Freitagnacht-Kryptos: Kreaturen der Holzfäller: Der Snoligoster

Lesedauer: etwa 4 Minuten
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Holzfäller
US-Holzfäller um 1900: Burschen wie sie haben William T. Cox ihre Geschichten erzählt

Die „Kreaturen der Holzfäller“ stammen aus einer Zeit, in der die Wildnis Nordamerikas weitgehend unbekannt war und die Holzfäller sich selbst als harte Kerle darstellten (was sie zweifellos auch waren). Die „Kreaturen der Holzfäller“ entstanden aus diesem selbstgeschaffenen Mythos, einer gefährlichen Umgebung, Lagerfeuerromantik, Eintönigkeit einer harten Arbeit und zu viel Bier. Forstinspektor William T. Cox hat sie alle gesammelt und mit einem Augenzwinkern aufgezeichnet.
Wir bringen jeden ersten Freitag im Monat einer dieser Kreaturen kurzfristigen Internet-Ruhm.


Der Snoligoster

(Dorsohastatus caudirotula)

In den Zypressensümpfen des Südens und insbesondere in der Region um den Lake Okechobee in Florida erzählen Holzfäller von einem seltsamen und gefährlichen Tier, das als Snoligoster bekannt ist. Diese Kreatur hat enorme Ausmaße und einen unersättlichen Appetit. Am schlimmsten ist, dass sein Appetit nur durch das Fressen von Menschen gestillt wird.

Zypressen
Überwucherte Zypressen, typisch für den subtropischen Südosten der USA.

In seiner Form ähnelt der Snoligoster einem riesigen Krokodil, ist jedoch mit langem, glänzendem Fell bedeckt und hat keine Beine oder Flossen, außer einem langen Dorn auf dem Rücken. Ein Mensch fragt sich natürlich, wie ein solches Tier es schaffen kann, durch das Wasser und den Schlamm der Sumpfregion zu reisen. Aber die Natur hat ihm die Möglichkeit gegeben, sich selbst voranzutreiben. Am Ende seines Schwanzes befinden sich drei knöcherne Platten, die dem Propeller auf einem Dampfschiff sehr ähnlich sind. Diese drehen sich mit einer enormen Geschwindigkeit und treiben das Tier wie ein Torpedoboot durch den Schlamm. Sie dienen auch anderen Zwecken, denn wenn ein Snoligoster einen unglücklichen Halbstarken oder sogar einen ausgewachsenen Mann fängt, wirft er das Opfer nach oben und hinten. Dort spießt er es auf der Stachelflosse auf, wo sich möglicherweise mehrere Opfer befinden, bis ausreichend für eine Mahlzeit gesammelt wurden. Der Schwanz des Snoligosters wird dann in den Schlamm getrieben und gedreht, bis ein Loch herausgeschöpft ist. Dann schiebt er die Opfer von dem Dorn wirft sie hinein. Daraufhin schlägt der Snoligoster sie mit seinem sich schnell drehenden Propeller zu einem Teig und atmet sie ein.

Snoligoster
Der Snoligoster


Herr Inman F. Eldredge aus De Funiak Springs, Flordia, hatte auf der Suche nach einem flüchtigen Verbrecher* in den Sümpfen eine äußerst ungewöhnliche Erfahrung. Er erblickte den Mann, tot und aufgespießt auf einem zunächst schlanken Zypressenknie, das sich aber augenblicklich zu entfernen begann. Er sah dann, dass es die Spitze auf dem Rücken eines Snoligosters war. Eldredges erster Impuls war, das seltsame Tier zu erschießen, aber beim zweiten Gedanken kam er zu dem Schluss, dass es eine gute Arbeit leistet und berechtigt ist, weiterzuleben. Der bloße Bericht über eine solche Kreatur, die in den Sümpfen lebt, würde Übeltäter davon abhalten, sich in diese wilden Orte zu wagen, um ihren Verfolgern auszuweichen und der Gerechtigkeit zu entkommen.

 


Wichtige Anmerkung: Beim Nachdruck der Folklore gehen die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung üblichen Ansichten einher. Eldredges Unterstützung des Snoligosters für die Tötung eines mutmaßlichen „Übeltäters“ spiegelt seine Zeitgenossen darin wider, Morde an Afroamerikanern beiläufig zu entschuldigen. Eldredges Opfer erhält kein Detail, das über das eines „Outlaw Negro“ hinausgeht, und er weist seinen Tod als „gute Arbeit“ ab. Um klar zu sein, gehört Schuld durch Assoziation zu den absurdesten Mythen. In der Tat wäre es weitaus besser, an den Snoligoster selbst zu glauben! Denn Menschen werden durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht krimineller, als man zum Helden werden kann, indem man sich mit den Taten eines anderen in Verbindung bringt. Solche Allgemeingültigkeiten, die heute wie gestern üblich sind, bringen keine wirkliche Wahrheit hervor.

 


Literatur:

Cox, William T.: Fearsome Creatures of the Lumberwoods; Press of Judd & Detweiler Inc.; Washington D.C.; 1910 mit Illustrationen von Coert Du Bois