Freitagnacht-Kryptos: Die Schlangenwanderungen im Luganer See

Von: Ulrich Magin

Historischer Stich einer Schlange.
Historischer Stich einer Schlange.

Der Sommer muss im 19. Jahrhundert am Luganersee ein Naturschauspiel geboten haben, dass heute nicht mehr beobachtet werden kann.

1815 schreibt Jurende‘s vaterländischer Pilger im Kaiserstaate Oesterreichs (S. 151): „Die Zugschlangen, oder die Wanderung der Vipern. […] Der wegen seiner unbeschreiblichen Aussicht weltberühmte schroffe und wilde Kalkberg Salvador am Luganersee, beherbergt z.B. in seinen Kalktrümmern auf der Südseite eine unermeßliche Menge von Vipern, die sich von Jahr zu Jahr erstaunlich vermehren. Diese Vipern, eine Schlangengattung, ist von bräunlicher Farbe, mit einem schwärzlichen Streif über den Rücken, wird oft bis einen Fuß lang, und gebiert lebendige Junge. Kleine Thiere sterben von ihrem Biß, und den Menschen verursacht ihr Biß nur Entzündung und Fieber.

Hier am Fuße steht noch ein Landhaus von ansehnlicher Größe, woraus die Bewohner, weder durch Pest noch Krieg, noch durch Poltergeister, sondern durch die Vipern, von denen es in diesem Reviere wimmelt, vertrieben wurden. Furchtbar nimmt diese Schlangenart jährlich überhand. Dieses Landhaus ist jetzt schon eine reichbevölkerte Vipernhöhle.

 

Promenade des Luganersees heute

Das Dorf Foroglio bietet heute noch einen guten Eindruck der Lebenssituation damals

 

Sobald es warm wird, wandern die Schlangen ins Sommerquartier

Diese gefährlichen Bewohner des Salvadors beginnen bey zunehmender Sommerwärme ihre Wanderschaft: Sie schwimmen über den Luganersee in mächtigen Kolonnen in die kühlen Waldungen des entgegengesetzten Ufers. Diesen Wald, (über eine Quadratmeile groß) bewohnen sie in den Sommermonaten, und kein menschlicher Fuß darf ihn ohne die größte Gefahr betreten. Nur im Winde ist er gangbar, wenn diese Schlangengattung wieder in ihre sonnigen Winterquartiere über den See am berühmten Salvador eingenommen hat. Hier am Salvador bilden sich die Vipern Schockweise zu Kugeln. Sie verwinden und rollen sich in einander zu wunderbaren Knaulgestalten, die wegen der hervorblickenden Köpfe der abentheuerlichen Kugeldistel, oder dem schauderhaften Medusenhaupte ähnlich sind. Diese schrecklichen beweglichen Kugeln sind mit Schlangenköpfen gleichsam gespickt. (So eine Schlangen-Kugel hat der Herausgeber des Wanderers am 16. November 1808 gesehen, als er auf der Seite von Lugano in Gesellschaft von sechs Personen, wobey der Stadtarzt von Lugano als Guide war, den Salvador bestieg.)

Luganer See mit dem Salvador (heute Monte San Salvator), der Spitzberg rechts
Luganer See mit dem Salvador (heute Monte San Salvator), der Spitzberg rechts

Sie durchschwimmen den See zweimal im Jahr

Der See ist über eine Stunde breit, den sie jährlich zweymal in solcher Menge durchschwimmen, daß sie einander weit über den Wasserspiegel des Sees hinausdrücken. An den Tagen ihrer Wanderschaft, der einige Tage dauert, wagt sich kein Schiff über den See. Die Schlangenheerde auf der Reise über den See ist undurchdringlich. Alte matte oder kranke Schlangen bleiben am Ufer zurück und sterben, oder finden ihren Tod im See, wenn sie sich noch einmahl hineingewagt hatten.

Was kann man gegen die Schlangen tun?

Die Bewohner der Umgegend sind in großen Sorgen über ihre staunenswürdige Vermehrung; nicht ohne Grund befürchten sie, daß sie diesen Schlangen in Zukunft noch ihre Dörfer dürfen abtreten müssen. Man hat schon unzählige Pläne zu ihrer Vertilgung, oder Verminderung entworfen; aber die wenigsten scheinen ausführbar zu seyn. Ein Entwurf scheint doch seinem Endzweck zu entsprechen. Der Wald am südlichen Ufer ist der Schlangen Sommeraufenthalt, im Winter ist er leer, dazumal will man diesen großen Wald mit einem tiefen Graben umziehen, ihn niederhauen, und wenn nun im Frühlinge alle Schlangen in diesen darniederliegenden Bäumen angelangt sind, will man ihn in einem Augenblicke im ganzen Umkreise an tausend und tausend Stellen anzünden, daß die einwärts hineilende Flamme diese gefürchteten Geschöpfe zugleich in die Mitte der Brandstätte treibt, wo sie doch höchst wahrscheinlich durch die vereinigte Flamme ihren sicheren Tod finden müssen.“

Ringelnattern oder Vipern?

Auch 1821 wusste Johann Rudolf Steinmüller in der Neue Alpina (S. 176-177) von den zugschlangen zu erzählen: „Jene [Vipern] vom Salvadorberge sollen, nach dem Berichte des Herrn von Matthisson, im Frühjahr, bey zunehmender Sonnenwärme, in mächtigen Colonnen, den Luganersee durchschwimmen, um die kühlen Wälder des Gegenufers bis zum Spätherbste zu bewohnen, wo sie dann wieder in ihre Winterquartiere zurückkehren. Allein es ist sehr wahrscheinlich, dass dießfalls die Ringelnattern für Vipern angesehen wurden; denn diese gehen freywillig nicht so leicht ins Wasser, wie jene.“

Die Aspisviper ist vermutlich für diese Schlangenwanderung verantwortlich

Die Ringelnatter schwimmt zwar besser, wird aber von den Einheimischen kaum mit der Aspisviper verwechselt worden sein

 

„Schauderhafte Medusenhaupte“

1836 weiß Harald Othmar Lenz in der Gemeinnützige Naturgeschichte (Band 3. Beckersche Buchhandlung, 1836, S. 33):

„Sie die [Vipera redi] ist die in Frankreich, Italien, der Schweiz und einigen Gegenden Süd-Deutschlands gemeine Giftschlange, ist der Kreuzotter in ihrem Wesen sehr ähnlich, scheint aber nicht ganz so giftig zu seyn. Sie ist in manchen Gegenden im Ueberfluß. „Beim Luganersee, am Fuße des Salvadorberges“, so erzählt Matthison in seinen 1812 erschienenen ‚Erinnerungen‘, „steht ein Landhaus von ansehnlicher Größe, woraus die Bewohner weder durch Pest noch Krieg, noch durch Poltergeister und Gespenster, sondern lediglich durch die Vipern, wovon es in den dortigen Revieren wimmelt, vertrieben wurden. Diese Schlangenart nimmt daselbst mit jedem Jahr immer furchtbarer überhand. Die Vipern von Salvador durchschwimmen bei zunehmender Sommerwärme in mächtigen Kolonnen den See, um die kühlen Waldungen des Gegenufers bis zum Spätherbste zu bewohnen, die sie alsbald wieder mit den sonnigen Winterquarttieren der Heimath vertauschen. Hier verschränken sie sich zu wundersamen Knäuelgestalten, die dem schauderhaften Medusenhaupte ähneln müssen.“

Die letzten Schlangenschwärme

Zum letzten Mal hören wir von den Schlangenschwärmen 1846 von Dierbach im Archiv der Pharmacie (S. 36–48; Zitat S. 47): „Am Luganersee findet sich diese Art [die italienische Viper (Coluber Aspis L.)] in Menge vor; in der Gegend von Salvador durchschwimmen sie bei zunehmender Sommerhitze den See in mächtigen Colonnen, um die feuchten Waldungen des Gegenufers bis zu Spätherbste zu bewohnen.“

Literatur:

Jurende’s vaterländischer Pilger im Kaiserstaate Oesterreichs bei google books


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