Freitagnacht-Kryptos: DeLoy’s südamerikanischer Affe

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Die Entdeckung eines südamerikanischen Menschaffen durch den Schweizer Forscher de Loys 1920 galt früher als echte Entdeckung, dann zumindest als kryptozoologischer Erfolg, heute geht man von einem Schwindel mit rassistischen Untertönen aus – die Menschen in Südamerika sollten von diesem Affen abstammen, also nicht von der Art Homo sapiens sein.

 

Die Entdeckung und spätere Erstbeschreibung durch denn französischen Anthropologen Georges Montandon fand auch in deutschen Blättern Widerhall.

Wir lesen zunächst in der „Urania“ (Band 6, 1929, S. 179):

De Loys' Affe
De Loys‘ Affe vom 15. Juni 1920

 

„Vor einiger Zeit tauchte in Zeitungen die Nachricht von der Entdeckung eines unbekannten Menschenaffen in Südamerika auf. Dort sind, wie bekannt, bis jetzt noch keine Menschenaffen gefunden worden.

 

Das Tier, ein Weibchen, wurde von dem Geologen F. de Loys im Grenzland von Kolumbien und Venezuela erlegt. Es maß 1,57 m, war schwanzlos und besaß auch sonst auffällige menschenaffenähnliche Merkmale. Leider ging der präparierte Kopf und das Fell auf der weiteren Expedition verloren. Nach Untersuchungen an der geretteten Photographie ist man jedoch jetzt zu der Ansicht gelangt, daß es sich nicht nur um eine besonders große Art neuweltlicher niederer Affen handelt. Eine restlose Klärung der Frage wird erst durch Untersuchung eines weiteren Exemplare möglich sein.“

 

In Deutschland ist man erst mal skeptisch

 

Der bekannte Zoologe Adolf Remane berichtet 1929 im „Anthropologischen Anzeiger“ (Band 6, S. 215):

 

 

„Vor kurzem lief durch die Zeitungen eine Notiz über die Entdeckung eines großen Anthropoiden im Norden Südamerikas. Wie es mit diesem neuen ‚Anthropoiden‘ bestellt ist, zeigen die beiden Arbeiten. Der Geologe F. de Loys traf in den Wäldern des kolumbisch-venezuelischen Grenzgebietes auf ein Paar großer Affen. Das Weibchen wurde erlegt und photographiert, der Schädel, der 32 Zähne besessen haben soll, konserviert; er ging beim Transport verloren, und so ist die Photographie die einzige wissenschaftliche Unterlage.

 

Es handelt sich um einen ca. 1,57 m hohen Affen mit rudimentärem Schwanz und auf den ersten Blick von anthropoiden-, im Gesicht sogar menschenähnlichem Aussehen. Und so gebraucht denn auch G. Montandon für diesen Ameranthropoides Loysi genannten Affen den Ausdruck ‚anthropoid‘ und knüpft daran sehr bedenkliche phylogenetische Spekulationen. Wie aber die genauere Analyse von L. Joleaud dartut, sind die anthropoidenähnlichen Merkmale dieses Affen nur oberflächlicher Natur, während alle morphologisch wertvollen Merkmale, wie der Bau der Nase, die riesige Clitoris usw. mit Sicherheit auf einen echten Platyrrhinen aus der Verwandtschaft von Ateles und Eriodes schließen lassen, Formen, die ja schon manchmal von morphologisch Unerfahrenen wegen einiger äußerer Ähnlichkeiten zu Unrecht mit den Anthropoiden in Beziehung gesetzt wurden.

Also kein neuer Anthropoide, nur ein neuer Platyrrhine!

 

A. REMANE“.

 

 

Nach zwei Jahren bestätigt sich die Skepsis

Das Journal „Berichte über die wissenschaftliche Biologie“ (Springer, Band 16, 1931, S. 499) berichtet zwei Jahre später über Montands Aufsatz:

 

„Montandon, George: Précicions relatives au grand singe de L’Amerique du Sud. (Angaben über den großen Affen von Südamerika.) Arch. Zool. Ital. 14, 441–458 (1939).

 

 

Auf Grund von Vermutungen über die Größe der Kiste, auf der der unter dem Namen Amer-Anthropoides beschrieben große Affe von Tarra (Venezuela) photographiert worden war (er ist nur aus dieser Photographie und den Angaben des Geologen de Loys bekannt), wird seine Größe in aufgerichteter Stellung mit 1 ¼ m angegeben.

Die Zahl von 32 Zähnen erscheint verständlich, da auch bei Ateles, dem der neue Affe wohl am nächsten steht, der 3. Molar relativ oft fehlt. Der Affe soll hinsichtlich des äußeren Habitus am meisten Antales variegatus Wagner ähneln. Der Name Amer-Anthropoides soll andeuten, daß diese Form zu den Neuweltaffen in dem Verhältnis steht wie die Anthropoiden zu den Altweltaffen, eine Auffassung, die jedoch hier ebensowenig wie in früheren Publikationen belegt wird.“

 

 

Zumindest in Deutschland also herrschte Skepsis und der Wunsch nach weiteren physikalischen Beweisen vor – und das war, wie die Geschichte zeigte, eine durchaus sinnvolle Forderung. Erzählungen und Fotos reichen nicht, um eine neue Art zu beweisen und zu bestimmen.


Adolf Remane

Adolf Remane, der sich so kritisch zum neuweltlichen Menschenaffen äußerte, ist selbst eine spannende Figur der deutschen Zoologie und verkörpert geradezu einen idealtypischen Lebenslauf eines Gelehrten zwischen Neutralität und Anpassung im Dritten Reich.

Shooting-Star der Zoologie in den 1920er und 30ern

Adolf Remane
Adolf Remane in jungen Jahren

Am 10. August 1898 als Sohn eines Lehrerehepaares in Krotoschin in der Provinz Posen geboren, meldete sich 1916 nach dem Abitur als Kriegsfreiwilliger und zog an die Front in Frankreich. Er studierte danach in Berlin Biologie, Anthropologie, Paläontologie und Ethnologie. Mit nur 23 Jahren wurde er 1921 promoviert und wurde 1929 mit 31 Jahren auf eine außerordentliche Professor am Zoologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berufen. Das war auch das Jahr, in dem er sich zu Ameranthropoides äußerte.

 

Seine Schwerpunkte waren die vergleichende Morphologie und Systematik. Ob in seiner Ablehnung der französischen Entdeckung auch persönliche Gründe mitschwangen (etwa gegen Franzosen), ist schwer zu sagen.

Politischer Leisetreter im „Dritten Reich“

Im Dritten Reich wurde er 1934 an der Universität Halle, 1936 leitete er das Zoologische Instituts und Museum in Kiel, 1937 gründete er das Institut für Meereskunde in Kitzeberg an der Kieler Förde. Er trat auch in die Partei ein, was wohl Voraussetzung für eine weitere Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus war. Unrühmlich ist auf jeden Fall seine Unterschrift 1942 unter einen Briefes des Vorstands der Zoologischen Gesellschaft an die Reichskanzlei in Berlin, in dem sämtliche Maßnahmen des Staates gegen das Judentum „ausdrücklich befürwortet wurden“, wie Wikipedia anmerkt.

Rasche Entnazifizierung – doch nur Mitläufer

Nach erfolgreicher Entnazifizierung durch die englische Besatzungsmacht, die letztlich keine rassistischen Tendenzen in seinen Arbeiten finden konnte, war er in der Bundesrepublik tätig. 1947 erhielt er die Leitung des Zoologischen Instituts und Museums in Kiel. 1963/1964 wurde er Präsident der Deutschen Zoologischen Gesellschaft und schrieb mehrere Standardwerke. Zum Grundstudium der Biologie gehören heute noch immer sein „Kurzes Lehrbuch der Zoologie“ (1972) und die „Systematische Zoologie“ (1976).

 

„Remane zählt zu den bedeutendsten dt. Zoologen des 20. Jh.“, schriebt die „Neue Deutsche Biographie“:

 

 

„Neben zahlreichen monographisch-systematischen Arbeiten nahmen meereskundliche Themen eine wichtige Stellung ein, etwa die auffällige Artenarmut der Brackwasserfaunen und die Entdeckung der „Fauna des Sandlückensystems“, einer bis dahin unbekannten Mikrofauna, die im Porenraum des Strandsandes lebt. Die Primaten blieben bis in die letzten Jahre R.s bevorzugtes zoolog. und paläontolog. Forschungsobjekt. Dazu kamen grundsätzliche Überlegungen zur Phylogenetik und zur vergleichenden Anatomie, die zur Klärung des Homologiebegriffs führten.“

 

 

Adolf Remane starb am 22. Dezember 1976 in Plön.


Quellen:

Wikipedia-Seite zu Adolf Remane

Deutsche-Biographie.de über Adolf Remane

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