Der Beutelwolf im Frühjahr 2023 – Viel Neues zu einer alten Tragödie

Lesedauer: etwa 14 Minuten
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Rückblick auf 2021: Vermeintlich nichts Neues zum Beutelwolf aus Tasmanien

Vor zwei Jahren, am 7. September 2021, schrieben wir an dieser Stelle, als sich das Verscheiden des letzten Beutelwolfs zum 85-ten Mal jährte, dass es aus Tasmanien zum Beutelwolf nichts Neues gäbe. Angebliche Beutelwolf-Videos entpuppten sich mal wieder als viel Wind um Nichts. Die Diskussion um den so genannten “Adamsfield-Kadaver” war zu konfus, um daraus wissenschaftlich Gehaltvolles herauszuziehen. Und ein Paper, das das mögliche Aussterbedatum aufgrund von neuen Schätzungen nach hinten verschob, hatte den Peer-Review-Prozess noch nicht durchlaufen.

 

Mögliche Aussterbensereignisse des Beutelwolfes nach Jahren
Die Abbildung stammt aus dem oben genannten Paper, sie zeigt eine potenzielle Verbreitung in zeitlicher Abfolge

 

Das war vor zwei Jahren. Doch in dieser Zeit ist einiges passiert, was viele der oben genannten Punkte betrifft. Und noch ein bisschen mehr.

 

Doch der Reihe nach.

 

“Benjamin” war nicht der Letzte

Trotz neuer Videos keine Änderung am Status Quo

Die erste große Neuigkeit ging schon im Dezember 2022 durchs Netz. Tatsächlich war “Benjamin” nicht der letzte Beutelwolf. “Benjamin”, der zu Lebzeiten nie so hieß, noch von irgendjemandem so genannt wurde, war ein Männchen, das Anfang der 1930er Jahre im „Beaumaris Zoo” in Hobart verweilte und von dem es viele Fotos gibt. Auch die berühmte Filmsequenz ist von ihm. Hier spannt er sein Maul weit auf. Offenbar als Drohgebärde. Sie wird immer wieder in Dokumentationen gezeigt. Dr. David Fleay hatte sie am 19. Dezember 1933 gemacht. Und wurde dabei auch vom gestressten Beutelwolf in das Gesäß gebissen (Thylacine Museum-b). Der Fleay-Film ist nicht nur die längste Aufnahme vom Beutelwolf, sondern wurde lange auch als die letzte Filmung eines lebenden Beutelwolfs gehandelt (Thylacine-Museum-c). Doch 2020 sind zwei neue Beutelwolf-Videos aufgetaucht. Eines zeigt den Video-„Stammgast“ Benjamin und datiert vermutlich auf das Jahr 1935 (Thylacine-Museum -d). Doch kurz zuvor hatte man bereits ein weiteres kurzes Video entdeckt. Es stammt ebenfalls aus dem besagten Zoo von Hobart, zeigt aber einen anderen Beutelwolf. Es soll zwischen 1933 und 1936 gemacht worden sein (Thylacine Museum – e).Trotzdem. Die neuen Videos bewegten erstmal nichts am Status quo, der da war:

 

„Benjamin“ war der letzte greifbare Vertreter seiner Spezies.

 

Zwei Beutelwölfe
Zwei Beutelwölfe im Beaumaris Zoo, noch in gutem Zustand

 

Sang- und klangloses Verschwinden?

Doch das änderte sich nun schlagartig in jenem besagten Dezember 2022. Robert Paddle von der Australian Catholic University und Kathryn Medlock, ehrenamtliche Kuratorin für Wirbeltier-Zoologie am Tasmanian Museum & Art Gallery warteten nämlich mit einem sensationellen Fund auf. Denn sie entdeckten in ebendiesem Museum das gut konservierte Fell eines Beutelwolfs, das auf das Jahr 1936 datierte. Das an sich wäre schon eine Schlagzeile wert. Denn all die Jahre zuvor hatten viele Kuratoren und Forscher trotz vergeblicher Suche nichts gefunden. In der Zoologischen Sammlung gab es keine Überreste eines Beutelwolfs, die auf das enigmatische Jahr 1936 datierten. Und so ging man davon aus, dass Benjamins Kadaver nach seinem Dahinscheiden einfach sang- und klanglos entsorgt wurde (Tasmanian Museum of Art Gallery). Denn damals hatte sein Tod nicht so viele Personen interessiert wie heute.

 

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Bestiarium: Zeugnisse ausgestorbener Tierarten

Nach dem erfolgreichen «Herbarium der Entdecker» nun das bibliophile Werk zur Vergangenheit der Tierwelt. Großformat und außergewöhnliche Bebilderung machen das «Bestiarium» zum idealen Geschenkband für Tierfreunde. Mammut, Dodo, Höhlenbär und Beutelwolf waren einst weit verbreitet und regen heute nur noch als Fabeltiere unsere Fantasie an. Über Jahrtausende haben Menschen Tiere bis zur Ausrottung gejagt, ihre Habitate zerstört und empfindliche Ökosysteme erheblich beeinträchtigt.

Warum ist ein so großes Raubtier wie der Java-Tiger ausgestorben?

Was geschah mit dem Lachkauz?

Und wie konnten Nilbarsche im Victoriasee ein ökologisches Desaster auslösen?

Das «Bestiarium» gibt Antworten auf diese und viele weitere Fragen. Im Zentrum dieses reich bebilderten Werkes steht das Schicksal von 69 Tierarten, die in den letzten 50 000 Jahren wegen uns Menschen verschwunden sind. Die Fotografien zeigen, was von ihnen noch übrig geblieben ist, und ihre Geschichten erzählen von den großen Wellen des Artensterbens in der Vergangenheit und machen Hoffnung, dass es vielleicht noch nicht zu spät ist, um dem nächsten großen Artensterben Einhalt zu gebieten.

 

Das Bestiarium: Zeugnisse ausgestorbener Tiere hat 168 großformatige Seiten und ist als gebundenes Buch 2014 im Haupt Verlag erschienen. Es ist nur noch antiquarisch erhältlich, für gute Exemplare zahlt man zwischen 40 und 50 Euro.

 

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Der Teufel steckt im Detail – und – Ende einer jahrzehntelangen Suche

Doch dann kam den beiden Forschern dieser eine Bericht des Museums-Präparators William Cunningham unter. Hier stand, dass er 1936/37 an einem Beutelwolf gearbeitet hatte (Tasmanian Museum of Art Gallery)! Doch damit nicht genug. Denn Cunningham gab dabei auch zu Protokoll, dass der letzte, 1936 verstorbene Beutelwolf dem Museum geschenkt worden ist (Der Standard vom 10. Dezember 2022). Der letzte Beutelwolf musste sich also in der Obhut des Museums befinden!

Sofort machten sich Paddle und Medlock daran, alle Beutelwolfhäute – und Skelette des Museums zu untersuchen. Ein wichtiges Detail, dass das Präparat eben nicht an die zoologische Sammlung adressiert, sondern für Lehrzwecke in der damals neuen Bildungsabteilung des Museums bestimmt war. Und so fanden sie das begehrte Objekt schnell (Tasmanian Museum of Art Gallery) in einem Museumsschrank. Hier warteten das Skelett und das präparierte Fell des letzten Beutelwolfs seit Jahrzehnten auf ihre Entdeckung (Der Standard vom 10. Dezember 2022).

 

Fell des letzten Beutelwolfes
Fell des letzten bekannten Beutelwolfes, präpariert 1936/37. Foto: TMAG

 

Und jetzt kommt die eigentliche Sensation.

 

Der letzte Beutelwolf war nicht Benjamin!

Das Fell des Beutelwolfs aus dem Jahre 1936 war ein Weibchen! Benjamin war jedoch nachweislich ein Männchen! (Thylacine-Museum – b). Will sagen: “Filmstar” Benjamin aus dem Beaumaris Zoo war nicht der letzte Beutelwolf! Denn das Weibchen kam, so Robert Paddle, erst im Mai 1936 in den Beaumaris Zoo in Hobart. Er lebte dort nur für einige Monate, Filme und Fotos sind von ihm (noch?) nicht bekannt. Es war ein altes Weibchen, das von dem Trapper Elias Churchill im Florentine Valley gefangen worden war. Churchill verkaufte das gefangene Tier an den Zoo. Doch der Verkauf war nicht aufgezeichnet. Denn 1936 war das Fallenstellen bereits illegal, und Churchill wollte wohl einem Bußgeld entgehen. “Es ist eine bittersüße Tatsache, dass das Geheimnis um die Überreste des letzten Beutelwolfs gelöst und als Teil der Sammlung des Museums entdeckt wurde“, so resümierte Museumsdirektorin Mary Mulcahy diese außergewöhnliche Entdeckung (Tasmanian Museum of Art Gallery).

Doch mit der Tatsache, dass von nun an feststand, dass der letzte Beutelwolf nicht „Benjamin“ war, hatten wohl nur die Wenigsten gerechnet. Wahrlich eine Sensation in einer Sensation.

 

Beutelwölfe im Beaumaris Zoo
Zwei Beutelwölfe im Zoo

 

Wer fing den letzten Beutelwolf? – Endlich Klarheit in einer langen Debatte

Tatsächlich bringt die Entdeckung des Fells viel Licht ins Dunkel der Debatte. Die Details zum Churchill-Fang sind nicht neu. Mitunter wurde Churchill der Fang von “Benjamin” angerechnet. Doch passen die Details zum Fang eines anderen Tieres im Jahre 1931, dem “Kaine-Wolf” (weil gefangen von den Töchtern des Schäfers James Kaine) viel besser zu den Eigenheiten von Benjamin. Denn die überlebende Tochter berichtete von einem Fuß, der durch die Falle beschädigt worden war. Und Benjamin hatte einen klaren Abdruck einer Falle am rechten Hinterlauf (für das Foto, sie Thylacine Museum – f – unten). So wurde Benjamin nun als Kaine-Wolf identifiziert.

 

Der letzte Beutelwolf im Beaumaris Zoo
„Benjamin“ ist der Kaine-Wolf und nicht der letzte bekannte Beutelwolf

 

Lange rätselte man jedoch, wie dann nun Churchills Bericht in das Szenario hineinpasste. Denn Churchill will ebenfalls einen alten Beutelwolf in den 1930er gefangen und in den Zoo nach Hobart gebracht haben. Und er insistierte, dass er den letzten Beutelwolf gefangen hatte. Doch vermutete man, dass Churchill etwas verwechselt hat und sich bei seinen Fängen in Wirklichkeit auf frühere Jahre bezog (für die ganze Debatte, Siehe Thylacine-Museum – a – beide Links).

Zwei Versionen – eine Wahrheit

Doch jetzt, mit der neuen Entdeckung, macht Churchills Version plötzlich wieder Sinn. Und steht dann auch nicht mehr im Widerspruch zum Kaine-Wolf, im Gegenteil. Sie ergänzen sich: Denn beide Geschichten beziehen sich auf unterschiedliche Tiere. Sind dann also auch beide wahr.

 

Ein Geheimnis gelüftet – und neue Probleme. Wann starb Benjamin?

Zu schön, um wahr zu sein? Tatsächlich stößt die Lösung eines Rätsels gleich die Tür zum Nächsten auf. Denn wenn der letzte Beutelwolf, der am 7. September 1936 im Beaumaris Zoo das Zeitliche segnete und damit das offizielle Ende seiner Spezies markierte, nicht „Benjamin“ war, was ist dann mit „Benjamin“ passiert? Wann ist er gestorben?
Die Quellen der Presse berichteten hier mal wieder nicht sauber. Laut LiveScience zufolge starb Benjamin schon drei Jahre zuvor, im Jahre 1933 (LiveScience vom 14. Dezember 2022). Doch der Link, der angeblich auf das besagte Todesdatum verweist, sagt überhaupt nichts über den Tod Benjamins aus. Mit dem Jahr 1933 ist hier lediglich wieder der Fleay-Film gemeint. Denn dieser wurde 2021 in einer aufwändigen, 200-stündigen Arbeit von Samuel François-Steininger anlässlich des 85-jährigen Jubiläums von „Benjamins“ Todestag in Farbe aufbereitet. Darum geht es in dem Link. Die Farbversion des Fleay-Films ist wirklich spektakulär, aber trotzdem fällt in dem verlinkten Artikel kein Wort zum Todestag von Benjamin (Siehe hierzu: LiveScience vom 9. September 2021). Der Standard gibt uns ein alternatives Datum. So starb Benjamin wahrscheinlich 1935” (Der Standard vom 14. Dezember 2022). Doch auch hier bleibt man uns die Erklärung schuldig, woher man diese Zahl hat.

 

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Ausgestorbene Tiere

Benjamin, Martha und Lonesome George teilen dasselbe Schicksal: Sie waren sogenannte »Endlinge«, die Letzten ihrer Art. Der Beutelwolf Benjamin starb 1936 in einem Zoo auf Tasmanien. Mit Martha endete die Linie der Wandertauben. Und der einsame George, Symbolfigur der Galapagosinseln, besiegelte die Geschichte der Pinto-Riesenschildkröten. Seit dem Tod dieser letzten Vertreter ist ihre Spezies für immer und unwiederbringlich verloren.
Anhand von historischen Illustrationen herausragender Maler wie John James Audubon oder John Gould erinnert dieses Buch an die Schönheit von fünfzig ausgestorbenen Tierarten und erzählt Bemerkenswertes zu ihrer Biologie und Naturgeschichte, ebenso wie Anekdoten und Kurioses, speziell über ihre Beziehung zum Menschen. Eindrücklich führt es uns auf diese Weise die Verluste vor Augen, die die Tierwelt durch unseren zerstörerischen Umgang mit der Natur bereits erlitten hat, bewahrt heutzutage unbekannte Spezies wie Riesenalk oder Quagga vor dem Vergessen und ist zugleich Ansporn, weiteres Artensterben zu verhindern.

 

Bernhard Kegel ist wohl der aktuell angesagteste Bio-Lesebuchautor im deutschsprachigen Bereich. Sein Buch „Ausgestorbene Tiere“ ist im Oktober 2021 bei DuMont erschienen und hat gebundene 160 Seiten.

 

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Benjamin – 1936 noch am Leben

Ein großer Teil des heutigen Wissensstandes kann schnell auf der Homepage des virtuellen Thylacine Museum eingesehen werden. Und ein Abgleich zeigt schnell, dass diese Information auch nicht stimmen kann. Denn Benjamin wurde auch noch im Mai 1936 von einem jungen Fotografen namens Ben Sheppard fotografiert (in mancher Quelle schreibt man auch Shepherd). Die Beutelwolf-Experten Campbell, Gordon und Sleightholme haben das Streifenmuster dieses Tieres aus dem Jahre 1936 mit jenen von Benjamin im Fleay-Film aus dem Jahre 1933 verglichen. Das Resultat zeigte eine perfekte Übereinstimmung. Will sagen: Benjamin und das Tier, das Sheppard im Mai 1936 fotografiert hat, waren identisch. Und das will sagen: Benjamin war im Mai 1936 noch am Leben! Was passierte also mit Benjamin?

 

 

Ein neues Paper vom Mai 2023 – endlich (ein bisschen mehr) Klarheit zum Tod von Benjamin!

Am 1. Mai diesen Jahres haben Robert Paddle und Kathryn Medlock, die Finder des letzten Beutelwolfs, die wissenschaftlichen Ergebnisse ihrer Entdeckung in einem Paper des Australian Zoologist veröffentlicht. Und das gibt auch endlich Aufschluss über diese Frage. Norman Laird, Naturforscher aus Hobart, kaufte seinerzeit einen Abzug des Sheppard-Fotos mit “Benjamin”. Er wollte es in einer Monografie über den Beutelwolf verwenden. Und erhielt die Erlaubnis für den Nutzen des Fotos. Das Buch wurde nie fertiggestellt, aber der Autor hinterließ zahlreiche Aufzeichnungen zum Beutelwolf. Unter anderem auch folgendes Detail: Sheppard habe ihn darüber informiert, dass “das Tier, einen Tag nachdem es fotografiert wurde, gestorben ist”. Weiter heißt es: Das Foto zeige “das Tier in keiner guten Kondition, tatsächlich ist das Subjekt auf dem Foto abgemagert” (Laird zitiert nach Paddle & Medlock, 2023, C). Der genaue Todestag wurde nicht aufgezeichnet, aber er ereignete sich wohl zwischen dem 12. und dem 19. Mai.

 

Beutelwolf im Beaumaris Zoo
Das oben zitierte Foto, im Mai 1936 von Ben Sheppard im Beaumaris Zoo aufgenommen. Der schlechte Zustand des Tieres und des Geheges ist erkennbar.

 

Es würde passen, denn zu dieser Zeit beklagte Alison Reid, Tochter des ehemaligen Direktor des Beaumaris Zoos Arthur Reid, die erbärmlichen Zustände, in der man den Zoo und vor allem den Beutelwolf hinterlassen hatte. (Paddle & Medlock, 2023, C)

 

Alison Reid und Benjamin – zwei Schicksale auch weiterhin tragisch vereint

Alison Reid and Mike, the leopard she raised as a cub.(State Library of Victoria: H37687 17)
Alison Reid und Mike, eine Leoparden-Handaufzucht im Beaumaris Zoo. (State Library of Victoria: H37687 17)

Die Große Depression und der Tod des langjährigen Leiters, Arthur Reid, hatten dem Betrieb einen großen Schaden zugefügt, von dem er sich nicht wieder erholen sollte. Tochter Alice tat ehrenamtlich, was sie konnte, doch konnte sie auch das Unvermeidliche nicht verhindern. Der Zoo kam aus den Händen der Familie, und in die Verantwortung eines Bruce Lipscombe vom Reserve Committee. Und nun hatte er nur noch einen professionellen Pfleger, der Vollzeit beschäftigt war. Alle anderen erfahrenen Wärter wurden auf Teilzeit oder gleich auf die Straße gesetzt. Stattdessen übernahmen die Säuberung der Käfige und Fütterung der nicht gefährlichen Tiere nun unqualifizierte Empfänger der Arbeitslosenhilfe, die sich dort mit der Tätigkeit ihre Quoten für die staatlichen Hilfen erarbeiteten. Alice und ihre Tochter durften zwar weiterhin mietfrei auf dem Gelände des Beaumaris Zoo leben. Aber sie konnte die Gesundheit der Tiere nicht mehr überwachen. So blieb ihr nichts, außer die Beschwerden über die schlechten Zustände dem Stadtdirektor vorzutragen.

 

Beaumaris Zoo Ruinen
Der Zustand des Eingangs des Beaumaris Zoo 2007, die Ruinen der Anlagen existieren heute noch. Foto: MagicFlute1983, CC-BY-SA 4.0

 

Dieser wandte sich dann tatsächlich in ihrem Interesse an Bruce Lipscombe und forderte ihn dazu auf, für die veterinäre Versorgung der Tiere aufzukommen. Und am 13. Mai 1936 sagte er auch explizit, dass man mit der täglichen schlechten Behandlung des Beutelwolfs aufhören sollte.

Lipscombe war offenbar über diese Rüge vom Senior Management so verärgert, dass er von nun an von der arbeitslosen Alison ein Pfund pro Woche zur Miete verlangte. Und damit zwang er sie und ihre Mutter, den Beaumaris Zoo am 2. Juni 1936 zu verlassen. Und während Alice´s letzten Wochen im Zoo war Benjamin, nun der vorletzte offizielle Beutelwolf, gestorben (Paddle & Medlock, 2023, C).

 

Der letzte Beutelwolf – viel Elend, wenig Wildheit

Und nur kurz darauf, am 20. Mai 1936, traf der letzte bekannte und von Churchill gefangene Beutelwolf im Zoo ein. Und auch ihm erging es in dem verwahrlosten Zoo nicht besser als seinem Vorgänger. In der Abwesenheit von Alison Reid, und in Abhängigkeit von unqualifizierten, zwangsverpflichteten Arbeitslosen war niemand da, um den neuen, frisch aus der Wildnis entnommenen, Beutelwolf an das Leben in Gefangenschaft zu gewöhnen.

Die soziale Aktivistin Edith Waterworth besuchte den Zoo kurz nach seiner Ankunft, um ihn zu sehen. Und dann noch einmal kurz vor seinem Tod. Der Anblick, der sich ihr dann darbot, hinterlässt ein trauriges Zeugnis für die Nachwelt: “Die erstarrte Hoffnungslosigkeit, die sein Gesicht und der ganze Körper ausdrücken, würden das Herz einer jeden Person berühren … seine Wildheit war vorbei, es hatte sich geweigert, zu fressen … und mit dem Lauf der Zeit wird es schließlich sterben.” (Waterworth, 1917, zitiert nach Paddle und Medlock, 2023, D).

Es gibt wohl kein besseres Schlusswort als dieser resignierte Beitrag einer Zeitzeugin, die das “Häufchen Elend”, das in seinem engen Gehege nur noch, als ein Schatten seiner selbst vor sich hin vegetierte, in seiner hoffnungslosen Lage besser zum Ausdruck bringt als Waterworth traurige Prognose. Sie hatte 1936 wohl wirklich das Verleben des letzten bekannten Beutelwolfs vor Augen.

 

Tasmanien
Waldweg durch die tasmanische Wildnis

 

Wirklich die Letzten ihrer Art? Was geschah nach 1936

Benjamin und das Weibchen waren zweifelsohne die letzten greifbaren Vertreter ihrer Art. So viel ist sicher. Doch was ist mit der Zeit danach? So klar ist die Sache da keineswegs. Das ist sie nie bei einer aussterbenden Art. Doch wie kann man sich diesem Problem von wissenschaftlicher Seite her nähern?

 

Der 2. Teil dieses Beitrages erscheint heute in 14 Tagen.

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