„Lebende Beutelwölfe fotografiert?“ Update 1

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Die Thylacine Awareness Group of Australia hat am 22.2.2021 in einem YouTube-Video bekannt gegeben, drei lebende Beutelwölfe fotografiert zu haben. Neil Waters, Vorsitzender der Gruppe erzählt in diesem Video, dass sie derzeit Fotos auswerten. Auf den Fotos sollen drei Tiere zu sehen sein. Waters and the community” glaubt, es handele sich um Beutelwölfe, genauer zunächst die Mutter, dann ein kleines Jungtier und auf dem letzten Bild ein Männchen, mutmaßlich der Vater. Die beiden erwachsenen Tiere seien etwas zweifelhaft („ambiguous“), während das Baby Streifen und einen steifen Schwanz hat und damit eindeutig als Beutelwolf zu identifizieren sei, so Waters weiter.

 

 

 

Soweit der Stand gestern.

 

Irgend etwas hatte mich an der Beobachtung irritiert, es war aber nicht direkt greifbar. Heute ist es anders: Mich stört die Angabe, dass die Trail-Cam ausgerechnet eine „kleine Familie“, wie sie sich ein romantisches Kind vorstellt, aufgenommen hat. Zum Einen, weil es dem menschlichen Stereotyp entspricht („Mutter, Vater, Kind“ spielen die Kids schon im Kindergarten). Wichtiger ist aber, dass mir weder von Beutelwölfen noch von anderen, besser erforschten Beuteltieren ein Familiensinn bekannt ist.
Dies bedeutet nicht, dass so etwas nicht sein kann. Der Beutelwolf war auch unter Beuteltieren etwas ungewöhnliches. Nur weil drei Individuen, eines davon kleiner, aufgenommen wurden, muss das keine Familie sein. Es kann Zufall sein oder ein Männchen folgt einem Weibchen, das läufig ist, weil das größte Junge den Beutel verlässt. Alles möglich, dennoch stört es mich.

Laute Gegenstimmen

Erwartungsgemäß haben sich heute die ersten und lauten Gegenstimmen formiert. Der im Video erwähnte Nick Mooney vom „Museum in Hobart“ hat das Tasmanian Museum and Art Gallery ein Statement veröffentlichen lassen. Mooney ist „honorary curator of vertebrate zoology at the Tasmanian Museum and Art Gallery“ (TMAG).  (Auf Deutsch etwa: „Ehrenamtlicher Kurator für Wirbeltierzoologie am Tasmanischen Museum und Kunstgalerie“*). Das TMAG verbreitete heute ein Statement:

 

 

“concluded that based on the physical characteristics shown in the photos provided, the animals are very unlikely to be thylacines, and most likely Tasmanian pademelons”

 

„(Wir) schließen aus den physischen Charakteristika, die auf den vorliegenden Fotos zu sehen sind, die Tiere wahrscheinlich keine Beutelwölfe sind, sondern Rotbauchfilander“.

 

 

Bei den genannten Rotbauchfilandern (Thylogale billardierii) handelt es sich um eine kleine Känguruart. Sie ist auf Tasmanien sehr häufig, auf dem Festland jedoch ausgestorben. Rotbauchfilander wiegen etwa vier bis sieben Kilogramm, sind grau und nachtaktiv. Wie man sie mit den größeren Beutelwölfen verwechselt werden kann, muss mir aber erst einmal jemand erklären.

 

Kann man Beutelwölfe und Rotbauchfilander verwechseln?
Ein Rotbauchfilander. Wie groß ist die Verwechslungsgefahr mit einem Beutelwolf? (Foto by: JJ Harrison)

 

Hohn und Spott in den sozialen Netzwerken

Nach diesem Statement des TMAG haben die Nutzer der Sozialen Netzwerke jede Menge Hohn und Spott über Neil Waters ausgeschüttet. Ein drei Jahre altes Radio-Interview mit Nick Mooney wurde geteilt, in dem er sich kritisch über ein Beutelwolf-Foto äußert. Es könnte sich um diese „Sichtung“ eines räudigen Dingos oder Fuchses bei Perth handeln: Express.co.uk vom 24. Januar 2017

 

In der Sammlung der letzten Beutelwolfsichtungen, die der australische Staat unter dem „Right to Information Act“ veröffentlichte, war nur eine Sichtung 2017 auf Tasmanien enthalten. Eine zweite fand am 26.12.2016 statt, wurde aber erst eine Woche später gemeldet, so dass sie oft als „1. Sichtung 2017“ gezählt wird. Wir haben die offiziell gemeldeten Sichtungen zwischen 2016 und 2019 hier aufgelistet.

 

Dabei übersehen die Spötter zwei Tatsachen:

1. Neil Waters gehört vermutlich zu den Leuten, die sich im tasmanischen Busch sehr gut auskennen und hat die Erfahrung, Tiere auf den Fotos von Wildkameras zu identifizieren. Jeder Kritiker, der ihm vorwirft, Fuchsspuren als Beutelwolfspuren zu verkaufen, scheint nicht einmal zu wissen, dass es auf Tasmanien keine oder nahezu keine Füchse gibt.

2. Im Gegensatz zu Neil Waters hat keiner der Kritiker die Fotos gesehen. Nur weil Nick Mooney anderer Meinung ist, bedeutet das nicht, dass er Recht haben muss. Bevor ich mich festlege, insbesondere in einer öffentlichen Diskussion, möchte ich die Bilder wenigstens gesehen haben.

 

Im Moment ist nur eines sicher: so lange niemand die Fotos gesehen hat, gackert das Netz über ungelegte Eier. Ich bin aber zuversichtlich, dass es nicht das letzte Mal war, dass wir Neues vom Beutelwolf zu verkünden wissen.

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