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Freitagnacht-Kryptos: Zoolympia

Emil Erpel, Reporter bei den zoolympischen Spielen
Emil Erpel berichtet heute über den 100 m Landsprint.

„Quak quak und Guten Abend, meine Damen und Herren. Hier ist Ihr Reporter Emil Erpel, live aus dem zoolympischen Landstadion. Heute wird es schnelles Gold geben, das schnellste Gold auf dem Boden der zoolympischen Spiele, denn heute ist das Finale im 100 Meter-Sprint der Landtiere.

 

 

100 m Sprint der Landtiere

Dieser Wettbewerb ist schon seit Jahren einer der Höhepunkte in der zoolympischen Land-Leichtathletik. Und auch in diesem Jahr ist das Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum ist bester Laune, schon seit über einer halben Stunde brandet immer wieder Gesang aus tausenden Kehlen bis zur Pressetribüne. Doch jetzt nähert sich die Stimmung einem ersten Höhepunkt, denn die Athleten kommen auf die Kampfbahn. Jeder der 8 Läufer ist an sich Weltspitze, so ein hochwertiges Feld hat es schon lange nicht mehr gegeben. Noch sieht alles locker aus, die Läuferinnen und Läufer ziehen ihre Trainingskleidung aus und lockern die Muskeln.

 

 

Symbol für die zoolympischen Laufwettbewerbe

 

 

Auf Bahn 1: Speedy Gonzales

Auf Bahn 1 läuft einer der Bantam-Sprinter. Speedy Gonzales, mehrfacher mexikanischer Meister im Kurz- und Mittelstreckenlauf. Der ganz in weiß gekleidete Sprinter aus Guadalajara ist bekannt für seine Ablenkungsmanöver – und er hasst Katzen. Möglicherweise wird das ein Problem, denn auf der Nebenbahn startet eine Katze. Seine aggressiven „Arriba-Arriba-Andale“- Rufe zeigen bereits Wirkung!

 

Bahn 2: die Jugendhoffnung Kitty Serval

Kitty Serval, Sprinterin bei den zoolympischen Spielen
Kitty Serval

Direkt neben Gonzales läuft Kitty Serval aus Kenia. Für die junge Wildkatze ist es ihr erster großer Wettkampf, entsprechend nervös wirkt sie. Das große Publikum und Gonzales‘ Störversuche bringen sie immer wieder aus der Konzentration. Aber sie ist eine der großen Nachwuchs-Hoffnungen in der Bantam-Klasse, die Wetten stehen gut für sie.

 

 

 

Auf Bahn 3: Franz-Josef Strauß aus Bayern

Franz Joseph Strauß, Läufer bei den zoolympischen Spielen
Franz-Josef Strauß aus München

Auf Bahn 3 steht der erste Sprinter der großen Klasse. Von „Schwergewichten“ mag man angesichts der schlanken, durchtrainierten Figuren nicht reden. Es ist Franz-Joseph Strauß aus München in Deutschland. Der junge Laufvogel hat afrikanische Wurzeln, seine Großeltern stammen aus dem Hochland Äthiopiens, sind aber in den 1990er Jahren nach Europa geflüchtet. Der junge Franz-Joseph wurde bereits kurz nach seinem Schlupf von einem Talentscout entdeckt und systematisch trainiert.

Bisher hat er alle Sponsoring-Verträge abgelehnt, sein erklärtes und einziges Ziel ist es, schnellster Läufer aller Zeiten zu werden. Jetzt betritt er voll konzentriert seinen Startblock.

 

Bahn 4: Cheetah Gepard, die Top-Favoritin

Favoritin bei den zoolympischen Sprints
Cheetah Gepard ist die Top-Favoritin auf zoolympisches Gold

Neben ihm, auf Bahn 4 läuft die Top-Favoritin, Cheetah Gepard aus Namibia. Die gefleckte Sprinterin ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. In diesem Jahr hat sie jeden bedeutenden Wettkampf gewonnen, an dem sie teilgenommen hat. Ihre Sponsoring-Verträge erreichen Rekordhöhen – zu Recht: Sie verfügt über die größte Beschleunigung und die höchste Endgeschwindigkeit im gesamten Feld. Nur in Sachen Reaktionszeit ist sie heute schlagbar. Dennoch gilt sie als haushohe Favoritin, die Buchmacher im Stadion nehmen keine Wetten mehr auf ihren Sieg an. Wir werden sehen, wie sie dieses Feld meistert.

Bahn 5: Der Herausforderer Prong Horn

Prong Horn größter Konkurrent bei den zoolympischen Sprints
Prong Horn, Hoffnung der amerikanischen Sprinter

Ihr größter Konkurrent, Prong Horn aus Dakota in den USA startet direkt neben ihr auf Bahn 5. Auch er hat sich intensiv auf diesen zoolympischen Wettkampf vorbereitet. Anders als Cheetah Gepard hat er jedoch konsequent alle internationalen Wettbewerbe in diesem Jahr gemieden und ist nur bei den nordamerikanischen Qualifikationswettkämpfen aufgetreten. Dort hat er seine Konkurrenz in Grund und Boden gelaufen und sprach nur von einem „Vorbereitungslauf“ auf den heutigen Wettkampf. Ja, keine Frage, auch in der großen Klasse wird es spannend.

 

 

Bahn 6: Ken Guru, ein burschikoser Australier

Ken Guru, zoolympischer Sprinter
Ken Guru aus Nullabor in Australien

Der letzte Teilnehmer in der großen Klasse auf Bahn 6 ist Ken Guru aus Nullarbor in Australien. Wie viele Australier ist das rote Riesenkänguru ein geselliger Typ, der gerne feiert. Doch seine Vorbereitung ist einwandfrei, kein Wunder: Er stammt aus einer Läuferfamilie mit langer Tradition. Trainiert von seinem Vater war oft Schmalhans Küchenmeister, denn auch die Sportler leiden unter den Dürrejahren im Outback des fünften Kontinentes. So hat Ken bereits in jungen Jahren gelernt, mit leerem Beutel große Sprünge zu machen. Leider verfügt der burschikose Hüpfer auf der Kurzstrecke nur über eine Außenseiterchance.

 

Bahn 7: Road-Runner, der Publikumsliebling

Meep Meep, der Roadrunner, rockt er die zoolympischen Wettkämpfe?
Meep Meep! Publikumsliebling Roadrunner aus Arizona

Bahn 7 wird von einem der Bantam-Läufer belegt. Der Road-Runner aus Arizona in den USA ist ein absoluter Publikumsliebling. Er hat lange Zeit als Schauspieler für Warner Bros. agiert. Seine Entdeckung für den Sport verdankt er Prong Horn, für den er vor einigen Jahren als Steher-Trainer fungierte. Horn brachte ihn vom Set ins Stadion, wo sein Kampfruf „Meep Meep“ schnell für Stimmung beim Publikum im zoolympischen Landstadion sorgte. Voll konzentriert steht er nun in seinem Startblock.

 

Bahn 8: Karl Nickel, der Routinier bei seinem letzten Auftritt

Routinier Karl Nickel hat seinen letzten Lauf beim zoolympischen Finale
Routinier Karl Nickel aus Wuppertal, überzeugter Vegetarier und vielfacher Familienvater

Auf der Innenbahn, Bahn 8 startet Karl Nickel!  Für den beliebten Routinier aus Deutschland ist es definitiv das letzte Rennen, seinen Rücktritt hat er bereits vor dem Lauf angekündigt. Im nächsten Monat wird er mit seiner Frau und 17 seiner Kinder einen Laden für Bio-Gemüse in Wuppertal eröffnen. Doch nun beugt sich das Langohr das letzte Mal hoch konzentriert über den Startblock.

 

Atemlos durch die Nacht

Die Sportler steigen nun in ihre Startblöcke. Das Publikum hält den Atem an, als der Starter die berühmten Worte sagt: „Auf die Plätze“ – „Fertig“ – und Fehlstart!

 

Fehlstart
Fehlstart!

 

Kitty Serval springt zu früh aus ihrer Box. Offenbar haben die Störversuche von Speedy Gonzales Erfolg gehabt. Wütend tritt sie gegen ihre Kleidungskiste, während Gonzales Triumphsprünge macht. Für Kitty Serval ist dies eine bittere Erfahrung, die sie aber sicher verarbeiten wird. Ich bezweifle nicht, dass Gonzales beim nächsten Zusammentreffen springen wird, aber sicher nicht aus Freude. Ein Teil des Publikums, insbesondere die Katzen quittieren dies mit lauten Buh-Rufen. Vom Rest der Zuschauer gibt es höflichen Applaus, als Serval im Tunnel zu den Kabinen verschwindet.

 

Die Kampfrichter geben den Athleten eine kurze Pause, um sich zu erneut zu sammeln. Der Road-Runner peitscht die Vögel im Publikum mit rhythmischen „Meep-Meep“-Rufen auf. Und Sie glauben gar nicht, wie viele Vögel diesen Bodenwettkampf verfolgen! Das Stadion erbebt kurz, doch dann verhallen die Rufe, Konzentration ist angesagt.

 

„Auf die Plätze“

 

„Fertig“

 

Boom Startschuss zum zoolympischen Finale

 

Und los geht es, meine Damen und Herren. Die Läufer sind kaum mit den Augen zu verfolgen, so schnell geht dieser Sprint. Ein Sieger ist von der Tribüne nicht erkennbar, ebenso wenig aufschlussreich ist die Zeitlupe, die hier im Stadion über die Bildschirme flimmert. Cheetah Gepard, Prong Horn und Franz-Joseph Strauß sind nahezu gleichauf, alle drei recken ihre Brust dem Zielband entgegen. Nicht einmal eine Beinlänge dahinter liegt der Road-Runner, während Ken Guru den fünften Platz belegt.

Für Karl Nickel ist der sechste Platz sicher ein Achtungserfolg, er kann mit hoch erhobenen Ohren in den sportlichen Ruhestand gehen. Doch wo ist Speedy Gonzales? Er sprang nach dem Startschuss zunächst in die Luft, schmetterte sein berühmt-berüchtigtes „Arriba Arriba-Andale“ ins Publikum und begann dann erst, Meter zu machen. Viel zu spät und zu langsam, der Schnellstarter Road-Runner hatte zu dem Zeitpunkt bereits die 50 m Marke überschritten und wurde erst danach von Cheetah Gepard eingeholt, während Franz-Joseph Strauß und Prong Horn Kopf-an-Kopf zur gefleckten Katze aufschlossen, der auf den letzten Metern etwas die Luft ausging. So kam es zum Foto-Finish.

 

 

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Helmut Höge erforscht seit vielen Jahren alles, was kreucht und fleucht: von Mikroorganismen bis zu Elefanten. Dabei interessiert ihn nicht nur die wissenschaftliche Literatur über die jeweilige Spezies, sondern vor allem die Beobachtungen derjenigen, die mit Tieren konkret umgehen und ihr Verhalten studieren. Er ist überzeugt, dass solche Beobachtungen wichtigeres Wissen zu Tage fördern als unter den Mikroskopen der Molekulargenetik und dass der Mensch vom Tier mehr lernen kann als umgekehrt.

 

2014 wurde Höge mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet, der Autoren verliehen wird, die „einen unkonventionellen Blick auf die Welt werfen, mit ungewöhnlichen literarischen oder journalistischen Formen experimentieren und gesellschaftskritischen Humor zeigen“. Dies trifft auf „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“ in jeder Hinsicht zu.

 

 

Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung hat 160 Seiten und ist 2018 bei Westend erschienen. Es kostet als gebundenes Buch € 16,-.

 

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Ein Fabel-Weltrekord!

Die Kampfrichter veröffentlichen nun eine Siegerzeit, 5,58 Sekunden. Meine Damen und Herren, ich habe schnelles Gold versprochen, aber das war noch schneller als erwartet. Weltrekord, ja ein Weltrekord, der den vorhergehenden Rekord zerbröseln lässt! Fünf Komma fünf acht Sekunden! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!

 

 

Während die Athleten nun für Fotos posieren, diskutieren die Kampfrichter noch immer. Das Publikum ist ebenso ratlos wie ich! Inzwischen zeigt die große Fernsehwand im Stadion die Reaktionszeiten. Eine echte Überraschung, meine Damen und Herren. Am schnellsten reagiert hat Karl Nickel! Das sympathische Langohr aus der bergischen Metropole hat tatsächlich nach dem Startschuss als erster die Box verlassen! Im folgten zunächst der Roadrunner, dann Prong Horn und Franz-Joseph Strauß gleichauf. Auch bei der Beschleunigung hatten die Bantam-Läufer zunächst die Nase vorn, doch etwa auf der Hälfte der Strecke konnten die großen Athleten ihre Höchstgeschwindigkeit ausspielen. Hier hat Cheetah Gepard eindeutig ihre Stärken: 104,7 km/h hat das Radargerät gemessen.

 

Was sagen die zoolympischen Kampfrichter?

Jetzt kommt Bewegung ins Kampfgericht. Christian Doppler, Sprecher der Kampfrichter, geht auf die Athleten zu. Ich kann nicht genau erkennen, was dort unten los ist. Offenbar ruft er die drei möglichen Gewinner zu sich. Sie sondern sich ein wenig ab, auch Kamera und Mikro müssen etwas zurück bleiben. Das Publikum wird immer leiser, meine Damen und Herren. Wenn hier im Stadion jetzt jemand eine Stecknadel fallen lassen würde, egal wo, wir könnten sie alle hören. Dennoch: Was ist da unten los?

Ein kurzer Moment der Stille, dann richten sich alle vier auf. Auf den Gesichtern der Athleten lese ich Verwirrung, aber auch Freude. Dann leuchtet die Fernsehtafel im zoolympischen Stadion auf. Es gibt dreimal Gold! Das Publikum jubelt so laut, das parallel abgebrannte Feuerwerk ist kaum zu hören. Das ist ein denkwürdiger Moment, meine Damen und Herren!

 

Feuerwerk am Ende der zoolympischen Sprints

 

Mit dem Bild der drei Athleten, die gemeinsam in die Kamera lächeln, gebe ich weiter an Ferdinand du’Gong im zoolympischen Aquapark zur Vorausscheidung im Synchronschwimmen der Mannschaften. Wir melden uns morgen gegen 11 Uhr aus dem Landstadion, wenn die Führenden des zoolympischen Langstrecken-Orientierungsfluges erwartet werden.

 

Gute Nacht, meine Damen und Herren und Quak quak!“