„Groß, größer, Dinosaurier“ – ein höchst subjektiver Besuchsbericht

Lesedauer: etwa 10 Minuten

 

Das Museum Koenig in Bonn zählt zu den „Großen Naturkundemuseen“ in Deutschland. Seine Forscher gewinnen regelmäßig Preise für innovative Forschungs- und Museumsarbeit. Die Ausstellung wird seit Jahren permanent überarbeitet. Begehbare Großdioramen im Erdgeschoss korrespondieren mit alten und gleichsam historischen wie altmodischen Vitrinen im Obergeschoss.

 

Museum Koenig
Der Giebel des Ausstellungshauses vom Museum Koenig in Bonn

 

Die berühmten Dioramen von Bengt Berg sind vorhanden und werden in Ehren gehalten, sind aber nicht immer alle zu sehen. Entsprechend der Ausrichtung als zoologisches Forschungsmuseum arbeiten die Forscher des Hauses hauptsächlich an Fragestellungen heute lebender Tiere und aktueller Lebensräume. Fossilien findet man nur wenige, als Ergänzung aktueller Fragestellungen. Folglich fehlt das, was viele Leute, vor allem Kinder in einem Naturkundemuseum erwarten: Dinosaurier.

Dinosaurier als Sonderausstellung

Auch wenn Dinosaurier – schon aus Platzgründen – in der Ausstellung keinen dauerhaften Raum haben, spricht ja nichts dagegen, sie sich als Sonderausstellung ins Haus zu holen. Genau das haben die Bonner gemacht, ja, sie haben eine passende Sonderausstellung konzipiert. Da man am Museum Koenig schon traditionell keine „halben Sachen“ macht, nimmt die Ausstellung Bezug auf das, was uns bei Dinosauriern am meisten fasziniert: Ihre Größe:

„Groß, größer, Dinosaurier“

heißt die Ausstellung deswegen. Und das war Grund genug, mich mit meinem achtjährigen Neffen (Maxi) in dessen Herbstferien auf den Weg nach Bonn zu machen. Bahn- und vor allem U-Bahnfahren ist für ihn immer noch etwas Besonderes, meist wird er im Auto rumgefahren. Das Schöne in Bonn ist, dass die U-Bahn-Haltestelle direkt vor dem Museum ist, nur die Treppe hoch und vielleicht 30 m, dann steht man vor der Tür. Mit uns standen etwa 30 andere Menschen vor der Tür, die meisten davon unter 10 Jahren, viele mit einheitlichen grünen Westen über den Pullovern: eine Feriengruppe.

 

 

Der Eintritt hielt sich in sehr zivilen Grenzen, wir beide waren eine „Kleinfamilie“, mussten 7 € bezahlen und konnten das Museum besichtigen. Zu Maxi’s Leidwesen gab es aber nur eine Eintrittskarte. Da die grüngewandeten Kinder direkt hinter der Kasse abgeholt wurden und in Formation die Treppen hochkletterten, blieben wir erst einmal unten. Den Höhepunkt soll man sich für den Schluss aufheben. Also nahmen wir den ersten Weg nach rechts, am Elefantenskelett vorbei. Auf die Frage, was das denn sei, sagte er mir tatsächlich, ohne groß nachzudenken „Skelett von einem Elefanten“. Da die meisten Kinder bei Skeletten dieser Größe direkt an irgendwelche Dinosaurier denken, hatte ich auch mit so etwas gerechnet. Von der Antwort war ich überrascht. Irgendwas muss ich richtig gemacht haben und sei es, dass ich ihn dazu angeregt habe, erst zu gucken, zu lesen und dann zu antworten.

 

Museum Koenig Dauerausstellung
Blick von der Empore auf den Innenhof mit der Dauerausstellung. Im Hintergrund sind der erzählende Baobab und die Bundesgiraffe zu sehen (Foto: Ziko van Dijk)

Die Dauerausstellung

So schlichen wir durch die Lebensraumdarstellung „Wüste“, alleine und ungestört. Da kann man dann auch mal ganz in Ruhe gucken und auch die Dinge entdecken, die die Ausstellungsmacher gut versteckt haben. Ähnlich ging es im nächsten Bereich: die arktischen und antarktischen Klimate. Wieso ausgerechnet hier der Seeelefant ausgestellt wird, ist mir unklar, aber eine 5 m lange Robbe ist unglaublich beeindruckend. Weniger beeindruckend war offenbar das Iglo, Maxi wollte nicht hinein. Dafür zog das Skelett des Zwergwals. Maxi bemerkte, dass die „Hand“ des Wals fast wie seine aussieht. Der Junge hat einen Blick für Homologie! Zum Glück konnte ich diesen Blick von dem kleinen Bildschirm abwenden, auf dem historische (und nicht so historische) Aufnahmen vom Walfang gezeigt wurden.

 

Als nächste Abteilung folgte der Regenwald, zumindest die untere Hälfte, die Streuregion. Da gab es unglaublich viel zu sehen, wenn man sich auch nur sekundenlang einblickte. Andersherum schien diese Vielzahl selbst ein Kind der Multimedia-Generation zu überfordern, oder war der Weg raus, in den Lichthof schon zu attraktiv?

 

Detail des Innenhofes
Detail des Innenhofes mit einer Gruppe Perlhühner im Vordergrund. Nicht nur die großen Tiere sind interessant, bei den Kleinen gibt’s meist noch mehr zu entdecken. (Foto: Ziko van Dijk)

 

Ja, der Lichthof ist attraktiv. Die Gestaltung der afrikanischen Savanne ist immer wieder überwältigend, trotz des nicht besonders schönen Wetters strahlt sie Wärme aus, und es gibt wirklich viel zu entdecken. Das Zebra trinkt, und unter seinem Maul kräuselt sich das Wasser. Der Baobab erzählt Geschichten, da am Felsen hat sich eine Echse festgekrallt und was macht der Geier auf der Lichtinstallation? Und man hat ja seinen Onkel dabei, der noch andere Geschichten erzählen kann, von der Bundesgiraffe, die hier im Raum stehen bleiben musste, als die verfassungsgebende Versammlung hier tagte: sie war zu hoch und konnte nirgendwo anders hin geräumt werden. Vom Baobab, der einige von seinem Onkel höchstpersönlich ausgeschnittene Blätter trägt. Davon, dass in einem Zimmer eine Etage über uns früher der Bundeskanzler gearbeitet hatte. Und heute der Bundespräsident einen seiner Dienstsitze immer noch gegenüber, auf der anderen Seite der Adenauerallee hat.

 

Endlich: Die Dinosaurier

Doch dann hielt uns nichts mehr, und es ging hoch in den 2. Stock. Ein Dinosaurierschädel vor leuchtendem Orange begrüßte uns und stimmte uns auf die Größe der Tiere ein. Die ersten Skelette, die wir fanden, waren Abgüsse von „Schwäbischen Lindwürmern“, den Plateosaurus. Als Einstieg sehr gelungen, standen sie doch an der Basis der sehr viel größer werdenden Sauropoden. In jedem anderen Zusammenhang wäre das Ausstellungsstück schon beeindruckend gewesen, bestimmt 15 bis 20 Quadratmeter nimmt es ein.

Eingang der Sonderausstellung zu den Dinos in Bonn
Am Eingang zur Sonderausstellung wird man standesgemäß begrüßt

Doch direkt dahinter lockt bereits der erste Höhepunkt, zumindest für Maxi: Ein Theropode, genauer dessen Skelett „fletscht“ die Zähne. Auf die Frage „Ist das ein Tyrannosaurus?“ kam ein schnelles „Ja“, dann stutzte er: nee, irgendwie zu klein und auch irgendwie anders: die Arme waren zu groß, die Hände hatten drei Finger: „Nee, das ist kein Tyrannosaurus“. Nach kurzer Suche fanden wir dann die Lösung: ein Allosaurus. Ich muss gestehen, ohne Hände und Schädel wäre mir eine Unterscheidung auch schwergefallen.

 

Anzeige

Dinosaurier und andere Tiere der Urzeit für clevere Kids

Über 400 Arten, darunter 100 Dinosaurier, werden in Einzelporträts vorgestellt. – mit über 1.500 Bildern, Grafiken, Infokästen, Zeitleisten, Größenvergleichen, Panoramaseiten und Fotos der weltweit am besten erhaltenen Fossilien.

Hier haben die Autoren den Spagat zwischen Littlefoot und Jurassic Park geschafft und ein spannendes Faktenbuch mit halbwegs realistisch wirkenden Bildern geschaffen. Zeitleisten und Hinweise auf lebende Verwandte und vor allem der Größenvergleich sind für das Verständnis wichtig, vor allem für das Verständnis der vorlesenden Eltern.

 

Dinosaurier und andere Tiere der Urzeit für clevere Kids: Lexikon mit über 1500 farbigen Abbildungen ist 2019 erschienen und damit halbwegs auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Es hat 304 Seiten und wird für Kinder zwischen 8 und 10 Jahren vorgeschlagen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Ein höchst subjektiver Besuchsbericht

In der Zwischenzeit sauste Maxi weiter durch die Ausstellung, während ich mich an einigen der ausführlichen Tafeln festlas. Die Art und Weise, wie man berechnet, welche Dinosaurier wie schnell waren, ist auch interessant. Ein Triceratops soll etwa 26 km/h erreicht haben, das erscheint mir recht passend bei diesem Panzer. Für Hypsilophodon foxii erscheinen mir 28 km/h wiederum recht wenig. Huchinson & Garcia werden zitiert, nach ihrer Meinung erreichte ein Tyrannosaurus knapp 35 km/h, neuere Berechnungen von Laramendi lassen ihn gut 50 km/h sprinten.

 

Auf dem Rückweg in der Bahn habe ich meine Gedanken ein wenig streifen lassen und mir vorgestellt, wie „Tristan“ aus Berlin im Innenstadtverkehr der Hauptstadt einfach so zwischen den Autos mitläuft, an Ampeln stehen bleibt, beim Abbiegen in Vorfahrtsstraßen nach links und rechts guckt oder vor einer Radarfalle verlangsamt: Das hat etwas bizarres. Bei einer Länge von 12 m und einer Höhe von etwa 3,7 m kommt er einem der Berliner Doppeldeckerbusse schon recht nahe.

 

 

Der erste Höhepunkt für mich stand einfach so in der Ecke. Nicht groß, sondern klein war Trumpf: Ein Abguss des Sauropodenbabies „Toni“ aus der Morrison Formation in Wyoming stand da. Nicht einmal 2 m lang, vielleicht den Kopf auf 80 cm Höhe. Lebend wäre es sicher ein tolles Haustier, und wenn irgendjemand so ein Skelett durch den 3D-Drucker jagt: Ich wüsste jemanden, der sich so etwas liebend gerne ins Wohnzimmer stellen würde.

 

baby-Sauropode
Das Sauropodenbaby „Tony“, würde er in der Größe bleiben, wäre er ein tolles Haustier.

 

Um die Ecke herum war dann tatsächlich eines der Riesentiere zu sehen. Versprochen wurde der längste Diplodocus, und er war lang. Nicht als Komplettmontage, sondern wie noch halb ins Gestein eingebettet, reckte Arapahoe seinen Kopf aus der Wand. Die Schädel der beiden Sauropoden sahen sich so ähnlich, dass ich das Jungtier ohne Probleme als engen Verwandten des Diplodocus ansprechen würde. Die sonst eher seltenen Schädel anderer Sauropoden waren gegenüber montiert. Erstaunlich, wie divers diese doch meist als sehr ähnlich angesehenen Arten waren. Wie kam es dazu?

 

Der längste Dinosaurier: Diplodocus
Der längste Dinosaurier: Diplodocus longus

Der Schlusshöhepunkt

Am Ende der Ausstellung stand der Schlusshöhepunkt. Wie der Apex-Prädator am Ende der Kreidezeit, bildete auch hier der Tyrannosaurus rex den ultimativen Höhepunkt. Nicht Tristan Otto oder ein Abguss der amerikanischen Größen stand hier, nein: Tinker war ein pubertierendes Jungtier. Für die Story, die hinter diesem Skelett und seiner Bergung steht, ist hier leider kaum Platz. Kaum Platz hat auch der Tyrannosaurus, trotz hoheitlich hoher Decken muss er ein wenig geduckt durch die Halle schleichen – als würde er sich anschleichen, z.B. an den Quetzalcoatlus, der in (seiner) Kopfhöhe unter der Decke hängt.

Tinker, der junge Tyrannosaurus
Tinker, der junge Tyrannosaurus

Fazit:

Die Ausstellung in Bonn ist einen Besuch wert. Das Museum Koenig hat, anders als die größten Naturkundemuseen Deutschlands in Berlin und Frankfurt nur begrenzt Raum zur Verfügung. Das führt zu einer Konzentration der Sonderausstellungen mit viel Information auf kleinem Raum. Ausführliche Infotafeln stehen jedem zur Verfügung, der sie lesen möchte. Viele Kinder rennen einfach daran und an den Vitrinen vorbei, da hilft es, wenn man sie darauf aufmerksam macht und gewisse Dinge einfach miteinander erlebt. Dennoch kann man die Ausstellung in einer halben Stunde ohne Probleme erfassen – falls man nicht auf Kinder aufpassen muss.

Quetzalcoatlus
Ein riesiger Quetzalcoatlus im Tiefflug

Zusammen mit der Dauerausstellung haben wir etwa 1 ¼ h im Museum verbracht, was der Aufmerksamkeitsspanne von Maxi auch sehr gut entsprach. Weiterhin positiv zu vermerken ist, dass die Sonderausstellung keinen Aufpreis auf den angemessenen Eintrittspreis kostet.

 

Wer die „Groß, größer, Dinosaurier“ noch besuchen möchte: Corona-bedingt verlängert läuft sie noch bis mindestens 21.05.2021. Weiteres unter zfmk.de