Kryptozoologische Presseschau 18/2020

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Liebe Leserinnen und Leser,

 

wie immer montags gibt es auch diese Woche die kryptozoologische Presseschau.

 

Star der letzten Woche war sicherlich Spinosaurus aegyptiacus. Markus Kretschmer hat sich ja gestern schon ausführlich zu dem Tier geäußert, dennoch bleibt es für mich rätselhaft – um so mehr, weil der Schwanz an sich auch schon ungewöhnlich ist: Er zeigt ähnliche Wirbelfortsätze wie der Rücken, nur kürzer und zu beiden Seiten (oben und unten). Auf den ersten Blick deutet dies auf einen seitlich komprimierten Schwanz, wie ein Schwimmschwanz.

Die Wirbelmorphologie dieses Schwanzes ist ebenso einzigartig, wie die des Rückens. Schwimmschwänze kommen bei Echsen selten vor. Selbst Waranarten, die viel Zeit im Wasser verbringen, haben kaum abgeflachte Schwänze. Krokodilschwänze sind noch einmal anders gebaut. Die Galapagos-Meeresechsen haben als einzige Echsen seitlich abgeflachte Schwänze, aber nur mit einem kleinen Grat auf der Oberseite – und dieser wird nicht von Wirbelfortsätzen gestützt.

 

Bei den Schwimmprofis im Tierreich, den Fischen, gibt es viele Arten, die einen langen Schwanz mit Flossensaum haben, unter anderem die Aale und der Flußwels Silurus glanis. Auch viele wasserlebende Amphibien haben Schwimmschwänze dieser Art, beispielsweise Teichmolche oder Axolotl. Aber keines der Beispiele hat einen von Wirbelkörper-Fortsätzen getragenen Flossensaum. Alle sind sie häutig oder werden von nicht mit dem Skelett verbundenen Flossenstrahlen getragen. Dies hat gute, biomechanische Gründe. Warum ist es dann beim Spinosaurus anders?

Für mich ist dieses Tier durch den Schwanz noch rätselhafter geworden.

 

Doch der Spinosaurus ist nicht das einzige Tier, das diese Woche in der Kryptozoologie für Schlagzeilen gesorgt hat. Im Schwarzwald, nur wenige Kilometer südöstlich von Baden-Baden ist ein Tier fotografiert worden, das niemand so recht identifizieren kann. Auch damit haben wir uns befasst – und natürlich wie immer News aus der ganzen Welt gesammelt.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

Eurer / Ihr

 

Tobias Möser



Spinosaurus wesentlich aquatischer als bisher gedacht

Zu den neuen Erkenntnissen der Anatomie von Spinosaurus aegyptiacus hat Markus Kretschmer gestern ja ausführlich geschrieben. Wissenschaftler haben im Vorfeld der Entdeckung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen Schwimmschwanz erwartet.

Dies betont die aquatische Lebensweise des möglicherweise längsten fleischfressenden Dinosauriers, dessen Fossilien man bisher „nur“ in einem Sumpf-Lebensraum gefunden hat.

Spinosaurus-Schwanz
So sah der Schwanz eines Spinosauriers nach aktueller Rekonstruktion möglicherweise aus.

 

Quelle (unter anderem): Ibrahim, N., Maganuco, S., Dal Sasso, C. et al. Tail-propelled aquatic locomotion in a theropod dinosaur. Nature (2020). https://doi.org/10.1038/s41586-020-2190-3


Fotos vom Wanderer: Geheimnisvolles Tier im Schwarzwald

Lorenzo Chimenti aus Stuttgart wanderte am 23. April am Wildsee auf dem Kaltenbronn, einer Höhe des Schwarzwaldes. Dabei entdeckte er in 100 m Entfernung ein Tier, das er nicht kannte. Geistesgegenwärtig machte er einige Fotos des Wesens, dessen Schulterhöhe er auf 80 cm schätzte. Er erzählte den Badischen neuesten Nachrichten, dass das Tier hellbraunes Fell, runde Ohren habe und sich wie eine Raubkatze bewegte.

Da Chimenti das Tier nicht identifizieren konnte, schaltete er das Infozentrum Kaltenbronn ein. Dieses setzt den Wildtierbeauftragten des Landkreises Rastatt, Martin Hauser auf den Fall an: „Ich konnte nicht sagen, welches Tier zu sehen ist.“

Beiges Tier im Schilf
Das geheimnisvolle Tier, Foto: Lorenzo Chimenti

Hauser hat ein in der Kryptozoologie sehr häufiges Problem: es fehlt ein Größenmaßstab. Kaum ein Laie sucht sich die Stelle, an der das Tier beobachtet wurde und fotografiert sie von seinem Beobachtungspunkt erneut, aber mit einem Maßstab. Daher kann Hauser nur vermuten: „Es könnte ein Fuchs oder Iltis sein“, sagt er den BNN. Um sicher zu gehen, will er den Ort in den nächsten Tagen aufsuchen, zudem hofft er, dass das Tier in eine der zahlreichen Fotofallen läuft.

 

Bei einer Sache ist sich der Wildtierbeauftragte sicher: ein Luchs oder Wolf ist es nicht, obwohl je ein Tier dieser Arten durch das Murgtal streift.

 

Die BNN erhielt in der Folge zahlreiche Zuschriften, in denen Leser ihre Meinung zu dem Tier abgeben. Die Meinungen gehen quer durch die gesamte Raubtierfauna, vom Marderhund bis zur Fossa, vom Hund bis zum Puma.

 

Wir werden uns vermutlich am Donnerstag ausführlicher mit dem Thema befassen.


Neu beschrieben:

  • Ein Ceratopsier, also ein Horndinosaurier trägt jetzt den Namen Stellasaurus, der Stern-Saurier. Benannt wurde das bizarr aussehende Tier nach David Bowie’s Hit Starman von 1972.
    Der Dinosaurier lebte vor etwa 75 Millionen Jahren in den Badlands von Montana. Er erreichte etwa 6 m Länge und 2 t Gewicht.

Batrachochytrium salamandrivorans

unter diesem Namen ist der berüchtigte Chytridpilz bekannt, der weltweit die Amphibienvorkommen in Bedrängnis bringt (siehe unten: Mindo-Harlekinfrosch). Jetzt ist er auch in Deutschland und den Benelux-Staaten angekommen: Betroffen ist der Raum Aachen, und die angrenzenden Gebiete in den Niederlanden und Belgien.
Bisher sind insbesondere Feuersalamander betroffen.

In der Eifel und im Ruhrgebiet gab es seit 2016 mehrere Massensterben, 2019 war der Pilz bis Kleve und in die Südeifel vorgedrungen.

Spektrum hat einen ausführlichen Artikel über den Pilz, seine Herkunft und Ausbreitung gebracht.


Kreidezeitlicher Säuger entdeckt – die zweite Paläo-Sensation diese Woche

 

Adalatherium hui
Adalatherium hui, mit etwa 3 kg Gewicht so groß wie ein mittelgroßes Zuchtkaninchen

Die Ähnlichkeit der Rekonstruktion mit einem Dachs ist kein Zufall. Adalatherium hui war – wie der Dachs – ein Gräber, der in selbst gebauten oder selbst erweiterten Erdbauten lebte. Doch das ist nicht das tollste an dem Fund aus Madagaskar. Adalatherium hui gehört zur bisher kaum bekannten Gruppe der Gondwanatheria. Von ihnen waren bisher nur wenige Funde bekannt, das beinahe vollständige Skelett von Adalatherium bringt die Forschung hier sehr viel weiter.

 

An Adalatherium hui sind noch andere Dinge bemerkenswert. Er trägt mehr Foramina als jedes bekannte Säugetier. Das sind Durchgänge für Nerven und Blutgefäße im Schädel. Forscher vermuten, dass sie eine empfindliche und bewegliche Schnauze mit Schnurrhaaren versorgten. Seine Zähne sind einzigartig, sie deuten auf einen Grasfresser hin. Die Gehörschnecke ist für ein kreidezeitliches Säugetier sehr stark ausgebildet, was auf ein exzellentes Gehör hindeutet.

 

Der Name Adalatherium stammt aus der lokalen Sprache Madagaskars und dem klassischen Griechisch. Wörtlich bedeutet er „ungewöhnliches Säugetier“, was im Englischen bereits etwas verzerrend als „Crazy Beast“ übersetzt wurde, um dann von den deutschen Medien als „Verrücktes Biest“ übernommen zu werden.

 

Quelle:  Natürlich ein Nature-Paper



Gutes und Schlechtes vom Waldrapp

Der Waldrapp ist einer der legendären Vögel, die einst in Europa lebten und heute so gut wie ausgestorben sind. Es gibt ein bekanntes Projekt, das diese charismatischen Ibisse wieder ansiedelt: Waldrapp.eu.

 

Dieses Projekt war bereits vor einiger Zeit in den Schlagzeilen, weil man ihm wegen eines Formfehlers viele Fördergelder nicht auszahlen konnte. Dennoch haben die Mitarbeiter es geschafft, die in Norditalien überwinternden Vögel auf den Zug in ihre Brutreviere auf der anderen Seite der Alpen zu bringen. Leider passierte dabei ein Unfall. Das für das Projekt wichtige Weibchen „Sonic“ starb am 23. oder 24.4. in Graubünden an einem Stromschlag, als es auf einer Überlandleitung landete.

Waldrapp
Der Waldrapp ist mit dem mittelalterlichen Schopfibis identisch

Im Gegenzug dazu sorgte das Männchen Attila für positive Presse. Es landete auf dem Flugplatz des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums DLR in Oberpfaffenhofen bei München. Dort konnte der Stützpunktleiter Christoph Fürst ein Video des Vogels anfertigen und gab dies an den Münchner Merkur weiter.

 

Das DLR ist einer der Partner des Waldrapp-Projektes. „Als wollte er mit seinem Besuch in Oberpfaffenhofen zeigen, dass sich die Unterstützung auszahlt“, freut sich Fürst.


Kurz gemeldet:

Rezent

  • Der Ort des Übergangs des COVID-19 vom Tier auf den Menschen ist immer noch ungeklärt. Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité bringt eine neue These ins Rennen: Er vermutet den Zwischenwirt in Zuchtanstalten für Marderhunde. Diese Tiere werden in China in großer Zahl für die Fellherstellung gezüchtet.
    Auch in Deutschland sind zahlreiche Jacken und Mäntel chinesischer Produktion mit Fellapplikationen aus Marderhund im Umlauf.
  • Die Polizei von Devon (England) suchte vergeblich in dem kleinen Ort Bude (ca. 55 km nördlich von Plymouth an der Nordküste Cornwalls) nach einem Krokodil. Am 26. April twitterte ein Polizist, dass das interne Polizei-Informationssystem meldet, ein Krokodil sei an der A 39 in Bude gesehen worden. Es wurde nicht wieder gefunden. Unklar ist, ob sich jemand mit dem Informationssystem einen Spaß erlaubt hat.  – Quelle: DevonLive.com
  • Eine hochgerüstete Bande von Paramilitärs hat im Virunga-Nationalpark 13 Ranger und fünf Zivilisten getötet. Der Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist als letzter Rückzugsort der Berggorillas bekannt.
    Die Söldner der ruandischen Hutu-Miliz FDLR hatten wohl nicht die Ranger als Ziel, diese hatten die lokale Bevölkerung geschützt. Die Miliz ist für zahlreiche Massaker verantwortlich. Ob es sich, wie die taz vermutet, um einen Rachefeldzug des FDLR-Führer Byiringiro handelt, oder wie wie andernorts spekuliert wird, „nur“ um Holz für die lukrative Holzkohlenproduktion geht, ist unklar.
  • Im hessischen Ulrichstein wurde eine Wölfin (GWF 66f) beobachtet, die nachts in der Nähe der Ortschaft heult. Sie wird auch für Risse an zahlreichen Rehen (ach nee!) und einigen Kälbern verantwortlich gemacht. Jetzt hat sie ein Anwohner gefilmt, wie sie bei Tageslicht über einen Gehweg an gepflegten Vorgärten entlang läuft.
    Natürlich haben einige Anwohner Angst und glauben, Naturschutz müsse nur woanders stattfinden.
  • Im Nordwesten Spaniens, in Galicien ist ein Braunbär aufgetaucht. Das ist seit 150 Jahren das erste Mal, dass ein Bär in der Gegend festgestellt wurde. Woher der Bär kommt, ist unklar. In Spanien leben Bären in den Pyrenäen an der französischen Grenze.

Ausgestorben

  • Der Mindo-Harkelinfrosch Atelopus mindoensis ist doch nicht ausgestorben. Seit über 30 Jahren haben es die Tiere geschafft, sich in den Wolkenbergen des nördlichen Ecuadors vor den Blicken von Forschern zu verbergen. Die hielten sie daher für ausgestorben, ein Opfer des Chytrid-Pilzes, der weltweit die Amphibien in Bedrängnis bringt. Im August 2019 konnte Melissa Costales von der University of New Brunswick das legendäre Tier wieder entdecken.
    Möglicherweise sind die winzigen Frösche gegen den resistent, so ihre Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Herpetological Notes. 

Strandfunde

  • Am Mittwoch wurde bei Rom ein toter Zwergwal angetrieben. Der Kadaver zeigt erste, aber deutliche Verwesungsspuren.

Aquarium sucht Chatpartner für Fische

Röhrenaale
Röhrenaale sind die einzigen nahezu stationären Wirbeltiere

Das Sumida-Aquarium in Tokio ist, wie die meisten anderen Aquarienhäuser der Welt wegen Corona geschlossen. Eine Attraktion des Hauses ist ein Aquarium mit einer etwa 300köpfigen Kolonie von Röhrenaalen. Diese Tiere leben als Erwachsene in selbst gegrabenen Sandhöhlen, die sie normalerweise nicht verlassen. Bei Beunruhigung ziehen sie sich in diese Röhren zurück und sind gut geschützt.

 

Und genau diese Beunruhigung fehlt den Tieren. Haben vor einiger Zeit Besucher für ständige Veränderungen gesorgt, verlernen die Aale nun, Menschen vor dem Aquarium zu tolerieren. Sobald ein Pfleger erscheint, ziehen sich die Tiere in ihre Röhren zurück und bleiben unsichtbar. So ist eine Gesundheitskontrolle unmöglich.

Das Aquarium bittet nun Menschen in aller Welt, den Aalen per Videochat „Gesellschaft zu leisten“ und von zu Hause aus ihr Gesicht zu zeigen.
Ob das einen Effekt hat, ist noch unklar. Das Aquarium ist jedoch weltweit in den Schlagzeilen.


Feld-Ornithologisches

Neu in der vergangenen Woche

  • Ein Scharlachsichler ist in Nidda in der Wetterau aufgetaucht. Der Scharlachsichler von Elsfleth ist wieder vor Ort. Zwischen den beiden Orten liegen über 300 km Luftlinie, man kann also davon ausgehen, dass es sich um unterschiedliche Tiere handelt.
  • In Schieder-Schwalenberg im Münsterland hat ein Vogelfreund einen Schwarzzügelibis (Theristicus melanopis) fotografiert. Der Vogel ist ortstreu und trägt em rechten Bein einen schwarzen Ring mit einer „14“ drauf.
  • In Auleben, nördlich von Erfurt drehte am Montag ein Gänsegeier seine Kreise. Ist es das selbe Tier, das letzten Mittwoch in Limbach war?
  • Offshore vor Butjadingen wurde ein Adler, möglicherweise ein Schreiadler beobachtet.
  • Ebenfalls ein Adler, diesmal ein Zwergadler war am Dienstag in Freiburg im Breisgau unterwegs.
  • Noch ein Zwergadler hat sich am Mittwoch in der Wahner Heide am Köln-Bonner Flughafen sehen lassen.
  • In den Fuchsbichel-Feuchtgebieten bei Benediktbeuern schnepft eine Doppelschnepfe herum.
  • In Höchstädt an der Donau schleicht ein Rallenreiher  durchs Schilf.
  • Bei Radolfzell hat sich eine Rötelschwalbe registrieren lassen, ebenso in Calbe (Saale) und Trebur, südlich von Frankfurt.
  • In Ober-Hilbertsheim bei Bingen spielt ein Triel in den Kartoffelfeldern.
  • Ein Irrgast aus Amerika ist der Grasläufer (Tryngites subruficollis), der sich am Sonntag in den Meerbruchswiesen bei Wunstorf ausruhte.

Die „immer noch da“-Meldungen:

  • Die Meldungen über Seidensänger am Niederrhein werden zahlreicher. Sie werden aus Jülich, Monheim am Rhein, Düsseldorf nahezu täglich gemeldet.
  • Zahlreiche Schafs- und Zitronenstelzen sind an mehreren Orten in Deutschland unterwegs.
  • Der Taigazilpzalp in Cuxhaven und die Iberienzilpzalpe in Bremen und der Greifswalder Oie bleiben erst einmal vor Ort.

Zu guter Letzt:

Corona macht auch vor den Meeren keinen Halt. In den Häfen vieler Städte ist es so ruhig, dass wie hier in Frankreich, auch Großtiere einschwimmen. In dem Video ist ein Blauhai zu sehen.

 

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