Hybridisierung von zwei nur sehr entfernt verwandten Stören gelungen!

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Ein Experiment ungarischer Wissenschaftler mit zwei nicht sehr eng verwandten Knochenfischen führte zu einem für Zoologen geradezu unfassbarem Ergebnis:

Acipenser gueldenstaedtii
Jungtier des Waxdick Acipenser gueldenstaedtii (Foto: Akos Harka CC 3.0)
Jungtier von Polyodon spathula
Jungtier des amerikanischen Löffelstörs Polyodon spathula

Die Forscher befruchteten den Rogen eines Waxdicks (Acipenser gueldenstaedtii) mit dem Sperma eines Amerikanischen Löffelstörs (Polyodon spathula) und erreichten eine erfolgreiche Hybridisierung. 62 bis 70% der Jungen überlebten mindestens 30 Tage nach dem Schlüpfen. Viele von ihnen sind heute schon ein Jahr alt und haben ein Gewicht von mehr als einem Kilogramm.

Der Erfolg, zwei Störarten hybridisieren zu lassen
Jährlinge von (a) A. gueldenstaedtii, (b) ein typischer Hybrid mit großem Genom, (c) ein typischer Hybrid mit kleinem Genom und (d) Polyodon spathula (Bilder aus der Originalarbeit)

Diese Kreuzung ist deswegen so bemerkenswert, weil die Entwicklungslinien der Fische schon vor sehr langer Zeit auseinander gingen. Bereits in der frühen Unterkreide vor mehr als 130 Millionen Jahren bildeten sie eigene Familien. Aus dieser Zeit sind sogar Fossilien bekannt, die den modernen Vertretern sehr ähnlich sehen. Getrennt haben sie sich folglich schon sehr viel früher, also wohl bereits im Jura.

 

Das ist also eine zeitlich sogar noch weiter entfernte Verwandtschaft, als würde man einen Menschen mit einem Koala kreuzen! Bei den Fischen erhielt sich trotz erheblicher Veränderungen im Erbgut und sogar ganz unterschiedlicher Chromosomenzahl jedoch eine genetische Kompatibilität. Derartige Beispiele stellen den biologischen Artbegriff infrage. Sie zeigen, dass das Leben mitunter sich eins lacht auf alle Regeln und Gesetze pfeift, die wir Menschen entdeckt zu haben glauben.

 

Link zur Studie: MDPI Open Access Journals


 

 
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In der Donau lebt ein Fisch, der größer wird als der Weiße Hai: Der Beluga-Stör, der Lieferant des wertvollsten Lebensmittels der Welt. Mehr als 200 Millionen Jahre kannte der 8-Meter-Fisch keine Feinde, heute befindet er sich am Rande des Aussterbens.

Dieser Film erzählt vom verzweifelten Kampf einiger Wissenschaftler, den Giganten vor dem Aussterben zu retten.

 

Der Milliarden-Dollar-Fisch ist eine Produktion von Alfred Schwarzenberger aus dem Jahr 2019. Er läuft 52 Minuten.

 


Kommentar

von Tobias Möser

 

Dass sich unterschiedliche Störarten hybridisieren lassen, ist schon lange bekannt. Die Aquakultur nutzt diese Tatsache, indem sie bespielsweise „Bester“ züchtet. Diese Tiere sind Hybriden zwischen einem männlichen Sterlet (Acipenser ruthenus) und einem weiblichen Hausen (Huso huso). Aus rein praktischen Gründen  kann diese Kreuzung nur künstlich im Labor stattfinden. Hausen sind Fischfresser, ein geschlechtsreifes, 2,5 m langes Hausenweibchen würde einen 70 cm langen männlichen Sterlet auffressen.
Bester wachsen sehr schnell und sind hervorragende Speisefische.

 

Wozu der Versuch, Löffelstöre und Waxdicks zu kreuzen, gut ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Der Beweis, dass es möglich ist, ist an sich zwar neu, war aber vor dem Hintergrund zahlreicher Hybriden wie dem Bester erwartbar. Spannend ist die Genetik, und offenbar haben die Störe die Forscher nicht im Stich gelassen. Zahlreiche unterschiedliche genetische Variationen sind entstanden, so sind spontan (?) Formen mit höherem Ploidiegrad entstanden: Menschen haben zwei Chromosomensätze (je einen vom Vater und von der Mutter), sie sind diploid, das gilt als „normal“, aber es kann auch höhere Grade wie drei, vier oder fünf Chromosomensätze geben. Hier sind offenbar Typen mit drei Sätzen (SH = kleines Genom) und fünf Sätzen (LH = großes Genom) überlebensfähig.

 

Ob mit dies nun das Konzept des biologischen Artbegriffes direkt angreift, sei dahin gestellt. Der Waxdick lebt im Kaspischen und Schwarzen Meer. Der Löffelstör bewohnt das Stromgebiet des Mississippi. Eine Naturhybridisierung ist schon aus geographischen Gründen nicht möglich. Daher haben die Arten offenbar keine genetischen Barrieren dagegen aufgebaut.
Nur weil diese Störarten hybridisieren, ist das Konzept nicht obsolet. Der Erfolg zeigt aber, wie flexibel das Leben ist.

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