Ein Fisch mit Taucherkrankheit

von: Tobias Möser

 

Der Kongo ist der wasserreichste Fluss Afrikas. Mit mehr als 4800 km Länge entwässert er das Kongobecken, eines der größten Regenwaldgebiete der Welt. Ebenso wie sein „Gegenstück“ auf der anderen Seite des Atlantiks, das Amazonasbecken, gilt das Kongobecken und der Kongo als ausgesprochen reich an Fischarten.

Eine Besonderheit kommt noch hinzu: Die Livingstone-Wasserfälle, eine Serie von Katarakten und Stromschnellen bilden beinahe den vollständigen Unterlauf: Unterhalb der Städte Kinshasa und Brazzaville ist der Fluss nur noch lokal schiffbar. Und nicht nur das: die Stromschnellen trennen auch unterschiedliche Lebensräume ab, Fische können sie nicht überqueren, so dass sich die Fischgesellschaften unterhalb und oberhalb der einzelnen Katarakte deutlich unterscheiden. Das ist seit vielen Jahren generell bekannt, aber gelegentlich kommt es auch in der Biologie zu echten Krimis.

Karte des Kongo
Der Kongo, der Fundort von Lamprologus lethops liegt stromabwärts von Kinshasa (Abb: Kmusser CC 4.0)

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Nicht überall ist der Kongo so ein ruhiger Fluss wie hier

Tatort Tiefe

Wie jeder anständige Fernsehkrimi beginnt auch dieser Fall mit einer Leiche. Es war ein sterbender Buntbarsch der Art Lamprologus lethops*, den Wissenschaftler unterhalb einer heftigen Stromschnelle von der Wasseroberfläche gekeschert hatten. „Als er auf meiner Hand starb, bildeten sich unter seiner Haut und an den Kiemen Blasen,“ beschreibt Melanie Stiassny den Schlüsselmoment. Sie ist Kuratorin am Department of Ichthyology im American Museum of Natural History in New York und als solche natürlich Fachfrau für Fische. „Das war sehr ungewöhnlich, denn solche Blasen entstehen normalerweise nur bei der Taucherkrankheit.“

Das der gut fingergroße Buntbarsch an Taucherkrankheit litt, bedeutet, dass er durch irgend etwas aus großer Tiefe schnell hervorgehoben wurde. Lamprologus lethops ist der Wissenschaft seit 1976 bekannt. Seine fehlende Pigmentierung und die funktionslosen, mit Gewebe überwachsenen Augen sind Merkmale eines Höhlenfisches. Man nahm an, dass die bis zehn Zentimeter großen Tiere in Höhlen der Stromschnellen leben, nie ans Tageslicht kommen und sich von Mollusken ernähren. Sie sind die einzigen bekannten Buntbarsche, die diese „Höhlenfisch“-Anpassung tragen. Ihre Zähne gleichen anderen Molluskenfressern unter den Buntbarschen. Doch eigentlich war so gut wie nichts über das Leben der Tiere bekannt – und dass, obwohl Buntbarsche seit vielen Jahren beliebte Aquarienfische und Objekte der akademischen Forschung wie der Citizen Science sind.

Und wo kommen die Tiere her?

Die Stromschnellen der Livingstone-Fälle bilden für Fische unpassierbare Barrieren. So haben sie die Bildung hunderter von Arten gefördert. Doch offenbar muss es in den ein weiteres Geheimnis geben, eine große Tiefe. Die Dekompressionssymptome legten nahe, dass das Tier aus sehr tiefem Wasser kam und nicht in einer oberflächennahen Höhlen lebte – zumal solche Höhlen auch nie gefunden wurden. Melanie Stiassny arbeitet schon lange mit den Fischen des unteren Kongos und der Livingstone-Fälle. Natürlich kannte sie Lamprologus lethops aus der Literatur und vermutlich auch von Museumsexemplaren. Dennoch hat sie der Fund überrascht: „Wir fanden da einen völlig verrückten Fisch,“ sagte Stiassny. „Ein blinder Buntbarsch ohne Pigmente – wie ein Höhlenfisch, aber es gibt keine Höhlen im Fluss.“ Hinzu kam, dass sie und ihre Kollegen keine lebenden Exemplare finden konnten, bis sie den sterbenden Fisch fanden, der auf ihrer Hand Blasen bildete.

Übrigens: Die Reaktion der einheimischen Fischer, die bei der Sammlung als Hilfskräfte eingesetzt wurden, entsprach fast genau der Reaktion der Fischer auf den Komoren, als man ihnen ein Bild des Quastenflossers zeigte: „Ja, den kennen wir. Er schmeckt fürchterlich.“

Livingstone-Fälle bei Inga, hier kommt der Fisch mit Taucherkrankheit her
Ein Teil der Livingstone-Fälle, sie ziehen sich über viele Kilometer hin (Foto: Alaindg, CC 2.5)

Lamprologus lethops, der Fisch mit Taucherkrankheit im Aquarium
Lamprologus lethops, der einzige bekannte blinde Buntbarsch. Webfund by coolgobyfish

Wo sind die großen Tiefen?

Die Livingstone-Fälle sind so wild, dass sie nicht mit Schiffen befahrbar sind. Um dennoch Daten von der Tiefe zu bekommen, engagierten die Forscher Wildwasser-Kajakfahrer. Sie installierten eine Kombination aus Differenzial-GPS, Echolot und Doppler-Strömungsprofilern in den Kajaks und schickten die Sportler in die Stromschnellen des Kongo.

Für die Kajakfahrer war es ein großer Spaß, die riesigen und warmen Stromschnellen zu durchkreuzen. Für die zuschauenden Wissenschaftler war es sicher ein emotionales Hin- und Her zwischen toller sportlicher Leistung und Angst um Sportler und Geräte. Aber so konnten sie binnen kurzer Zeit einzelne Stromschnellen vermessen.

„Die Resultate waren erstaunlich: Er ist tief, sehr tief,“ wundert sich Stiassny. Mehr als 200 m Tiefe maßen die Kajakfahrer, ein Wert, der aber schon vor mehr als 10 Jahren publiziert wurde (Oberg et al.). Doch die Daten zeigen noch mehr: Es gibt starke Strömungen von mehr als 4 m/s, die Strömungsrichtung scheint sehr vom Grundgestein abzuhängen: Mal schießt das Wasser vor- und zurück, mal abwärts, mal gibt es Aufwärtskaskaden. Kaskaden, die den kleinen Lamprologus vom Boden 200 m hoch an die Oberfläche katapultieren, wo er dann entkräftet an Blasen im Blut und Gewebe stirbt.

Neue Erkenntnisse, auch für Stiassny: „Wir haben das Wasser bisher immer für ein einheitliches Medium gehalten, in dem sich Fische frei bewegen können“, sagt sie. „Tatsächlich haben sie es hier mit einer komplexen Landschaft zu tun.“

Hans Fricke’s Tauchboot GEO om Deutschen Museum, München. Für die Kongostromschnellen ist es nicht geeignet.

Cetopsis_plumbea, ist auch er ein Fisch mit Taucherkrankheit?
Der südamerikanische Walwels Cetopsis plumbea, gezeichnet von Franz Steindachner 1871

Wer lebt noch da unten?

Doch wie das in der Wissenschaft oft so ist: Wenn eine Frage beantwortet ist, entstehen dadurch viele Neue. Dort, wo sich unterschiedliche Tiere an ähnliche Lebensräume anpassen, entstehen äußerlich ähnliche Tiere. Konvergente Evolution nennen das die Biologen. So ähneln sich die Fischfaunen in den ruhigen Regenwaldgewässern oberhalb und unterhalb der Katarakte. Sogar die Fischfauna des Amazonasbeckens gleicht der des Kongobeckens.

Doch was ist mit diesem einzigartigen Lebensraum in den Tiefen des Kongo-Unterlaufes? Was für Tiere leben hier? Zwischenzeitlich haben die Wissenschaftler noch weitere „Tief-Fluss-Fische“ (analog zu Tiefseefische) gefunden. Einen Elefantenrüsselfisch (Stomatorhinus microps), einen Raubwels (Gymnallabes nops, Clariidae), einen Kongosaugwels (Chiloglanis sp., Mochokidae), zwei Afrika-Stachelwelse (Notoglanidium pallidum and Platyallabes tihoni, Claroteidae) und vier Stachelaale (Mastacembelus aviceps, M. brichardi, M. crassus and M. latens).

Dennoch bleibt eine echte Erforschung des Flusses ein Traum. Der Boden im Kongo-Unterlauf ist schwerer erreichbar als ein Tiefseegraben. Wo in der Tiefsee ruhiges Wasser sanft strömt, haben es mögliche Tauchboote mit heftigen Strömungen, Strudeln und Scherströmen zu tun, die mit den bisherigen, schwach motorisierten und per Joystick gesteuerten Booten spielen würden, wie … ja, wie mit dem kleinen Lamprologus lethops.

Möglicherweise liefert dann doch der Amazonas wieder einen Hinweis. Im Mündungsbereich des Rio Negro bei Manaus und in einer Engstelle bei Obidos haben Wissenschaftler ebenfalls große Tiefen gemessen. Bei Obidos ist der Fluss mehr als 90 m tief, die Tiefen bei Manaus könnten an die Kongotiefen heranreichen. Zumindest bei Manaus gibt es auch bodenlebende Fische, Welse aus der Familie der Walwelse (Cetopsidae), auch sie sind auf dem Weg, ihre Pigmente und Augen zu verlieren.

Ein Staudamm-Projekt

Natürlich ist die Versuchung groß, die ungeheuren Energien des Flusses nutzbar zu machen. Einige Dutzend Kilometer südlich des Fundortes von Lamprologus lethops will die Demokratische Republik Kongo zusammen mit dem südafrikanischen Staat einen gewaltigen Staudamm errichten. Der Grand Inga genannte Damm soll mit 39 bis 45 Gigawatt das stärkste Wasserkraftwerk der Welt werden, doppelt so stark wie der Dreischluchtendamm in China. Die Kosten sollen bis zu 100 Milliarden US$ betragen, 2014 hat die Weltbank eine Anschubfinanzierung zugesagt. Als es 2016 so aussah, als könne der Bau beginnen, hat die Weltbank diese Zusage zurückgezogen.

Neben den gewaltigen ökologischen Folgen sehen Beobachter auch ein gesellschaftliches Problem: Ungeheure Mengen Geld werden in ein chronisch korruptes Land gepumpt.


Literatur:

Froese, R. and D. Pauly. Editors. 2019.FishBase. zu Lamprologus lethops

Oberg, K. et al: Discharge and other hydraulic measurements for characterizing the hydraulics of Lower Congo River; Conference Paper, 2009

Weisberger, M.: Dying Fish Revealed Congo Is World’s Deepest River; LiveScience.com


Tobias Möser ist von Hause aus Biologe und schon als Kind an der Entdeckung „neuer“ Tierarten interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich mit allen möglichen Kryptiden befasst, vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immernoch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten.
Seit 2019 ist er leitender Redakteur dieser Website.

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