Freitagnacht-Kryptos: Kreaturen der Holzfäller: Der Leprocaun

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Holzfäller
US-Holzfäller um 1900: Burschen wie sie haben William T. Cox ihre Geschichten erzählt

Die „Kreaturen der Holzfäller“ stammen aus einer Zeit, in der die Wildnis Nordamerikas weitgehend unbekannt war und die Holzfäller sich selbst als harte Kerle darstellten (was sie zweifellos auch waren). Die „Kreaturen der Holzfäller“ entstanden aus diesem selbstgeschaffenen Mythos, einer gefährlichen Umgebung, Lagerfeuerromantik, Eintönigkeit einer harten Arbeit und zu viel Bier. Forstinspektor William T. Cox hat sie alle gesammelt und mit einem Augenzwinkern aufgezeichnet.
Wir bringen jeden ersten Freitag im Monat einer dieser Kreaturen kurzfristigen Internet-Ruhm.


Der Leprocaun

(Simiidiabolus hibernicus horribillis)

In den frühen Tagen von Oberkanada, bevor es zu Ontario wurde, wurden mehrere junge Leprocauns aus Nordirland in ein Holzfällerlager am Madawaska River gebracht. Dieses Tier war schon damals selten und ist seitdem in seiner Heimat ausgestorben. Es wird gesagt, dass während der letzten Hungersnot hungrige Iren die wenigen verbliebenen Exemplare dieses seltsamen Tieres getötet und gegessen haben.

 


In seinen einheimischen Mooren war der Leprocaun eine harmlose Kreatur, die für ihre Verspieltheit und lächerlichen Mätzchen gefeiert wurde. Es würde über die Sümpfe hüpfen, Saltos drehen und mit wundersamer Beweglichkeit über Hügel springen. Ein beliebter Trick bestand darin, sich in einen Haufen trocknenden Torfs zu bohren und dann mit einem plötzlichen Stoß die Torfklumpen hoch in die Luft zu schleudern, bis der Staub wie ein aufkommender Zyklon aussah. Diese Mätzchen waren in Irland in Ordnung, aber als das Tier nach Kanada gebracht wurde, verschwand seine Gutartigkeit. 

Leprocaun
Der Leprocaun

Noch als Haustiere auf der Madawaska-Ebene gehalten, flohen sie in die nahegelegenen Tamarack-Sümpfe, vermehrten sich und breiteten sich aus, bis gelegentlich eines auf dem oberen Ottawa und sogar im Norden von Michigan zu sehen war. Der Leprocaun schlich sich durch Tamarack-Sümpfe und Zedernwälder oder sprang über die Moschusfässer, nachdem was ihm als Nahrung gefiel. Er wurde zu einer Kreatur, die gefürchtet und gemieden werden musste.

 

Fuhrleute, die Vorräte über Sumpfstraßen transportieren, wurden von dem Tier angegriffen, das ohne Probleme über die Ladung hinwegsprang, dem Fahrer mit den Zähnen schnappte und mit seinen bösartigen Krallen nach ihm griff. Ein hastiger Sprung hinter die Baumstämme, mit dem er das Gespann seinem Schicksal überließ, war die einzige Wahl des Fahrers. Er konnte dem Himmel danken, dass  bei der Flucht durch die verworrenen Tamaracks selbst der Leprocaun keinem verängstigten Mann folgen kann. 

 


Anm. d. Übersetzerin: Die Ähnlichkeit mit dem irischen Leprechaun ist natürlich ersichtlich. Auf Deutsch wird er meist unklar mit „Kobold“ übersetzt. Da sich die drei Wesenheiten aber doch unterscheiden, bin ich bei „Leprocaun“ geblieben.


Literatur:

Cox, William T.: Fearsome Creatures of the Lumberwoods; Press of Judd & Detweiler Inc.; Washington D.C.; 1910 mit Illustrationen von Coert Du Bois