Freitagnacht-Kryptos: Ein unbekanntes Raubtier – ein Tiger? – in Sibirien

Lesedauer: etwa 5 Minuten
image_pdfimage_print

Ein leider ungenannter Autor beschrieb in der Zeitschrift „Das Ausland: Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde“ in einem in der Nr. 214 am 2. August 1831, S. 853ff. veröffentlichten Aufsatz unter dem Titel „Scenen aus Sibirien“ einen Tiger mit geflecktem Fell – ein Tier, das nicht einmal in Karl Shukers umfangreichen Kompendium unbekannter Katzenarten aus aller Welt („Mystery Cats oft he World“) geführt wird:

 

 

„Zuweilen wird er [der Reisende in Sibirien] überrascht von einer Klauenspur seines Raubthieres, er steigt ab, untersucht und erbebt – es ist die Spur eines Panthers. Eines Panthers? […] ja, eines Panthers, und zwar der größesten Art. Ob sich dieses mörderische Thier im Sommer aus Mittelasien hieher verirrt, ob während der heißen Jahreszeit die Beute sie in diese Gegenden lockt, oder ob es die Klapperjagd des chinesischen Kaisers dorthin verscheucht, läßt sich nicht sagen; aber soviel ist gewiß, daß selten ein Jahr vergeht, wo nicht in der Provinz Jakutsk eines oder mehrere dieser durch Raubsucht, Furchtlosigkeit, Schnelle und Stärke furchtbaren Thiere erlegt werden. Selten wird ein Pantherfell ohne Blut des Jägers erkauft. Folgernder trauriger Vorfall ereignete sich im Jahr 1827.

 

Amurtiger
Amurtiger sind die größten und am weitesten nördlich vorkommenden Großkatzen

Gemetzel in der Taiga

Zwei Familien, eine jakutische und eine tungusische, nomadisierten in der Nähe von Jakutsk. Beide Familienväter waren alte Freunde und Jagdgenossen. An einem Morgen stürzte die Frau des Jakuten erschrocken in die Jurte, und konnte kaum berichten, daß sie ein unbekanntes Thier erschreckt habe. Die Jäger ergreifen ihre Büchsen, und eilen auf das Feld – aber auch sie verzagen, denn kaum zwei Flintenschüsse weit von der Jurte erblicken sie einen Panther.

 

Ein Tag und eine Nacht vergingen, aber das Raubthier lag noch immer auf der Lauer. Gierig lechzte es nach Beute, und mit dem Hunger stieg seine Verwegenheit. Geschrei, abgeschleuderte Feuerbrände, Geklapper mit dem Kessel – nichts vermochte ihn zu verscheuchen. Er stand auf, sprang, brüllte und legte sich wieder außer Schußweite nieder. Noch einmal 24 Stunden gingen vorüber und die Jäger geriethen in Verzweiflung, die Thränen und Klagen ihrer durstenden, hungernden und erschrockenen Familien weckten endlich ihren Muth. Es war nur zwischen Hungertod oder den Klauen des wilden Thieres zu wählen.

Jurte am See
Jurte am See – ohne Tiger

Der Kampf mit dem Tiger

Der Jakute beschloß den Kampf zu beginnen. Eine breitläufige Flinte, die er glücklicherweise besaß, wurde mit doppelter Ladung versehen, und so ging er dem belagernden Feinde entgegen. Mit funkelnden Augen betrachtete der Panther den heranschleichenden Jäger, blutgierig begann er mit dem Schweife zu schlagen, und sperrte den rothen Rachen auf. Als aber der Jakute sich auf ein Knie niederließ, um sicherer zu feuern, sträubte sich das Haar des Panthers, er wand sich schlangenförmig, und schoß wie ein Blitz, so daß er dem tödtlichen Blei entging, heran, in demselben Augenblicke war auch schon die Hand des unglücklichen Jägers von den Zähnen des wüthenden Thieres zermalmt.

 

Aber auch der Tunguse stürzte mit einer Palma (einem an einen langen Stiel befestigten Messer, einer Art Lanze) auf das Ungethüm, und brachte demselben drei Wunden bei. Nun wendete sich das ergrimmte Thier gegen den neuen Feind, zerbrach den Schaft der Waffe, und zerfleischte seinen Gegner mit den Klauen. Da ermannte sich der Jakute, ergriff mit der einen noch unverletzten Hand ein Weidmesser und stieß es dem Panther in die Weiche. Dieser von Blut triefend ließ ab von seiner Beute, schlich davon und stürzte zu Boden. Aber die verwundeten Jäger vermochten ihm nicht zu folgen. Am Abende verendete das Raubthier, aber auch der Jakute starb nach zwei Tagen, und der Tunguse genaß nur langsam von seinen Wunden.

 

Ich sah das Fell des erlegten Thieres, das der Befehlshaber der Provinz gekauft hatte.“

 

Sibirien

Ist ein Tiger ohne Streifen noch ein Tiger?

In einer Fußnote mutmaßt der Autor, das Fell sei eigentlich ein Tigerfell: „Ungeachtet der [zuvor nicht beschriebenen] Flecken, bin ich geneigt, das Thier einen Tiger zu nennen, denn es ist nicht der pardalis der Alten (Felis pardus des Linne), auch nicht Cuviers guépard (felis jubata), kurz nicht das, was die Franzosen panthére nennen, denn alle diese Thiere muß es an Größe und an Stärke übertroffen haben. Uebrigens scheint es, daß im Alterthum der Panther dem kälteren Klima nicht fremd war, und wahrscheinlich kannten ihn die Vorfahren der Russen nicht blos vom Hörensagen.

 

Im Liede von Igor’s Feldzug kommt der Ausdruck ‚das Lager des Panthers‘ öfters vor. Im Kaukasus werden oft Tiger erlegt, und die Bergbewohner versichern, daß es dort auch Löwen (Aslan) gebe; überhaupt scheint es, daß nicht so sehr das Klima als die Volksmenge diese Thiere aus Europa und den Gränzländern verscheucht hat. Auch die Römer trugen nicht wenig dazu bei, durch ihre ungeheuren Thierhetzen die reißenden Thiere zu vertilgen.“

 

 

Der Aufsatz wurde auch in „Erheiterungen: Eine Auswahl des merkwürdigsten und interessantesten aus der neuesten belletristischen Literatur“ im Jahrgang 1831 abgedruckt (Zitat dort auf S. 748).

 

 

Quellen:

Das Ausland: Wochenschrift für Länder- u. Völkerkunde, Band 2; Band 4

Erheiterungen: Eine Auswahl des merkwürdigsten und interessantesten aus der neuesten belletristischen Literatur, 1831

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.