Freitagnacht-Kryptos: Seeungeheuer im Rhein und im Rhein-Maas-Schelde-Delta

Lesedauer: etwa 11 Minuten

Der Rhein teilt sein Delta, das im niederländischen Zeeland in die Nordsee mündet, mit der Maas und der Schelde. In diesem Gebiet wurden immer wieder See-Ungeheuer beobachtet. Diesen will ich mich heute widmen.

Das erste Ungeheuer: Die Lederschildkröte

Der früheste Fall (mit Ausnahme von gestrandeten Walen) ist die Riesenschildkröte, die am 17. Juli 1777 vor Domburg auf der Insel Walcheren, Provinz Zeeland, lebend gesehen wurde.

 

 

„Die Schildkröte wurde von Fischern gesichtet, aber nicht gefangen, wie Van Bemmelen und Huizinga fälschlicherweise behaupteten. Zuerst wurde sie für eine Boje gehalten, dann für ein gekentertes Boot, aber als die Fischer sich ihr näherten, erkannten sie sie als Schildkröte. Die Schildkröte war schätzungsweise so lang und breit wie die größte Luke eines Fischerbootes, und Van Iperen (1778: 623) teilt mit, damit sei die Länge der Schildkröte (in Längsrichtung über dem Panzer gemessen) kaum weniger als fünf Fuß rheinische Maß, also 157 cm oder 5 Fuß 4 Zoll in britisches Maß. Da wohl der Panzer oder ein Teil von ihm das einzige war, was gesehen wurde, können wir annehmen, dass die von Van Iperen erwähnte Länge die des Panzers war. Und bei einem Panzer dieser Größe muss es eine Lederschildkröte gewesen sein.“ (Brongersma 1948, S. 64)

 

 

An dieser Identifikation ist schwer zu zweifeln. „Wie ein gekentertes Boot“ ist eine recht gebräuchlich Beschreibung des Höckers von Seeschlangen, besonders bei Augenzeugen im Loch Ness.

 

Historische Zeichnung mit Schildkröten
Schildkröten: Historische Illustration nach Ernst Haeckel. Das „Ungeheuer“, die Lederschildkröte ist oben links.

Eine echte Seeschlange

Der nächste Fall betrifft eine – zunächst – richtige Seeschlange. Oudemans, der erste große Pionier der Seeschlangenforschung, führt in seinem wichtigen Werk „The Great Sea-Serpent“ von 1892 eine Meldung aus Schlegels Aufsatz „Essai sur la physionomie des Serpens“ (La Haye 1837, S. 517) auf, den ich aus Oudemans Übersetzung ins Englische ins Deutsche übertragen habe – wer Französisch kann, sollte das Original nachschlagen. Schlegel (ein Reptilexperte, nicht der deutsche Philosoph) beschäftigt sich in diesem Abschnitt mit Schlangenfabeln:

 

 

„Bevor ich die Geschichte der interessanten Wesen, von denen ich gesprochen habe, beende, vermag ich nicht umhin, ein paar Worte über ein Tier zu sagen, das durch Jahrhunderte von vielen Menschen aller Stände beobachtet und jedem aus den Geschichten bekannt ist, die darüber verbreitet, aber von Naturforschern noch immer ignoriert werden. Ich meine die riesige Seeschlange des Nordens, die in Wirklichkeit weder mit den Seeschlangen, von denen wir auf den vorherigen Seiten handelten, noch mit meiner Arbeit zu tun hat.

Aussagen zuverlässiger Personen, Schweigen der Naturforschern.

Aussagen sehr zuverlässiger Personen, die die Existenz dieses riesigen Meerestieres bezeugen, sind auf das Schweigen der Naturforschern gestoßen; auch ich sollte schweigen, wäre der Zweifel, den ich immer schon fühlte, nicht durch eine kleine Beobachtung, die ich in der Frühjahr 1826 machte, zur Gewissheit geworden. Als ich einmal an einem stürmischen Tag an den Küsten des Meeres jagte, sah ich plötzlich ein Seetier von enormer Größe vor der Rheinmündung schwimmen, ich wollte auf dieses Tier schießen, das ich für einen Hai hielt, als ich im Nebel weitere derselben Art dicht hintereinander erkannte.

 

Seeschlange, ein typisches Ungeheuer
So stellte sich ein Künstler der frühen Neuzeit eine Seeschlange vor. Eindeutig ein Ungeheuer.

 

 

Zum größten Teil vom Wasser verborgen, war der obere Teil dieses Geschöpfes nur für einen kurzen Augenblick deutlich sichtbar, wenn er von einer Welle oben getragen wurde und in den vor ihm gebildeten Abgrund stürzte. Die durch die ständige Bewegung der Wellen verursachte Illusion trug in der Tat dazu bei, das zweifelhafte Erscheinen einer großen Anzahl schwarzer Gegenstände zu verursachen, die gemeinsam aus dem Wasser auftauchten, im Augenblick danach wieder verschwanden und die alle die gleichzeitigen Schlängelbewegungen eines einzigen Körpers täuschend nachstellen. Überzeugt davon, dass die Tiere nicht in der Lage waren, in vertikalen Krümmungen zu schwimmen, betrachtete ich mir dieses Schauspiel immer wieder, bis ich erkannte, dass dieses ungeheure Geschöpf aus einer kleinen Truppe von Schweinswalen bestand. (Oudemans 1892, S. 382)“

 

Selbst Nature meldet sich zu Wort

Neben Delphinen, die hintereinander her schwimmen, gelten Vogelschwärme dicht über dem Wasser als eine rationale Erklärung für Seeschlangensichtungen. Deine solche Täuschung, knapp vor der Rheinmündung, vielleicht auch weiter weg, schildert ein C. Bird aus Bradford 1878 in der Zeitschrift „Nature“:

 

 

„Dr. Drews Brief in Nature, Vol. XVIII, S. 489 [in dem solch eine Vogelillusion beschrieben war], erinnert mich an ein ähnliches Phänomen, das ich und ein Freund am 3. August bei der Überfahrt von Grimsby nach Rotterdam erlebt haben. Es war gegen Abend, als wir nach vorn blickten und ungefähr eine Meile entfernt einen langen, niedrigen, schwarzen Rumpf ohne Masten oder Schornsteine sahen, der sich mit enormer Geschwindigkeit durch das Wasser bewegte. Nach ein oder zwei Minuten wellte er sich und stieg von der Oberfläche auf, und wir sahen, dass es ein Vogelschwarm war.“ (Bird 1878; Oudemans 1892, S. 471)

Kormorane, wird eine Formation für ein Ungeheuer gehalten?
Kormorane im Wasser, bilden sie ein Ungeheuer?

Ist eine Seejungfrau ein Ungeheuer?

Der nächste Bericht betrifft eine Seejungfrau. Der bekannte englische Zoologe und Ungeheuerskeptiker Henry Lee begegnete ihr in der Mündung der Maas.

 

 

„An einem ruhigen sonnigen Morgen im August 1881 glitt eine schöne Schoneryacht, auf der ich zu Gast war, langsam aus der Maasmündung, vorbei am Hoek van Holland, in die Nordsee, als sich ein Seehund unmittelbar vor uns aus dem Wasser hob und die oben beschriebene Haltung einnahm [die der Seejungfrau mit Kamm und Spiegel in den Händen]. Er wartete, während wir daran vorbeisegelten, und musterte uns anscheinend mit größtem Interesse; dann tauchte er, schwamm in die Richtung, in der wir segelten, um unseren Kurs zu kreuzen, und kam wieder hoch, so aufrecht sitzend wie zuvor. Dies wiederholte es dreimal, und er hätte so leicht für eine Meerjungfrau gehalten werden können. Sogar einer der Männer, der an Deck gerufen wurde, um ihn zu sehen, dachte zuerst, es sei ein Junge, der vom Ufer auf Bettelexpedition zum Schiff geschwommen sei.“ (Lee; Carrington, S. 29)

 

 

Ungeheuer? Seehunde
Kuriose Seehunde an einer Hauswand auf der Insel Walcheren. (Foto: Ulrich Magin)

 

Die Seeschlange von Düsseldorf

Lassen wir das Delta hinter uns und schwimmen wir rheinaufwärts bis Düsseldorf. Dort begegneten mehrere junge Männer im August 1898 einer Seeschlange:

 

 

„(Eine Seeschlange im Rhein) Als gestern ein junger Mann unterhalb Düsseldorf im Rhein badete, wurden er und seine am Ufer stehenden Freunde durch ein seltsames Abenteuer in nicht geringen Schrecken versetzt. Der sich lustig im Wasser Tummelnde stieß nämlich auf einmal lauter Schreckens- und Hülferufe aus. Ein großes, bräunlich gefärbtes Wesen bearbeitete seinen Rücken mit Zähnen und Krallen, und als der Unglückliche, der, ohne sich umzusehen, athemlos an’s Ufer geschwommen war, erschöpft auf dem Strande lag, sahen seine Freunde, daß er thatsächlich aus einer Reihe kleiner Stichwunden blutete.

Drei Nachen machten Jagd auf das Ungeheuer

Da man in dem unheimlich aussehenden Ungeheuer, das indessen ruhig den Rhein hinab trieb, bald in den Wellen verschwindend, bald an der Oberfläche austauchend, eine jener fabelhaften Seeschlangen vermuthete, machte man in drei Nachen Jagd auf dasselbe, und als man unter Beobachtung der größten Vorsicht in seine Nähe gekommen war, fand sich, daß die Seeschlange – ein Stück Balken mit einer stattlichen Anzahl hervorstehender blanker Drahtstifte war, die den jungen Mann bearbeitet hatten. Woraus die Lehre folgt, daß man sich selbst im Kampfe mit Meerungeheuern zunächst sei Gegenüber ordentlich ansehen soll, bevor man die Flucht ergreift, da man sonst, wie im vorliegenden Falle, zum Schaden auch noch den Spott zu tragen hat.“ (Bürger-Zeitung für Düsseldorf und Umgebung, 14. August 1898, S. 2)

 

Diese Berichte sind nicht sortiert, um ein möglich schlechtes Bild der Seeschlangen im Rhein zu geben – es sind alle, die ich habe (dazu kommen allerdings hier nicht aufgeführte Meldungen von Exoten wie Krokodilen und Haien im Rhein).

 

 

Idsteiner Klotz mit altem Zug
Der Isteiner Klotz am Rande des Schwarzwalds, Wohnte hier ein Ungeheuer?

 

 

Der ersten unidentifizierten Kryptiden treffen wir erst tief in Baden an, im Landkreis Lörrach im südlichsten Schwarzwald. Vielleicht handelt es sich aber auch nicht um die südlichste Rheinschlangem sondern um den nördlichsten Tatzelwurm. Jedenfalls schreibt die „Badische Presse: Generalanzeiger der Residenz Karlsruhe und des Großherzogtums Baden“ in ihrer Abendausgabe vom 11. Januar 1934 auf der Seite 5. Eindeutig inspiriert sowohl vom Ungeheuer von Loch Ness als auch von den damals aktuellen Sichtungsmeldungen über Tatzelwürmer:

 

„Höhlengeheimnisse am Oberrhein

Seltsamer Schlangenmythos am Isteiner Klotz – die Fabel vom Tazelwurm

 

Was sagen die Naturwissenschaftler?

 

Von heimatkundiger Seite in Istein wird uns folgender Beitrag übermittelt, den wir hinsichtlich des dritten Abschnitts selbstverständlich mit Vorbehalt wiedergeben.

 

Der Schlangenmythos spielt in fast allen Kulturen und zu allen Zeiten auf der Erde eine so große Rolle, daß man annehmen muß, es seien spätestens noch zu Beginn der Entstehung des Menschengeschlechtes riesige Schlangen oder Zwischenformen zwischen Echsen und Schlangen vorhanden gewesen, vielleicht auch Riesenmolche, wie solche heute noch tatsächlich in wenigen Gewässern Japans leben (Megalobatrachus maximus, der Riesensalamander). Dazu kommen die in unterirdischen Gewässern lebenden Olme. In dem an Höhlen reichen Gebiete des Isteiner Klotzes am Oberrhein spielt seit urdenklichen Zeiten eine schlangenähnliche Tierart, die sagenhafte Klotzengöttin, ein merkwürdiges Dasein. Eine Urgeschichtssage. ‚Der Waisenknabe von Istein‘ erinnert in einzelnen Teilen an hochnordische Sagen (zuletzt veröffentlicht vom Rheinmuseum Jstein in der National-Zeitung Basel 1924). Während das Naturgeschichtliche dieser Sage dem in den Alpen vorkommen sollenden Tazelwurm gleicht.

 

Tatzelwurm, ein Prototyp des Ungeheuer
Tatzelwurm-Darstellung von 1814. Das Wesen eignet sich gut als Ungeheuer.

 

Die ältesten Leute in Istein wissen von jeher von großen schlangenartigen Tieren aus eigener Anschauung zu berichten. Als Orte nennen sie das Gewann ‚Balm‘ (eine keltische Bezeichnung!) und den durch Scheffels Erzählung ‚Hugideo‘ bekannten Friedhof, wo sich unterirdische Gewölbe heute noch befinden, dann einen (jetzt nicht mehr vorhandener) großer Felsblock auf dem Klotze, der Klotzenstein. An letzterer Stelle befindet sich unter dem I. R. 7 der geschleiften Festung Jstein Hohlräume und Felsschächte. Einer der Hohlräume ist mit tiefem Wasser angefüllt. Erforscht sind bis heute die inneren Hohlräume des aus Kalk bestehenden Berges noch nicht.

Der junge Mann flüchtete eilends und todesbleich

Beim Eindringen zu dem wassergefüllten Hohlraum passierte nun vor drei Jahren einem ahnungslosen, doch beherzten, jungen Manne die von ihm festbehauptete Erscheinung und deutliche Wahrnehmung eines in diesem Wasser schwimmenden, größeren Amphibiums oder Reptils, vor dessen unvermutetem Austreten er so sehr erschrak, daß er eilends und todesbleich flüchtete. Obwohl noch weitere Männer in der Nähe waren, wurden die Nachforschungen erst andern Tags aufgenommen. Eine weitere Beobachtung konnte nicht mehr gemacht werden, wie auch weitere Nachforschungen unterblieben. Da aber von Besuchern und Landleuten das unheimliche Tier am Klotz immer noch gesehen sein soll, so gibt auch diese chaotische (oder schottische?) Geschichte genug Stoff für mythologische Betrachtungen.

 

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Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms stammt von unserem Autor Ulrich Magin und ist eines der wenigen Werke, die sich wissenschaftlich mit dem Phäniomen „Tatzelwurm“ auseinandersetzen.

Spannend, inhaltsreich, fundiert und gut zu lesen ist das Buch am 25. Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 in ein Paperback eingebundene Seiten.

 

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Anmerkung der Schriftleitung: Wir halten es für einen müßigen und falschen Ehrgeiz, die berühmte und berüchtigte „Seeschlange“, von der gegenwärtig wieder die ganze Welt redet, in Baden entdecken zu wollen. Wir halten aber andererseits die Annahme nicht für abwegig, daß dem eigenartigen Volksmythos der Bewohner am Jsteiner Klotz naturwissenschaftliche und urgeschichtliche Faktoren zugrunde liegen, deren nähere Erforschung sich zweifellos im Interesse der badischen Heimatkunde lohnen würde. Geologisch, botanisch und zoologisch ist bekanntermaßen das Gebiet der Jsteiner Kalkfelsen am Oberrhein zwischen Müllheim und Basel, das dem geologischen Zeitalter des Weißen Jura zugerechnet wird, von besonderem Interesse. Aber anscheinend klaffen hier in der naturwissenschaftlichen Erforschung noch gewisse Lücken.

Da der Isteiner Klotz bis zum Kriege abgesperrter Festungsbezirk war, waren der eingehenden Durchforschung Grenzen gesteckt, die heute nicht mehr bestehen. Wir würden es begrüßen, wenn aus den Reihen der badischen Heimatkundigen und der einschlägigen Naturwissenschaftler zu dem Fragenkomplex Stellung genommen würde und sind gerne bereit, ernsthafte und sachkundige Einsendungen in unserer Zeitung zum Abdruck zu bringen.“

 

 

Das aber geschah offenbar nicht. Eine Seeschlange war es nicht, aber mit dem Tatzelwurm könnte das Erzählte durchaus in Zusammenhang stehen. Von Riesenmolchen und Rieseneidechsen wird ja in ganz Deutschland erzählt. Es zeigt sich, dass – vorerst – unsere nähere Heimat seeschlangenfrei ist.


Quellen:

Bird, C.: The Sea-Serpent Explained. Nature 18, 519 (12. September 1878). Im Internet unter: https://www.nature.com/articles/018519b0

 

Brongersma, L. D.: European Atlantic Turtles. Zoologische Verhandelingen. Rijksmuseum van Natuurlijke Historie te Leiden. Leiden: E.J. Brill 1948

 

Carrington, Richard. Memaids and Mastodons: A Book of Natural & Unnatural History. London: Arrow Books 1960

 

Lee, Henry: Sea Fables Explained. im Internet: https://www.alternatewars.com/Mythology/Sea_Fables_Expl/Sea_Fables_Expl_I.htm

 

Oudemans, A.C.: The Great Sea Serpent. Leiden: Brill, Luzac & Co 1892

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