Der Berliner Löwe, die Folgemeldung

Lesedauer: etwa 10 Minuten
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Dies ist die Folgemeldung zum gestrigen Live-Blog und Analyse

Der "Berliner Löwe"
Ein Screenshot aus dem Twitter-Video von Nico M.

Zunächst die Timeline

Donnerstag, 20.07.2023, nach Redaktionsschluss

  • In der Nacht glaubt irgendjemand, Löwengebrüll gehört zu haben. Die Polizei twittert:
    „Unsere Kollegen sind dem zusammen mit einem Veterinärmediziner und dem Stadtjäger nachgegangen. Auch mit Hilfe einer Drohne konnten die Hinweise nicht bestätigt werden“.
    Anm. d. Red.: Falls es sich tatsächlich um eine Löwin handelt, würde diese nicht brüllen.
  • 23:42 Uhr: Die Polizei meldet, dass die „Maßnahmen im Wald“ unterbrochen wurden. Beamte bleiben vor Ort im Einsatz, dazu gibt die Polizei die Warnung heraus:
    „Bitte meiden Sie die südlichen Waldgebiete Berlins über die Stadtgrenze hinaus.“
Löwe in der Natur
Löwe in der Natur – Dieses Bild ist nicht einmal in der Nähe von Berlin entstanden.

Freitag, 21.07.2023, am Vormittag

  • 6:50 Uhr: Die Suche wird intensiviert. Neben 120 ausgeruhten Polizistinnen und Polizisten kommen auch professionelle Tierspurensucher zum Einsatz. Ab 7 Uhr soll der Wald im Hundeauslaufgebiet fortgesetzt werden.
    Bei der nächtlichen Suche wurden hauptsächlich technische Hilfsmittel wie Nachtsichtgeräte und Drohnen eingesetzt. „Wir beobachten die Wälder, wir gehen aber nicht mehr in sie hinein“, sagte ein Sprecher der Polizei der dpa in der Nacht.
  • 8:30 Uhr: Der Wildtierexperte der Berliner Senatsumweltverwaltung Derk Ehlert sagte dem RBB-Inforadio, dass er auf dem Video nur zwei Wildschweine erkenne.
    „Ich glaube aber natürlich den Zeugen, den Kollegen von der Polizei in Berlin, die ein derartiges Tier auch real gesehen haben“, ergänzt er. „Grundsätzlich kann ein Löwe nicht einfach weg sein, auch so eine Löwin nicht. Sie hinterlässt Spuren“, und weiter: „Es ist schon sehr auffällig, dass an der Stelle, wo das Tier gesehen und gefilmt wurde, nicht mal ein Trittsiegel zu sehen ist.“
  • 10:00 Uhr: Die Polizei überprüft die Halter von Löwen in Brandenburg. Das Landesamt für Umwelt teilte der Polizei und den Medien mit, dass im Land 23 Löwen aus drei Zirkusunternehmen, zwei Zoos und einer privaten Haltung gemeldet sind.
    Anm. d. Red.: Dies deckt sich nur teilweise mit früheren Meldungen. Dort wurde gesagt, dass kein Zirkus in Deutschland mehr Löwen hält. Ebenso haben wir drei Zoos in Brandenburg mit Löwen identifiziert.
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Der Löwenflüsterer: Mein Leben unter den Großkatzen Afrikas

‚Der Tierverhaltensforscher Kevin Richardson hat eine so enge Beziehung zu Großkatzen, dass er die Nacht an sie geschmiegt verbringen kann, ohne die geringste Furcht vor einem Angriff zu haben … Er ist mit diesen Tieren, deren Zähne mühelos durch dicken Stahl beißen können, so instinktiv im Einklang, dass Mutterhyänen ihm sogar erlauben, ihre neugeborenen Jungen zu halten, ohne ihnen zu Hilfe zu springen.‘

Glenys Roberts, Daily Mail In diesem Werk erzählt der berühmte Löwenflüsterer Kevin Richardson über sein Leben und wie er zu der innigen Beziehung zu Löwen, Hyänen und weiteren Wildtieren kam.  Ein ungewöhnliches Buch, dass einen tiefen Einblick in die Seele dieser Tiere gibt und viele Vorstellungen über Raubkatzen in Frage stellt.

 

Der Löwenflüsterer ist 2013 bei Narayana erschienen und hat als gebundenes Buch 280 Seiten im Format 16 x 24 cm.

 

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    Die ersten Trittbrettfahrer und die Analyse von Darren Naish
  • 10:10 Uhr: Die Hinweise auf Löwengebrüll haben sich als Scherz herausgestellt. Jugendliche hatten dies von einem Handy über einen Lautsprecher abgespielt.
  • 11:17 Uhr: Die WAZ zitiert Darren Naish: „In diesem Fall ist der Löwe auf jeden Fall kein Löwe“, erklärt der Forscher in seinem Blog „Tetrapod Zoology“.
  • 11:21 Uhr: Sichtung am Panzerdenkmal in Kleinmachnow. Eine Reporterin von RTL berichtet, dass die Polizei dorthin auf dem Weg sei und eine angespannte Stimmung herrsche.
  • 11:45 Uhr: Es gibt das Gerücht, dass auf Berliner Gebiet „etwas gefunden“ worden sei. Auf Nachfrage verneint dies einer der Löwenjäger. Er reist wieder ab.
  • 12:06 Uhr: Die Stadt Kleinmachnow hat die für das Wochenende geplanten Open-Air-Veranstaltungen nach innen verlegt. Betroffen sind der Kinosommer und ein Konzert. Sie finden nun im Rathaussaal statt.

 

Puma als Beispiel für den Nicht-Berliner Löwe
Puma mit deutlich sichtbarer Hinterhand als Beispiel für eine große Katze

Freitag, 21.07.2023, am Mittag – Die Katze ist aus dem Sack!

 

  • 12:00 Uhr: Die Polizei ist wieder im normalen Dienst. Videoanalysen haben gezeigt, dass es sich bei dem „Berliner Löwen“ auf dem Video um ein Wildschwein handelte.
  • Dem entsprechend veröffentlichte die Gemeinde Kleinmachnow auch, dass sich eine erneute Sichtung als falsch erwiesen hat: „Es wurde aber eine sehr entspannte Bache mit Ferkeln dort aufgeschreckt.“
  • 13:00 Uhr: Kleinmachnows Bürgermeister Michael Grubert spricht zur Presse. Er präsentiert Ergebnisse der Software Cybertracker und zitiert zwei weitere Bildauswertungen:
    „Der Schluss geht dahin, dass zwei unabhängige Koryphäen auf dem Gebiet gesagt haben, dass es sich nicht um eine Löwin oder ein Wildtier handelt, sondern es gibt Anhaltspunkte, dass das Tier auf dem Bild gen Wildschwein tendiert.“ Dabei stellt er klar: „Es gibt keinen ernstzunehmenden Hinweis auf ein anderes Tier außer Wildschwein.“
  • Grubert zeigt Bilder, auf denen er das Verhalten des Schwanzes und die Haltung des Rückens auf dem Video mit einer Katze und einem Wildschwein vergleicht. Dabei nutzt er (zufällig?) das selbe Puma-Bild wie wir in unserer Analyse.
    Er erklärt, dass es deswegen „keine akute Gefährdungslage“ gebe. Die Polizei bleibe aufmerksam, aber der Einsatz geht auf das gewohnte, wachsame Niveau zurück.
  • Grubert verweist auf Kot- und Haarproben, die „augenscheinlich nicht von einem Wildtier“ sind. Es gebe keine Bestätigung, dass der Berliner Löwe überhaupt existiert. „Alle sagen: Es handelt sich nicht um eine Löwin. Eine Hand würde ich aufs Feuer legen“, so Grubert weiter.
    (Anm. d. Red.: Wenn es ein Löwe gewesen wäre, stammte er aus privater Handlung, möglicherweise generationenlanger Gehegehaltung und Hands-on-Pflege. Ein Wildschwein dagegen läuft frei herum. Was ist da das „Wildtier“?)
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Räuber und Beute

Bei diesem Buch handelt es sich um eine populärwissenschaftliche Abhandlung über Jäger und ihre Beute im Tierreich; mit Kapiteln wie – Fressen und gefressen werden – Hungrige Raubtiere auf Beutesuche – Die verlockenden Strategien der Raubtiere – Wie Raubtiere ihre Beute finden – Vorbereitungen zum Angriff – usw.;

 

Räuber und Beute ist 1985 bei Urania in Jena und Leipzig erschienen, hat 152 gebundene Seiten mit 157 überwiegend farbigen Abbildungen von Gerd Ohnesorge. Es ist nur noch antiquarisch erhältlich, für gute Exemplare zahlt man etwa 20 bis 25 €.

 

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  • Gleichzeitig verteidigt Grubert die Arbeit der Polizei: „Es ist etwas Ungewöhnliches gesehen worden. Wir reden nicht von einem Fake. (…) Es gab um 5 Uhr morgens irgendwas, das war da. Ich war überrascht, wie hell das Wildschwein war. Das war hellgrau. Und ich habe schon einige Wildschweine gesehen. Das hat gerechtfertigt, dass wir das machen. Stellen Sie sich vor, dass es andersherum wäre.“
  • 14:40 Uhr: Nur eine Formalie, aber eine deutliche: Die Behörden heben die Warnung vor einer „freilaufenden Raubkatze“ auf. Damit ist der Berliner Löwe offiziell nicht existent.

Der „Berliner Löwe“, Freitag, 21.07.2023, am Nachmittag

  • Spätestens seit der 13-Uhr Pressekonferenz wird das Netz mit Häme überschüttet. Mems zum Berliner Löwen schießen wie Pilze aus dem Boden.
MGM mit Wildschwein
Nicht jeder Löwe ist ein Wildschwein, oder?
Wie fängt man den Berliner Löwe
Wie fängt man eine Löwin? Netzfund ohne Urheberangabe
  • Das Institut für Tierpathologie in Berlin untersucht Haare, die an einem Baum gesammelt wurden und vom gesuchten Tier stammen sollen. „Anhand dieser Haare werden wir ziemlich sicher rausbekommen, was das für ein Tier war, welches die Haare dort hinterlassen hat“, sagte der Institutsdirektor Achim Gruber der Deutschen-Presse-Agentur.
  • 14:00 Uhr: Grubert sagt: „Nach allem menschlichen Ermessen gehen wir davon aus, dass es keine Löwin ist.“ Der Focus schreibt hierzu: “Es habe mit Hilfe einer Organisation einen Vergleich der Videoaufnahmen mit dem Körperbau einer Löwin gegeben. Zwei Experten hätten dann unabhängig voneinander gesagt, dass auf dem Handyvideo keine Löwin zu sehen sei. Zum Beispiel habe der Verlauf des Rückens des im Video abgebildeten Tieres Erkenntnisse dazu gebracht.“
    „Es gibt nicht einen Hinweis, der zu irgendeiner Annahme geführt hat, es könnte sich um eine Löwin handeln oder eine Wildkatze, eine große“, schließt Grubert den Fall ab.

Erste Bilanz der Berliner Polizei

  • 16:35 Uhr: Die Berliner Polizei zieht Bilanz. Im Schnitt waren rund 200 Polizisten an dem Einsatz durchgehend beteiligt. Neben Drohnen waren auch Spürhunde und Hubschrauber beteiligt. Berlins Polizeisprecherin Beate Ostertag antwortete auf die Frage nach den Kosten:
    „Es gab Hinweise auf eine akute Gefahrenlage“, sagte Ostertag. Die Polizei sei „im Rahmen des gesetzlichen Auftrages zur Gefahrenabwehr“ und in Amtshilfe für das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf aktiv gewesen.
Der Berliner Löwe
Die Katze bzw. die Sau ist aus dem Sack: Der Berliner Löwe ist ein Wildschwein
  • 16:45 Uhr: Auch das angeblich gerissen Wildschwein ist nicht auffindbar. Die Pressesprecherin der Gemeinde Kleinmachnow sagte zu Focus-online: „Die Nachricht über das gerissene Wildschwein geht auf Berichte zurück, dass das Tier, das, wie sich nun herausstellt, fälschlicherweise keine Löwin ist, angeblich einem anderen Tier nachgelaufen sein soll, bevor es im Busch verschwand.“ Es gibt keine Hinweise auf gerissenes Wild.
  • Kot- und Haarproben sind am Freitagmorgen ins Leibniz-Institut nach Berlin gegangen. Die Analyse hiervon soll Samstagvormittag vorliegen.
  • Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) meldet sich zu Wort. Der Bundesvorsitzende Jochen Kopelke sagte: „Es ist völlig klar, dass die Polizei Hilfe leistet, wenn es zu einer gefährlichen Situation aufgrund eines entflohenen Wildtieres kommt.“
  • 19:32 Uhr: Der Urheber des Videoclips, der die ganze Aktion ausgelöst hat, meldet sich zu Wort. Der 19-jährige Nico M. aus Kleinmachnow sagt gegenüber t-online, dass er sich nicht vorstellen könne, ein Wildschwein statt einer Löwin gefilmt zu haben.

Weitere Meldungen hat der Freitag nicht zu bieten.

 

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Geparde in der Savanne

„Die majestätischen Geparden, die schnellsten Landtiere der Welt, ziehen uns mit ihrem atemberaubenden Anblick in ihren Bann. Doch wie leben sie in ihrer natürlichen Umgebung, der afrikanischen Savanne? In ‚Geparden in der Savanne‘ nimmt uns der Autor mit auf eine fesselnde Reise in die Lebensräume und den Lebensstil dieser eleganten Jäger. Wir erfahren, wie Geparden in der Savanne jagen, kommunizieren und sozial interagieren. Wir beobachten ihre Beziehungen zueinander, ihre Familienstrukturen und ihr Überleben in einer rauen Umgebung.

Diese Reise in die Welt der Geparden wird Tierliebhaber und Abenteurer gleichermaßen begeistern. ‚Geparden in der Savanne‘ ist ein einzigartiges und faszinierendes Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte.“

 

Geparde in der Savanne ist im März 2023 bei Jaltas Books in deutscher Sprache erschienen. Es liegt im Din A5-Format vor.

 

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Samstag, 22.07.2023 am Morgen

Hierarchisch höher gestellte Leute (die „Großkopferten“), die abgewartet hatten, wie sich die Situation entwickelt, kriechen nun aus ihren Löchern und beginnen mit der politischen Aufarbeitung des „Berliner Löwen“.
Natürlich wissen sie hinterher alle, wie man sich hätte verhalten sollen.

  • Der Brandenburger Innenminister Michael Stübgen stellt sich hinter die Polizei. Er hält die Maßnahmen für erforderlich, fährt sie aber jetzt zurück.
    „Nachdem alle Suchmaßnahmen keine weiteren Hinweise auf eine Löwin erbracht haben, können wir verantworten, den Kräfte-Ansatz jetzt anzupassen“, sagte Stübgen dem Focus. „Wir bleiben aber vorerst mit einer verstärkten Polizeipräsenz vor Ort und sind für die Bürger jederzeit ansprechbar.“
Berliner Polizei
Berliner Polizei (Symbolfoto)
  • Der Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Heiko Teggarz gab der Bild-Zeitung ein Interview, in dem er pointiert die Kosten kritisiert: „Bei diesem Einsatz handelt es sich zweifelsfrei um die teuerste Safari, die es in Deutschlands Wäldern je gegeben hat.“ Er fordert: „Man hätte SOFORT Forensiker beauftragen müssen, die erkennen, ob das eine Großkatze oder ein Wildschwein ist.“
    (Anm. d. Red.: Eine einfache Bildanalyse hätte gereicht. Ob ein Forensiker sich so gut mit Wildschweinen und Löwen auskennt, können wir nicht beurteilen.)
  • Bei den Kosten der Aktion stehen auf einmal € 220.000,- im Raum. Wichtiger ist jedoch, dass viele Berliner und Brandenburger Polizisten deswegen weitere Überstunden machen mussten, die sie vermutlich kaum abfeiern können.
  • Die Analyse der Kot- und Haarproben verzögert sich. Das Ergebnis soll am Montag veröffentlicht werden.

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