Medienmittwoch: Cryptozoology Anthology

Lesedauer: etwa 5 Minuten
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Heldentum, Abenteuer und gerettete Damen, die sich umgehend erkenntlich zeigen – das ist der Stoff, aus dem (reichlich konventionell gestrickte) Männerträume sind. Zumindest bis in die 1970er Jahre waren im englischsprachigen Raum und speziell in den USA die sogenannten „Men’s Adventure Magazines“ populär. Darin berichteten die Autoren über spektakuläre Erlebnisse, die ihre Leser gewiss noch nie am eigenen Leib erfahren hatten (Die Autoren selbst meistens auch nicht).

Fantasien vom Kampf gegen Monster – und der Belohnung dafür

So berichtete man über heldenhafte Faustkämpfe gegen Grizzlybären und auch über Männer, die beinahe von Wieseln zerrissen wurden (nein, wirklich!). Waren solche Geschichten gerade nicht vorhanden, wichen die Autoren in Gefilde aus, die nur wenig fantastischer waren, als die zuvor genannten Themen: in die Kryptozoologie nämlich.

Freilich wurden auch hier hauptsächlich die spektakuläreren Kryptiden besprochen.

Drache im Wald
Der moderne Mann ist heute selten als Drachentöter unterwegs. Tierschutz, Platzmangel in der Tiefkühltruhe und die fehlende Abdeckung von Drachenverletzungen durch die Krankenkassen mag ein Grund dafür sein. Um so schöner, wenn man(n) sich an „bessere Zeiten“ erinnern kann.

Dreizehn solcher Geschichten haben die Autoren Robert Deis, David Coleman (der nicht mit Loren Coleman verwandt ist) und Wyatt Doyle in ihrem englischsprachigen Sammelband „Cryptozoology Anthology“ zusammengestellt. Von E wie elektronisch gesteuerten Mollusken bis Y wie Yeti-Angriff ist beinahe alles dabei. Das verspricht auch der Klappentext:

 

 

For three decades, when American men had questions about the Yeti, the Loch Ness Monster, Bigfoot and other weird beasts from the strange world of cryptozoology , they found answers in the hard-hitting pages of men’s adventure magazines. Now, collected here and for the first time ever, are samples of sensational period reporting and wild, “true” accounts of savage fist-to-claw duels between man and Sasquatch, man and fishman, man and monster! Plus, full-color vintage pulp artwork that accompanied the stories’ original publication, rare archival discoveries men’s pulp history, expert analysis, cryptid by cryptid commentary and much, much more.

 

 


Meine Meinung

Dieser Klappentext klingt fast so, als könnte er selbst aus einem der zuvor erwähnten Herrenmagazinen stammen. Lediglich die ironische Distanz fehlte damals. Die wenigsten Pulp-Autoren hätten wohl ihre Geschichten als „wild“ bezeichnet –  das kann nämlich sowohl „wild“ im eigentlichen Sinne, als auch „weit hergeholt“ bedeuten.

Weit hergeholt sind auch die meisten der Geschichten. Dauernd muss sich der Protagonist wilder Bestien erwehren, muss sie oftmals sogar töten. Und doch hindern ihn dann die „Umstände“ daran, den Körper zurück nach Europa bzw. die USA oder zumindest in die nächste Stadt zu schaffen. Wobei – wenn man bedenkt, wie oft kryptozoologisch relevante Kadaver in der Realität verschwinden, ist dieser letzte Teil der Geschichten sogar noch der realistischste.

Natürlich entführen Hominiden Menschen, vor allem Frauen!

Auch wenn die Autoren Geschichten zu den verschiedensten Kryptiden versprechen und dieses Versprechen auch einhalten, liegt der Fokus klar auf Hominiden. Gerne entführen diese Menschen (vorzugsweise Frauen). Dieser Aufbau liest sich streckenweise etwas formelhaft: Der Protagonist kommt in ein exotisches Land, eine Frau wird entführt bzw. sein Begleiter/ Hund wird getötet und schließlich muss er gegen das monströse Kryptid kämpfen. Allerdings macht das auch wieder einen gewissen Reiz aus: So war die Unterhaltungsliteratur in den damaligen Magazinen einfach aufgebaut – und die Leser fühlten sich trotzdem gut unterhalten.

 

Unterhaltsam sind die Geschichten auch heute noch – besonders, wenn der Autor erst gar keinen Versuch unternimmt, eine realitätsnahe Handlung aufzubauen. Es ist halt einfach lustig, über einen Abenteurer zu lesen, der auf einen lebenden Tyrannosaurus trifft und sich dabei noch mit einer Femme Fatale herumschlagen muss (deren Frisur auch während der Urwaldexpedition perfekt sitzt).

 

Die „realistischen“ (sprich: nicht völlig abstrusen) Geschichten haben deutlich weniger Unterhaltungswert. Zumindest eine davon wirkt ein wenig wie ein 0815-Abriss einer Bigfoot-Sichtung. Diese kann man mit ein wenig Übertreibung folgendermaßen zusammenfassen: „Wir waren im Wald und haben uns beobachtet gefühlt. Irgendwer oder irgendetwas hat einen Steinbrocken nach uns geworfen. Wir sahen eine haarige Kreatur. Unsere Hütte wurde verwüstet. Das war ganz sicher kein Bär…“.

Das ein oder andere Kleinod ist hier versteckt

Spannend war dagegen die Erkenntnis, dass sich nicht alle Pulp-Autoren ihre Geschichten in kürzester Zeit aus den Fingern saugten, um möglichst schnell Geld zu verdienen: Einer der gesammelten Texte beschreibt sehr schön indianische Erzählungen zum Sasquatch. Dabei verzichtet der Autor sogar auf die üblichen Klischees vom Sasquatch als Affenmenschen.

Fazit: eine Einstiegsdroge in die Kryptozoologie, die Spaß macht!

Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Autoren des Sammelbandes ähnlichen Aufwand betrieben hätten, was ihre „expert analysis“ betraf: Diese fiel für meinen Geschmack mit höchstens zwei Seiten zu kurz aus. Dadurch fehlen relevante Details: Recherchen etwa, ob die Geschichte vielleicht eine stark sensationalistische Variante eines reellen Sichtungsberichts ist.

 

Der Sachteil des Buches ist also reichlich dünn. Man hat allerdings das Gefühl, dass es eigentlich auch gar kein Sachbuch sein will. Vielmehr vermittelt es ein Stück amerikanische Unterhaltungsgeschichte. Dass es sich damit dem Mainstream annähert, ist letztlich ein Vorteil: So kann es einem Leser, der eigentlich nur ein paar sensationelle Geschichten lesen wollte, als „Einstiegsdroge“ in die Kryptozoologie dienen.

 

Wer also Lust hat, gelegentlich eine amüsante Geschichte mit kryptozoologischem Thema zu lesen, ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Übrigens – wussten Sie schon, wie locker die Sitten im Himalaya sind?

 

 

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Eine Einstiegsdroge?

Cryptozoology Anthology: Strange and Mysterious Creatures in Men’s Adventure Magazines ist 2015 in englischer Sprache erschienen. Die gebundene Ausgabe ,it 328 Seiten und das Paperback mit 316 Seiten sind in Deutschland nur mit etwas Glück und dann für deutlich über € 20 (für’s Paperback) zu bekommen. Die Kindle-Ausgabe ist kostengünstiger.

Sicher ein Einstieg – aber keine Droge!

 

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