Freitagnacht-Kryptos: Eine Mischung aus Rochen, Stör, Hai, Wal und Seeschlange wird gefangen

Lesedauer: etwa 3 Minuten
image_pdfimage_print

So manche Seeschlangensichtung wurde seinerzeit in den Medien breit geschlagen, schaffte es aber nie in die klassischen Sammlungen von Seeschlangenberichten – manchmal, weil die kryptozoologischen Autoren die Zahl der Fehldeutungen und Schwindel zahlenmäßig reduzieren wollen.

War das ein Grund, warum dieser Bericht aus Londoner Zeitungen weder bei Oudemans noch Gould noch Heuvelmans auftaucht?

Montreal
Blick von Longguile zum Olympia-Park in Montreal. Hier ungefähr hat sich das Beschriebene ereignet. (by Jeangagnon CC 3.0)

 

Auf jeden Fall ist die Meldung der „Bremer Zeitung für Politik, Handel und Literatur“ vom Sonntag, den 16. November 1823, eine Lektüre wert:

 

 

Bremer Zeitung

„Miscellen. Londoner Blätter enthalten folgenden Auszug aus einem Briefe, datirt Montreal, den 15. Sept. –

 

‚Die Passagiere des am Freitag von Quebec hier gelangten Paketbootes, Lady Scherbroke, berichteten, daß sie bis wenige Meilen von der Stadt von einem großen Seeungeheuer verfolgt worden wären, welches einige für die berüchtigte Seeschlange, andere aber für einen Wallfisch hielten. Die meisten stimmten indessen dahin überein, daß es ein großer von 35 bis 80 Fuß langer Fisch gewesen sei.

 

Am Freitag Abend erschien das Ungeheuer längs der Fähre, die von dem Croß, 2 Meilen von der Stadt, nach Long Guile fährt, und zeigte sich beinah so lang als die Fähre. Am Sonnabend Morgen faßten zwei unternehmende Capitäns, Namens Bruth und Seymour, den Entschluß, mit 8 Matosen [sic] das Ungeheuer in dem langen Boote des Dampfschiffes aufzusuchen, und 3 Meilen von hier trafen sie es auch glücklicherweise an.

 

Sie warfen die Harpune nach ihm, und diese griff ein, aber nunmehr entstand eine Scene, welche die Leute, die sich am Ufer versammelt hatten, überraschte. Der Strom rannte mit großer Schnelligkeit und nie sieht man, daß ein Boot dem Strome entgegen sich rasch vorwärts bewegt, aber der Wallfisch, denn so müssen wir ihn nunmehr nennen, schoß mit dem Boote im Tau durch den ihm entgegen kommenden Strom mit solcher Schnelligkeit, daß unsere Seereisenden 10 bis 12 Meilen per Stunde zurücklegten. Der Wallfisch der wahrscheinlich keine Lust hatte sich der Stadt zu sehr zu nähern, drehte sich als er die Stadt ansichtig wurde, um, steuerte nach Long Point zu, und zog das Boot ungleich schneller als diejenigen in demselben, selbst in Dampfschiffen zu reisen gewohnt waren, bis beinahe 12 Uhr mit sich hinweg.

 

Unglücklicherweise riß aber um diese Zeit die Harpune aus, und der Wallfisch entkam. Die Capitäns sind indessen entschlossen, morgen einen zweiten Versuch zu machen, und sich mit besseren und stärkeren Instrumenten zu versehen. Hunderte von Menschen standen am Ufer, und sahen diesem Schauspiele zu.‘“

 

 

 

Ein fast gleichlautender Bericht erschien am 27. November 1823 in der „Baireuther Zeitung“ (S. 1020). Diese Bericht fügt weitere Details hinzu:

 

 

Baireuther Zeitung

„Die kühnen Schiffs-Capitains gaben ihr Vorhaben nicht auf und bald darauf gelang es ihnen, sich des Ungeheuers bei dem Cap Henlopen zu bemächtigen.

 

Der Naturforscher Patchen, Präsident des Lyceums zu New-York, gab diesem ungeheuern Fisch, von dem bisher noch nichts bekannt war, den Nahmen: Meer-Vampyr und classificirt ihn zwischen den Squala [Haie] und Acipenser [Stör].

 

Dieser Meer-Vampyr mußte von 6 Ochsen, 2 Pferden und 22 Menschen aus dem Wasser an das Land gezogen werden. Sein Gewicht wurde von Einigen auf 5 Tonnen, oder vierzigtausend Pfund, von Andern nur auf zehntausend Pfund geschätzt. Von einer Brustflosse zur anderen mißt er 18 Fuß; sein Leib ist 15 Fuß, sein Schwanz 4 Fuß lang; seine Gestalt hat große Aehnlichkeit mit dem Rochenfisch.“

 

 

Quellen:

Bremer Zeitung: für Politik, Handel und Literatur. 1823,7/12

Bayreuther Zeitung: 1823

One Reply to “Freitagnacht-Kryptos: Eine Mischung aus Rochen, Stör, Hai, Wal und Seeschlange wird gefangen”

  1. Das gefangene Tier von Cape Henlopen (Delaware) lässt sich hier finden: Annals of the Lyceum of Natural History of New York, Volume 1: Description of a new and gigantic species of the genus Cephalopterus, of Dumeril. By S.L. Mitchill, M.D. (https://books.google.de/books?id=jYU5AAAAcAAJ&pg=PA28&lpg=PA28&dq=Patchen+Lyceum+of+Natural+History&source=bl&ots=mTr3TaJW1p&sig=ACfU3U1t62m-qG6eUgzuBycF_mB5iI40Mw&hl=en&sa=X&ved=2ahUKEwjb2MexwsvsAhW_BGMBHeQODeIQ6AEwEnoECAgQAg#v=onepage&q=Patchen%20Lyceum%20of%20Natural%20History&f=false). Es wurde von Naturforscher Mitchell als Cephalopterus vampyrus benannt, eine Art die heute als Mobula birostris bekannt ist (http://www.marinespecies.org/aphia.php?p=taxdetails&id=316947), der Riesenmanta (https://de.wikipedia.org/wiki/Riesenmanta).

    Weitere Informationen zum Fall (auf Englisch) gibt es auch hier: https://books.google.de/books?id=fFIPAQAAMAAJ&pg=PA357&lpg=PA357&dq=cape+henlopen+sea+devil+1823&source=bl&ots=NQN-xDItxe&sig=ACfU3U3CH0wDrnM4753djk4voaEewgU7_A&hl=en&sa=X&ved=2ahUKEwjAs9j428zsAhU54eAKHVZTAs8Q6AEwBHoECAgQAg#v=onepage&q=cape%20henlopen%20sea%20devil%201823&f=false

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.