Freitagnacht-Kryptos: Bizarre Fossilien – Pelagosaurus typus mit schwerem Kieferbruch

In den Archiven kramte: Markus Bühler

Das Fossilienmuseum in Dotternhausen beherbergt fast ausschliesslich Fundstücke aus seiner Umgebung, der Schwäbischen Alp, welche für ihre verschiedenen Fossilienlagerstätten berühmt ist: Vor allem für ihre Ammoniten und anderen wirbellosen Meerestiere. In dem Museum zu den lokalen Fossilienfunden sind jedoch auch sehr interessante fossile Wirbeltiere zu sehen. Unter ihnen befindet sich auch ein subadulter Pelagosaurus typus*, ein kleiner Teleosaurid (marines Krokodil) aus dem Toarcium (untere Jura), der nicht mehr als 3 Meter land wurde. Dieses spezielle Exemplar weisst eine ziemlich dramatische Pathologie des unteren Kieferknochens auf. Der Unterkiefer ist etwa auf halber Länge fast rechtwinkelig nach unten gebogen.

Über die Ursache des Kieferbruchs kann man nur spekulieren. Bei modernen Krokodilartigen sind innerartliche Auseinandersetzungen regelmäßig die Ursache für Kieferverletzungen. Möglicherweise hat ein Artgenosse den Kiefer gepackt und sich nach Krokodilart gedreht. Aber auch ein Kontakt mit einem stärkeren Räuber ist denkbar.

Fossil des Meereskrokodils
Das ziemlich vollständige Fossil mit dem gebrochenen Unterkiefer

Schädel des Meereskrokodils
Detail des Schädels, teilweise ergänzt

Ein Leben mit gebrochenem Unterkiefer

Es handelt sich hierbei weder um ein postmortales Artefakt noch ist dem unglücklichen Krokodil der Unfall kurz vor dem Tod passiert. Es muss eine gewisse Zeitspanne mit dem gebrochenen Unterkiefer gelebt haben – das zeigt der sichtbare Heilungsprozess des Bruchs: ein massive Knochenkallusbildung an der Seite der gebrochenen Knochen, sprich amorpher Knochen der sich wulstig an den Frakturenden aus dem Blutkoagel bildet.

Die verheilte Bruchstelle und der wegstehende Kieferrest

Die verheilte Bruchstelle im Detail

Kein bizarrer Einzelfall

Vergleichbare Unter-und Oberkieferbrüche sind auch von modernen Krokodilen bekannt, allen voran bei langschnauzigen Gavialen. In einigen Fällen fehlen dabei ganze Teile der Kiefer und dennoch können die Tiere noch relativ gut überleben. Das lehrt uns, dass der Funktionsverlust des Kiefers nicht immer gleich das Ende bedeutet, auch wenn ein grosser Teil eines Kiefers fehlt oder deformiert ist. In unserem Fall deuten der hohe Grad der Deformation und die geringe Grösse des subadulten Tieres allerdings darauf hin, dass die Verletzung für den im offenen Meer jagenden Räuber ein großes Handicap beim Beutefang darstellte und möglicherweise zu dessen Hungertod führten.

Auch bei rezenten Krokodilen kommen Kieferverletzungen mehr oder weniger regelmäßig vor. Auch Tiere mit schweren Wunden haben Überlebenschancen. Vermutlich wäre es dem Pelagosaurus besser ergangen, wäre der Kieferrest vollständig abgebrochen und nicht wieder auf so ungünstige Weise schräg wieder angewachsen.

 


Literatur:

Originalartikel von Markus Bühler, publiziert am 13. Oktober 2016 in seinem Bestiarium-Blog, zur Publikation hier vom Autor ergänzt.


Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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