Freitagnacht-Kryptos: Zum Thema „Das Unbekannte Thier“ aus der Breslauer Zeitung.

Mit großem Vergnügen und Interesse habe ich in den „Freitagnacht-Kryptos“ auf der Homepage des Netzwerks für Kryptozoologie den Aufsatz über das „Scorpionartige Thier“ gelesen, das 1851 in einem naturgeschichtlichen Museum in Krementschuk aufbewahrt worden wäre.[1]

Ist eine Art Propaganda beteiligt?

Der Beitrag hat schon eine wegbereitende Arbeit zu diesem Stoff geleistet, die in anderen Gebieten als in dem Bereich mysteriöser Tiere Überraschungen enthüllen könnte. In der Tat könnte auch der historisch geographische Kontext von Bedeutung sein. Weshalb kommt der erste Artikel aus Breslau? Warum gerade Schlesien? Und nur zwei Jahre trennen das Erscheinungsdatum der Information (1851) von dem Anfang des Krimkriegs. Dass die Protagonisten der Geschichte Russen sein sollen, spielt womöglich eine Rolle in der vermutlichen Begebenheit. Es bleibt also noch vieles zu tun, um das Verwickelte an dieser zugleich merkwürdigen und sensationellen Geschichte zu entwirren.

 

SChwarzmeer-Kosaken-Soldaten 1854-55
Soldaten aus einem Regiment russischer Schwarzmeer-Kosaken 1854 oder 1855 im Krim-Krieg

 

Wie es sich gerade trifft, hatte ich mich zuvor mit dem, was sich als eine literarische Fortsetzung dieser Information erweist, beschäftigt. In diesem Sinn scheint mir die Notiz schon fruchtbar gewesen zu sein, doch mehr in der fiktionalen Kreativität als im Bereich der Kryptozoologie. Tatsächlich wurde so eine der Quellen einer wichtigen Fiktion gefunden, die drei Jahre nach dem Artikel aus der Breslauer Zeitung erschien.

 

Es handelt sich um die Kurzgeschichte „Furia Infernalis“, die in der Sammlung Hexengeschichten (1854) veröffentlicht wurde. Der Autor, Ludwig Bechstein (1801–1860) war der Neffe und Adoptivsohn von Johann Matthäus Bechstein (1757–1828), dem genialen Pionier der Naturgeschichte. Während Johann als der „Vater der deutschen Vogelkunde“ gilt, erinnert man sich vor allem an seinen Neffen als den Autor des Märchenbuch (1865). Jedoch war Ludwig auch noch Archivar, was ihm ermöglichte, die in Meiningen aufbewahrten Hexenprozesse zu untersuchen. Von den Unterdrückungsakten und weiteren Dokumenten ausgehend hat Ludwig Bechstein das Handlungsgerüst von seinen fiktionalen Hexengeschichten gebaut.

 

Furia Infernalis

„Furia Infernalis“ zeigt aber auch das Interesse des thüringischen Schriftstellers für Zoologie, insbesondere für die Untersuchung der wirbellosen Tiere. So hat Ludwig Bechstein mehrere Abhandlungen zu Sagen, die sich um Insekten drehen, geschrieben.

 

Postkarte von Kremenchuk
Eine alte Postkarte von Krementschuk, Ukraine, ca. 1900

 

Und da kommen wir zum Breslauer Zeitungsartikel zurück! In seiner Kurzgeschichte hat Bechstein eine Hexengestalt, die Tartarin Mataphka, erfunden, die bei einer magischen Zeremonie im Wald ein außergewöhnliches Wesen, die „Furia Infernalis“ [Höllenbestie], beschwört, um ihren Sohn zu rächen. Dieses kleine Monster wird durch seinen tödlichen Stich den männlichen Stamm seines Gegners vernichten. Bechstein hat den dramatischen, in der Breslauer Zeitung beschriebenen Handlungsrahmen, nämlich das „unheilbringende Zimmer“ in dem „gastlichen Schloss“, wo die Gäste sterben, weggelassen. Dafür hat er die letzte Episode, in der das gefährliche zerquetschte Tier in der geballten Faust des Opfers entdeckt wird, behalten. Hier stehen die letzten Zeilen von Bechsteins Märchen:

 

 

„Aber im naturhistorischen Museum zu Krementschuk zeigt man noch das unbekannte, unbeschriebene, unbestimmte Tier in Spiritus, wagt jedoch nicht, es beim wahren Namen zu nennen“

(Ludwig Bechstein: Hexengeschichten, Hanau, Müller und Kiepenheuer, 1987, S. 210).

 

 

 

Als Liebhaber der Naturkunde bemüht sich doch Bechstein, das kleine Monster einzustufen.

 

Geißelskorpion
Als Spinnentier neben den Spinnen, Skorpionen und den Pfeilschwanzkrebsen sind die Geißelskorpione einzuordnen

 

Er sieht in ihm eine Mischung aus einer Spinne, einem Skorpion und Stachelpfeilkrebs (Bechstein, op. cit., S. 210). Um dieses bunte Geschöpf zu schildern, hat sich der Autor mit Absicht ein Wesen ausgesucht, das 1854 – und zwar trotz Linnés Autorität – als unwahrscheinlich betrachtet wurde, nämlich den fliegenden Wurm bzw. die „Höllenfurie“. 2023 wird dieses wirbellose Tier für mythisch gehalten. Bechstein hat es mit einem exotischen Wesen, dem Pfeilschwanzkrebs, verbunden.

 

Aus dem Mischwesen wird eine Spinne

In Bezug auf die Spinne liefert er seine Quelle: Die Sammlung des Volkskundlers Johann Wilhelm Wolf: Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, Brockhaus, 1845, S. 497, Nr. 369: „Die Bösen Spinnen“.
Wolf wurde diese Sage in Belgien mündlich vermittelt. Der Volkskundler beschreibt den Handlungsrahmen, der in der Breslauer Zeitung von 1851 wieder zu finden ist: die „Kammer“ in einem „Wirtshaus“, hier in Gent, in der die Gäste den Tod finden. Ein „kühner Kerl“ legt auf das Zimmerbett eine „Strohpuppe“ und versteckt sich. Gegen Mitternacht sieht er, wie „2 faustgroße Spinnen“ aus ihrem Versteck herauskriechen, um die Puppe zu stechen. Da zerquetscht sie der Wächter.

 

Spinne

 

Nun veröffentlicht Collin de Plancy 1845 – im selben Jahr, als Wolf seine Sammlung herausbringt – eine neue Ausgabe von seinem berühmten Dictionnaire Infernal (Höllisches Wörterbuch). Bei der Definition „Spinne“ ist eine Variante der Geschichte im verhängnisvollen Wirtshaus zu lesen. Hier lässt sich Marschall Moritz von Sachsen (Maurice de Saxe) (1696–1750) mit seinem Diener in einem Gasthauszimmer nieder, wo vorige Gäste tot vorgefunden wurden. Der Diener rettet seinem Herrn das Leben, als er entdeckt, dass „eine scheußliche Spinne […] ihm die linke Brust“ saugte.

 

In einer Fiktion aus dem späten Jahr 1918 versetzt Amédée Gros das Wirtshaus der Spinne nach Avignon. Der Romanautor versichert, das Missgeschick sei 1691 erfolgt. Seine Erzählung greift das Motiv der Puppe als Köder wieder auf: hier eine „Puppe“ für Maler, die Wolf im Jahre 1845 als erster heraufbeschwört hatte.

 

Erzählmotiv ohne literarisches Vorbild?

Zusammenfassend darf folgendes behauptet werden: 1845 erscheinen Wolfs und Collins de Plancy Bücher. Bei beiden ist eine Erzählung zu lesen, die bis heute kein literarisches Vorbild zu haben scheint. Die würde ich „Das Wirtshaus der Spinne“ betiteln. Wolf erklärt, er habe sie selbst gehört. Es handelt sich also um eine Sage aus Gent. Sechs Jahre später wird in der Breslauer Zeitung eine andere Anekdote herausgebracht. Dieses schlesische Dokument gibt sich als ein „Augenzeugenbericht“ aus, aber es nimmt den Rahmen von dem volkskundlichen Motiv des „Wirtshaus der Spinne“ wieder auf, wobei die Spinne durch ein „unbekanntes Thier“ ersetzt wird. Folglich hätte man es hier mit einer „Zeitungssage“, mit einer neuen Fassung der Erzählungsart „Wirtshaus der Spinne“, zu tun.

 

Puppe und Bett
Kann man sich den Köder, die Puppe auf dem Bett so vorstellen?

 

Aber warum Krementschuk?

Aus welchem Grund hat der Autor das imaginäre Missgeschick in die Ukraine verlegt? Und warum gerade nach Krementschuk? Vielleicht könnten eingehende Recherchen über diese Lokalisierung mehr Angaben zu Tage fördern.

 

Seine Leidenschaft für wirbellose Tiere hat Bechstein sicherlich angeregt, sich nach der Verlässlichkeit der Information zu fragen. „Xiphonura“ ist eine der Identitäten, die er dem sonderbaren Wesen gibt. Diese Bezeichnung, die auf einen Druckfehler zurückzuführen ist, steht eigentlich für „Xiphosura“, eine Ordnung, in die der „Pfeilschwanzkrebs“ (Limulus) gehört.[2]

 

Sollte man spekulativ die Entstehung und Entwicklung der möglichen „Zeitungssage“ aus der Breslauer Zeitung nachvollziehen, dann könnte man vielleicht annehmen, dass ein im Alkohol aufbewahrtes Exemplar des „Pfeilschwanzkrebses“ (so Bechstein) eine Variante der Erzählung zu dem Wirtshaus der Spinne bildet.

 

Wissenschaftliches Präparat eines Pfeilschwanzkrebses (University of Rennes, Frankreich, UR 993), auch so ein spannendes Tier
Alkoholpräparat eines Pfeilschwanzkrebses. Man kann sich vorstellen, was ein solches Präparat – gut präsentiert – für Aufsehen erregte. Uni Rennes, UR 993, Édouard Hue & Pymouss, CC-BY-SA 4.0

 

Dennoch bleibt so eine Interpretation derzeit recht hypothetisch. Tiefgreifende Recherchen zu der Erzählung von 1851 erweisen sich als nötig. Zum provisorischen Schluss kann man jedenfalls meinen, Bechsteins „Furia Infernalis“ ist – literarisch gesehen – ein wichtiger Text in der deutschen Fantastik wie auch ein Beitrag zu der im Entstehen begriffenen Gattung der Kryptofiktion.

 


[1] siehe: https://netzwerk-kryptozoologie.de/freitagnacht-kryptos-das-ukrainische-todes-thier/

[2]. Siehe zur Bechsteins „Furia Infernalis“ Michel Meurger: „Gravissons le Brocken Ensemble“ (Lasst uns den Brocken zusammen klettern!), in: Le Visage Vert, No 16, juin 2009, S. 167–169, 186