Freitagnacht-Kryptos: „Was machen die da unten?“

oder: Kieferfehlbildungen bei Zahnwalen

In den Archiven kramte: Tobias Möser

 

Erstaunlich viele Zahnwale ernähren sich hauptsächlich von Kopffüßern, die im Tiefwasser leben. Von Pottwalen ist das allgemein bekannt, der „epische Kampf“ zwischen dem Wal und seiner vermeintlichen Lieblingsbeute, dem Riesenkalmar, ist immer wieder Thema in der Literatur. Aber auch andere Zahnwale wie Grindwale, Risso-Delfine und allen voran die Schnabelwale tauchen sehr tief nach Kalmaren und Tintenfischen.

Pottwal-Schädel, Düsseldorf
„Normaler“ Pottwalschädel aus dem Aquazoo Düsseldorf als Referenz

Vielen Walen ist eine starke Anpassung an diese Nahrung anzusehen: Die namensgebende Maulform der Schnabelwale und der grotesk veränderte Kopf der Pottwale mit der riesigen Melone und dem schlanken, zierlichen Unterkiefer, der die einzigen Zähne des Tieres trägt. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass zum Jagen und Fressen von Kalmaren „Spezialwerkzeug“ von Vorteil ist.

verbogener Pottwalkiefer, London
Verbogener Kiefer eines Pottwals, Sonderausstellung im NHM London 2017

Pottwal mit verkrüppeltem Unterkiefer
Pottwal mit verkrüppeltem Unterkiefer, Foto aus der Dauerausstellung des NHM, London

Doch gelegentlich kommt es völlig anders. Die Museen in London und Hamburg besitzen je einen völlig verformten Unterkiefer eines Pottwales. Bei beiden ist eine Seite des Kiefers stärker gewachsen, als die andere, so dass er sich bogen- bzw. spiralförmig verformt hat. Mit ihnen konnten die Wale definitiv keine Tintenfische ergreifen und festhalten.

Trotz verdrehter Kiefer völlig normal ernährt

Beide Kiefer stammen aber von ausgewachsenen Tieren, die dem Walfang zum Opfer gefallen sind. Beide Tiere waren gesund und normal ernährt. Das Museum in New Bedford, USA besitzt ebenfalls einen solchen Kiefer. Die Ausstellungsmacher der Wal-Sonderausstellung , die 2017 in London zu sehen war, zeigten außerdem einen Schädel eines Layard-Schnabelwals (Mesoplodon layardii*), dessen einzige Zähne so weit aus dem Unterkiefer hinaus gewachsen sind, dass er das Maul kaum öffnen konnte. Dennoch hatte auch er einen normalen Ernährungszustand.

verwachsener Pottwalkiefer
Der „Pottwalhaken“ im Zoologischen Museum der Uni Hamburg. Wie der andere verkrümmte Pottwal-Unterkiefer in London ist dies pathologisch.

Layard-Schnabelwal
Kiefer eines männlichen Layard-Schnabelwals. Er konnte sie am Ende kaum öffnen. Dennoch ist es für ausgewachsene Männchen dieser Art der Normalfall. (Sonderausstellung 2017, NHM, London)

Da stellt sich die Frage „Was machen die da unten?“, wieso gibt die Natur den kalmar-fressenden Walen solche extremen Anpassungen der Kiefer mit, wenn sie auch ohne sehr gut klarkommen?


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