„Into the Forest“ – Wie ich bei einer Naturfilmproduktion mitwirkte

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Im Jahr 2018 war ich an einem fantastischen Projekt beteiligt, der Produktion des Natur-Dokumentarfilms „Into the Forest: Reptiles & Amphibians“ (deutscher Titel: Der Magische Wald: Reptilien und Amphibien) von meinem guten Freund Bryan Maltais. Er hat bereits mehrere andere kürzere Dokumentarfilme gedreht, darunter die preisgekrönte Produktion „Metamorphosis“ über das Amphibienleben in einem Feuchtgebiet in Colorado. Dies war jedoch bei weitem sein größtes Projekt. Ich möchte hier über die Dreharbeiten und den Hintergrund von „Der Magische Wald“ schreiben.
Der Film ist inzwischen auch auf Amazon Prime verfügbar, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache.

 

 

Bryan verbrachte seine frühe Jugend mit seiner deutschen Mutter und seinem amerikanischen Vater in Deutschland. Er wuchs aber später in den USA auf. Im Laufe der Jahrzehnte kam er regelmäßig zurück, um sein zweites Zuhause und den deutschen Teil seiner Familie zu besuchen. Während dieser Ferien besuchte er regelmäßig einen Wald in der Nähe von Denkendorf, unweit von Stuttgart. In diesem Wald kam er zum ersten Mal mit der europäischen Herpetofauna und anderen einheimischen Tieren in Kontakt. Später studierte er Wildtierbiologie und entwickelte ein besonderes Interesse an Reptilien und Amphibien. Im Laufe der Jahre wurde Bryan ein professioneller Natur- und Landschaftsfotograf und produzierte mehrere Dokumentarfilme, hauptsächlich über Reptilien und Amphibien.

Bryan Maltais
Bryan Maltais beim Mills Lake im Rocky Mountain National Park

Wir haben uns 2014 zum ersten Mal getroffen. Nachdem ich seine Dokumentarfilme auf YouTube entdeckt hatte, hatte ich festgestellt, dass Denkendorf tatsächlich nahe an meinem Wohnort liegt. Im Laufe der Jahre trafen wir uns mehrmals zu Herping-Touren und ich stellte Bryan verschiedene andere interessante Orte vor, wie den Lebensraum meiner lokalen Population von Smaragd-Eidechsen (Lacerta viridis) oder den Schwarzwald mit seinen melanistischen Kreuzottern (Vipera berus).

 

Bryan nimmt eine Eidechse ins Visier

 

Ein Großprojekt

Aber „Into the Forest“ wurde ein viel größeres und umfangreicheres Projekt als nur ein paar Touren in den Wald. Bryan verbrachte drei ganze Monate in Deutschland, um die Entwicklung der Natur vom letzten Schnee bis zum Frühsommer im Juni zu dokumentieren. Er filmte fast jeden Tag und manchmal sogar nachts. Wenn er nicht filmte, arbeitete er daran, die Videos zu bearbeiten und zu schneiden.

 

Um einen hochwertigen Dokumentarfilm zu produzieren, verwendete er eine 4k-Kamera, damit die Bildqualität auch auf einem großen Bildschirm TV-Qualität entspricht. Er machte Zeitlupen- und Zeitraffervideos, Unterwasser- und Nachtsichtaufnahmen und nahm auch einige erstaunliche Landschaftsvideos mit einer Drohne. Diese erlitt leider während der Dreharbeiten einen Totalschaden als sie an einem Ast hängen blieb, und dadurch unbrauchbar wurde. Zum Glück hatte Bryan aber alle wichtigen Drohnenaufnahmen zu diesem Zeitpunkt bereits gedreht.

 

Bryan beim Filmen von Feuersalamandern
Aufnahme vor Bequemlichkeit: Das Filmen von Feuersalamandern erfordert Körpereinsatz.

 

Mehrere Treffen

Während dieser drei Monate trafen wir uns so oft ich konnte, um Bryan einige weitere interessante Orte zu zeigen. Hierzu gehörte ein Teich, der besonders gut geeignet ist, um die Paarung von Erdkröten (Bufo bufo) zu beobachten. Eine besondere Erfahrung war eine Tour während einer regnerischen Nacht in ein kleines Tal ganz in der Nähe meines Wohnortes. Dieses Gebiet ist ein sehr guter Ort für eine der charismatischsten europäischen Amphibien, den Feuersalamander (Salamandra salamandra). Zugegeben, ich war nach Einbruch der Dunkelheit nie wieder dort. Aber unsere Tour hat alles übertroffen, was ich jemals während einer Salamander-Herping-Tour gesehen habe. Wir haben so viele Feuersalamander gefunden, dass wir nicht einmal mehr alle zählen konnten, insgesamt waren es aber ungefähr 60 Stück.

 

Feuersalamander
Ein Feuersalamander bei der Geburt seiner Larven.

 

In diesem Gebiet überlappen sich die Populationen des gestreiften Feuersalamanders Salamandra salamandra terrestris und des gefleckten Feuersalamanders Salamandra salamandra salamandra, und beide Formen kreuzen sich hier auch. Infolgedessen stießen wir auf eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Muster. Wir fanden auch ein Exemplar, das gerade einen Regenwurm gefangen hatte, ein Paar, das sich paarte und zudem mehrere Weibchen, die gerade ihre Larven zur Welt brachten.

 

Laubfrosch
Klein, aber nicht kleinlaut: Laubfrösche sind heute leider selten. (Markus Bühler)

 

Feuersalamander als gefährdete Art

Der Feuersalamander spielt auch eine Schlüsselrolle in der Dokumentation, aber nicht nur wegen seines charmanten Aussehens, sondern auch, um das Bewusstsein für die Gefahren des Chytrid-Pilzes Bsal (kurz für Batrachochytrium salamandrivorans) zu schärfen, der über den Amphibien-Terraristikhandel aus Asien auf den europäischen Kontinent gelangt ist. Bsal hat bereits ganze Feuersalamanderpopulationen in Belgien und den Niederlanden ausgerottet und Norddeutschland bereits erreicht. Leider dürfte es sich in Europa noch weiter ausbreiten.

 

Eine weitere nächtliche Tour führte uns zu einer lokalen Population europäischer Laubfrösche (Hyla arborea). Die Lautstärke ihrer Rufe war einfach unglaublich. Dies war für mich auch das erste Mal, dass ich europäische Laubfrösche sah. Mittlerweile ist diese Art leider äußerst selten geworden, hauptsächlich aufgrund des Mangels an geeigneten Lebensräumen für diese Tiere. Kleine, regelmäßig entwässernde Teiche, in denen sie erfolgreich laichen können, fehlen ebenfalls. Ich war auch ziemlich überrascht, als ich etwas über diese mir vorher unbekannte Population erfuhr.

Natürlich wurden auch die wunderbar exotisch aussehenden (und in diesem Fall allochthonen) Smaragdeidechsen (Lacerta bilineata – oder ist es viridis? Hier sind die Dinge etwas kompliziert) gefilmt, die hierr ein Gebiet mit sehr warmen Mikroklima bewohnen. Bryan konnte sogar ein Pärchen filmen, und das Drohnenmaterial bot einige großartige Ausblicke auf ihre Lebensräume in den jahrhundertealten Weinbergen.

 

Höllenotter
So höllisch ist sie nicht, aber immerhin schwarz und giftig: Die schwarze Variante der Kreuzotter heißt auch Höllenotter.

 

Höllenotten

Ein anderes Reptil, das wir zu finden hofften, blieb jedoch unauffindbar. Im Jahr zuvor machten wir einen Ausflug in den Schwarzwald (der ebenfalls nur etwa eine Autostunde von hier entfernt ist) und konnten zwei Exemplare melanistischer Kreuzottern finden.

 

Aber dieses Jahr hatten wir leider weniger Glück. Bei unserer ersten Reise zum Schliffkopf, einer der höchsten Erhebungen des Schwarzwaldes, war es für den Vorfrühling ungewöhnlich warm, weit über 25 Grad Celsius. An einigen Stellen lag noch ein halber Meter Schnee, aber die Hitze der Sonne war für die Kreuzottern bereits zu viel.

 

Am Schliffkopf
Die Landschaft am Schliffkopf wirkt wie skandinavische Tundra (Foto: Markus Bühler)

 

Zumindest konnten wir einige besonders schön gefärbte Grasfrösche (Rana temporaria) bei der Paarung beobachten, und diese Sequenz wurde auch in den endgültigen Dokumentarfilm aufgenommen.

Wir besuchten den Schliffkopf später zwei weitere Male, aber jedes Mal passte das Wetter nicht. Bei der zweiten Tour zum Schliffkopf war es genau das Gegenteil vom letzten Mal, es war sehr kalt mit viel Wind und Nebel, und fast ohne Sonnenschein. Wieder ziemlich schlechte Bedingungen für Kreuzottern. Der Nebel über dem Wald lieferte jedoch einige spektakuläre Landschaftsaufnahmen.

 

Grasfrösche
Grasfrösche bei der Paarung (Markus Bühler)

 

Unsere letzte Tour in den Schwarzwald führte uns nach Kaltenbronn, einem Gebiet mit mehreren Mooren. Wir hatten hier im Jahr zuvor die beiden Kreuzottern im Jahr gefunden. Leider war alles, was wir in dieser Zeit fanden, eine einzige frischtot auf der Straße liegende Kreuzotter.

 

Nebel über dem Schwarzwald
Nebel über dem Schwarzwald (MB)

 

… und Hornottern

Ein absolutes Highlight war unser Herping-Trip nach Kroatien. Darüber gäbe es jede Menge zu erzählen, aber das würde diesen Beitrag sprengen. Wir machten eine Tour von der Insel Krk in den Südwesten des kroatischen Festlandes. Es ging über Istrien zur Insel Cres und wieder zurück nach Krk. Dort haben wir verschiedene interessante Reptilien, Vögel und viele wirklich ungewöhnliche Wirbellose und spektakuläre Landschaften gesehen. Wir haben leider nicht so viele Reptilienarten gefunden, wie wir gehofft hatten. Insbesondere Schlangen und Scheltopusiks (Pseudopus apodus) erwiesen sich als ziemlich schwer fassbar und kaum zu finden. Ich habe am ersten Tag in Krk ein paar Scheltopusiks entdeckt, aber es war nicht möglich, Fotos zu machen. Eine Art, für die wir besonders große Hoffnungen hatten, war die Hornotter (Vipera ammodytes). Sie ist eine der giftigsten Schlangen des europäischen Kontinents.

 

Mit viel Glück konnte ich während unserer systematischen Suche dann auch noch eine winzige Hornotter zwischen einigen Steinen entdecken. Diese faszinierende kleine Schlange war sicherlich einer unserer größten Funde während des Ausfluges.

 

Hornotter
Eine kleine Hornotter auf Krk

 

Um zumindest einen südlicheren Cousin der Kreuzotter zeigen zu können, haben wir die Hornotter in einen kurzen Abschnitt über unseren Ausflug dann auch in „Der Magische Wald“ eingebracht. Es würde noch so viel mehr zu sagen geben, aber das gehört in einen zukünftigen Blogpost über unsere Tour nach Kroatien. Weitere Fotos gibt es auf Bryans Website.

 

Bryan und die Hornotter

 

Vieles direkt vor der Haustür

Einen erheblichen Teil des Dokumentarfilms haben wir im Schönbuch, einem großen Waldgebiet bei Tübingen, gedreht. Die tiefen und weitläufigen Wälder boten zahlreiche interessante Drehorte, von Wildgehegen mit Rotwild und Wildschweinen bis zu großen Teichen voller Kaulquappen. Deutschland ist ziemlich dicht besiedelt und selbst die meisten Naturschutzgebiete werden auf die eine oder andere Weise durch menschliche Aktivitäten verändert. In vielen Fällen geschah dies bereits vor Jahrhunderten. Die Spuren menschlicher Aktivitäten sind oft tief mit der umgebenden Landschaft verwoben.

 

Schönbruch Teich
Einer der Teiche im Schönbruch (MB)

 

Ein besonders schöner Überrest der menschlichen Kultur war auch das alte Kloster Bebenhausen, das sich direkt vor dem Schönbuch befindet. Umgeben von jahrhundertealten Fachwerkhäusern, seiner gotischen Architektur, alten Mauern und alten Türmen war es auch ein perfekter Ort für Drohnenaufnahmen, um die gesamte Bandbreite des Komplexes zu zeigen. Das Kloster wurde 1190 gegründet. Nach der Reformation wurde es unter anderem als Jagdschloss genutzt und war später Wohnsitz des letzten Königs von Baden-Württemberg im frühen 20. Jahrhundert.

 

Kloster Babenhausen
Das alte Kloster Babenhausen (MB)

 

Der Alte Aichwald

Wir besuchten auch den Alten Aichwald in der Nähe von Denkendorf, wo Bryan einen Großteil der Dreharbeiten zu Feuersalamandern und einigen der anderen Amphibien machte. Wir waren schon vor Jahren auf unserer ersten gemeinsamen Feuersalamander-Tour dort.

 

Feuersalamander
Feuersalamander im Alten Aichwald

 

Bryan zeigte mir einen großen Dachsbau den er entdeckt hatte, und bei dem er mit einer selbstauslösenden Wildkamera großartiges Filmmaterial machen konnte.

Ich kenne viele der Orte die in „Der Magische Wald“ vorkommen, fast mein ganzes Leben lang. Ich pflege unzählige wundervolle Erinnerungen an sie. Sie jetzt in einem hochwertigen Dokumentarfilm zu sehen, fühlt sich fast etwas surreal an, besonders da ich während vieler Filmsequenzen vor Ort war. Ich habe viele neue Dinge gelernt und viele neue Erfahrungen gemacht, und ich freue mich, ein wenig zu diesem wunderbaren Dokumentarfilm beigetragen zu haben. Bryan hat großartige Arbeit geleistet, und den gesamten Dokumentarfilm selbst produziert. Er hat alle Szenen geschnitten, die Hintergrundmusik ausgewählt und arrangiert, den Text geschrieben (den ich für die deutsche Fassung mit dem Titel „Der magische Wald: Reptilien und Amphibien“ übersetzt und angepasst habe) und bestimmte Szenen digital bearbeitet. Normalerweise werden solche Dokumentationen von ganzen Produktionsteams oder sogar spezialisierten Unternehmen gedreht.

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Der Magische Wald

Naturfilmer Bryan Maltais erkundete volle drei Monate einen geheimnisvollen Wald im Herzen Europas. Dabei beobachtete er den Wechsel der Jahreszeiten vom Ende des Winters bis zum Anbruch des Sommers. Er filmte das Leben faszinierender Wildtiere, insbesondere der heimischen Reptilien und Amphibien.
Unser Autor Markus Bühler hat ihn auf einem Teil seiner Expeditionen begleitet.

 

Der Magische Wald: Reptilien und Amphibien ist 2019 erschienen und im Amazon-Prime-Paket, zum Download oder auf Datenträger erhältlich.

 

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Fazit

„Der Magische Wald“ wurde zu einem wirklich wunderbaren Dokumentarfilm, zumal es sich bei den gezeigten Arten vor allem um Tiere handelt, die trotz ihres faszinierenden Lebens meist nur wenig Aufmerksamkeit in den Medien bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass nicht nur nicht-europäische Zuschauer Freude daran haben, einige der rätselhaften Tiere, die umliegenden Landschaften und die Geschichte Süddeutschlands kennenzulernen.

Weitere Informationen zum Dokumentarfilm gibt es auf der offiziellen Website Into the Forest.

 

Dieser Artikel erschien am 25. Mai 2019 auf Markus Bühlers Webseite in englischer Sprache.

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