Freitagnacht-Kryptos: Die Busenschlange

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Eine der Krankheiten, vor denen man sich früher fürchtete, war die „Busenschlange“. Busen steht dabei natürlich für den menschlichen Torso, nicht für die weibliche Brust. Das war eine gewöhnliche Schlange, die einem Menschen im Schlafe in den Mund kroch, um dann in seinem Körper zu leben und ihn dabei von innen aufzuzehren. Mögliche Inspirationen dieser Vorstellung waren ganz sicherlich Parasiten wie Bandwürmer, die Busenschlange geistert im Übrigen nach wie vor durch die vermischten Zeitungsmeldungen.

 

keine Busenschlange, aber vielleicht die Herkunft des Mythos
Ein moderner Schlangenbeschwörer zeigt den Kontakt der Schlange mit seinem Mund.

Ein bekannter Fall der Busenschlange

Im 19. Jahrhundert wird ein Fall einer Busenschlange gemeldet, der als Anfechtung des Satans begriffen wurde. Der schwäbische Pfarrer Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) beschreibt in einem Buch ausführlich einen schwäbischen Poltergeist, den er für den Teufel hielt (tatsächlich trieb er mehrere Tausend Teufel und Dämonen aus einer Besessenen aus). Seine kleine Schrift über den Fall und seinen Exorzismen ist voller unerklärlicher Episoden, neben Dämonen, Höllenhunden, Apportationen, unerklärlichen Geräuschen und der Tatsache, dass das Mädchen als Baby gegen einen Wechselbalg (S. 64) ausgetauscht worden sein soll, dazu kommt – wie gesagt – eine Busenschlange. Ereignet haben soll sich das in den 1840ern:

 

Historische Schlangenbeschwörerin
Historische Aufnahme einer Schlangenbeschwörerin aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert

 

„Der Gegenstände sind es zu viele, als dass ich sie alle aufzählen könnte; und ich erwähne nur noch das, dass auch lebendige Tiere, welche ich jedoch selbst zu sehen nicht Gelegenheit bekam, aus dem Munde kamen, einmal vier der größten Heuschrecken, die sodann noch lebendig auf die Wiese gebracht wurden, wo sie alsbald forthüpften, ein andermal 6-8 Fledermäuse, deren eine totgeschlagen wurde, während die andern sich schnell verkrochen, wieder einmal ein mächtig großer Frosch, der ihr durch eine Freundin aus dem Hals gezogen wurde, und endlich eine geheimnisvolle Schlange, eine Natter, wie es scheint, der gefährlichsten Art, die nur G., sonst niemand, flüchtig sah. (Doch glaubte ich einen rasch hinfahrenden blinkenden Schimmerstreifen vom Munde aus über das Bett hin wahrzunehmen.) Diese Natter verursachte ihr, nachdem sie aus dem Munde gekommen war, bald nachher eine Wunde an dem Hals, ein andermal stach sie sie, während sie mit der Familie zu Tische saß, so heftig in den Fuß, dass das Bluten fast nimmer aufhören wollte. Beide Wunden machten ihr wohl ein Vierteljahr lang Schmerzen, und es war deutlich zu sehen, dass es gefährliche Giftwunden waren.“

 

 

Quelle: Johann Christoph Blumhardt: Der Geisterkampf in Möttlingen. Basel-Gießen: Brunnen-Verlag 1967, 3. Aufl.)


Anmerkung der Redaktion:

Wie der Autor oben bereits erwähnt, sind Parasiten eine mögliche Interpretation für die Busenschlange. Anders als Ulrich vermuten wir hier Spulwürmer der Gattung Ascaris. Diese zu den Nematoden gehörenden Würmer haben einen komplizierten Lebenszyklus. Wenn die Eier mit der Nahrung aufgenommen werden, schlüpft im Darm des Wirtes das 2. Larvenstadium. Das erste wurde bereits im Ei durchlaufen. Die Larve bohrt sich durch die Darmwand und wandert mit dem Blutstrom zur Leber, wo sie das 3. Larvenstadium erreicht. Diese Larve wandert über die Hohlvene durch das Herz und in die Lungenbläschen. Dort bricht sie durch die Wand des Blutgefäßes, häutet sich zu, 4. Larvenstadium und wandert die Luftröhre hinauf.

 

Dort wird sie abgehustet und entweder ausgespuckt oder heruntergeschluckt. Da das meist nachts passiert, merken auch infizierte Menschen nichts davon. Um so größer die Überraschung, wenn sie morgens neben dem Kopf einen sterbenden, mehrere cm langen Wurm finden.
In der Literatur wird die Größe der 4. Larve meist mit 1 bis 2 mm angegeben. Es kann jedoch sein, dass das Immunsystem des Wirtes die Entwicklung im 3. Larvenstadium verzögert. So wächst die Larve, häutet sich aber zunächst nicht, sondern erreicht eine größere Größe.

 

Wird die 4. Larve abgeschluckt, entwickelt sie sich im Wirt zum ausgewachsenen Spulwurm. Weibchen werden bis 30 cm lang und legen am Tag bis zu 200.000 Eier, die mit dem Kot nach draußen gelangen.

 

Spulwürmer der Art Ascaris lumbricoides sind mindestens seit dem Papyrus Ebers, um 1540 v. Chr. bekannt. Er ist weltweit vor allem in feuchten tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet. Etwa 22% der Weltbevölkerung wird in ihrem Leben einmal mit dem Spulwurm infiziert. Meist fällt eine Infektion erst auf, wenn ein toter Spulwurm mit dem Kot abgeht. Dennoch versterben etwa 1% der Weltbevölkerung an einer Ascaris-Infektion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.