Freitagnacht-Kryptos: Die Seejungfrauen von Skandinavien

 

 

Erik Pontoppidan, dessen Beschreibungen der norwegischen Seeschlange und des Krakens in vielen kryptozoologischen Büchern zu finden ist, beschrieb vor seiner Darstellung der Seeschlange noch ein weiteres skandinavisches Wundertier, von dessen Existenz er völlig überzeugt war: den Meermenschen.

In seinem „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen“ (1754 in Kopenhagen auf Deutsch erschienen) schreibt er im 2. Band ab S. 351 (der Text ist stark gekürzt):

 

 

Unter den Seewundern, die die Nordsee unläugbar enthält und aufweiset, will ich wegen der halben Aehnlichkeit oder Vergleichung mit dem menschlichen Körper dem Hav-Mand (Meermann) und dessen Gefährtinn, der Hav-Frue (Meerweibe) den ersten Platz einräumen. Wenn viele die Würklichkeit dieses Thieres in Zweifel ziehen, so setzt mich dieses keinesweges in Verwunderung, indem die allermeisten Nachrichten, die man davon hat, mit offenbaren Fabeln und Ammenmährchen vermischt sind. (…)

Da sollen ferner im Jahr 1619, nach dem Berichte des A. Bussäus, die beyden Reichsräthe, Ulf Rosensparre und Christian Holch, als sie aus Norwegen zurück reiseten, unterweges einen solchen Meermann gefangen haben, den sie aber wieder ins Wasser lassen mußten, weil er, da er auf dem Verdecke des Schiffes lag, in dänischer Sprache mit ihnen redete, und drohete, wenn sie ihm nicht seine Freyheit wiedergäben, so sollte Schiff und Volk untergehen. (…) (Dieser Bericht war am 17. Mai 2019 Thema der Freitagnacht-Kryptos, d. Red.)

 

Man hat keineswegs Grund oder Fug, seine Existenz anzuzweifeln

 

Inzwischen hat man doch keinesweges Grund oder Fug, dieses letzte [seine Existenz anzuzweifeln] zu thun, in sofern die Sache nicht an sich selbst ungereimt, geschweige unmöglich ist, oder auch wenn ihr nicht die Bekräfftigung vieler unverwerflicher Augenzeugen mangelt. Beydes will ich also auch zu vorkürzlich zeigen, bevor ich es wage, unsere nordische Hafstramle und Maryge nebst ihrem Kinde, das man Marmäte oder Marmäle nennet, zu beschreiben. Siehet man die Sache von vorne (a priore) an, und fragt: ob es wahrscheinlich, ja zu vermuthen wäre, daß in der See ein Fisch oder ein Thier zu finden seyn sollte, der dem Menschen ähnlicher als einem andern Geschöpfe wäre? so kann dieses in Betrachtung der Analogie, der Aehnlichkeit oder Uebereinstimmung, die man zwisschen verschiedenen andern Arten der Land und Wasserthiere findet, gar nicht geläugnet werden. Man hat ja Seepferde, Seekühe, Seewölfe, Meerschweine [=Tümmler], Seehunde, u.d.g.

 

Wenn dieses zugestanden wird, so mögte man vielleicht einen Einwurf machen, der sich auf die Eigenliebe und Hochachtung fürs menschliche Geschlecht gründet, das mit dem Bilde Gottes beehret worden, und dem die Beherrschung aller unvernünftigen Thiere übergeben ist, das folglich allein das Recht hat, sein Haupt, seine Leibesgestalt auf edle Art gen Himmel aufzurichten. […]

 

Schloß Kronborg in Helsingør. (Foto: Karen Rustad, CC 2.0)

Krawell
Eine Krawell, wie sie im 17. Jahrhundert für den Nord- und Ostseehandel genutzt wurde

Feindschaft von Meermensch und Seehund (dem Hai)

 

Daß dieses Raubthier zuweilen mit dem Seehund in Streit geräth, dieses bekräftiget ein Bericht, der mir nebst etlichen andern Nachrichten von dem Herrn Hans Ström Prediger in Borgen ist zugeschickt worden, und folgendes Inhalts ist.

 

‚Es geschah in Veröe in Numedalen, daß ein todter Meermann und ein todter Seehund, beyde blutig, auf einer Scheere gefunden wurden, woraus geschlossen wird, daß sie sich beyde einander zu Schanden gebissen hatten. Der Priester des Ortes, der Constorialrath Randulf, bemühte sich, den ersten zu bekommen; allein ehe noch seine Leute hinaus kamen, so hatten die Bauern schon beyde, des Specks wegen, von einander gehauen. […]

 

Zeugen bestätigen die Erscheinung eines Meermanes

 

Das allerneueste Exempel einer, durch Zeugen bestätigten, Erscheinung eines Meermanes in Dännemark verdienet noch angeführet zu werden, so wie man solches in dem vierten Stücke der schon angeführten Sammlungen, die Ol. Bang herausgegeben, beschrieben findet. Der Bericht lautet daselbst S. 528. folgendermassen:

 

‚Im Jahr 1723, den 20 September ließ der Bürgermeister in Helsingör A. Bussäus auf durch den Geheimten Rath und Amtmann Frid. von Gram erhaltenen, Königl. Befehl drey Fährleute, die in Helsingör wohnhaft sind, examiniren, nämlich: Peter Gumersen, alt 38 Jahr, Jeppe Jensön Gissen, alt 29 Jahr, und dessen Bruder, Niels Jensön, alt 31 Jahr, und zwar das See-Monstrum betreffend, das sie vor einigen Wochen gesehen hatten. Und davon legten sie folgendes mit einem Eide bekräftigtes Zeugniß ab:

 

Ein Augenzeugenbericht

 

Ungefehr vor zween Monaten, als bemeldte Fährleute mit ihrem Boote hinaus an ein aus der Ostsee kommendes Schiff rudern wollten, welches noch völlig unter Seegel, und zwar sehr weit, und zwischen Hween und Seeland war, also daß sie den Kirchthurm in Landskron sehen konnten, blieben sie des guten Wetters wegen ein wenig stille liegen, da sie denn etwa eine Viertelmeile weiter hin aus etwas auf dem Wasser treibend erblickten, welches gleich einem todten Körper schwamm. Sie ruderten diesfalls darauf zu, um zu sehen, was es wäre? Als sie sich ihm bis auf 6 oder 8 Klaftern genähert hatten, sahen sie es noch in eben der Gestalt, wie anfangs, wie es sich denn auch in dieser Zeit nicht gerührt hatte. Allein, indem gieng es unter, doch kam es auf selbiger Stelle stracks wieder in die Höhe.

 

Sie blieben daher aus Furcht stille liegen, und liessen das Boot treiben, das mit sie dieses Monstrum desto besser betrachten konnten, welches durch Hülfe des Stromes sich ihnen näherte, und sein Angesicht gegen sie wandte, und sie steif ansahe. Sie erhielten dadurch Gelegenheit, es recht genau zu betrachten, indem es eine halbe Viertelstunde auf diese Art stehen blieb, und sich bis auf die Brust sehen ließ. Zuletzt ward ihnen bange, und sie fiengen an, sich zurück zu begeben; darauf blies es die Backen auf, und gab ein Sausen von sich, und alsdann schoß es unter das Wasser, daß sie es nicht mehr sehen konnten.

 

Meerjungfrau Remagen
Im Mittelalter meißelte man diese Meerjungfrau und …

Meermann Remagen
… diesen Meermann auf ein Portal in Remagen (Fotos: U. Magin)

 

Was die Gestalt dieses Ungeheuers betrifft, so sagen sie, daß es ihnen als ein alter Mann vorgekommen, sehr stark von Leibe, mit breiten Schultern, allein von den Aermen konnten sie nichts sehen. Der Kopf war, in Vergleichung des Rumpfes, nur klein, und hatte schwarze krause Haare, die aber nicht weiter giengen, als bis an die Ohren; die Augen lagen tief im Kopfe; das Gesicht war mager und rauh, und hatte einen schwarzen Bart, der abgeschnitten zu seyn schien. Die Haut war grob, und ziemlich mit Haaren bedeckt. Peter Gumersen berichtete (doch hatten es die andern nicht gesehen), daß dieser Meermann um dem Leibe und unterwärts ganz spitz wie ein Fisch gewesen. Auch sagte eben dieser Peter Gumersen, er habe vor mehr als zwanzig Jahren, auf einem Boote bey Buiten, wo er gebohren war, ein Meerweib mit ausgebreiteten Haaren und grossen Brüsten gesehen. Ferner berichteten diese Fährleute, daß das Wetter an selbigen Tage, so wie einige darauf folgende, ganz stille gewesen.‘“

 

 

Der gesamte, ausführliche Text mit Erläuterungen von authentischen Sichtungen, Schwindeln und Fabeln findet sich in Erich Pontoppidans „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen“. (Mit Kupfern, Band 2, Koppoenhagen, Mumme, 1754, S. 351–368).

Limneas Nixe auf Thassos
Eine Nixe in einem Vorgarten auf der griechischen Insel Thassos. (Foto: Ulrich Magin)

Meermenschen Walcheren
Aus der Belle Époque stammt der Wassermensch auf einem Gebäude in Middelburg auf der niederländischen Insel Walcheren. (Foto: Ulrich Magin)

Literatur:

Pontoppidan, Erich: Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen (Mit Kupfern, Band 2, Kopenhagen, Mumme, 1754, S. 351–368).


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