Freitagnacht-Kryptos: Die eierlegende Wollmilchsau – Alleskönner par Excellence

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Der Traum aller Nutztierhalter, Bauern und Selbstversorger:

Ein Nutztier-Hybrid, welches Huhn, Schaf, Kuh und Schwein vereint und mit dessen Hilfe Eier, Wolle, Milch sowie Fleisch gewonnen werden können – ein Alleskönner par excelence, Hohe Unterhaltskosten für viele verschiedene Tiere und Platzmangel ade…

eierlegende Wollmilchsau
Gestatten? – Die eierlegende Wollmilchsau – oder wie sie aussehen könnte (Bild: Pixelrausch CC 2.0)

Doch woher stammt der Begriff?

Es ist nicht gänzlich zu klären, wo der Begriff seinen Ursprung hat.

Die erste belegte Erwähnung, die der Autor dieses Beitrags finden konnte, stammt aus der deutschen Lyrik. Es ist ein Gedicht des deutschen Schriftstellers Ludwig Renn aus dem Jahr 1959:

 

Der Kampf um das eierlegende Wollschwein

Einst fiel einem Züchter ein,
Wie die Tierwelt würde sein,
Wenn man durch geschicktes Paaren
Fische schüf’ mit krausen Haaren.
Die könnt’ man wie Pudel scheren
Und die Arten sonst vermehren …

… Was wir brauchen, ist ein Schwein,
Das Merinowolle trägt
Und dazu noch Eier legt.
Das soll Ihre Züchtung sein!

Quelle: Ludwig Renn zum 70. Geburtstag. Aufbau-Verlag, Berlin 1959, S. 135

 

 

Aus dem eierlegenden Wollschwein wurde über die Jahre die eierlegende Wollmilchsau.

 

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Sauerei! Schweine als Würfel!

Eigentlich ist damit das Spiel schon erklärt. Anders als bei einem normalen Würfelspiel dienen hier zwei Schweinchen zum Würfeln. Je nachdem, wie sie fallen, gibt mehr oder weniger Punkte, aber immer einen -sagen wir mal: rustikalen- Begriff. Wenn der Nachbartisch lautstark die „Volle Suhle“, den „Schweinsgalopp“ oder gar die „Doppelbacke“ bejubelt, ist klar, was da gespielt wird.

 

Das Spiel „Schweinerei“ ist geeignet für alle Altersstufen, und macht wegen der rustikalen (aber nicht obszönen) Ausdrucksweise vor allem Kindern Spaß.

Juristische Probleme tun sich auf!

Doch die Existenz eines Tier-Hybriden wie der eierlegenden Wollmilchsau stellte Politik und Rechtsstaat schon Ende des letzten Jahrhunderts vor große Herausforderungen. Verfassungsjurist Friedrich Gottlob Nagelmann war der erste und einzige, der sich in den 1980-er Jahren um eine Einordnung der eierlegenden Wollmilchsau bemühte. Sein Gesetzesentwurf zur Erweiterung des Tierschutz Gesetzes „Tierschutz 2 – Einordnung multifunktionaler Nutztierhybriden“ versucht Antworten auf elementare Fragestellungen zu geben:

  • Sollten Nutztier-Hybriden existieren dürfen?
  • Wer darf Nutztier-Hybriden züchten und verkaufen?
  • Was ist die maximale Anzahl an Rassen, die zu einem Nutztier-Hybriden kombiniert werden dürfen?
  • Ist die Haltung von Nutztier-Hybriden eine Wettbewerbsverzerrung des Inter-Landwirtschaftsmarktes?
  • Ist die Haltung von Nutztier-Hybriden dann artgerecht, wenn der Nutztierhybrid tageweise in den typischen Behausungen seiner unterschiedlichen Nutztiereltern rotiert?
  • Wie sollen zukünftig Tier-Mensch-Hybriden eingeordnet werden?

Der Entwurf fand damals zunächst viel Beachtung, geriet aber durch die Wiedervereinigung und Nagelmanns Ableben 1994 in Vergessenheit. Doch auf Grund von Enthüllungen mehrerer Tierschutzorganisationen über Missstände bei der Haltung der eierlegenden Wollmilchsau in Deutschland erinnerte man sich 2010 an Nagelmanns Gesetzesentwurf – dieser konnte jedoch zunächst nicht aufgefunden werden.

Erst 2011 nach Beendigung der Bergungsarbeiten des historischen Kölner Stadtarchivs und Prüfung der Liste der Präsenzschriften stand die traurige Gewissheit fest: Tierschutz 2 – Einordnung multifunktionaler Nutztierhybriden ging beim Einsturz 2009 verloren – übrigens genauso wie Nagelmanns vielzitierter Essay Artenschutz und Staatshaftung – Wer zahlt bei Steinlaus-Schäden?.
Der entstandene Schaden für Tierschutz und Gesetzgebung ist nicht zu beziffern, höchstens vergleichbar mit dem Verlust des „Kollektiven Weltgedächtnisses“ beim Brand der Bibliothek von Alexandria in der ersten Hälfte der 1000er Jahre.

 

Heutige Begriffsverwendung

Anders als bei der Mehrheit der hier vorgestellten Kryptiden, ist es nicht verbrieft, dass bisher jemand behauptet hätte einer leibhaftigen eierlegenden Wollmilchsau begegnet zu sein.

 

Im alltäglichen Sprachgebrauch der Gegenwart hat die eierlegende Wollmilchsau als Wortschöpfung dennoch ihren festen Platz als eine Sache, die zu viele Eigenschaften auf einmal aufweisen soll bzw. eine Person, die zu viele Fähigkeiten auf einmal haben soll, die nämlich allen Ansprüchen genügt.

 

Der Autor dieses Textes begegnet dem Begriff im Alltag häufig als Kritik an die durch Personaler in Stellenausschreibungen gestellten Anforderungen an Bewerber.

 

„Ich muss es gar nicht erst versuchen, mich auf diese Stelle zu bewerben. Das Unternehmen sucht ja eine eierlegende Wollmilchsau“, so oder so ähnlich seufzen dann die Arbeitssuchenden.

 

Auf die eierlegende Wollmilchsau wird häufig dann zurückgegriffen, wenn davon auszugehen ist gestellte Anforderungen oder Ansprüche niemals erfüllen zu können.

Der Begriff ist als Ausdruck von Utopie zu verstehen. In den seltensten Fällen gibt es eine Sache oder eine Person, die alle an sie gestellten Anforderungen erfüllt oder gar übertrifft.

Rückwärts gedacht könnte der Gedankengang also beruhigend sein, dass eine Annäherung an die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau durch Anpassung von Anforderungen und Ansprüchen an realistische Szenarien erreicht werden kann – selbst bei anspruchsvollen Personalern…


 

PS:  Es sei dem geneigten Leser nicht verschwiegen, dass der deutsche Schriftsteller Heinz Küpper in den 70er Jahren eine noch frühere Wortherkunft der eierlegenden Wollmilchsau vermutet. In seinem Illustrierten Lexikon der Umgangssprache bringt er den Begriff „eierlegen“ in den Kontext des militärischen Sprachgebrauchs mit der Bedeutung: „Eine Bombe abwerfen“. Eine eierlegende Wollmilchsau wäre damit eine perfekte Kriegswaffe. Leider konnte diese Spekulation weder verifiziert werden, noch mit dem Gedicht von Ludwig Renn in Verbindung gebracht werden.

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