Das geheimnisvolle Tier vom Kaltenbronn

Lesedauer: etwa 10 Minuten
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Die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) brachten am 27. April einen Artikel über ein Bild, das Wanderer Lorenzo Chimenti am Kaltenbronn im Schwarzwald geschossen hat. Es zeigt eine Uferlandschaft mit trockenen Gräsern, beginnendem Neuaustrieb, grünen und braunen Krüppelkiefern und einem beigen Tier. Chimenti gibt an, das Bild am 23. April am Ufer des Wildsees aufgenommen zu haben.

Beiges Tier im Schilf
Das geheimnisvolle Tier am Kaltenbronn. – Foto: Lorenzo Chimenti

Der „Whodunit“ der Kryptozoologie

Das „Whodunit“ (Who (has) done it?) ist ein klassischen Krimi-Setting. Die Umgebung ist begrenzt, z.B. ein abgeschlossener Raum, eine Insel, ein Boot. Ein Mord geschieht und ein zufällig am Ort befindlicher Detektiv klärt das Verbrechen auf. Klassisch treffen immer wieder ähnliche Charaktere aufeinander, von denen keiner auf den ersten Blick als Mörder in Frage kommt. Dieses Setting wurde vor allem durch Agatha Christie bekannt. Miss Marple oder Hercule Poirot hatten zahlreiche dieser Fälle zu klären, n’est-ce pas?



Analog dazu ist das „Whatwasit?“ (What was it?) ein klassisches Setting der Kryptozoologie. Der Untersuchende bekommt ein Bild und versucht zu identifizieren, welches Tier kaum erkennbar abgebildet ist. Ähnlich wie beim Whodunit ist die Liste der Verdächtigen begrenzt, auf den ersten Blick kommt keines von ihnen in Frage. So auch in diesem Fall.

Der Vorfall

Lorenzo Chimenti hat der BNN folgendes erzählt: Er hat am 23. April am Ufer des Wildsees ein Tier aufgenommen, das er nicht erkennen konnte. Aus etwa 100 m Entfernung schätzte er das Tier auf ungefähr 80 cm Schulterhöhe. Er hatte den Eindruck, es „bewegt sich wie eine Raubkatze“. Hierzu kommen zwei großformatige Fotos, die das Tier zeigen.

Das Wildseetier
Das Wildseetier zeigt noch eine andere Pose – Foto: Lorenzo Chimenti

Kurz: die Fotos sind von recht guter Qualität. Das Wetter war für Fotos gut geeignet, Chimenti war brauchbar ausgerüstet, im Kopf und technisch bereit, ein Foto zu machen. So sehen die Bilder auch aus. Leider hat das Tier nicht richtig mitgespielt und seinen Kopf nicht eindeutig im Ganzen gezeigt.

Die Analyse

Wie im Krimi muss sich der Bearbeiter auch hier zunächst ein Bild machen und die Fakten sammeln und vereinzeln.

  • Das Bild ist am 23.04.2020 entstanden
  • Es wurde am Wildsee bei Kaltenbronn im Schwarzwald aufgenommen
  • Das Bild zeigt ein Tier
  • Es soll ungefähr 100 m entfernt gewesen sein
  • Das Tier hat eine Schulterhöhe von geschätzten 80 cm.

Das Entstehungsdatum

Die BNN gibt an, der Fotograf habe das Bild am 23.4.2020 aufgenommen worden. Der Fotograf habe dann versucht, das Tier zu identifizieren und ist damit zunächst zum Informationszentrum Kaltenbronn gegangen. Dort wurde Martin Hauser, der Wildtierbeauftragte des Landkreises Rastatt informiert. Dieser untersucht die Bilder, denkt noch ein wenig drüber nach und ist dann mutmaßlich die Person, die die BNN informiert. Am folgenden Tag kommt es zum Kontakt mit dem Redakteur der Zeitung, der schreibt die Story und bringt sie am 27. April in den Druck. Der zeitliche Ablauf ist sehr glaubhaft, zumal auch noch ein Wochenende (25. und 26.4.) dazwischen ist.

Der Aufnahmeort

Das Wildseemoor bei Kaltenbronn im Schwarzwald ist eines der letzten Hochmoore Mitteleuropas. Es ist für Wanderer über Bohlenwege recht gut erschlossen, so auch der Wildsee selber. Bei diesem handelt es sich um einen kleinen, etwa 105 m x 150 m messenden Moorsee mit einer großen und einigen kleinen Inseln.

Der Wildsee am Kaltenbronn
Der Wildsee ist ein Hochmoorsee, umgeben von einem Bannwald. – Foto: Markus Bühler

Unser Autor Markus Bühler kennt die Gegend sehr gut. Er hat die Fotos der BNN sofort als „ja, könnte am Wildsee sein“ identifiziert. Außerdem hat er der Redaktion einige seiner Fotos aus der Gegend zur Verfügung gestellt. Wir sind der selben Meinung: die trockenen Gräser, Krüppelkiefern und Baumleichen, das passt zusammen.

Das Tier

Dass Chimenti ein Tier fotografiert hat, steht außer Zweifel. Wie oft bei solchen Aufnahmen fehlt leider der Größenvergleich. Trockenes Gras kann einen großen Bereich von Höhen erreichen, ebenso Krüppelkiefern.

Kaltenbronn Wildsee
Der Wildsee am Kaltenbronn. Es ist eindeutig, die Aufnahmen des rätselhaften Tieres wurden hier gemacht. Die weißen Fruchtstände der Wollgräser könnten dem Größenvergleich dienen. – Foto: Markus Bühler

Im Vergleich mit einem der Bilder von Markus Bühler kommt so etwas wie eine Größenabschätzung heraus. Auch wenn keines der Bilder exakt die Stelle und Perspektive Chimentis trifft. So scheint das Tier deutlich größer zu sein, als die Fruchtstände des von Markus Bühler fotografierten Schmalblättrigen Wollgrases. Dieses Wollgras erreicht laut Wikipedia eine Höhe von 20 bis 90 cm, am Rand des Gewässers, möglicherweise sogar auf einer schwimmenden Grasinsel ist es sicher niedrig. Dem entsprechend kann man eine Schulterhöhe von 30 bis 50 cm bei dem Tier annehmen.

Der Wildsee
Der Wildsee am Kaltenbronn. Eine ungewöhnliche Landschaft für den Schwarzwald. – Foto: Markus Bühler

Nach den Bildern zu schließen, hat Lorenzo Chimenti das Tier am gegenüberliegenden Ufer fotografiert, das ist tatsächlich etwa 100 m entfernt.

Der Whowasit-Teil

Die Bewegungen des Tieres werden als raubkatzenartig beschrieben. Bedeutet dies, dass die Bewegung gebückt und schleichend war, oder einfach nur fließend und harmonisch? Das können wir den Fotografen nicht fragen. Daher gehen wir davon aus, dass alle in Deutschland vorkommenden Säugetiere dieser Größe (Schulterhöhe 30 bis 50 cm, KRL etwa 50 bis 90 cm) sowie beide Großräuber als „übliche Verdächtige“ genannt werden müssen.

Wolf

Das Wildseemoor und der Bannwald gehören zum Streifgebiet eines Wolfsmännchens, GW852m. Dieser ist jedoch grauer gefärbt, als das Wildseetier und hat größere und spitzere Ohren.


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Luchs

Auch ein Luchs ist im Hochschwarzwald unterwegs, er kommt regelmäßig ins Wildseegebiet. Aber er war am 23.4. nicht da. Woher man das weiß? Der Luchskater „Toni“ trägt ein Funkhalsband, das ständig GPS-Daten seines Standortes funkt. Es gibt noch einen sicheren Anhaltspunkt, dass es sich bei dem Tier nicht um Toni handelt: Toni ist, wie die meisten mitteleuropäischen Luchse, gefleckt. Das Wildseetier ist nahezu unifarben.

Goldschakal

Der Goldschakal gehört zu den heimlichsten deutschen Raubtieren. Bis 1996 war er in Deutschland gar nicht bekannt, seit dem gibt es immer wieder Einzelnachweise. In sieben Bundesländern hat er sich sehen lassen. Mehrere andere muss er bei der Wanderung in die Niederlande oder Dänemark durchquert haben. Diese Tiere leben so heimlich, dass sie oft einfach nicht bemerkt werden. So könnten sich die Tiere bereits unbemerkt irgendwo in Deutschland dauerhaft angesiedelt haben.

Die Fellfarbe könnte unter Umständen stimmen, aber Gesichtsfarbe und Ohren sind beim Wildseetier völlig anders.

Ein Goldschakal (Canis aureus)

Wildkatze

Auch Wildkatzen gibt es im Wildseegebiet. Sie sind etwa so groß wie eine große Hauskatze, aber mittelgrau/dunkelgrau gestreift und nicht rötlich-unifarben, wie das Wildseetier.

Fischotter

Würde von der Größe passen, aber ist deutlich dunkler und hat kürzere Beine, als das Wildseetier.

Waschbär

Grauer und zottiger, kürzere Beine

Marderhund

Der Asiate macht sich in Deutschland breit, aber ähnlich wie der Waschbär hat auch er ein völlig anderes Fell, ist eher dunkelbraun als rötlich, und wirkt dann doch wie „tiefergelegt“. Die Perspektive der Fotos ließe seinen beeindruckenden Backenbart deutlich sichtbar werden. Auf den Bildern fehlt er.
Auch wenn der Marderhund der Favorit der Leser der BNN ist, wir sind da anderer Meinung.

Marderhund
Der Marderhund hat doch völlig anderes Fell

Steinmarder

Von der Art der Bewegung (fließend, sehr dynamisch) durchaus in Frage. Andererseits ist selbst ein sehr helles Winterfell eines Steinmarders deutlich dunkler, als das des Wildseetieres. Trotzdem sollte man ihn nicht ganz außer Acht lassen.

Rotfuchs

Der Fuchs ist eines der häufigsten Raubtiere in Deutschland. Sein Winterfell kann durchaus die Farbe des Wildseetieres annehmen, aber irgendwie wirkt der Kopf unpassend. Ich bin dennoch nicht bereit, Bruder Reinicke so einfach aus dem Kreis der Verdächtigen zu streichen. Insbesondere unregelmäßige Beobachter wundern sich oft, wie groß Füchse sind…

Die Exoten

Puma

Ja, das könnte ein Puma auf dem Bild sein. Die Fellfarbe gibt es bei dem großen, amerikanischen Raubtier, ebenso die Form der Ohren. Jedoch erscheint der Kopf relativ klein – zu klein. In einem eng mit Wildkameras und von Rangern überwachten Naturschutzgebiet wären Pumaspuren oder -fotos sicherlich bald aufgetaucht. Einen weiteren Hinweis irgend einer Art gibt es aber nicht.

Nasenbär

Kommt farblich dem Wildseetier recht nahe. Aber Nasenbären haben einen auffälligen, gestreiften Schwanz, den sie in der Regel hoch erhoben tragen. Hinzu kommt, dass Nasenbären nach EU-Recht als invasive Tierart gelten, die „entnommen“ werden muss. Dem Natur-Infozentrum Kaltenbronn wäre sicher bekannt, wenn ein Nasenbär in der Gegend leben würde.

Fossa

Die BNN bringen auch die Fossa ins Rennen. Das madegassische Raubtier gehört überall auf der Welt zu den seltenen Tieren. Auf seiner Heimatinsel ist es fast ausgestorben. In Deutschland wird sie in sieben Zoos gehalten, lediglich Heidelberg ist halbwegs in der Nähe.
Die Färbung des Wildseetieres und auch das Gesicht ließ mich zunächst auch an eine Fossa denken. Doch wo soll sie her kommen? Die Privathaltung dieser Tiere ist mit hohen Auflagen verbunden und damit praktisch unmöglich. Die wenigen Zoos, in denen Fossas gepflegt werden, stehen auch nicht in dem Ruf, ihre wertvollsten Tiere zu verlieren.

Fossa
Fossa im Zoo Duisburg. Leider nicht ganz scharf, es war zu dunkel. – Foto: TM

Fazit

Es bleibt schwierig, das Wildseetier endgültig zu identifizieren. Die Größe ist unklar, da es unglücklicherweise keinen Maßstab dabei hatte, woraus man ihm aber keinen Vorwurf machen sollte. Unter den „üblichen Verdächtigen“ gibt es eigentlich nur den Steinmarder, den man näher betrachten sollte. Aber nicht er ist die wahrscheinlichste Erklärung, sondern sein Verwandter, der Baummarder. Auch wenn er seltener ist, als der bekanntere Steinmarder, am Kaltenbronn liegt ein bekanntes Vorkommen.
Das Fell des Baummarders ist heller als das des Steinmarders, insbesondere das Winterfell. Einige Tiere zeigen eine dunkle Gesichtszeichnung, wie das Wildseetier. Der Steinmarder ist auch insgesamt stämmiger bzw. muskulöser und sein dichtes Fell lässt das Tier ein wenig pummelig wirken. Dazu kommt, dass die Ohren relativ kurz sind und nicht so hoch stehen, wie beim Fuchs. Die Bewegungen der Marder sind fließend und dynamisch, genau das, was oft als „Raubkatzenartig“ beschrieben wird.

Martes martes, Baummarder
Ein Baummarder, der mit einem Sandwich flüchtet. Foto: Vince Smith CC 2.0

Wenige Tage später: Eine Kryptozoologische Analyse vor Ort!

Das Geheimnis um das geheimnisvolle Tier vom Kaltenbronn ist gelöst. Der Redakteur der Badischen Neuesten Nachrichten, Dominic Körner, der Wildtierbeauftragte des Kreises Rastatt, Martin Hauser und der Beobachter, Lorenzo Chimenti waren mit einer Wolfsattrappe in Originalgröße am Beobachtungspunkt unterwegs. Noch einmal zur Erinnerung: Dieses Foto hatte Lorenzo Chimenti am 23. April am Wildsee auf dem Kaltenbronn geschossen:

 

 

Das WildseetierDas Wildseetier vor Ort – Foto: Lorenzo Chimenti

Da die Größenverhältnisse unklar bleiben, bringt Körner die Attrappe an die Stelle, an der Chimenti das geheimnisvolle Tier fotografiert hat. Siehe da: sofort wird klar, dass das Tier, das geheimnisvolle Tier viel kleiner war, als der Pappkamerad. Die Perspektive und vor allem die kleinen Krüppelkiefern am Rande des Moorsees haben die Beobachter getäuscht.

Wolfsattrappe am Wildsee
Die 80 cm hohe Wolfsattrappe an der selben Stelle. Foto: Chimenti, Körner

Selbst für den Fuchs ist das fotografierte Tier zu klein. „Es spricht sehr viel für einen Baummarder“, sagt Hauser, „mir ist bekannt, dass er hier oben vorkommt“.

 


Quellen

Der Hauptartikel in der BNN vom 27.04.2020

 

Die „Einschätzungen“ der Leser in der BNN vom 28.04.2020

 

Zur Analyse: die  BNN vom 9. Mai 2020

 

Der MDR zum Thema Goldschakale

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