fische gibt es nicht. Oder doch?

Die Analyse

Schaut man sich die Bilder etwas genauer an, so entdeckt man eine Reihe kurzer Stacheln auf dem Rücken. Es schimmert nicht, als wäre es mit Schleim bedeckt, sondern wirkt insgesamt matt und samtig. Diese beiden Hinweise sind sehr wertvoll. Knochenfische sind in der Regel mit Schleim bedeckt, sie fallen aus. Das reduziert die Anzahl möglicher Arten um über 90%. Das Tier muss also ein Knorpelfisch sein. Auf seinem Rücken sitzen die oben schon genannten kurzen Stacheln (Pfeil Bild 1). Stacheln dieser Art haben ausschließlich Rochen. Haie und Chimären fallen damit ebenfalls raus.

Da nur diese kleinen Stacheln, aber kein langer Stachel auf der Schwanzwurzel vorhanden ist, muss es sich um einen echten Rochen, nicht um einen Stechrochen handeln.

Coney Island bietet einen breiten, sandigen Strand. Sand- und Schlammflächen sind bevorzugte Lebensräume von Rochen, das unterstützt die Beobachtung oben.

Doch das Tier hat drei Schwänze, wie kann das sein?

Rochen haben nur einen Schwanz. Männliche Rochen haben Klasper, paarige Begattungsorgane, die manchmal recht groß werden, insbesondere bei echten Rochen der Gattungen Raja* und Dipturus* können sie beinahe die Länge des Schwanzes erreichen. Schaut man genauer hin, entspringen die beiden „äußeren Schwänze“ einer Region unter der Basis des „mittleren“ (=echten) Schwanzes. Damit ist eindeutig geklärt: es sind Klasper.

Rochen sind flach, das Tier ist drehrund und hat ein riesiges Maul

Ist es wirklich so? Kann es nicht sein, dass der sich windende Fisch auf den Bohlen einfach die Brustflossen unter den Körper geschlagen hat? Damit würde er eine Art röhrenförmigen Raum unschließen, in dem sein Maul liegt. Da sich die Angelschnur an verschiedenen Stellen des Körpers verheddert hat (mehrere Haken?) kann es sogar sein, dass sie den Rochen eingerollt hat.

Raja eglanteria
Raja eglanteria. Rot: Stacheln auf dem Schwanz, Grün: Wangenstacheln und Blau: Spritzlöcher. Foto: Smithonian Environmental Research Center, ohne Copyright.

Raja eglanteria
Zeichnerische Darstellung von Raja eglanteria aus Smith 1907: Fishes of North Carolina.

Um welche Art Rochen handelt es sich?

Das Interntportal IFLScience hat mit James Maclaine, Senior Kurator der Fish Collection des Natural History Museum in London gesprochen. Er schreibt hierzu „Bei weiterer Untersuchung sehe ich, dass einige Leute das Tier als Raja eglanteria*, den Klarnasenrochen identifiziert haben. Das erscheint mir richtig.“ Tatsächlich sind diese Rochen vor der US-Atlantikküste gar nicht selten, sie sind regelmäßiger Beifang bei Grundtrawls oder Dredge-Fischerei auf Muscheln.

Raja eglanteria wird bis zu 80 cm lang und etwa 50 cm breit, bleibt aber meist kleiner. Sie leben zwischen Massachussets und Florida, bevorzugt auf Weichsubstraten, aber auch an Felsküsten. Sie leben hauptsächlich von Krebstieren, Mollusken und kleinen Fischen. Wie alle Knorpelfische haben sie innere Befruchtung. Sie legen Eier, die in eine Horntasche eingeschlossen sind. Die Jungtiere entwickeln sich dort etwa 12 Wochen lang und sind beim Schlupf 13 bis 15 cm lang.

Literatur:

Smith, Hugh M. (1907) Fishes of North Carolina, North Carolina Geological and Economic Survey, vol.II, Raleigh, NC: E. M. Uzzell & Co.