Aus der Geschichte der Urzeitforschung – Dinosauriereier

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Viele Jahre lang war es ein großes Geheimnis, wie sich die Dinosaurier fortgepflanzt haben. Fossilien von Jungtieren oder Nestern waren bislang noch nicht gefunden oder zumindest nicht als solche klassifiziert worden, und auch Dinosauriereier fehlten im Fossilbericht. So wurde von den Wissenschaftlern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts noch wild spekuliert, wie kleine Dinosaurier wohl das Licht der Welt erblickten.

 

Anders als man es vielleicht annimmt, sind Überreste von Dinosauriereiern als Fossilien nämlich ausgesprochen selten. Bis heute wurde nur von einer Handvoll von Dinosaurierarten ein Eierfossil gefunden, und in den meisten Fällen erweist es sich auch als ausgesprochen schwierig, das Ei seinem „Besitzer“ zuzuordnen. Deshalb werden viele Dinosauriereier, deren Zuordnung sich als unsicher erweist, unter eigenen Gattungsnamen (sogenannten Oogenera) geführt. Trotzdem gehen die Wissenschaftler heute allgemein davon aus, dass alle Dinosaurier Eier legten und es keinen einzigen Dino gab, der so wie ein Säugetier lebende Jungen zur Welt brachte.

Die ersten Funde

Ohne es zu wissen, hatte bereits ein katholischer Priester namens Jean-Jaques Poesch im Frankreich des Jahres 1859 die ersten Dinosauriereier entdeckt. Er hielt sie damals für das Gelege eines Riesenvogels. Heute wird vermutet, dass die Eier zu einem Hypselosaurus gehören, einem Titanosaurier, dessen Knochenreste unweit der Fundstelle im Jahre 1869 entdeckt wurde. Auch noch in den 1950ger Jahren wurden aus ähnlich alten Schichten in Südspanien nahezu identische Eier gefunden. Dies lässt vermuten, dass Hypselosaurus in Europa mehrere Nistplätze hatte.

 

Die ersten gefundenen Dinosauriereier – ohne dass man wusste, dass es welche waren – gehörten wahrscheinlich zum Gelege eines Hypselosaurus (Rekonstruktion nach Nobu Tamura).

In den U.S.A., genauer gesagt im Norden Montanas, untersuchte im Jahre 1913 der bekannte Paläontologe Charles W. Gilmore als erster die fragmentarischen Schalenstücke von Eiern, die wahrscheinlich von einem Dinosaurier der oberen Kreidezeit stammten. Ein komplettes Ei oder gar ein ganzes Nest fand er dort allerdings nicht, sodass sein Fund weitestgehend unbeachtet blieb.

Die Expedition in die Mongolei von Roy C. Andrews

Roy C. Andrews
Roy C. Andrews (*1884;  †1960).

Die ersten unzweifelhaften Dinosauriereier wurden im Jahre 1923 von einer Expedition unter der Leitung des U.S.-amerikanischen Paläontologen und Abenteurers Roy C. Andrews an den berühmten Flaming Cliffs in der mongolischen Wüste Gobi entdeckt. Dieses Gebiet war in den 20ger Jahren nicht nur eine der dürrsten und trockensten Gegenden der Erde, sondern auch ein gefährlicher Ort, an denen rivalisierende chinesische Banden ihr Unwesen trieben. In Andrews‘ Vita findet man zahlreiche, oft natürlich lebhaft ausgeschmückte Abenteuergeschichten, die von beinahe tödlichen Zusammenstößen mit Gangstern und wilden Tieren berichten. Kein Wunder also, dass man ihn oft als reales Vorbild mit dem berühmten Filmhelden Indiana Jones in Verbindung bringt!

 

Einer von Andrews‘ Männern, George Olson, fand in der Wüste Gobi nicht nur ein einzelnes Ei, sondern gleich ein intaktes Nest. Es bestand aus neun relativ gut erhaltenen Eiern und zahlreichen weiteren Schalenfragmenten. Die Wissenschaftler ordneten zu jener Zeit das Nest dem ebenfalls auf dieser Expedition entdeckten und vom Grabungsleiter Walter Granger beschriebenen Ceratopsier Protoceratops andrewsi zu. Das war jedoch ein Fehler, der zu einem der wohl herzzerreißendsten Missverständnisse in der Paläontologie führen sollte.

Der Oviraptor-Irrtum

Da Protoceratops der wohl häufigste Dinosaurier dieser Zeit war, lag es nahe, dass auch die gefundenen Nester zu ihm gehörten. Oft fanden die Forscher Skelette dieses Tieres in unmittelbarer Nähe zu den Nestern fand. Der Fund eines anderen Nestes, das im weiteren Verlauf der Expedition gefunden wurde, sollte zu einer wahren Sensation werden. Mitten in einem Nest mit eiern lag das Skelett eines Theropoden mit zertrümmertem Schädel. Die Paläontologen vermuteten aufgrund dieses Fundes eine enge Räuber-Beute-Beziehung zwischen Protoceratops und diesem anderen Dinosaurier, der im Jahre 1924 von Andrews‘ Kollegen Henry F. Osborn wissenschaftlich beschrieben wurde. Osborn ging davon aus, hier einen Eierdieb „auf frischer Tat“ erwischt zu haben. Er vermutete, dass eine wütende Protoceratops-Mutter den Eierdieb getötet hätte, nachdem sie ihn an ihrem Gelege ertappte. Den Dinosaurier tauften sie deshalb auf den Namen „Oviraptor philoceratops“, was „Ceratopsier liebender Eierdieb“ bedeutet.

 

Dinosaurier Nest
Eines der 1923 in der Mongolei freigelegten Dinosaurier-Nester.

 

Zwar relativierte Osborn selbst diese Namenswahl in seiner wissenschaftlichen Arbeit und merkte an, dass man aus dem Fund auch andere Schlüsse ziehen konnte. In der Populärkultur jedoch, in welcher Oviraptor schnell zu einigem Ansehen kam, etablierte sich trotzdem das Bild eines gemeinen Diebes. Oviraptor war nun gemeinhin bekannt als Babykiller, der anderen Dinosauriern ihre Eier stahl.

 

Oviraptor
Bei den als Eierdieben beschudigten Oviraptor und Cirtipati handelte es sich in Wahrheit um ein fürsorgliches Elterntier, dass sein Nest bis zum Tod bewachte. Bildquelle (links): Zhao Chuang.

Dinosauriereier mit Embryonalerhaltung

Erst im Jahre 1995, als ein weiteres Skelett eines nahen Verwandten des Oviraptor, eines Citipati, auf einem ganz ähnlichen Nest entdeckt wurde, wurden die Forscher stutzig. In diesem Nest waren nicht nur die Eier hervorragend erhalten, in ihrem Inneren fanden die Paläontologen auch gut entwickelte Embryonen.

Das ist nun ein höchst seltener Fossilfund. Denn selbst wenn die Eierschalen als Fossil erhalten bleiben, werden die im inneren befindlichen Embryonen meist vollständig von Bakterien zersetzt. In ganz frisch gelegten Eiern sind natürlich auch noch gar keine Embryonen entwickelt. Nur durch optimale Fossilisationsbedingungen können Embryonen im Ei erhalten bleiben. Das ist bislang nur bei acht Dinosaurierspezies fossil belegt: Neben Citipati wissen wir bloß noch bei Beibeilong, Heyuannia, Lourinhanosaurus, Lufengosaurus, Massospondylus, Maiasaura und Stenonychosaurus (früher bekannt als Troodon), wie ihre Babys im Ei aussahen.

 

Dinosauriereier

 

Im Fall des neugefundenen Citipati bestätigte sich nun, was Osborn als Randnotiz bereits bemerkt hatte. Die Populärkultur hatte dem armen Oviraptor jahrzehntelang Unrecht getan und den Fund falsch interpretiert. Oviraptor und seine Verwandten waren keine Eierdiebe, im Gegenteil! Das über dem Nest liegende Skelett gehörte offenbar zu einem fürsorglichen Elterntier. Es wollte die Eier nicht etwa stehlen und fressen, sondern brütete seinen eigenen Nachwuchs gerade im Nest aus. Möglicherweise wurde das brütende Tier von einem Sandsturm oder einer kollabierenden Düne verschüttet. Es bezahlte seine fürsorgliche Mutterliebe mit seinem Leben und ging zusammen mit seinen ungeschlüpften Jungen in den Tod. Auch die ersten von Andrews entdeckten Dinosauriereier gehörten, wie wir nun wissen, nicht zu Protoceratops. Es waren die Nester von Oviraptor oder einem seiner Verwandten.

Die Eiersuche im 20. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckte man auch in vielen anderen Teilen der Welt Dinosauriereier.  1976 legte James Kitching in Südafrika die Eier eines Prosauropoden (wahrscheinlich eines Massospondylus oder eines seiner Verwandten) frei. Dieser Fund ist einer der ältesten Belege für hartschalige Dinosauriereier.

Die Dinosauriernester vom Egg Mountain

Egg Mountain
Der Egg Mountain in der Two Medicine Formation (Montana).

Jack Horner
John „Jack“ Horner (*1946)

Marion Brandvold
Marion Brandvold (*1912; †2014)

 

Nur ein Jahr später sorgte wieder in Amerika ein Fund für Furore: Am Egg Mountain in der Two Medicine Formation, wo Marion Brandvold im Jahre 1977 die „Familien“ gleich mehrerer Dinosaurier wie Maiasaura, Orodromaeus und Stenonychosaurus entdeckte. Die Forscher, allen voran John Horner, gelangten bei ihrer Untersuchung zu einigen erstaunlichen neuen Erkenntnissen. So wurde die Wissenschaft zu einem völlig neuen Bild über die Dinosaurier und ihr Verhalten inspirierten.

Maiasaura Nest
Rekonstruktion eines Maiasaura-Nests mit frisch geschlüpften Jungtieren.

Form und Farben der Dinosauriereier

Als man im Laufe der Zeit mehr und mehr Eierfossilien entdeckte, stellte sich heraus, dass die Eier der Dinosaurier oft sehr unterschiedlich geformt und auch gefärbt waren. Mache Dinosauriereier waren oval wie heutige Vogeleier, die Eier von Theropoden wie Oviraptor waren allerdings oft länglicher und spitzer. Die Eier der Sauropoden waren rundlicher und nahezu kugelförmig geformt. Wie jüngste Untersuchungen ergaben, waren die Eier von Dinosauriern häufig bunt gefärbt. In ihren Schalen verschiedener Theropodeneier konnten die gleichen Farbstrukturen nachgewiesen werden, wie in den Eiern moderner Vögel.

 

Auca Mahuevo Eier
Versteinerte Sauropoden-Eier vom Auca Mahuevo.

Dinosauriereier und Brutverhalten

Eierfossilien sind für die Paläontologen vor allem deshalb so wertvoll, weil sie uns konkret etwas das Verhalten ausgestorbener Tiere verraten. Das Brutverhalten gibt u.a. Aufschluss darüber, ob das Tier über ein komplexes Sozialverhalten verfügte und zum Beispiel im Schutz einer Herde lebte, um die Jungtiere vor Fressfeinden zu beschützen. Viele pflanzenfressende Dinosaurier, wie zum Beispiel Hadrosaurier wie Maiasaura, aber auch die riesigen Sauropoden haben wohl gemeinsam mit ihren Artgenossen große Nistkolonien angelegt und oft auch über Generationen hinweg die gleichen Brutgebiete aufgesucht, wie zum Beispiel in Auca Mahuevo in Argentinien, wo Forscher unzählige Sauropoden-Nester entdeckten.

 

Auca Mahuevo
Am Auca Mahuevo legten Sauropoden hunderttausende Eier in einer Nistkolonie ab. Rekonstruktion nach Mark Hallett.

Spektakuläre Funde wie Oviraptor zeigen uns, dass viele Dinosaurier wohl liebevolle und fürsorgliche Eltern gewesen sind. Wie viele heutige Vögel haben sie ihre Eier selbst ausgebrütet und beschützt, und ihre Jungen nach dem Schlüpfen gefüttert. Sauropoden hingegen waren offenbar echte Rabeneltern: Sie legten hunderte Eier auf einmal ab, die sie dann aber ihrem Schicksal überließen. Bei ihnen sorgte lediglich Masse für Sicherheit. Alle Schlüpflinge konnten die vielen Eierdiebe und Babykiller unmöglich erbeuten. So hatte zumindest ein kleiner Teil der Jungtiere eine gewisse Chance, das Erwachsenenalter zu erreichen.

 

Die Erforschung der Dinosaurier-Eier erzählt uns mehr über das Verhalten der Dinosaurier und gibt uns viele Einblicke in ihr Leben. Es bleibt abzuwarten, welche Überraschungen in Zukunft noch auf uns warten.


Der Originalartikel von Markus Kretschmer ist auf seinem Blog „Die weissen Steine“ erschienen.

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