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Freitagnacht-Kryptos: Der leuchtende Nachtvogel im deutschen Forst

Die alten Römer fürchteten sich vor dem deutschen Wald – er war finster, schlammig und es hausten unheimliche Tiere darin, zum Beispiel das Einhorn. Die römischen Autoren unterscheiden nicht, wie wir, in Schwarzwald, Vogesen oder Karpathen – alles, was sie nördlich und östlich ihrer Provinz Germania vermuteten, hieß unterschiedslos Herzynischer Forst (auch die Gleichsetzung mit dem Harz ist falsch).

 

Plinius der Ältere wusste in seiner Naturgeschichte vom Hörensagen „vom herkynischen Wald Germaniens, er beherberge ‚ungewöhnliche Vogelarten‘.“ (Büchner 2005, S. 6)

Und das „Morgenblatt für gebildete Leser“ ergänzt 1833, dort „hausten viele wilde Thiere im Dunkel der herkynischen Waldungen“: „Auch merkt Plinius der Aeltere an, daß Vögel daselbst seyen, deren Gefieder zur Nachtzeit wie Feuer leuchte.“

Schleiereule im Flug
Das helle Gefieder der Schleiereule reflektiert im Dunkeln das Licht auffällig, aber leuchtet sie?

Später siedelten Naturhistoriker diese Leuchtvögel auch in den Alpen an: „So vermerkt der englische Franziskaner und Enzyklopädist Bartholomeus im 13. Jahrhundert, lakonisch, in den Alpen liege ewiger Schnee , herrsche häufig Nebel, […] hausten Bestien und wilde Tiere in den Wäldern, gebe es vielerlei Vögel, namentlich von jener Art, deren Flügel in der Nacht leuchteten, wie Isodor sage.“ Isidor allerdings kennt diese Vögel nicht, der gelehrte Mönch meinte Plinius. (Büchner 2005, S. 6)

 

In seinem Buch „Lo!“ beschreibt Charles Fort eine ganze Reihe von Beobachtungen von Lichtkugeln, die damit erklärt wurden, es handle sich um Schleiereulen mit Leuchtmoos im Gefieder. Diese „Leuchteulen von Norfolk“ werden in zahllosen Werken abgehandelt und unterschiedlich bewertet – mal zustimmend, mal ablehnend. Heute ist das Phänomen kaum noch bekannt.

Seidenschwanz
Deutlich sichtbar sind die roten Plättchen am Flügel des Seidenschwanzes, aber reflektieren sie das Licht des Feuers?

Büchner mutmaßt übrigens, die Stelle ziele auf den Seidenschwanz ab, von dem Plinius an anderem Ort meint, an seinen Armschwingen befänden sich „scharlachrote Wachsplatten, die wohl einen Feuerschein vortäuschen können, aber keineswegs nachts leuchten“.

 

Literatur:

Büchner, Robert: St. Christoph am Arlberg: die Geschichte von Hospiz und Taverne, Kapelle und Bruderschaft. Wie: Böhlau 2005

Hauff, H. (Hg.): Morgenblatt für gebildete Leser, Band 27,Ausgabe 4