Der Japanische Fischotter – Versuch eines schwierigen Portraits 1

Lesedauer: etwa 16 Minuten
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Eine Schönheit am Fluss

Nicht gewohnt, in der Dunkelheit zu gehen, dachte Genzo, der beste Weg nach Hause führe entlang des Ufers vom Nosaiji-Fluss. Es war weit mehr als nur ein bisschen unheimlich, so alleine durch die Nacht zu laufen. Keine Menschenseele befand sich in der Nähe…das war zumindest das, was er dachte.

Doch plötzlich beobachtete er Etwas…eine menschliche Gestalt. Die Person war nicht am Laufen, sie stand einfach da, mit dem Gesicht in Richtung Fluss.

“Eine Frau hier nachts, ganz allein”… so murmelte er verwundert vor sich hin.

 

Als er näher kam, bemerkte er, dass die Frau auf sehr elegante Weise schlank war, mit feinen abfallenden Schultern [diese Statur ist traditionell ein ästhetisches Symbol in Japan, sic!]. “Eine wahrhafte Schönheit…” dachte er. “Was für ein Glück hat mir das Schicksal beschert! Eine schöne Frau ganz alleine nachts am Fluss zu treffen. Ich muss ihr Gesicht sehen!”

Spurloses Verschwinden in den Fluten

Er näherte sich der Gestalt, und sein Herz schlug vor Vorfreude schneller, doch dann…PLATSCH! Da verschwand sie im Fluss.

“WAS IN ALLER WELT?!” Überrascht schnellte Genzo runter zum Wasser und spähte nach unten. Nichts. Nicht einmal eine Welle.

“Warte einen Moment. Vor ein paar Sekunden stand hier noch eine schöne Frau mit abfallenden Schultern, genau hier! Ich bin mir sicher!”

Genzo dachte, alles war so komisch war, das ihm gerade passiert war…vermutlich war er von einem Fuchs getäuscht worden.

 

Japanischer Fluss bei Nacht
Genzo dachte “Warte einen Moment. Vor ein paar Sekunden stand hier noch eine schöne Frau mit abfallenden Schultern, genau hier! Ich bin mir sicher!”

 

Eine Frau?

Als er nach Hause kam, wollte er Allen von seinem seltsamen Erlebnis erzählen, aber er zögerte, denn er hatte Zweifel, dass man ihm Glauben schenken würde.

 

Aber eines Tages gestand Genzo sein seltsames Erlebnis nun doch einem Freund. Er beschrieb, was er gesehen hatte, eine elegante dünne Frau mit schönen abfallenden Schultern mit Blick auf den Fluss, und die alsbald mit einem Platschen im Wasser verschwand.

 

Nachdem er die Erzählung von Genzo gehört hatte, wandte sich der Freund ihm zu und sagte ihm: “Es war keine Frau, es war ein Fischotter!”

Ein Japanisches Volksmärchen aus Tsuchiura

(erzählt nach Avi Landau/Tsuku Blog)

Japanischer Fuchs
Ein schlafender japanischer Rotfuchs, hat er Genzo getäuscht?

Realer “Wassergeist” mit Symbolkraft…

Das japanische Folklore hat ihre Wassergeister. Allen voran ist da der Kappa, eine amphibienartige Kreatur, die die Flüsse bewohnen soll. Doch mit dem Japanischen Fischotter (gegenwärtig noch: Lutra lutra nippon, ehemals: Lutra lutra whiteleyi) hatte die Insel auch einen sehr realen Würdenträger aquatischer Spiritualität. Seine Herrschaft in Japans Flüssen ist, so scheint es, allerdings schon lang vorbei. 1979 wurde das letzte Mal ein Otter in freier Wildbahn dokumentiert (Yoshikawa et. al., 2017: 329). Das vormoderne Japan zollte “seinem” damals noch weit verbreiteten Otter einen gewissen Respekt, sprach ihm sogar Seele und Geist zu (TsukuBlog). Noch heute ist Lutra lutra nippon das offizielle Symbol der Ehime Präfektur (Animal Fandom). Auch die sehr erfolgreiche japanische Manga-Serie Doraemon, deren fiktive Hauptfigur es 2008 zum Kulturbotschafter Japans brachte, widmete den japanischen Fischottern eine ganze Folge (Staffel 8, Folge 8).

Japanischer Fischotter
Historisches Bild des Japanischen Fischotters von Kanno Tayo zwischen 1635 und 1642

 

…und wissenschaftliches Anliegen der Nation

Japans Wissenschaft war indessen stets bemüht, die Eigenständigkeit “ihres” Otters hervorzuheben. Japans bekannter Zoologe Yoshinori Imaizumi, der sich auch schon bei Japans kleiner, endemischer Wolf-Unterart Canis lupus hodophilax für den eigenen Artstatus ausgesprochen hatte (Knight, 1997: 135), vertrat dieselbe Position auch in einer morphologischen Studie über den Japanischen Fischotter (Imaizumi & Yoshiyuki: 1989).
Zumindest wäre das der Fall für die Exemplare von den Inseln Honshū und Shikoku. Diese klassifizierte er von nun an als Lutra nippon, während er die Exemplare aus Japans Nordinsel Hokkaido weiterhin als Unterart des Eurasischen Fischotters sah und sie in geläufiger Weise als Lutra lutra whiteleyi führte (Waku & Sasaki, 2016).

 

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In den altjapanischen Mythen spiegeln sich die Facetten einer faszinierenden ostasiatischen Kultur, die Mentalität und Weltsicht des modernen Japan bisweilen immer noch prägt. Die ‚Aufzeichnung alter Geschehnisse‘ und die ‚Annalen Japans‘, beide im 8. Jahrhundert n. Chr. entstanden, erzählen in kraftvoller, bildreicher Sprache von den Schöpfergottheiten, vom Anfang der Welt und den zahllosen Abenteuern, die zu bestehen waren, ehe die Macht von den Göttern auf die Menschen übergehen konnte. Für diesen Band hat die Japanologin Nelly Naumann die alten mythischen Texte neu übersetzt und mit höchst anschaulichen Erklärungen und Informationen versehen.

 

Die Mythen des alten Japan ist ein tiefgründiges, komplexes Buch. Es hat 320 Seiten und ist 2011 beim Anaconda-Verlag erschienen.

 

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Ein späteres Paper gab ihm Recht, was die Eigenständigkeit des Japanischen Fischotters betrifft. Hierbei wurden die mitochondrialen Cytochrome eines 30-Jahre alten ausgestopften Exemplars untersucht. Die Sequenzen zwischen dem Japanischen Otter und dem Eurasischen Fischotter waren demnach sogar grösser als jene zwischen zwei getrennten Spezies der Gattung Mustela. Explizit bezog sich dieses Paper daher schon beim Japanischen Fischotter auf den Namen einer eigenen Art, Lutra nippon.
Die Autoren betonten allerdings auch, dass eine längere Gensequenz notwendig sei, um das Verhältnis zwischen dem Japanischen und dem Eurasischen Fischotter eindeutig zu klären. Und hier könne nur ein frisches Sample Abhilfe verschaffen (Suzuki et. al., 1996: 625).

Produkt der geographischen Isolation?

Aus ebendiesem Grund mahnen rezente Studien, die sich mit dem Problem befassen, zur Vorsicht (Roos et. al., 2015). Doch auch kommen nicht umhin, eine ältere phylogenetische Otterlinie in Betracht zu ziehen, die sich vom Eurasischen Otter Lutra lutra unterscheidet. Interessanterweise unterscheiden sich die Japanischen Otter von ihren „Nachbarn“, den eurasischen Fischottern auf der koreanischen Halbinsel sogar noch stärker als die „Koreaner“ von ihren Artgenossen in Eurasien. Offenbar war die japanische Population sehr lange geographisch isoliert. (Han Chan et. al., 2019: 231 – 232).

Verbreitung der beiden Wolfsunterarten in Japan
Verbreitung der beiden Otter(unter)arten in Japan. Vermutlich besiedelten sie auch die küstennahen Inseln, dies ist jedoch oft nicht belegt

Dazu würde passen, dass das ehemalige Verbreitungsgebiet dieser Linie nicht die Nordinsel Hokkaido mit einschloss (Han Chan et. al., 2019: 228). Hokkaido war offenbar für neuerliche Besiedelungen vom asiatischen Festland weitaus leichter zu erreichen. In dieselbe Richtung weist auch ziemlich klar der genetische Status von Japans Wölfen, welche ebenfalls zwei verschiedene Abstammungslinien repräsentieren und sich die Nordinsel Hokkaido und die Südinsel Honshū klar untereinander aufteilten. So wie es gegenwärtig aussieht, gehörte Honshūs „Bonsai-Wolf“ Canis lupus hodophilax auch einer älteren Stammlinie an (wir berichteten). In diesem Sinne würde auch der Japanische Fischotter die geographische Isolation von Honshūs einheimischen Tierpopulationen dokumentieren.

Sympatrische Koexistenz?…

Allerdings stellt sich die Situation bei Japans Ottern nicht ganz so klar dar wie bei Japans Wölfen. Eine Studie aus dem Jahre 2016 kam zu dem paradoxen Ergebnis, dass sogar in Japans isolierter Insel Honshū dereinst offenbar zwei verschiedene Otter-Abstammungslinien existiert haben. Denn ein aus der Präfektur Jogashima (Westen von Honshū) stammendes Präparat wurde von den Autoren dem Eurasischen Fischotter zugeordnet, das sich von dem Vertreter des Japanischen Fischotters unterschied! (Waku et. al., 2016. zitiert nach Han Chan et. al., 2019: 232)
Es wird angedacht, dass es auf Japans südlichen Inseln parallel zwei verschiedene Otter-Arten (oder Unterarten) gegeben hat, die durch reproduktive Barrieren voneinander getrennt waren. In der Biologie nennt man so etwas Sympatrie. Daraus würden sich dann auch die festgestellten Unterschiede der beiden japanischen Exemplare erklären (Han Chan et. al., 2019: 232).

… fragwürdig

Gleichzeitig dämpft die Studie diese optimistischen Erwartungen. Erstens fehlt für eine Sympatrie jeder weitere Beweis. Auch eine Landbrücke vom Kontinent über die Nordinsel Hokkaido zum Fundort im Honshū hat es zur datierten Zeit des Otters nicht gegeben (Waku & Sasaki, 2016).
Ferner ist nicht klar, ob das untersuchte Präparat des Eurasischen Otters überhaupt ursprünglich aus der Region stammt oder eingeschleppt wurde (Waku et. al. zitiert nach Han Chan et. al., 2019: 233). Am Fundort florierte dereinst die Tiefseefischerei und so könnte der Otter in Booten vom Kontinent her nach Japan gelangt sein (Waku & Sasaki, 2016). Es hilft dabei nicht wirklich, dass nur wenige Präparate zuverlässige Information über ihre Herkunft haben (Han Chan et. al., 2019: 229). Sofern also nicht mehr Vergleichsobjekte aus derselben Region vorliegen, ist der Standpunkt zweier verschiedener Otter-Populationen nicht legitim.

Japanischer Fischotter auf einer Briefmarke
Aquarell auf einer Briefmarke von 1974

 

Nach wie vor: ungeklärter Status der japanischen Fischotter

Ganz allgemein muss zur systematischen Einordnung des Japanischen Fischotters gesagt werden: Es steht zwar fest, dass es genetische Unterschiede zwischen dem Japanischen Fischotter und seinen Eurasischen Vettern gibt. Ob diese Unterschiede allerdings ausreichen, um von einer eigenen Art zu sprechen, lässt die gegenwärtige Beweislage schlicht und ergreifend nicht zu. Es steht der Wissenschaft einfach nicht genug stichhaltiges Probenmaterial zur Verfügung, das eine solche Schlussfolgerung zulassen würde.
Daher wird vorerst davon abgeraten, den Japanischen Fischotter als Vertreter einer regionalen, endemischen Spezies zu klassifizieren (Han Chan et. al., 2019: 232 – 233). Wie gesagt: Erst mehr (und frischere) Samples könnten Lichts ins Dunkel bringen. Vorerst bleibt der Status des Japanischen Fischotters also ungeklärt.

 

 

Nominale taxonomische Stellung der japanischen Fischotter

Der japanische Fischotter entspricht weitgehend morphologisch vom eurasischer Fischotter. Er ist etwas länger als große Individuen eurasischer Fischotter und sein Schwanz ist mit 60 bis 70% der Körperlänge deutlich länger (53 bis 60% beim eurasischen Fischotter). Die 1989 erfolgte Artbeschreibung basierte vor allem auf dem Schädel. Er ist kräftig gebaut mit großem Gesichtsschädel. Die Lage einiger Fenster wie des Foramen ovale unterscheidet sich vom eurasischen Fischotter. Auch einige wichtige Proportionen sind anders. In der Erstbeschreibung wird eine andere Form des „Rhinaliums“ erwähnt. Dies ist vermutlich ein Übertragungsfehler des Wortes „Rhinarium“, des Nasenspiegels. Er zieht sich beim japanischen Fischotter höher die Nase herauf.

 

Auch genetisch gibt es Unterschiede. Nach der Erstbeschreibung von 1989, wurde 1996 das Cytochrom b-Gen untersucht, da nur ein unvollständiges Genom vorlag und Sequenzierungen damals aufwändig, langwierig und teuer waren. Dieses Gen ist ein sehr altes Gen, das bei verwandten Arten nur wenige Unterschiede aufweist. Für Marder hat man einen Unterschied von mindestens 3,5% im gesamten Genom als Mindestdifferenz zur Unterscheidung zweier Arten festgelegt. Der japanische Fischotter unterscheidet sich im Cytochrom b-Gen um 3,6% vom eurasischen Fischotter.
Gemeinsam mit den Unterschieden am Schädel und dem längeren Schwanz reicht das für eine formale Art-Unterscheidung aus. Da die japanischen Fischotter (fast?) ausgestorben sind, sind Kreuzungsexperimente nicht möglich.

 

Beide Methoden ergänzen sich und lassen den Japanischen Fischotter berechtigt als eigene Art dastehen. Auch eine Untersuchung von 2019 bestätigt diese Einschätzung. Sie ist hier im Volltext zu lesen.

 

Ein taxonomisches Detail gibt es dennoch anzumerken. Der japanische Fischotter ist zunächst als Unterart des eurasischen Fischotters beschrieben worden. Sein Name lautete Lutra lutra whiteleyi. Bei der Erstbeschreibung der Art verwendeten die Autoren – vermutlich aus patriotischen Gründen – Lutra nippon. (Nippon ist ein traditioneller Name für Japan). Taxonomisch ist das jedoch falsch, wenn eine Unterart in den Artstatus erhoben wird, erlangt der Unterart-Name den Status eines Artnamens. Ein neuer Artname wird nicht vergeben.
Dem entsprechend müsste der Japanische Fischotter Lutra whiteleyi heißen.

 

Die Redaktion

 

 

 

Japans Flüsse ohne Otter
Sein taxonomischer Status bleibt ungeklärt und Japans Flüsse bleiben ohne Otter

 

Unter die Räder auf Japans Weg in die Moderne

Japans politische Moderne war hier mal wieder schneller als die Wissenschaft. Der Japanische Fischotter war auf der Insel früher weit verbreitet. Sogar in den Kanälen und Wasserwegen der Hauptstadt Tokyo soll er einst sehr zahlreich gewesen sein. Seine Anpassung an die aquatische Umwelt wurde ihm jedoch auf Japans Weg in die Moderne zum Verhängnis. Die Liberalisierung des Handels mit dem Ausland machte die warmen Otterpelze zu einem wertvollen Exportprodukt.

 

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Außerdem waren sie bei japanischen Siedlern und Soldaten, die sich in der Kälte von Chinas Mandschurei niederließen, sehr beliebt. Den Tieren stellte man rigoros mit Fallen nach – zu Tausenden wurden sie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts gejagt. Hinzu kamen noch die Zerstörung des Lebensraumes und die Umweltverschmutzung. Flussufer wurden zubetoniert, Pestizide töteten die Lebensgrundlage, Fischernetze und Straßenverkehr machten den Tieren zu schaffen. In fast allen Teilen des ursprünglichen Verbreitungsgebiets waren die Otter nach dem Zweiten Weltkrieg schon verschwunden (TsukuBlog).

Wie so oft bei diesen tragischen Geschichten reduzierte sich der Lebensraum der bedrohten Art bald nur noch auf ein kleines, entlegenes Rückzugsgebiet. Im Falle des Japanischen Otter war das die Kochi-Präfektur auf der südlichen Insel Shikoku.

 

Provinz Kochi
Die Präfektur Kochi liegt an der Südküste der Insel Shikoku

 

Tragischer Showdown in der Kochi-Präfektur

Von dort liegt uns die letzte gesicherte Existenz von Japanischen Ottern vor (TsukuBlog, Scientific American). Wir schreiben das Jahr 1979. Otter tollen in einem Fluss bei der Kleinstadt Susaki am Fluss Shinjo. Die Region weist den höchsten Waldanteil von ganz Japan (ca. 80 %) auf (TsukuBlog). Dennoch wird der Otter in diesen Jahren oft gesehen (Yoshikawa et. al., 2017: 329). Langsam aber sich regen sich in der lokalen Presse auch die Stimmen für den Schutz der Tiere, nachdem man den starken Rückgang der Populationen in den 1960-er Jahren nahezu ignoriert hatte (Yamamoto & Ando, 2011: 33).

 

Kochi
Die Präfektur Kochi ist eine subtropische, aber sehr gebirgige Landschaft

 

Besser zu spät als nie? – das ist heute wieder mal (wie so oft) eine Angelegenheit der Kryptozoologie.

 

Zwei Fischotter im Shinjo-Fluss?

 

Und als wäre dieses Ende nicht schon tragisch genug: es gibt sogar mehrere Fotos von diesem unwiederbringlichen Moment. Sie zeigen Japans letzten dokumentierten endemischen Otter (Yoshikawa et. al., 2017: 329; Scientific American, 2012). Wie eine Auswertung der Fotos und Sichtungsberichte ergab, könnten zwei verschiedene Tiere den Fluss Ende der 1970-er Jahre bewohnt haben, denn die gesehenen Tiere zeigten unterschiedliche Verhaltensweisen und unterschieden sich auch auf den Fotos. Ein Otter hat eine Narbe am Hals, der Andere nicht. Für die Zeit danach gibt es keine zuverlässigen Information für die Präsenz von Ottern am Shinjo-Fluss (Yoshikawa et. al., 2017: 325).

 

Japanischer Fischotter
Einer der beiden japanischen Fischotter, die 1979 in Kochi fotografiert wurden

 

Auf der Nordinsel Hokkaido waren die Otter indes schon längst verschwunden – der letzte dokumentierte Otter datiert auf das Jahr 1955. Er war am Akinokawa-Fluss gefangen worden (Murakami et. al, 2017: 5).

 

Japanischer Fischotter 1979 Kochi mit Narbe
Der andere, 1979 fotografierte Otter zeigt eine deutliche Narbe am Hals

 

Doch nicht ausgestorben?

Es gab nur ein einziges Zoo-Exemplar des Japanischen Otters. Das Tier lebte von 1956 bis 1969. Es wird angenommen, dass dieses eines der letzten seiner Art gewesen ist (Cryptomundo). Japans Kultur- und Wissensgemeinschaft wollte das Verschwinden seines Otters jedoch nicht so einfach akzeptieren. Zahlreiche Bürger wollen Fischotter nach 1979 beobachtet haben (TsukuBlog). Und auch von offizieller Seite war man, so scheint es, anfangs noch optimistisch.

 

Japanischer Fischotter 1979
Ein drittes Foto von 1979, es zeigt wieder das Tier mit der Narbe

 

Im nahezu gleichen Wortlaut kursiert im Internet der folgende Text der englischen Wikipedia-Seite über die Suche der Otter von den Jahren 1991 – 1996. Leider fehlen genauere Quellenangaben oder mehr Details. Zumindest findet sich im japanischen Netz eine externe Quelle, welche die Funde bei der Expedition aus dem Jahre 1991 – 1992 teilweise bestätigt (siehe hierzu: Yoshikawa et. al., 2017: 335). Als Quelle wird der Bericht des japanischen Professoren Yoshihiko Machida von der Kochi-Universität genannt (Machida, 1998).

Ich habe hierzu kurz und leider nur oberflächlich mit einer japanischen Muttersprachlerin Rücksprache gehalten. Sie sagte, dieser Text habe tatsächlich zahlreiche Referenzen aus den Jahren 1992 bis 1999, allerdings beziehe sich der Inhalt auf weit ältere Zeitperioden.

 

Derselbe Professor wird in einem Artikel des Mainichi aus dem Jahre 2017 rezitiert, wie er sich auf die Otter-Expeditionen von 1992 bis 1999 bezog. Hierbei kritisierte er die Durchführung. Denn diese beschränkten sich nämlich nur auf die Küstenregionen und hatten nicht die gesamte Präfektur im Blick. Sie erfüllten daher auch nicht die Bestimmungen, die gemäß der International Union for Conservation of Nature (IUCN) eingehalten werden müssen, um eine Art für ausgestorben zu erklären.

 

Die spätere Erklärung der Japanischen Umweltbehörde zum Status des Otters (siehe unten) sei daher nicht legitim (Mainichi News vom 28. März 2017).

 

Kurzum: Es gab diese Expeditionen wohl tatsächlich. Dennoch mahnt der Verfasser dazu, die folgenden vier Abschnitte mit der nötigen Distanz zu lesen. Der Vollständigkeit halber sollen sie aber dennoch erwähnt werden, – auch um dem Leser das Sortieren von belegter und nicht belegter Information im Netz zu ermöglichen.

 

Erste Suche 1991 – 1992

Im Dezember 1991 machte sich die japanische Umweltbehörde in Kooperation mit der Lokalverwaltung der Präfektur von Kochi (in der der letzte wilde Otter gesichtet wurde) auf, um nach Hinweisen auf überlebende Otter zu fahnden. Im März 1992 fand sie tatsächliche Haare und Exkremente, von der man glaubte, dass diese von einem Otter stammten. Darüber hinaus fand sie 10 Fußspuren und zehn weitere Exkrement-Proben. Eine Analyse des Querschnitts eines Haares soll ergeben haben, dass es von einem Otter stammte. Somit wurde dieses Haar-Sample als solider Beweis für die Fortexistenz des Japanischen Otters gesehen (nicht ausreichend belegt, so zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.)

 

 

Ergänzung: Bei dieser Expedition handelt es sich wohl um die drei Untersuchungen im südwestlichen Teil von Kochi, von denen Yoshihiko Machida in einem Paper aus dem Jahre 1998 spricht. Dabei wurde 1992 ein Haar in tierischen Exkrementen gefunden. Der Fundort befand sich im Dorf Kuroshio-chō. Wie eine Rasterelektronenmikroskopie ergab, gehörte dieses Haar dereinst einem Japanischen Fischotter (Machida, 1998 zitiert nach: Yoshikawa et. al., 2017: 335).

 

 


 

Der zweite Teil dieses Beitrages mit Infos zu weiteren Suchexpeditionen und aktuellen Erkenntnissen sowie dem Literaturverzeichnis zum Download erscheint voraussichtlich am Donnerstag, 27. Mai 2021.

 


Wer Interesse an der streckenweise recht ähnlichen Geschichte des Japanischen Wolfes hat, möge sich hier umsehen: Der Shamanu – Japans realer Geisterwolf

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