Der Minhocao 3/3 – nur eine Personifizierung?

Lesedauer: etwa 9 Minuten
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Teil 2 von Ulrich Magins Artikel über den Minhocao ist am 15.10. hier erschienen.

Moderne Berichte über den Minhocao

In den 1920er Jahren suchte der Landvermesser Percy Harrison Fawcett nach einer verschollenen Stadt im Urwald Brasiliens. Er notierte dabei auch seltsame Geschichten, die er unterwegs hörte. Eine davon betraf, auch wenn er den Namen nicht nennt, den Minhocao: „In Paraguay [spricht man] von einem weiteren Flußungeheuer – Fisch oder Biber –, das in einer einzigen Nacht einen großen Teil des Strandes einreißen kann. Die Indianer berichten von Spuren eines gewaltigen Tieres in den an den Fluß grenzenden Sümpfen, geben jedoch zu, es nie gesehen zu haben.“ Ob Fawcett hier nur anführt, was er in denselben Quellen gelesen hat die hier bereits angeführt wurden, oder ob er solche Geschichten selbst hörte, ist nicht ganz klar. (Fawcett, S. 112)

Diesen Text führt Heuvelmans im englischen Original an. Was Heuvelmans noch nicht wissen konnte, ist, dass es solche Berichte nach wie vor gibt, denn seine Besprechung des Minhocao endet im 19. Jahrhundert. Im Folgenden führe ich deshalb Zeitungsartikel an, die ein ähnliches wesen beschreiben. Keine dieser Berichte enthält das Wort Minhocao, aber jeder schildert eine unterirdisch oder in Grotten am Wasser lebende Schlange – manchmal sogar mit Hörnern.

 

Anakonda ist sie der Ursprung des Minhocao
Die Anakonda ist eine gewaltige Schlange, aber ist sie der Ursprung des Minhocao?

 

Der erste Bericht schildert eine große, in Höhlen lebende Schlange, die sich auch im Wasser aufhält, die „Huilla von Trinidad“. Dieses „Ungeheuer“ machte mehrmals weltweit Schlagzeilen, die Verbindung zum Minhocao ist allerdings eher oberflächlich.

Zum ersten Mal kam das Tier 1889 in die Schlagzeilen.

 

 

„In den letzten beiden Monaten klagten die Bewohner der Bezirke östlich und nördlich von Arima auf der Insel Trinidad häufig darüber, dass Haustiere aller Art auf seltsame, ungeklärte Weise verschwanden – gewöhnlich in der Nacht. In letzter Zeit gesellten sich auch größere Tiere, darunter einige wertvolle Maultiere und Pferde, dazu. Zunächst gab man besonders wagemutigen Dieben die Schuld, aber bald wurde klar, dass ein ungeheures Tier war, obwohl seltsamerweise weder am Tatort noch in seiner Nachbarschaft jemals eine Spur von Blut gefunden wurde. Man kennt kein Tier auf der Insel, das groß genug wäre, um ein Pferd oder ein Maultier wegzuschleppen.

Die Menschen stellten nachts Wachen auf, und es wurde bemerkt, dass die Spuren durch die Vegetation immer an Bächen aufhörten und danach ganz zu verschwinden schienen. Um das Grauen noch zu vergrößern, verschwanden mehrere Kinder, und eine trauernde Mutter, die ihre verschwundene fünfjährige Tochter betrauerte, musste am Tag darauf voller Schrecken mit ansehen, wie eine enorme Schlange ihren dreijährigen Jungen wegschleppte.

Eine bewaffnete Gruppe von Bewohnern nahm die Verfolgung auf, doch ohne Erfolg. Man nimmt aufgrund der unvollständigen Beschreibung der ungefähren Farbe, der Ringe und Flecken der Schlange an, dass es sich um eine überlebende der ausgestorbenen Rasse gigantischer Huilliar handelt, wie man hier die Anakondas nennt, und die früher im Oroponche, im Arima und anderen Flüsse der Insel gelegentlich anzutreffen waren. Schließlich wurde die Angelegenheit nach vielen weiteren Tierschaden in verschiedenen Gebirgsregionen von einem Aufseher ernst genug genommen, dass er die Sache dem Kolonialverwalter in Port of Spain unterbreitete.

Eine behördliche Untersuchung

Die Ereignisse wurde ebenfalls vom Central Agricultural Board untersucht, anlässlich dieses Treffens erklärte der ehrenwerte Dr. De Verfeuil, dass die Schlange seiner Meinung nach ein Huilliar sei. Eines frühen Morgens machte sich große, schwer bewaffnete Kavallerie von Arima auf den Weg zum Blue Mountain, in dessen Nähe Suchtrupps am Tag zuvor die Schlange angetroffen hatten. Sie schlüpfte in die Guacharo-Höhlen in einem durch eine Mulde vom Berg getrennten Hügel. Der Trupp sperrte nach und nach den Hügel ab, ein Teil der Gruppe betrat vorsichtig eine der Öffnungen ein, die ins Innere der großen Höhlen führen. Kaum war das geschehen, als schon der Kopf einer ungeheuren Schlange plötzlich auf der Oberfläche eines großen Teichs erschien. Ein wütendes Zischen, wie das Eintauchen von glühendem Eisens in den Teich klang, kam von dem fürchterlichen Kopf, dann feuerte man eine Salve von Kugeln auf ihn ab.

Erst eine zweite Salve erzielte den gewünschten Effekt, sie wurde abgefeuert, als die Schlange ihren riesigen Kadaver fünfundzwanzig Fuß [7,50 m] aus dem Wasser hob. Als er auf die Ebene gezerrt worden war, wurde festgestellt, dass er siebenundvierzig Fuß [14 m] maß und an der dicksten Stelle zweieinhalb Fuß [75 cm] dick war. In der Farbe war er am unteren Teil des Körpers gelb und oben dunkel mit dunklen Ringen, zwischen denen die Haut mit grauen Halbmonden gesprenkelt war.

Die Schlange wurde nach Arima gebracht, wo man versuchte, sie für das Rathaus von Port of Spain zu präparieren. Die Angelegenheit war sogar Gegenstand eines Kabels des amerikanischen Konsuls an sein Ministerium in Washington. – Port of Spain ‚Gazette‘.“ (Auckland Star, 8. Juni 1889; ebenfalls in: Te Aroha News, 12. Juni 1889; Oamaru Mail, 19. Juni 1889 und Hawke’s Bay Herald, 22. Juni 1889)

 

1934 erneut in den Schlagzeilen

Das Monster von Trinidad kam 1934 wieder in die Schlagzeilen, als alle Welt über das Ungeheuer von Loch Ness berichtete. Die Londoner „Times“ berichtete am 18. Januar 1934 auf S. 12: „Jetzt kommt ein westindisches Ungeheuer. Die Welt gebiert wieder Ungeheuer, denn eine schuppige Schlange, deren Länge auf 30 Fuß [9 m] geschätzt wird, soll sich nach glaubhaften Zeugen sich mit drei Schlingen in einem Fluss an der Ostküste erhoben haben. Die Existenz eines solchen Monsters ist offiziell in den Annalen der Kolonie verzeichnet, und es gibt ein Foto, das ein 25 Fuß [7,50 m] langes Ungeheuer zeigt, das hier Huilla genannt wird, und das einen Alligator verschluckt hatte.“ Hier scheint es sich tatsächlich um eine gewöhnliche Schlange gehandelt zu haben, zumal „Huilla“ eine lokale Bezeichnung für die Anakonda ist

Manatis
Der Rücken mehrerer Manatis könnte auch für eine gewaltige Schlange gehalten werden

Nur eine übertriebene Riesenschlangengeschichte…

Der nächste Bericht schildert ebenfalls ein mittelamerikanisches Tier, das nur aufgrund seiner Größe und der Tatsache, dass es sich ebenfalls in eine Höhle verkroch, nach Minhocao klingt, vermutlich aber nur eine übertriebene Riesenschlangengeschichte ist:

„Nach der Nachrichtenagentur Efe terrorisiert eine etwa fünfzehn Meter lange Boa die Bewohner des Dorfes El Jaral in Santa Cruz de Yojoa, Departement Cortés im Norden Honduras. Laut einer lokalen Zeitung wurde die Schlange von mehreren Bauern gesehen, als sie eine Kuh am Ufer des bei Touristen beliebten Sees von Yojoa verschlang.

 

Anakonda
So groß Anakondas auch werden, Kühe sind weit außerhalb ihrer Reichweite.

 

Das Reptil schluckte die Kuh in einem Augenblick, und die Bauern folgten ihm bis in eine nahe gelegene Höhle und unterrichteten die örtlichen Behörden. Polizisten und Bewohner von El Jaral suchen nach der Schlange, um sie zu töten, obwohl man wegen ihrer Größe fürchtet, dass die Schusswaffen unwirksam sind. Man weiß nicht, wie tief die Höhle ist, in der die Schlange haust, man will sie in die Enge treiben, mit Benzin übergießen und in Brand stecken. Jede Möglichkeit, die Boa lebend zu fangen und in einen einheimischen oder ausländischen Zoo zu schicken, wurde ausgeschlossen.“ (Efe 1979)

Der Minhocao am Rio Paraguay

Der Rio Paraguay ist ein Zufluss des Parana. Im Staate Paraguay wurde 1972 von einer seltsamen Schlange berichtet, die möglicherweise etwas mit dem Minhocao zu tun hat.

„Seltsame Schlange in Paraguay gefangen. Sie misst sieben Meter, wiegt 80 Kilo, hat einen hundeartigen Kopf und bellt. Asunción. 4. Februar. An den Ufern des Río Ypane, etwa 350 km von der Hauptstadt entfernt, wurde eine seltsame, fast mythologische Schlange gefangen genommen, die eigenartig bellt und als „Boy Yagua“ bekannt ist. Das Reptil ist mehr als sieben Meter lang und wiegt schätzungsweise 80 Kilo bei einem Durchmesser von 35 cm. Die dunkle Haut ist völlig dehnbar und leuchtet. Der Kopf ähnelt dem eines Hundes mit einem sehr großen Maul, der eigenartig bellt: Daher der Volksname ‚Hundeschlange‘. Das Reptil, das sich jetzt in Asunción befindet, wurde nach einem langen Kampf von zwei Bauern der Gegend mit dicken Seilen gefangen.

Mit der Gefangennahme des ‚Boy Yagua‘ wurde eine Legende Wirklichkeit, um sie vom Río Ypane nach Asunción zu bringen, wurde ein riesiger umgebauter Käfig benutzt, in dem gewöhnlich Tiger [Jaguare] gefangen werden. “(Efe 1972)

Spur des Minhocao
Spur des Minhocao oder doch nur ein ausgetretener Pfad?

Die Legende des Minhocao lebt weiter

Der letzte Bericht betrifft unbezweifelbar einen klassischen Minhocao. Im August 1997 hinterließ eine „riesige Anakonda“ im Amazonasdorf Nuevo Tacna im Norden Perus eine Spur. Augenzeugen berichteten, der Boden habe wie bei einem Erdbeben gezittert, dann habe sich ein schwarzer Körper mit einer Länge von 40 m und einem Durchmesser von 5 m durch den Dschungel gewälzt. Das Tier hatte zwei „Fühler“ am Kopf, die dem Rüssel eines Elefanten ähnelten. Regierungsbeamte fanden eine 500 m lange und 20 m breite Spur (nach anderen Quellen 300 m und 10 m), die zu einem Fluss führte, und auf der sämtliche Bäume umgestürzt waren. Allerdings sei diese durch einen von zu viel Niederschlag ausgelösten Dammbruch verursacht worden. (Science & Vie, Oktober 1997; Le Figaro, 21. August 1997 (diese beiden Dank F. de Sarre; Fortean Times 104, S. 18; Esotera 11/1997; Focus, 35/1997, 25. August 1997, S. 226; Harder, S. 130)

Das war nun eindeutig ein Minhocao und zeigt, dass die Legende nach wie vor lebt. Jetzt aber wird er meteorologisch gedeutet, als Spur einer Flutwelle. Der Ort Tacna liegt im Süden Perus, das Amazonasdorf ist auf Google Earth nicht zu finden.


Bibliografie

Anon.: Die Seeschlange zu Lande. Didaskalia. Unterhaltungsblatt des Frankfurter Journals. 26. November 1879, S. 2–4

 

Anon.: Ein neues unterirdisches Ungeheuer. Romane des Auslandes. Band 3. Berlin: Otto Janke 1878

 

Budde, E. A.: Naturwissenschaftliche Plaudereien. Berlin: Walter De Gruyter 1898

 

Efe: Captura de una extraña serpiente en Paraguay. ABC, Madrid, 5. Februar 1972, S. 30

 

Efe: Una enorme boa aterroriza a los habitantes de una aldea de Hondura. ABC, Sevilla, 7. September 1979, S. 33

 

Fawcett, Percy Harrison: Geheimnisse im brasilianischen Regenwald. Tübingen: Verlag Fritz Schlichtenmayer 1961

 

Harder, Bernd: X-Akten gelöst. Aschaffenburg: Alibri 1999

 

Heuvelmans, Bernard: On the Track of Unknown Animals. London: Kegan Paul, 3. Auflage 1995

 

Mader, Friedrich Wilhelm: El Dorado. BOD 2016

 

Müller, Fritz: Werke, Briefe und Leben: Gesammelte Schriften soweit sie bereits früher im Druck erschienen sind. Abt. 1. Arbeiten aus den Jahren 1844–1879. Abt. 2. Arbeiten aus den Jahren 1879–1899. Atlas enthaltend 85 Tafeln zu den Arbeiten aus den Jahren 1844–1899. G. Fischer 1915

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