Freitagnacht-Kryptos: Die Pfeilschlange

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In der Antike nannte man Arabien das „glückliche Land“, weil dort der Weihrauch gewonnen wurde, der in den gesamten Orient geliefert wurde und unermessliche Reichtümer einbrachte. Allerdings. Vor den Gewinn hatten die Götter die Pein gesetzt. Zwar wusste niemand etwas Genaues über die Region des Jemen, des Hadramaut und des Oman, aber wenn solche Wundergewächse dort wuchsen, konnte die Gefahr nicht weit sein. Und so berichten viele antike Autoren von den hochgiftigen Spring- oder Pfeilschlangen der Region.

 

Wir begegnen ihnen zum ersten Mal bei Herodot. In den Historien II, 75 steht:

 

Bei Theben giebt es heilige Schlangen, die dem Menschen keinerlei Leid zufügen, klein von Gestalt, mit zwei Hörnern oben auf dem Kopf. Ihre Leichen werden im Heiligthum des Zeus beigejetzt, denn diesem Gotte sollen sie heilig sein. In Arabien, nicht weit von der Stadt Buto, liegt eine Gegend, dahin ich gereist bin, Schlangen. um zu erfahren, was es mit den geflügelten Schlangen wäre. Da sah ich eine unsäglich große Menge von Schlangenknochen und Gerippen. Es waren ganze Haufen, große, weniger große und noch kleinere, in großer Zahl. Die Gegend, wo sie aufgeschüttet liegen, ist ein enges Gebirgsthal, das sich auf eine große Ebene öffnet, und diese Ebene stößt an die Ebene von Aegypten. Die Schlangen, erzählt man, kommen, wenn der Frühling anhebt, aus Arabien nach Aegypten zu geflogen, aber jene Vögel, die Ibis, ziehen ihnen entgegen bis zu der Thalenge und lassen sie nicht hinein ins Land, sondern vertilgen sie. Und dies sei eben die Ursache, sagen die Arabier, daß die Ibis bei dem aegyptischen Volk in so hohen Ehren stünden, und auch die Aegyptier bestätigen. es. Der Ibis hat dieses Aussehen. Die Farbe ist tief- 76 schwarz, die Beine wie die des Kranichs, der Schnabel Der Ibis. ist stark gebogen, an Größe ist er ohngefähr wie der Vogel Krer. So sehen die schwarzen Ibis aus, die Schlangentödter. Eine andere Art hingegen, die sich unter den Menschen aufhält, es giebt nämlich zwei Arten, ist am Kopf und am ganzen Nacken hinab kahl, von weißem Gefieder, außer am Kopf, Nacken und an der Spitze der Flügel und des Steißes, welche Theile alle tiefschwarz sind. Beine und Schnabel sind wie bei der ersten Art. Die Schlangen aber haben dasselbe Aussehen wie die Wasserschlangen. Die Flügel sind nicht gefiedert, sondern sind ganz ähnlich wie die Flügel der Fledermaus.

 

In Buch III, 107 kommt er auf die arabische Heimat der Schlangen zu sprechen:

 

Hinwieder gen Süden ist Arabien das äußerste der bewohnbaren Länder. Da allein wächst der Weihrauch und nirgend sonst auf Erden, und Myrrhe, Kasia, Kinamomon und Ladanon. Dies alles aber, außer der Myrrhe, gewinnen die Arabier nicht mit leichter Mühe. Um Weihrauch zu sammeln, nehmen sie das Harz der Styraxstaude, welches die Phoeniken nach Hellas ausführen, und räuchern damit. Denn die Bäume, auf denen der Weihrauch wächst, werden von geflügelten Schlangen bewacht, die, klein an Größe und buntfarbig an Aussehen, in großer Zahl jeden einzelnen Baum besetzt halten, eben jene Schlangen die in großen Scharen nach Aegypten ziehen. Es gibt kein anderes Mittel sie zu vertreiben als den Rauch des Styrax.

Auch die Arabier meinen, diese Schlangen würden alles Land erfüllen, ohne eine besondere Vorkehrung, wie mir eine solche von den Ottern bekannt war. Auch hat ja, wie es scheint, die göttliche Vorsicht, wie man von ihrer Weisheit auch erwarten muß, solche Thiere, die feig an Mut und zugleich eßbar sind, allesammt fruchtbar gemacht, auf daß sie nicht gänzlich aufgefressen würden, die gewaltigen aber und schädlichen wenig fruchtbar. So zum Beispiel der Hase: alles stellt ihm nach, Thier und Vogel und Mensch, aber wie stark vermehrt er sich! Der Hase ist das einzige Thier das noch empfängt, wenn es schon trächtig ist, also daß von den Jungen in seinem Bauche das eine bereits behaart, das andere noch kahl ist, dieweil ein drittes sich erst in der Gebärmutter bildet, und ein viertes endlich eben empfangen wird. So fruchtbar ist dies Thier. Dagegen die Löwin, als ein Thier von gewaltiger Stärke und Kühnheit, gebiert nur einmal in ihrem Leben, und nur Ein Junges; denn wenn sie gebiert, geht zugleich mit dem Jungen auch die Gebärmutter ab. Und das hat diese Ursache. Wann das Löwenjunge in der Mutter sich zu regen beginnt, so zerkratzt es die Gebärmutter mit seinen Klauen, die um vieles schärfer sind als bei irgend einem anderen Thiere, und je mehr es wächst, um so tiefer reißt und bohrt es, also daß, wann die Geburt herannaht, davon nichts heiles mehr übrig ist. Und gerade so die Ottern und die beflügelten Schlangen in Arabien, wenn sie erzeugt würden nach ihrer natürlichen Art, so könnten die Menschen nicht

bestehen. Nun aber, wenn sie sich paaren und das Männchen eben den Samen läßt und zeugt, so packt das Weibchen seinen Hals, beißt sich fest und läßt nicht los, bis es ihn durchgebissen. Auf diese Art geht das Männchen zu Grunde, aber auch das Weibchen muß dafür büßen; denn die Jungen in seinem Bauche rächen den Vater, damit daß sie ihm den Leib zerfressen und dann auskriechen. Hingegen die anderen Schlangen, die den Menschen nicht schädigen, legen Eier und brüten der Jungen eine große Menge aus. Die Otter lebt überall auf der Erde; die Schlangen aber, ob sie gleich beflügelt sind, halten sich beisammen und finden sich nur in Arabien, nirgend sonst, weshalb es eben so scheint als seien ihrer viele. (1)

 

Einige Jahrhunderte später bestätigt Diodor das Gesagte knapp und präzise:

 

Diese Wälder [Weihrauchwälder in Felix Arabia] nämlich des höchsten Wohlgeruchs bergen Schlangen in großen Mengen, purpurrot an Farbe und nur von einer Spanne Länge, aber ihr Biss ist ganz unheilbar. Sie beißen, indem sie sich vom Boden emporschnellen und im Sprunge die Haut blutig ritzen. (2)

 

Möglicherweise spricht auch die Bibel von diesen Schlangen. Die Israeliten sollen ihnen beim Exodus (4 Moses, 21) begegnet sein:

 

4 Da zogen sie von dem Berge Hor auf dem Wege gegen das Schilfmeer, daß sie um der Edomiter Land hinzögen. Und das Volk ward verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, daß wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und unsre Seele ekelt vor dieser mageren Speise. 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, daß viel Volks in Israel starb. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir wider dich geredet haben; bitte den HERRN, daß er die Schlangen von uns nehme. Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

 

Auch Plinius weiß von der „Pfeilschlange“. In Buch 8 steht (nach einer Übersetzung von 1782):

 

Die Schießschlange (jaculus) fährt von den Zweigen der Bäume herab. Man hat also nicht die Füße allein vor diese Schlangen zu hüten, da sie wie Geschoß aus dem Geschütz durch die Luft flattern. (3)

 

Und aus Plinius hat sie schließlich Leonardo da Vinci in seine Notizbücher übernommen:

 

Die Pfeilschlange

Diese steht auf den Stämmen und schleudert sich wie ein Pfeil und durchbohrt die wilden Tiere und tötet sie. (4)

 

Auch unter den Berichten über den Tatzelwurm finden sich viele, die ihn als Pfeilschlange bezeichnen, der auf Menschen zuschnellt.

 

Anmerkungen:

  1. Die Geschichten des Herodot, dtsch. von Dr. Heinrich Stein. Band 1. Oldenburg: Ferdinand Schmidt’s Buchhandlung 1884
  2. nach Gabriele Mandel: Das Reich der Königin von Saba: Archäologen graben im Paradies u. enträtseln d. Frühgeschichte Arabiens. München: Droemer Knaur Verlag 1978, S. 31
  3. Caius Plinius Secundus: Naturgeschichte, übersetzt von Gottfried Grosse. Frankfurt am Main: Jihann Christian Hermann 1782
  4. Marie Herzfeld: Da Vinci, der Denker, Forscher und Poet. Nach den veröffentlichten Handschriften. Jena: Eugen Diederichs 1906

 

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