Eine Lederschildkröte im kanadischen Eis

Lesedauer: etwa 5 Minuten

Der Bras d’Or Lake ist ein großer Fjord auf der Cap Brenton-Halbinsel auf Nova Scotia in Kanada. Die kleine Stadt Sydney liegt in seiner Nähe. Nur mit zwei kleinen Zuflüssen mit dem Meer verbunden, ist er mit Brackwasser gefüllt und friert im Winter jedes Jahr beinahe vollständig zu. Als Brackwasser-Ökosystem ist er erstaunlich produktiv und beherbergt riesige Mengen an Garnelen, Muscheln und eine sehr diverse Population an Vielborstern. Diese Würmer sind die Basis für große Fischdichten von Stichlingen, Heringen, Regenbogenforellen und grönländischen Heilbutt. Kein Ort, an dem man eine Lederschildkröte erwartet hätte.

Lederschildkröten fahren nicht Ski

Bereits im Februar meldete das kanadische Nachrichtenportal CBC, dass in der Nähe von Islandview ein merkwürdiges Tier gefunden wurde. „Am Donnerstag (7. Feb. 2019, d. Red.) war ich draußen am Ufer vor meinem Haus. Es sah so aus, als ob sich ein kleines umgekipptes Boot am Ufer im Eis befand. Ich habe nachgesehen und es war eine Lederschildkröte.“, sagte er in der CBC-Sendung „Information Morning Cape Benton.“


Lage von Islandview am Bras d’Or

„Als ich sie berührte, wippte sie ein bisschen, aber bewegte sich nicht. Also wusste ich, dass sie tot war, aber sie war in gutem Zustand. Sie sah nicht so aus, als wäre es so lange da, aber könnte am Eis und der Kälte gelegen haben. „, fährt MacLean fort. Er kontaktierte dann das Department of Fisheries and Oceans (DFO). Dort sagte man ihm, dass es zwar ein paar wenige anekdotenhafte Berichte gäbe, aber ihm der erste Nachweis einer Lederschildkröte im Bras d’Or gelungen sei. „Sie sagten, sie würden das prüfen und drüber nachdenken, ich solle erst einmal abwarten. Meeresschildkröten sollten jetzt in der Karibik sein und Eier legen. Nein … sie fahren nicht Ski.“

Die Bergung

Als die Offiziellen der DFO MacLeans Fotos sahen, änderte sich die Lage. „Sie wollten sie haben“ beschreibt LacLean die neue Situation. Ab Dienstag (12.02.2019) begann die Bergung. Zunächst bauten MacLean und seine Helfer eine provisorische Rampe aus Brettern und banden ein Seil um die Schildkröte. MacLeans Frau Sue postete Bilder der Bergung bei Facebook. Auf ihnen ist zu sehen, wie die Schildkröte auf eine Kunststoffpalette gehievt und dann mit einem Bagger weggebracht wurde.

Eine Schildkröte liegt in einem Loch im Eis
Die tote Schildkröte musste vom dicken Eis befreit werden, bevor sie an Land gezogen werden konnte. (Foto: Sue MacLean)

Die Schildkröte wird auf einer Palette aus dem Wasser gezogen
Um sie bergen zu können, wurde die Schildkröte auf eine Palette gebunden (Foto: Sue MacLean)

Die Schildkröte am Anfang einer Bretterrampe
Auf einer improvisierten Rampe wurde die Schildkröte an Land gehievt (Foto: Sue MacLean)

Schildkröte auf einer Palette auf einem Bagger
Auf einer weiteren Palette wurde sie dann mit einem Bagger verladen. (Foto: Sue MacLean)

Die Schildkröte wiegt etwa 360 kg, hat eine Gesamtlänge von etwa 2 m und eine Panzerbreite von etwa einem Meter. Der Panzer ist in der Mitte gebrochen, so MacLean, der vermutete, dass das Eis auf ihr gelastet hat, als der Spiegel des Bras d’Or sank.

Die Lederschildkröte wird zum Atlantic Veterinary College in Charlottetown gebracht, um dort genauer untersucht zu werden.

Lederschildkröten

Lederschildkröten der Art Dermochelys coriacea sind die größten lebenden Schildkröten. Sie leben ausschließlich im Meer, zählen aber nicht zu den Meeresschildkröten im engeren Sinne (Cheloniidae) sondern bilden eine eigene Familie. Sie leben meist in tropischen bis subtropischen Gewässern. Im Sommer wandern sie gelegentlich in gemäßigte Breiten. Sie haben den Cheloniidae gegenüber den Vorteil, ihre Körpertemperatur bis zu 18°C über die des umgebenden Wassers halten zu können. So können sie vor allem im Sommer in ungeahnte nördliche Breiten vordringen:

An den Küsten Schottlands gelten sie als seltene, aber regelmäßige Besucher. Im September 2006 wurde auf der Insel Amrum ein leerer Panzer einer Lederschildkröte angeschwemmt. 2009 haben Fischer und Urlauber vor den Niederlanden regelmäßig Tiere gesichtet. 2015 strandete eine tote Lederschildkröte an der dänischen Insel Langelandt. Ein Jahr früher, im September 2014 konnten Naturbeobachter im norwegischen Nusfjord auf den Lofoten eine etwa 1,8 bis 2 m lange Lederschildkröte fotografieren.
Offenbar wandern vor allem große Tiere so weit nach Norden. Durch die Oberfläche-Volumen-Ratio sind sie hierzu auch eher prädestiniert, als kleinere Tiere. So ist es kein Wunder, dass die bisher größte bekannte Lederschildkröte, eins der größten rezenten Reptile, in Wales (Großbritannien) angeschwemmt wurde. Sie hatte eine Panzerlänge von 256 cm und ein Gewicht von 916 kg.

Nach Norden zum Fressen?

Möglicherweise könnte die in den letzten Jahren verstärkt gemeldete Nordwanderung der Tiere mit ihrer Nahrung zusammenhängen. Lederschildkröten fressen vor allem Quallen und benötigen große Mengen davon: zwischen 10 und 100 kg davon fressen sie pro Tag. In den letzten Jahren haben Meeresforscher in den nordisch-gemäßigten Meeren eine deutliche Zunahme der Quallenpopulation festgestellt. Ausgerechnet an bekannten Hotspots tauchen dann auch die Lederschildkröten auf. Wandern die Tiere wegen der guten Weidegründe nach Norden?

Die Schildkröte aus dem Bas d’Or Lake ist vermutlich zufällig durch einen der beiden schmalen Zugänge am Norden des Fjords herein geschwommen. Bei dem Versuch, den Fjord bei kälteren Temperaturen zu verlassen, hat sie vermutlich einen falschen Arm erwischt.

Quellen:

CBC: Leatherback turtle, not overturned boat, found washed up in Cape Breton

Wikipedia: Lederschildkröte