Die mysteriösen Gänsegeier von Bonn

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Gänsegeier (Gyps fulvus) als Gäste sind gar nicht einmal so rar in Deutschland. Neuere Beobachtungen können mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf der Homepage des „Netzwerks für Kryptozoologie“ nachgelesen werden. Diese häufigen Sichtungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tiere hier nicht mehr brüten.

Bonn
War das beschauliche Bonn im 18. Jahrhundert für seine Geier bekannt?

Was ein mögliches Nisten des Gänsegeiers angeht, hält sich aber hartnäckig ein Gerücht, früher seien die Tiere nicht nur zahlreicher gewesen, sondern sie seien gerade im Siebengebirge bei Bonn „so bekannt, dass sogar Zeitungen von ihnen berichteten, bis ins 18. oder 19. Jahrhundert hinein“, wie sich Tobias Möser, Redakteur der Seite „Netzwerk für Kryptozoologie“ erinnert. Die einzige Bestätigung, die sich dafür finden lässt, ist ein ansonsten populärer Beitrag in der „Deutschen Jagdzeitung“ (Kamphuis 2007), wo man liest:

 

 

„Bis Anfang des 18. Jahrhunderts kam der Gänsegeier noch als Brutvogel im Rheinland bis nach Köln/Bonn vor. Mittlerweile beschränkt sich sein Verbreitungsgebiet hauptsächlich auf die Iberische Halbinsel, den Balkan, Korsika und Sizilien.“

 

 

Grund genug, dieser Geschichte einmal nachzuspüren.

 

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Zeitungen und Reiseführer wissen nichts vom Geier

Es scheint, dass sowohl Zeitungen wie Reiseführer aus dem vorletzten Jahrhundert nichts zu diesem Thema zu sagen wissen. Eine Quelle aber ließ sich auftreiben, und die datiert die Gänsegeier des Mittelrheintals ganz weit zurück. Ein Ausstellungsband über den Kaiser Friedrich II. (1194–1250) berichtet, Mönchsgeier wäre bis zur Zeit des Naturforschers Ulisse Aldrovandi (1522–1605) in Italien noch vereinzelt vorgekommen, aber: „Nach Albertus Magnus‘ eigenen Beobachtungen gab es ihn wie andere Geier-Arten auch im Rheintal jenseits der der Alpen.“ (Fansa 2008, S. 288)

Gänsegeier
Gänsegeier im Flug

 

Mehr darüber erfahren wir in „Der Rhein“ von Robert Lauterborn (ab S. 66);

 

 

„Zu dem für uns heute noch Wertvollsten in Albert’s-Tierbuch gehören seine sicherlich auf eigener Erfahrung beruhenden Mitteilungen über das Vorkommen von Geiern in den deutschen Rheinlanden. Sie beweisen, daß im 13. Jahrhundert auf den Bergen zwischen Worms und Trier – also im Bereich des Donnersbergs, Hochwalds und Hunsrücks – Geier manchmal in solcher Zahl horsteten, daß die Erde dort von den zusammengeschleppten Kadavern stank; die Nester standen in Höhlungen der höchsten senkrecht abfallenden Felswände und enthielten nur wenige, gewöhnlich zwei Eier.

 

Diese Nistart deutet auf den Gänsegeier (Gyps fulvus), der an einer anderen Stelle (VII 31) als vultur griseus bezeichnet wird. Dazu kommt noch eine weitere Art: vultur albus, den man oft auf den Felsen des Rheinstroms und der Donau sitzen sieht und der von den Deutschen der weiße Geier genannt wird – zweifellos, wie auch KILLERMANN annahm, der Aasgeier (Neophron percnopterus), ein durchaus mediterraner Vogel, dessen nördlichste Brutstätte heute der Mont Saleve bei Genf bildet.“

 

Die „Vogelfauna der Rheinprovinz“ zitiert Albertus Magnus

Albertus Magnus wurde vor 1200 geboren und starb am 15. November 1280. Das Brüten am Mittelrhein muss also eine längere Zeit her sein – mehr als 750 Jahre. Selbst das ist bezweifelt worden. In dem Aufsatz von le Roi, „Die Vogelfauna der Rheinprovinz“ in den „Verhandlungen des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westfalens“, steht 1907:

 

 

„Gänsegeier. Die Art ist nur eine ganz besondere Seltenheit im Gebiete, aus dem sie früher noch nicht mit Sicherheit nachgewiesen war. Wie Albertus Magnus (Lib. XXVI, de Animalibus, lib. XXIII cap. XXIV) berichtet, soll der Gänsegeier zur damaligen Zeit – A. M. lebte von 1193 bis 1280 – in den Felsen des Hunsrücks gehorstet haben, eine Angabe, welche zweifellos als irrig angesehen werden muss.“

 

Gänsegeier im Baum
Mehrere Gänsegeier auf einem Baum

Alfred Brehm kennt keine Geier im Rheintal

Schließlich weiß auch Alfred Brehm, Vater aller deutschen populären Naturbücher, nichts von brütenden Geiern im Rheintal:

 

 

„Der Gänsegeier ist häufig in Siebenbürgen, Südungarn und auf der ganzen Balkanhalbinsel, in Ost-, Süd- und Mittelspanien, auf Sardinien und Sizilien, kommt dagegen auf der italienischen Halbinsel sehr selten und immer nur zufällig vor, verbreitet sich andererseits mehr und mehr in Krain, Kärnten und dem Salzkammergute, allmählich die Stelle des Geieradlers einnehmend, und verfliegt sich nicht allzuselten nach Deutschland. Als nördlichster Brutplatz dürften die Salzburger Alpen zu betrachten sein. Noch häufiger als in Siebenbürgen lebt er in Ägypten und Nordnubien, in Tunis, Algier und Marokko, und ebenso kommt er in Nordwestasien bis zum Himalaja vor.“ (Brehm 1927)

 

 

1982 noch kennt Heinz Mildenberger (Mildenberger 1982, S. 186) nur zwei Nachweise von Gänsegeiern im Rheinland:

 

  1. Am 9. 8. 1890 erhielt der Präparator J. Guntermann aus Düsseldorf ein Exemplar, das an der Mahnenburg (nicht Magdeburg wie bei le Roi, 1906, angegeben), einer Gemarkung in Rees-Reeserward, Kreis Kleve, geschossen worden war (le Roi 1906)
  2. Vom 24.07. bis 29.07.1975 hielt sich ein juv. Exemplar bei Wülfrath, Kreis Mettmann, auf dem Gelände des Landwirtes A. Comberg auf. Bei diesem Vogel handelt es sich möglicherweise um einen Flüchtling aus dem Ruhrzoo Gelsenkirchen.“

 

Offenbar hat es keine Gänsegeierkolonie im Rheintal gegeben – und wenn, dann im hohen Mittelalter, nicht in der Neuzeit. Möglicherweise ist eine Notiz über Albertus Magnus falsch gedeutet worden. Eine Jagdzeitschrift zumindest verstand sie so, und Tobias Möser erinnert sich an mehrere Presseartikel dieses Inhalts. Bis aber Belege in Form von Reiseberichten oder gar zoologische Nachrichten über Gänsegeier im Siebengebirge vorliegen, die tatsächlich aus dem vorletzten Jahrhundert stammen, muss man die Meldung leider skeptisch sehen.


Und wie sieht es heute aus?

Tobias Möser

 

Seit etwa 1997 kommen wieder regelmäßig Gänsegeier nach Deutschland. Bisher sind es nur Einflüge aus dem Süden: Der Zoo Salzburg versorgt eine halbwild lebende Population Gänsegeier, die immer wieder auch nach Deutschland einfliegen.

 

Anzahl der Geierbeobachtungen in Deutschland
Anzahl der Geier-Einflüge in Deutschland, die Daten basieren auf der Sammlung des Naturschutzbüro Zollernalb, ornitho.de und des NaBu. Zahlen für 2019 lagen leider nicht vor. Stand 03.07.2020

Größer sind aber die Zahlen aus Südeuropa einfliegender Gänsegeier. Sie stammen meist aus Spanien oder vom Balkan. Oft fliegen sie in größeren Gruppen ein, die sich mit der Zeit auflösen, bis zu Einzeltieren.

 

Auch zur Zeit sind mehrere Gänsegeier in Deutschland unterwegs. Das Vogelbeobachter-Portal ornitho.de meldet seit Samstag zwei Beobachtungen von mindestens drei Tieren im Zugspitzmassiv, Am Sonntag und Montag, 28. – 29.6. kreiste eine Gruppe von etwa 30 bis 40 Gänsegeiern in der Eifel. Die Tiere sind nahezu spurlos verschwunden, auch in Belgien wurden sie nicht beobachtet.

 

 

Wo sie hin sind? Weiß der Geier…

 

Aber nach Bonn ist es von der Eifel ja nicht weit….


Literatur

Brehm, Alfred: Brehms Tierleben. Vögel. Band 15: Raubvögel II – Sperlingsvögel I. Hamburg: Gutenberg-Verlag 1927 (zitiert nach der online-Version auf: https://www.projekt-gutenberg.org/brehm/band15/chap001.html)

 

Fansa, Mamoun: Kaiser Friedrich II. (1194–1250): Welt und Kultur des Mittelmeerraums: Begleitband zur Sonderausstellung „Kaiser Friedrich II. (1194–1250). Welt und Kultur des Mittelmeerraums“ im Landesmuseum für Natur und Mensch, Oldenburg. Mainz: Philipp von Zabern 2008

 

Kamphuis, Bernd: Gefiederte Gesundheitspolizisten. DJZ 1/2007, S, 46–47 (online: https://djz.de/wp-content/uploads/sites/3/old_docs/046_047_ausbildung_djz.pdf

 

Lauterborn, Robert: Der Rhein. Naturgeschichte eines deutschen Stromes. Erster Band: Die erd- und naturkundliche Erforschung des Rheins und der Rheinlande vom Altertum bis zur Gegenwart. Erste Hälfte: Die Zeit vom Altertum bis zum Jahre 1800. Berichte der Naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg i. Br. 1930. (Online auf: https://www.zobodat.at/pdf/Berichte-naturf-Ges-Freiburg-Br_30_0001-0311.pdf)

 

Le Roi: Verhandlungen des Naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande und Westfalens. F. Cohen, Band 63, 1907, S. 117–118

 

Heinz Mildenberger: Die Vögel des Rheinlandes: Seetaucher-Alkenvögel (Gaviiformes-Alcidae). Gesellschaft Rheinischer Ornithologen 1982

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