Freitagnacht-Kryptos: Ein Meermann

Von: Ulrich Magin

In einer Sammlung von Omen, Himmels- und Tierwundern lesen wir über das Jahr 1619 (auf S. 373):

Ein wunderseltzames Meerwunder

„Man hat auch in Dennemarckh ein wunderseltzames Meerwunder gefangen, von welchem der Bericht also eingeloffen:
Wolff Rosensparr und Christian Holckhen, 2 dänische Reichsräthe, sahen bey klarer See in ihrem Schiff, auf welchem sie aus Norwegen heimfuhren, tief unter dem Wasser einen Mann gehn, welcher wie zwey Bund Stroh unter den Armen gehabt. Da haben die Schiffleuth einen Schunckhen an einem kleinen Anckher dem Mann ins Wasser hinunder gelassen; alsobald schwänge er sich auf den Anckher und vermeinte dm Schunckhen abzulösen, da ihn dan die Schiffleuth mit Geschwindigkeit herauf und ins Schiff gezogen. Seine Gestalt war eines anderen natürlichen Menschen, nur das seine Haupthaaren lang bis auf die Achslen gewachsen, und seine Haut rauch wie eines Seehund’s gewesen. Anfänglich zappelte er wie ein Fisch, hernach, als er müed worden, wie tod ohne Sprach da gelegen. Die 2 Reichsräthe sagten zu den Umbuchenden: ‚daß muß wohl ein wunderbahrlicher Gott seyn, der solch menschlich Geschöpf und vil mehr Wunder im Wasser, dan auf der Erden erschaffen;‘ worauf der Mann erst zu reden angefangen und gesagt:

Stich einer Krawell des 17. Jahrhunderts
Krawell, wie sie im frühen 17. Jahrhundert in Nord- und Ostsee verwendet wurde

Stich eines Meermannes von 1531
Ein in der Ostsee 1531 gefangener Meerbischof, möglicherweise ein Rochen.

Der Meermann droht

‚Ja man du es so wol wüstest als ich, dan wurdest du erst sagen, das es ein wunderbahrlicher Gott seye, der vil mehr Creaturen im Wasser und under der Erden, als oben auf der Erden geschaffen. Und wan ihr mich nicht bald wider ins Wasser lasset, so soll weder Schiff noch Gut darvon kommen;‘ darauf die zwei Herren Reichsräthe befohlen, ihn wider ins Wasser zu setzen, da er dan geschwind darvon geschwommen.

Ob diß ein Geschicht oder nur ein Gedicht seye, will ich nicht erörtheren; doch wan es nicht so vornehme Leuth bezeugt hätten, wurde es Niemand glauben, darum lasse ichs auch in seinem Werth: der es glauben will, kanns glauben.“

 

Quelle:

Annales oder Jahrs-Geschichten der Baarfüseren oder Minderen Brüder S. Franc. ord., insgemein Conventualen genannt, zu Thann. Colmar: R. M. Hoffmann, 1864

 

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