Freitagnacht-Kryptos: Das Waitioreki

Lesedauer: etwa 4 Minuten
image_pdfimage_print
Julius von Haast
Johann Franz Julius von Haast in den 1860ern

In ganz Neuseeland gibt es außer den von den Maori aus Polynesien mitgebrachten Ratten und zwei Fledermausarten keine Landsäugetiere – dachte man, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Geschichten vom Waitoreki aufkamen. Das Waitoreki, eine Art Otter, ist die Nessie Neuseelands, auch wenn es sich um ein kleines Tier handelt. Oft wurde nach ihm gefahndet, kein Zoologe hat je ein Exemplar fangen können.

 

Einzig der studierte Bergbauingenieur und spätere Buchladenbesitzer in Frankfurt, Sir Johann Franz Julius von Haast, geb. 1822 in Bonn, berichtete von ihm. Haast wurde im Dezember 1858 in Auckland von dem viel prominenteren Kollegen, dem österreichischen Forscher Ferdinand Hochstetter angestellt, ihn auf einer Exkursion zur Erkundung von Bodenschätzen zu begleiten. Später schickt er ihn zur Südinsel, um dort Moaknochen auszugraben. Das begründet Haasts Ruhm. (Sudermann 2020)

 

Ferdinand von Hochstetter: schriebt 1863 in „Neu-Seeland“ (Cotta, Seite 427):

 

 

„Mein Freund Haast schreibt mir darüber unter dem 6. Juni 1861: ‚3500 Fuß über dem Meere habe ich am obern Ashburton-Fluß (Südinsel, Provinz Canterbury) in einer Gegend, wo nie zuvor ein menschlicher Fuß wandelte, häufig dessen Fährten gesehen. Dieselben sind denjenigen unserer europäischen Fischotter ähnlich, nur etwas kleiner. Jedoch auch das Thier selbst wurde von zwei Herren, welche am Lake Heron in der Nachbarschaft des Ashburton 2100 Fuß hoch eine Schafstation haben, gesehen. Sie beschreiben das Thier als dunkelbraun von der Größe eines starken Kaninchens. Es gab, als mit der Peitsche nach ihm geschlagen wurde, einen pfeifenden Laut von sich und war schnell im Wasser zwischen Schneegras verschwunden.“

 

 

Man wundert sich beim Lesen der Meldungen aus dem 19. Jahrhundert oft darüber, wie grob Menschen mit Tieren umgingen – hatten sie eins gesehen, schossen oder schlugen sie sofort los!

Lake Heron
Der Lake Heron liegt ziemlich zentral auf der Südinsel, in etwa 700 m Meereshöhe

Nicht nur Haast kennt das Waitoreki

Erst 1900 gab es weitere Nachrichten vom Waitoreki. Robert Lendenfeld erwähnt es in „Neuseeland“ (A. Schall, 1900, S. 58–59):

 

 

„Ausser diesen [Ratte und Hund] giebt es dort zwei Fledermausarten […]. Endlich soll noch ein braunes, otterähnliches Tier von Kaninchengrösse, das die Maori Waitoreki nannten, in den Gewässern der Südinsel vorkommen. Es ist aber bisher nicht gelungen, ein Exemplar dieses interessanten Tieres zu erbeuten. An den Küsten finden sich verschiedene Robben, Seelöwen und dergleichen marine Wassertiere, welche aber infolge der eifrigen Nachstellungen rasch an Zahl abnehmen. Die meisten von diesen werden in den neuseeländischen Küsten wohl bald ganz ausgerottet sein.

 

Besonders bemerkenswert ist es, dass die für Australien so charakteristischen Beuteltiere und Monotremen in Neuseeland vollkommen zu fehlen scheinen; ich sage ‚scheinen‘, weil ja vielleicht jenes Waitoreki ein solches Tier ist.“

 

 

1912 ergänzt „Brehms Tierleben“ im 13. Band „Säugetiere“ (Bibliographisches Institut, 1912, S. 86) Haasts Informationen um die eben gehörten:

 

 

„R. v. Lendenfeld sagt darüber in seinem Werke ‚Neuseeland‘: „Endlich soll noch ein braunes, otterähnliches Tier von Kaninchengröße, daß die Maoris Waitoreki nannten, in den Gewässern der Südinsel vorkommen.“

 

 

1914 wiederholt die „Allgemeine Länderkunde. Afrika. Asien. Australien und Ozeanien. Die Südpolarländer“ (Bibliographisches Institut 1914, S. 326) dieselbe Notiz. „Die Doppelinsel hat kein einziges der Säugetiere Australiens, sondern als ursprüngliche Tiere nur Fledermäuse, die Waldratte, den neuseeländischen Hund, den fischotterähnlichen Waitoreki.“

 

Fischotter
Fischotter sind schnelle, geschmeidige Jäger – aber was tun sie in Neuseeland?

 

1956 brachte auch die populärwissenschaftliche Zeitschrift „Kosmos“ einen Beitrag über das Tier (Band 52, 1956) und hat ebenfalls keine zusätzlichen Informationen.

Das Waitoreki klingt so, als könnte es einmal wirklich existiert haben, aber für seine Existenz sprechen im Grunde nur die Worte Haasts.


Literatur

Sudermann, Natalie: Der Selfmade-Forscher. Die Rheinpfalz, 19. Januar 2020

 

Ferdinand von Hochstetter: Neu-Seeland; Cotta, 1863

 

Robert Lendenfeld: Neuseeland – 9. Band der Bibliothek der Länderkunde; A. Schall, 1900

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.