Freitagnacht-Kryptos: Ein neuer Fisch

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In den „Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde“ (Band 21, Mauke, 1828, S. 177) berichtet J. Harwood über die Entdeckung einer merkwürdigen neue Fischgattung Ophiognathus:

„Im Herbst des Jahres 1826 bemerkte Capit. Sawyer, vom Schiff Harmony von Hull, als er einem Meerschwein (bottle-nosed Porpoise) in der Davisstraße nachsetzte, unter 62° N. Br. und 57° W. L. einen Körper, der auf der Oberfläche des Wassers schwamm, und zuerst von ihm und seinen Seeleuten fälschlicherweise für eins der aufgeblasenen Seehundsfelle gehalten wurde, welche die Esquimaux zur Jagd auf große Wasserthiere gebrauchen, und an die sie die Harpune, womit sie geworfen werden, anbinden, um sie hierdurch leichter über dem Wasser zu erhalten und in ihre Hände zu bekommen. Als er näher kam, ward er gewahr, daß der Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregt hatte, ein lebendiges Seethier war.

Nach dem Fang in Rum aufbewahrt

Das Thier befindet sich noch in den Händen des Capitän Sawyer, der es bald nach dem Fang in Rum aufbewahrt hat. Dieser Fang war dadurch sehr erleichtert worden, daß das Thier, als man es zuerst bemerkte, von der langen Anstrengung, einen Barsch von ungefähr 7 Zoll im Umfang zu verschlingen, mit welchem es, wie man aus der schwachen Spur von Leben sah, lange gekämpft haben mußte, sehr ermüdet war. Da die Bewegungsorgane sehr klein sind, und der Körper sehr langgestreckt, so muß es bei einer oberflächlichen Ansicht von Jedem für eine besondere Art Seeschlangen erkannt werden, welche Ansicht sich auch bei strengerer Prüfung bewährt.

Segelschiff vor Grönland
Ein historischer Segler in der Davisstraße bei Grönland.

Saccopharynx ampullaceus
Historische Zeichnung von Saccopharynx ampillacens von der Challenger-Expedition

Sein Körper ist von einem einförmigen, röthlichen Schwarz, außer dem fadenförmigen und viel helleren Ende des Schwanzes. Die ganze Länge beträgt 4 Fuß 6 Zoll. Der erweiterte und außerordentlich elastische Schlund steht mit einem ungeheuern Sack oder Luftgefäß in Verbindung, und erstreckt sich vom äußersten Ende der Schnauze in einer Länge von ungefähr 20 Zoll. Theilweise mit Luft angefüllt, hatte dieser Sack unter seiner Vereinigung mit dem Schwanze 9 Zoll im Umfang; sein größter Durchmesser aber, mit Einschluß des dünnen Körpers, zu dem er gehört, 4 Zoll. Die Bestimmung dieser ungeheuern Ausbauchung hat Dr. Harwood nicht entdecken können.

Eine genaue Beschreibung folgt

Die Haut auf dem ganzen Körper des Ophiognathus war auffallend weich und schlüpfrig, sieht aber etwas körnig aus. Die Luftlöcher, die von der Schnauze 5 Zoll entfernt sind, sind breit und von unregelmäßig eirunder Gestalt. Alle Flossen sind außerordentlich klein; die an der Brust bestehen aus einer Fettscheibe, welche in eine schmale mit Strahlen versehene Membran endigt und bei nahe davon umgeben ist. Die Rückenflosse die, wie die übrigen, sehr schmal und mit einfachen Strahlen versehen ist, fängt ungefähr 18 Zoll von der Schnauze an und endet unmerklich in den dünnen bandähnlichen Faden, in welchen sich der Schwanz umwandelt und der noch in einer Länge von 20 Zoll hinter dem letzten Ende der Rückenflosse fort läuft. An diesem Ende der Rückenflosse entspringen noch einige andere kleine Fäden.

Die Afterflosse beginnt bei der hintern Vereinigung des Sackes mit dem Körper und endet ungefähr 14 Zoll vom Ende des Schwanzfadens: der Körper zeigt keine bemerkbare Seitenlinie, aber die auffallendste Structur, die sich unsern Blicken darbietet, ist im Kopf und in den Kinnladen enthalten, Das beinahe gänzliche Verschwinden der Zunge könnte als eins der Hauptkennzeichen gelten, wären wir schon mit der Beschaffenheit dieses Organs bei den ihm zunächst stehenden Thieren bekannter.

Die […] Gelenkverbindung verstattet eine so ungeheuer Oeffnung des Rachens…

Die Zähne stehen oben und unten in einer einfachen Reihe; oben stehen sie nur in den Rändern der Intermarillarknochen; unten sitzen sie fast in der ganzen Länge des Kiefers; aber die ossa palati sind ganz von Zähnen entblößt. Endlich sind die Kinnbacken so lang und die besondere Einrichtung ihrer Gelenkverbindung verstattet eine so ungeheuer Oeffnung des Rachens, wie ich sie noch bei keinem andern Thiere sah, selbst die Klapperschlange nicht ausgenommen: wie bei den Schlangen beschreiben die Kinnbacken einen großen Kreis und erscheinen nur als Einfassungen eines weiten Sacks, wobei der Schlund, der gewöhnlich einen sehr kleinen Raum einnimmt, einer gleichen Erweiterung fähig ist.
Sobald die Kinnladen wenig geöffnet waren, maßen sie 2 Zoll in der Queere und 3 von den obern Vorderzähnen bis zu den untern; ob sie aber gleich eine große Ausdehnungsfähigkeit zeigten, war gleichwohl ihre Contractionskraft nicht geringer.

Da dieses Thier eine neue Gattung der schlangenförmigen Fische bildet, so hat ihm Dr. Harwood den Namen Ophiognathus ampullaceus gegeben […]“


Ein Tauchroboter filmt einen nahen Verwandten von Saccopharynx ampullaceus über einem unterseeischen Berg bei Hawaii. Die Kommentare der erstaunten Wissenschaftler sind bemerkenswert.


Anmerkung des Verfassers:

Die von Harwood beschriebene Art Ophiognathus ampullaceus heißt heute „Saccopharynx ampullaceus (Harwood 1827). Saccopharyngidae.“ Auch das Exemplar, das Captain Sawyer nach dem Fang in Rum aufbewahrte, ging verloren.


Literatur:

Harwood, J.: „Über eine merkwürdige neue Fischgattung“ in „Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde“ (Band 21, Mauke, 1828, S. 177)