Freitagnacht-Kryptos: Der Wilde Mann von Amerika

In den Archiven kramte: Ulrich Magin

 

Einer der ältesten Berichte über einen amerikanischen Bigfoot, er stammt von 1785, bezieht sich nicht auf die USA, sondern auf das Orinocogebiet. Er enthält bereits zahlreiche Elemente, die man auch bei späteren Sasquatch- und Yetimeldungen findet: rückwärts gerichtete Zehen, die Entführung von Frauen, sowie das Zeugen von Kindern mit ihnen. Neu ist jedoch, dass der Bigfoot wie Tarzan in einem Baumhaus wohnte:

Ein merkwürdiges Thier.

Dieses Thier, das eine Affenart zu seyn scheint, fand Gilii (s. Nachrichten vom Lande Gujana, dem Oronokoflusse und den dortigen Wilden. Aus dem Italien. übersetzt 1785) bisweilen in den großen Waldungen des Oronoko. Es ist, einige kleine Umstände abgerechnet, vollkommen einem Menschen ähnlich; Gilii nennt es daher einen wilden Menschen. Der vornehmste [= hauptsächliche] Unterschied ist in den Füßen, die so beschaffen sind, daß die Spitzen derselben rückwärts gehen, so daß es scheint, das Thier entferne sich, wenn es den Reisenden entgegenkommt. Der wilde Mann ist vom Kopf bis zu den Zehen mit Haaren bewachsen, äußerst geil, und auf die Weiber erpicht, die er auch entführt, wenn er ihrer habhaft werden kann.

Die Erzählung Gilii’s

Hiervon erzählte Gilii einmal Don Ignatius Sancho, ein sehr würdiger Mann, und einer von den vornehmsten Güterbesitzern in den Ebenen von Carracas, ein merkwürdiges [= bemerkenswertes] Beyspiel. Es hatte nämlich einmal ein solcher wilder Mann eine gewisse Frauensperson entführt, und nach den Wäldern gebracht. Hier blieb sie lange gezwungener Weise bey ihm, bis einmal ein Jäger dort vorby kam, der sich von seinen Begleitern verloren hatte. Diesen erblickte das arme Weib von dem Gipfel eines hohen Baums, als ihr Feind eben abwesend war, und sie rief ihm aus allen Kräften zu.

Fußsohle eines Gorillas
Fuß eines Gorillas mit abgespreizter Großzehe

Aquarell des schwarzen Saki
So stellte Humboldt den Schwarze Saki (Chiropotes satanas) dar.

Als er nahe genug war, erzählte sie ihm ihr unglückliches Schicksal. Sie hatte sich viele Jahre in dieser Lage befunden, und von dem wilden Mann nie die Erlaubniß erhalten können, von der Hütte, die er auf dem Baume erbaut hatte, herunter zu kommen. Sie habe zwey Kinder von ihm, und es mangele ihr zwar nie an den gehörigen Speisen zu ihrem Unterhalt, indem ihr Wilder ihr beständig Hühner, junge Kälber und dergleichen zubrächte. Demungeachtet wäre die Lebensart, von allen Geschöpfen ihres Gleichen entfernt, ihr unausstehlich, und sie bäte ihn, um eine gewisse Stunde, wenn der wilde Mann auf die Jagd gienge, mit bewaffneten Leuten wieder zu kommen, und sie zu befreyen. Zugleich warnte sie ihn, sich jetzt zu entfernen, aus Furcht, der Wilde möchte zurückkehren und ihn aus Eifersucht zerreißen.

Als aber die Spanier die Mündungen ihrer Gewehre nach ihm richteten…

Der Jäger hatte natürlich Mitleiden mit ihr, und benachrichtigte ihre Anverwandten, die sich um die bestimmte Zeit mit ihm hinbegaben, die Frau von dem Baume holten, und mit großen Freudensbezeugungen in ihrer Aeltern Haus führten. Dieses hatten sie beynahe schon erreicht, als der wilde Mann mit seinen beyden Kindern im Arme erschien, mit einem kläglichen Gewimmer (denn sie haben keine articulirten Töne) seine Geliebte rief, und, um sie zur Rückkehr zu bewegen, ihr die Früchte ihres Aufenthalts bey ihm zeigte. Als aber die Spanier die Mündungen ihrer Gewehre nach ihm richteten, um ihn zu tödten, zerriß er seine beyden Kleinen in Stücke, und eilte schnell nach den Wäldern zurück.

Bewaldete Hügel im Nebel
In diese Nebelberge ist er verschwunden?

Amazonas-Indianer
Amazonas-Indianer heute

Kein Indianer, der diese Geschöpfe mit eignen Augen gesehen hätte

Dieser wilde Mann wohnt auf den höchsten Bergen. In den Ländern der Mappois, nahe am Flusse Parnasi, ist ein sehr hoher Berg, auf dem sich Einige aufhalten sollen. Dieser führt deshalb den Namen Acci Tipuiri, welches so viel als den Berg der wilden Menschen bedeutet. Demungeachtet hat Gili keinen Indianer gekannt, der diese Geschöpfe mit eignen Augen gesehen hätte. Doch ist dieses kein hinlänglicher Beweis, um das Zeugniß aller Nationen am Oronoko in Zweifel zu ziehen. Jedermann fürchtet den wilden Mann, und da er sich in unzugänglichen Orten aufhält, so wagt es Keiner, dort sein Leben aufs Spiel zu setzen. Alle stimmen übrigens in ihren Nachrichten überein, und erzählen Vorfälle mit ihnen, die ihre Vorfahren erlebt haben.“

So jedenfalls das „Intelligenzblatt von Salzburg“ am 18. Juni 1808, Sp. 425–426.

Sonnenuntergang über dem Wasser
Sonnenuntergang über einer Lagune im Tiefland Venezuelas

Literatur:

Intelligenzblatt von Salzburg, 18. Juni 1808, Sp. 425-426


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